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Das Kreuz mit dem richtigen Kreuz

Noch eine Woche, dann hat dieser elende Wahlkampf endlich ein Ende. Eigentlich war es ja gar kein Wahlkampf. Es war vielmehr ein Hickhack aus hohlen Phrasen, Dümmlichkeiten und nervenden Seitenhieben, die es der Wählerschaft wahrlich nicht leicht gemacht haben, sich zu entscheiden. Ok, das haben wir bei vergangenen Wahlen auch schon erlebt. Dieses Mal war es jedoch besonders auffällig.

Nächste Woche wird nun aus einem großen Haufen Pfeifen die eine vermeintliche Flöte gezogen, die es richten soll. Die ganze Veranstaltung hat daher eher den Anschein einer Lotterie, denn einer echten Wahl. Man kann nur darauf warten, bis einer der Teilnehmer:innen bei der am Wahlabend stattfindenden Elefantenrunde laut „Bingo!“ ruft. Dem einen oder anderen meiner Leser:innen wird nun sicher jemand vor dem geistigen Auge erscheinen, dem so ein Ausruf durchaus zuzutrauen wäre. Doch genug der Subtilität. Denkt doch was ihr wollt.

Um’s vorweg zu nehmen: natürlich sind nicht alle, die sich zur Wahl stellen automatisch Pfeifen. Nein, da sind sehr viele engagierte Leute dabei, die wirklich etwas bewegen und verändern wollen. Leute, die die Zeichen der Zeit erkennen und im besten Sinne des demokratischen Diskurses diskutieren und Lösungen suchen. Diese Leute haben meist auch kein Problem damit, sich mit anderen klugen und engagierten Köpfen zusammenzusetzen, wenn es um die Verbesserung oder Weiterentwicklung bestimmter Dinge geht. „Ja-haaa, in der Kommunalpolitik geht das vielleicht! Aber doch nicht auf Bundesebene!“ mag jetzt so mancher rufen. Doch, das geht. Die Schweden machen es uns vor und das gar nicht mal so schlecht. 

In unserem Land sind wir allerdings noch weit davon entfernt, parteiübergreifend Lösungen zu finden. Bei uns hocken alle auf ihren Manifesten und sind kaum bereit auch nur ein Zoll abzuweichen. Selbst innerhalb einer Regierungskoalition kann man diese Grabenkämpfe beobachten. Dabei sollte man ja schon erwarten dürfen, dass die sich zusammenreißen und gemeinsam Lösungswege erarbeiten! Möglicherweise liegt es mitunter auch daran, dass gerade auf Bundesebene das Motto des Walther von der Vogelweyde gelebt wird: Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’.

Da werden dann eben Entscheidungen gefällt, die jenen gefallen, die die Politiker bezahlen. Allein von Wählerstimmen kann man ja schließlich nicht leben und die Diäten des Bundestages reichen gerade mal so um über die Runden zu kommen. Da kann der Bankangestellte, der Arbeiter in der Industrie, die Pflegekräfte und die Angestellten im Einzelhandel doch gar nicht mitreden. 

Einigen wenigen Mitgliedern des hohen Hauses scheint die Kohle dennoch auszureichen, es gibt tatsächlich Abgeordnete, die keine Nebeneinkünfte aus der Wirtschaft haben. Idealisten halt….

Wir, die Wähler:innen haben nun noch eine Woche Zeit uns zu entscheiden. Das ist gar nicht so einfach. Wollen wir in Zukunft von einer Frau regiert werden, die es nicht einmal schafft, irgendwelche Fußnoten in Texten, die vorher keiner gelesen hat, richtig anzugeben? Dann könnt ihr auch gleich mich wählen! Ich kann das ebensowenig. Meine Texte liest auch kaum jemand. Außerdem mache ich ständig Rechtschreib- und Grammatikfehler in meinen Texten und recherchiere schlampig. Von wörtlicher Rede ganz zu schweigen. Folgt man dem Duktus dieses Wahlkampfes, wäre ich quasi schon überqualifiziert für das Amt der Kanzlerin.

Vielleicht waren die Hinweise auf fehlerhafte Fußnoten aber auch nur ein Ablenkungsmanöver. Ein wenig die Angst vor Verboten von was weiß ich zu schüren gehört ja mittlerweile zum guten Ton im Wahlkampf. Zu links, zu öko und schon gruselt es so manchem Wähler. 

Dieses Mal war es besonders auffällig, wie wenig es um Inhalte in diesem Wahlkampf ging. Man regte sich über Fußnoten auf und kehrte Wichtiges einfach unter den Teppich. 

Es gäbe nämlich so Einiges, über das wirklich nachgedacht werden muss. Man könnte sich zum Beispiel überlegen, was im Großen wie im Kleinen getan werden muss, damit die Erde sich nicht der Menschheit entledigt. Ein einfach so dahin geschriebener Satz, aber eine Aufgabe gewaltigen Ausmaßes. 

Als Nächstes ist es sicher einen Gedanken wert, sich mit den Menschen zu befassen, die ohne eigene Schuld ihre Heimat verloren haben. Sind sie uns, die wir zufällig im reicheren Teil der Erde leben, vollkommen egal oder sehen wir uns in der Verantwortung? Ach, und wenn wir schon bei der Verteilung von Geldern sind: schauen wir doch gleich einmal auf die Steuererleichterungen, die uns von den Parteien versprochen werden. Werden diejenigen bedacht, die ohnehin schon ein reichliches Einkommen haben, oder werden die Gelder jenen gegeben, die trotz mehrfachen Jobs gerade mal so überleben?

Unter diesen Aspekten werden die Fußnoten dann wieder zu dem, was sie sind: Fußnoten eben.

Die Kandidaten der beiden anderen Volksparteien machen uns die Entscheidung auch nicht leichter. Während der eine gönnerhaft mit Interviewerinnen umgeht, sie als „junge Frau“ tituliert, in höchst unpassenden Momenten laut lacht und nicht in der Lage ist, sich den Fragen von Kindern ernsthaft zu stellen, tut der andere alles dafür, seine Beteiligung an diversen Finanzskandalen zu verstecken. Letzterer gibt sich als ruhiger und souveräner Staatsmann und sammelt im Endspurt tatsächlich noch ein paar Punkte im Wählerranking. Was ihn dazu befähigt, ein so hohes Amt wie das des Bundeskanzlers zu bekleiden, bleibt nach wie vor sein Geheimnis. 

Welchem der beiden Kandidaten traut ihr liebe Leser:innen zu, etwas zum Besseren zu verändern? 

Der Eine hat schon während des gesamten Wahlkampfes, vor und während seiner Zeit als Ministerpräsident gezeigt, dass er mitunter keinen rechten Überblick zu haben scheint. So hat er doch glatt Klausurarbeiten verbummelt und dann eben auf gut Glück entsprechende Zensuren verteilt. Die rheinische Frohnatur, die ein wenig an Onkel Dittmeyer aus der Saftwerbung erinnert, steht nicht besonders für Innovation und Aufbruch, sondern eher für Stillstand und Weitermauscheln.

Beim anderen Kandidaten hat man so den Eindruck, es habe sich halt kein anderer für den Posten gefunden. Dröge, emotions- und farblos kommt er daher. Aufbruchstimmung sucht man bei ihm und seiner Partei vergeblich. Vielleicht können ja ein paar Menschen aus Hamburg, wo er als Bürgermeister regierte, etwas Nettes über ihn sagen. 

Was also tun? Welcher Partei soll der Wähler seine Stimme geben? Klar, zunächst der Partei, die die Interessen des Wählers vertritt oder zu vertreten scheint. Da kann man ja auch nie so sicher sein. Aber Hand auf’s Herz, wer liest denn schon alle Wahlprogramme? Also bleibt, wie bei jeder Wahl, der Wähler innerhalb seiner eigenen Blase. Die Konservativen möchten keine Veränderung im gesellschaftlichen Gefüge. Der Knecht ißt nunmal einfach nicht an des Bauern Tisch. Die Liberalen vertrauen weiterhin auf die Selbstregulierung des Marktes und pfeifen auf das Mitgefühl für finanziell schwache Menschen. Die Sozialdemokraten wundern sich auch dieses Mal darüber, dass sie überhaupt noch gewählt werden, obwohl ihnen die Sozialkompetenz schon lange und gänzlich abhanden gekommen ist. Die grünen Wähler haben die Nase von all den oben genannten voll und sind bereit für Veränderung. Aber ein bissle soll es auch so bleiben wie bisher. Schließlich ist die Wählerschaft den Latzhosen und den Norwegerpullovern seit langem entwachsen und lebt nun recht komfortabel im Reihenhäusle mit Garten. Das gibt man ja nicht so mir nichts dir nichts auf. 

Die Linken fordern irgendwas. Die Rechten bewegen sich hart am Rande des Erträglichen und des Sagbaren. 

Jede der sich zur Wahl stellenden Parteien glaubt, es besser zu machen als all die anderen. Sie schreien ihre Vorzüge laut heraus und stellen die Fehler der anderen in den Vordergrund. Sie schüren ganz bewußt Ängste vor Fremden, vor sozialer Gerechtigkeit, vor klimapolitischen Maßnahmen und verschweigen ihre eigene Ratlosigkeit. Glaubt man der Wahlwerbung, so ist jede einzelne Partei das Nonplusultra in der Parteienlandschaft. Wer es dann nach der Wahl wirklich besser macht, wird man sehen. 

Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz. 

Text: A. Müller

Die Moosmarie

Die Moosmarie stammt aus einer sehr alten Familie. Ihre Ahnentafel reicht ungefähr 400 Millionen Jahre zurück. Das ist schon so lange her, dass sich Moosmarie selbst gar nicht mehr erinnern kann. Sie kennt allenfalls die Geschichten, die über die Generationen überliefert und weiter erzählt worden sind. Moosmarie zweifelt absolut nicht an der Wahrheit der Geschichten, denn das Gedächtnis der Pflanzen ist viel besser und genauer als es das der Menschen je sein könnte. Ein ganz normaler Baum, der irgendwo im Wald herumsteht zum Beispiel; so ein ganz normaler Baum kann auch noch nach 50 oder mehr Jahren sagen, ob der Sommer heiß und trocken oder der Winter warm und nass war. Dazu braucht er weder Zettel noch Stift. Das sollen ihm die Menschen erst mal nachmachen.

Genau so ist es auch bei den Moosen. Lange bevor es überhaupt anderes Leben auf der Erde gab, besiedelten die Verwandten der Moosmarie die Erde. Überall dort, wo sich ein Tröpfchen Wasser bildete, überall dort, wo winzige Moleküle von Stickstoff, Magnesium, Phosphor, Schwefel oder Kalium in der Luft umherschwirrten, ließen sie sich nieder und breiteten sich aus. 

Ganz zu Beginn unserer Erde ist der Planet nämlich noch ein ziemlicher Sauhaufen gewesen. Die Atmosphäre giftig, der Regen sauer und nirgendwo ein gemütliches Plätzchen in Sicht. Aus diesem Grund haben sich die Vorfahren der Moosmarie überlegt, wie sie die Erde zu einem besseren Ort machen können.

Moosmaries Verwandtschaft ist enorm groß. Sie umfasst ungefähr 16.000 verschiedene Arten. Die alle unter einen Hut zu bekommen ist sicher nicht ganz einfach gewesen. Je mehr Mitglieder so eine Familie hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mal einer was ganz anderes machen will. Ein paar Familienmitglieder haben sich dann im Laufe der Zeit zu „höheren“ Pflanzen entwickelt. 

Es heißt ja oft, Moose seien „niedere“ Pflanzen, also nicht so hoch entwickelt wie z.B. Johannisbeersträucher. Allerdings wird in dieser Darstellung oft vergessen, dass ohne die Moose erst gar keine Johannisbeersträucher hätten wachsen können! Die Moosmarie darf gar nicht darüber nachdenken, sonst ärgert sie sich grün und blau.

Wären damals die Grünalgen nicht aus der Gezeitenzone der Urmeere an Land gekommen und hätten sie nicht in frickeliger Kleinarbeit den Planeten urbar gemacht, dann gäbe es nämlich gar keine Johannisbeersträucher oder ähnlich arrogante höhere Pflanzen. So sieht’s doch aus! 

Die Moosmarie und ihre Verwandten sind vielleicht auf den ersten Blick klein und unscheinbar, aber wenn man sie einmal genauer betrachtet, erkennt man ihre wahre Größe.

Mit einer Geduld die ihresgleichen sucht haben sich die Moose über den ganzen Planeten verbreitet. Sie leben in den Tropen, in gemäßigten Zonen, im Wald, an Felsen, ja sogar manchmal direkt an Tieren. In jeder noch so kleinen Ritze, in Felsspalten und Höhleneingängen verankern sie sich und filtern die Luft. Sie sind dabei so genügsam wie kaum ein anderes Lebewesen auf der Erde. Ein bisschen Flüssigkeit, ein bisschen Licht genügt und schon fühlen sie sich wohl.

Man könnte meinen, wer sich so karg ernährt und auf so hartem Untergrund sein Leben fristet, der ist auch ein eher grantiger und übel gelaunter Zeitgenosse. Darüber kann die Moosmarie nur lachen! Schaut sie doch mal an, die Moose in Wald und Flur: samtig weiche Polster, frisch und rein duftend. Moose machen aus Hartem etwas Angenehmes und Lebenswertes. Die Moosmarie ist sehr froh zur Familie der Moose zu gehören. Nicht nur, das die ganze Familie gemeinsam dazu beigetragen hat, die miese Luft auf der noch jungen Erde zu reinigen, nein; bis heute wäre auf der Erde ohne Moos nichts los.

Moosmarie und ihre Verwandten sorgen nämlich dafür, dass jeder noch so kleine Wassertropfen in ihrer dichtem Moospelz gespeichert wird. Moosmarie ist zwar sehr klein, aber stärker als ein Elefant! Sie kann ungefähr das 300fache ihres eigenen Gewichts an Wasser speichern. Der Johannisbeerstrauch, das alte Klappergestell, kann das nicht. Im Gegenteil, der verdunstet das mühsam gesammelte Wasser innerhalb kurzer Zeit. 

Würden Moosmarie und ihre Familie nicht so große Mengen Wasser speichern, dann gäbe es viele Überschwemmungen. Denn die Erde selbst könnte bei einem Regenguss gar nicht so viel Wasser aufnehmen. Sie würde sogar einfach vom Regen in die Flüsse geschwemmt und dann ins Meer gespült werden. Zurück bliebe kahler Fels und öde Landschaften.

Da würde der Johannisbeerstrauch aber blöd glotzen!

Je länger die Moosmarie nachdenkt, desto mehr Geschichten über ihre Verwandtschaft fallen ihr ein. Nicht nur, wie Moose die Luft reinigen oder kostbares Wasser speichern. Nein, sie hat mal von einer Moosart gehört, die verwundeten Menschen das Leben gerettet hat. Ja, wirklich! Es gibt eine Moosart, das Torfmoos, das die vielen Mineralien und Spurenelemente in seinem Pelz zu einer einzigartigen Komposition zusammengefügt hat: wenn man sich verletzt hat und die Wunde sich zu entzünden droht, so kann man ohne Sorge mit dem Torfmoos die Verletzung versorgen. Moosmaries Verwandter ist nämlich ein Spezialist für mikrobielle Wirkung. Früher, als es noch keine Apotheken gab, gingen die Menschen ins Moor und sammelten Torfmoos, wickelten es um die Wunde und schon bald war der Patient wieder gesund. 

Ab und zu war ein Verletzter oder Kranker jedoch nicht mehr zu retten. Dann sammelten seine Familie und Freunde größere Mengen des weichen Moos’ und legten ihren Verstorbenen auf dieses samtige Totenbett. Moosmarie gefällt die Vorstellung. Sie selbst würde nicht zögern, jemandes letztes Bett zu sein und ihm zu helfen, den Kreislauf der Natur zu schließen.

Ja, die kleinen Moose leisten so viel und so großartige Arbeit. Gerade heutzutage sind sie wichtiger denn je. Ein paar schlaue Menschen haben herausgefunden, dass bestimmte Moosarten giftige Stoffe aus der Luft filtern können. Die Moose binden diese Stoffe und sorgen dafür, dass unzählige Menschen saubere Luft atmen können. Die Moosmarie wünscht sich für die Zukunft viele solcher schlauen Menschen. Gemeinsam mit ihnen könnte man vielleicht auch langfristig zusammenarbeiten. Wenn es da nicht die Johannisbeersträucher unter den Menschen gäbe: die, die arrogant über Mooswände an stark befahrenen Strassen lachen, die die jedes noch so kleine Büschel Moos aus ihrem Garten entfernen und die arrogant genug sind, Moose als niedere Pflanzen zu bezeichnen.

Moosmarie wünscht sich eine Zusammenarbeit mit den schlauen Menschen, damit es weiterhin überhaupt noch menschliches Leben auf der Erde geben kann. Denn die Menschen brauchen viel mehr Luft und Wasser als es alle Moose auf der ganzen Welt zusammen bräuchten.

Moosmarie wünscht sich, dass die Menschen das bald erkennen. Aber sie weiß auch, dass sie selbst und ihre Verwandtschaft nicht auf die Menschen angewiesen ist. Sie braucht nur ein wenig Feuchtigkeit und ein bisschen Licht. Ein paar Nährstoffe aus der Luft und einen Stein, wo sie sich verankern kann. Das allein genügt unserer Moosmarie. 

Sie und ihre Familie waren von Anbeginn der Erde da und sie werden noch bleiben bis zum Ende des Universums.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller privat

Selbstbegegnung, oder: neulich im Flur

Neulich las ich einen Blogbeitrag über die Selbstfindung und die, im besten Falle, daraus resultierende Selbstbegegnung. Ich hatte gerade nichts anderes zu tun und so machte ich mich auf, mich selbst zu finden. Ein wenig misstrauisch war ich schon, wie so eine Begegnung wohl enden würde, man weiß ja vorher nicht, wer einem da entgegen kommt. Ist mein inneres Ich freundlich und wohlerzogen, oder wohnt in mir eine miese und übergelaunte Alte, die mir aus purer Schadenfreude ein Bein nach dem anderen stellt? Allen Bedenken zum Trotz siegte die Neugier über die Vorsicht und ich schritt mutig voran. Zum Glück ist unsere Wohnung nicht so groß und so fand ich mich relativ schnell. Ich war im Flur. 

Zunächst beließ ich es bei einem zaghaften Beäugen mit reichlichem Sicherheitsabstand. Schließlich wollte ich mich nicht selbst erschrecken und mir absolut keine Chance geben, vor mir selbst wegzulaufen. Dann aber wurde ich mutiger und schaute genauer hin.

Während ich mich betrachtete, merkte ich, wie das betrachtete Ich das Betrachtende beobachtete. Ich schaute quasi auf mich, in mich und aus mir heraus. Nun, ich muss sagen, das ist ein ziemlich seltsames Gefühl. Es ist so, als hätte man überall Löcher, Schießscharten gleiche Öffnungen, die kurze Ein- und Ausblicke gewähren. Wenn man sich jedoch auf die verschiedenen Blickwinkel einlässt und der Versuchung widersteht, sich klein zu machen… ja, dann geht’s eigentlich.

So stand ich also vor mir selbst und war zunehmend gespannt, wie mein Urteil über mich wohl ausfiele. Wie so oft, wenn ich mich beobachtet fühle, überkam mich eine gewisse Nervosität.  Ich frage mich dann stets mit klammem Bauchgefühl, ob ich wirklich gut genug bin und den Anforderungen sowohl innerlich wie auch Äußerlich standhalte. 

So stand ich also im Flur und schaute mich aus dem Blickwinkel meines von mir gelösten Ichs an. Gleichzeitig schaute ich aus mir heraus auf dieses irgendwie nebulöse und kaum greifbare zweite Ich. Ich muss dazu sagen, mein Sternzeichen ist Zwilling. Das Talent zur Doppelbetrachtung wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Aber ein wenig Überwindung kostete mich diese Glotzerei trotzdem.

Im Flur wurde es mit der Zeit etwas unbequem, er ist für solche Übungen nicht ausgelegt. Er ist so schmal, dass man nicht ohne anzuecken, die Dinge einfach so drehen und wenden kann. Außerdem kreuzte mein Liebster immer wieder von einem Zimmer ins andere den Flur, so dass ich das äußere Ich mit einer kurzen, auffordernden Kopfbewegung ins Wohnzimmer auf die Couch einlud. Dort begann dann die eigentliche Selbstbetrachtung, jetzt wo ich mich endlich gefunden hatte. 

Das eine Ich, also das leibliche, ist eine nicht besonders groß gewachsene Mittfünfzigerin, die langsam an den Rändern leicht schrumpelig wird. Das losgelöste, äußere Ich bringt den Vergleich mit einem Lieblingstshirt ins Spiel: ziemlich oft und gerne getragen, immer wieder gewaschen und durch die unzähligen Schleudergänge in der Waschmaschine des Lebens nun ein wenig verknittert und ausgebleicht. Aber eben immer noch ein Lieblingsshirt!

Trotz seines Alters wird das gute Stück immer noch von stabilen Nähten gehalten. Es ist nicht mehr ganz so eng anliegend, wie noch vor einigen Jahren, an manchen Stellen schlabbert es sogar bedenklich. Mein zweites Ich hält sich jedoch nicht lange mit der Betrachtung des Leiblichen auf. Sie scheint entweder uninteressant oder vielleicht auch unwichtig zu sein. Ich schaffe es mit einiger Mühe, aufkommende Panik zu unterdrücken, sehe dann allerdings aus dem Augenwinkel die Konditionierung meiner Jugendjahre vorbei huschen. Ich kann mich zwar nicht erinnern, auch diese Weggefährtin aus lange zurückliegenden Zeiten zu diesem Selbstbegegnungsseminar eingeladen zu haben. Aber gut, wenn sie schon mal da ist. Auf der Couch hat es Platz.

Ich gehe der Konditionierung (jetzt, wo ich sie endlich erkannt habe) also nicht länger auf den Leim und entscheide mich für die Bewertung „nicht so wichtig“ bezüglich der äußeren leiblichen Form. Was wohl mein zweites Ich dazu sagt? Das grinst nur und nickt. Wie gut, dass wir uns einig sind.

In all den Jahren, in denen ich nun schon mit mir zusammen leben, waren meine beiden Ichs nicht immer einer Meinung. Die Folge waren dann wochenlange Streitereien, ein Hin und Her der Gefühle und am Ende oftmals ein halbherziger Friedenspakt. Was hätte ich auch anderes tun können? Mir kündigen und mich auf die Suche nach einem neuen Ich machen? Eine Trennung von einem meiner beiden Ichs hätte da schnell einen finalen Charakter bekommen können. Nein, ich blieb lieber bei mir selbst. Da wusste ich wenigstens ansatzweise, mit wem ich es zu tun habe. 

Überhaupt: dieses losgelöste Ich konnte nicht nur in der Vergangenheit eine echte Nervensäge sein. Es ist bis heute eine geblieben.

Wenn ich am Ende eines langen Tages müde auf die Couch sinke, dreht es erst so richtig auf. Unermüdlich feuert es Ideen, Gedanken, Gefühle auf mich ab, als gäbe es kein Morgen. Fahnenschwenkend schreit es dabei „Lebe im Hier und Jetzt“ und ich denke dann nur müde, welch ein Arschloch doch in mir wohnt. Eine Flucht vor mir selbst in diesen Momenten könnte hilfreich sein, aber wer schon einmal versucht hat, vor sich selbst abzuhauen, weiß wie schwierig das ist. Meistens holt man sich, ganz egal wie schnell man rennt, am Ende doch selbst ein. Oder man stolpert über die eigenen Füße. Soll ja auch vorkommen. Also bleibt mein leibliches Ich lieber auf dem Sofa hocken und lässt den Schreihals in mir noch ein wenig toben. Meist beruhigt er sich dann von ganz alleine. 

Eine ganze Weile blieben meine beiden Ichs noch auf der Couch sitzen. Sie hatten es im Grunde ganz gemütlich miteinander, wenn man von ein paar trennenden Kleinigkeiten einmal absieht.

Immer wieder ließen sie gegenseitig die Blicke über sich schweifen und hielten sich dabei einen Spiegel vor. Manchmal blickte das eine Ich sehr ernst auf das Andere und trug ziemliche Beschwerden vor, manchmal aber steckten beide die Köpfe zusammen und kicherten in trauter Zweisamkeit.

Wer also nun Lust bekommen hat, sich auch einmal selbst zu suchen und das Risiko eingehen will, sich auch zu finden, dem sei ans Herz gelegt:

Nicht alles was man findet, findet man auch schön. Aber ohne die bisweilen hässlich anmutenden Ecken unseres Selbst, könnten die Schönen nicht so herrlich strahlen.

Also seid gnädig mit euch und tretet der Konditionierung (sie macht meist mit Störmanöver auf sich aufmerksam) einfach mal ordentlich in den Hintern. Dann haben auch eure Ichs was zu lachen. Denn nichts ist schöner, als kichernd auf der Couch die Köpfe zusammenzustecken.

Text: A. Müller

Über die Werte

In unserer Gesellschaft wird viel über Werte und die Angst vor dem Verlust derselben gesprochen. Hört man genauer hin, bekommt man den Eindruck, dass unsere westlichen Werte viel besser seien als die fremder Kulturen. Ebenso hört man heraus, wie bedroht unsere Weltanschauung durch die der „Anderen“ sei. 

Eine Gesellschaft stützt sich immer auf Erfahrungen und Traditionen; daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Damit sich kommende Generationen ebenso darauf stützen können, ist es jedoch unumgänglich, diese Werte immer wieder neu zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern.

Was sind also unsere Werte wert? Handelt die westliche Welt überhaupt nach ihren eigenen Wertvorstellungen oder sind diese zu hohlen Phrasen geworden, die wir bestenfalls als Schutzschild gegen mögliche Veränderungen vor uns hertragen?

Klar ist: unsere Werte gelten zunächst einmal für uns! Sie haben sich in Jahrhunderten entwickelt und sind von religiösen Vorgaben und den unterschiedlichsten Staatsformen der europäischen Geschichte getragen. Aber schon zu Zeiten der Kreuzzüge handelten die Mächtigen von Staat und Kirche nur dann nach diesen Vorgaben, wenn sie ihnen passend erschienen. „Du sollst nicht töten!“ galt demnach nur für Menschen des eigenen Glaubens. Andersgläubige durften gerne und viel umgebracht werden. 

Auch in heutigen Zeiten hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert. Der Westen entscheidet, wer gut und wer böse ist. Dabei geht es heutzutage weniger um Religion, sondern mehr um wirtschaftliche Interessen. Man hilft den Ländern, die einem Nutzen bringen. Die anderen scheren die westliche Staatengemeinschaft nicht. 

Der Westen, hier als Synonym für all jene Staaten, die anderen Ländern „Hilfe“ zukommen lassen und sich im immer trüber werdenden Licht ihrer wirtschaftlichen Leistung sonnen, zeigt sich gerne im Mantel des Helfers in der Not. Dass er, der Westen, diese Not in vergangenen Zeiten selbst verursacht hat, wird natürlich unter den Tisch gekehrt. 

Unzählige Länder auf dem afrikanischen und amerikanischen Kontinent wurden durch Entdecker für ihre jeweiligen Regierungen eingenommen, die dort lebenden Menschen entweder gleich umgebracht oder als Sklaven missbraucht. Nach den Werten der damaligen westlichen Gesellschaft war dieses Handeln durchaus statthaft; schließlich tötete man ja keine Christen, sondern Heiden, Barbaren, Ungläubige.

Seit diesen Zeiten hat sich viel verändert. 

Wirklich?

Schaut man sich die einst okkupierten Länder an, so dauern die negativen Folgen des Überstülpens unserer Werte immer noch an. Man stahl nicht nur die Identität, die Traditionen und die Religionen der unterschiedlichsten Volksgruppen, sondern man tat so, als ob man im Besitz aller Weisheit der Welt sei. Alles hatte nach westlichen Regeln zu funktionieren, wir waren und sind die Durchblicker, die Besserwisser, die, die alles im Griff haben. Die herausragenden Denkleistungen der jeweiligen Kulturen wurden einfach vom Tisch gefegt. Durch diese arrogante Haltung ist viel Wissen und viel Weisheit verloren gegangen. 

Noch heute ist es so, dass es niemand interessiert, wie andere Kulturen ticken. Wenn der Westen finanzielle Hilfe leistet, bestimmt auch der Westen, wie sich die Hilfsempfänger zukünftig zu verhalten haben. Oder er schickt Gelder irgendwohin und kümmert sich nicht darum, ob diese auch wirklich bei den Menschen ankommen. 

Manchmal schickt der Westen auch Waffen in andere Länder. Das ist ziemlich clever, denn dann muss der Westen nicht selbst töten. Durch seine Waffenlieferungen profitiert er nämlich doppelt: zum einen verdient sich der Lieferant eine goldene Nase und zum anderen schwächt er ein Land von innen heraus. Wenn dann die Dinge aus dem Ruder laufen, zuckt man eben bedauernd die Schulter. Hat ja keiner ahnen können, wird dann gesagt. Konnte ja niemand voraussehen, dass es so schnell so brandgefährlich wird. Mit großen Augen glotzen die Verantwortlichen dann in Fernsehkameras und glauben sich selbst ihre verlogenen Worte. 

Westliche Werte? Da war doch was…

In der großen Politik und oft genug auch im Leben des Einzelnen haben Fingerspitzengefühl für die Weltanschauungen und Kulturen anderer Länder keinen Platz.

Selbst im eigenen Land nehmen wir unsere Werte nur dann ernst, wenn sie uns zu nutzen scheinen. Im Wahlkampf zum Beispiel. Was da nicht alles versprochen wird: mehr Wohnraum, besserer öffentlicher Nahverkehr, Umweltschutz, Gleichbehandlung der Geschlechter, Bildung für alle. Ist der Wahlkampf dann vorbei, werden all diese Themen wieder in die unterste Schublade zu den Staubmäusen der letzten 50 Jahre gelegt und müssen dort bis zum nächsten Wahlkampf bleiben. Vielleicht ist das so, weil Veränderungen auch immer das Risiko des Scheiterns in sich tragen. Und weil niemand gerne scheitert, lässt man eben alles so wie es ist. Gerade beim Thema Umwelt- und Klimaschutz kann man dieses Phänomen gut beobachten. Es gäbe vielfältige Möglichkeiten, im Kleinen wie im Großen, Dinge zu verändern, aber wir tun es einfach nicht. Wir beharren auf PS starke Fahrzeuge, auf die jährliche Fernreise, auf das dicke Steak auf dem Teller. Wir wollen zu jeder Jahreszeit (exotisches) Obst und Gemüse, überkaufen uns im Supermarkt und werfen die Hälfte der Lebensmittel weg. Mehr! Mehr! Mehr! Die Bedürfnisse werden künstlich hochgehalten, nie sind wir zufrieden. Wir hamstern Nudeln, Mehl und Klopapier, es ist uns scheißegal, ob unser Nachbar auch etwas von diesen Gütern abbekommt. Ich! Ich! Ich! 

Gleichzeitig verurteilen wir Menschen, die aus Krisen- und Kriegsgebieten flüchten. Wir wollen auf gar keinen Fall unseren Reichtum mit anderen teilen. Wo kämen wir denn da hin?

Westliche Werte? Fehlanzeige.

Wir tragen unsere Werte immer noch wie ein Schutzschild vor uns her und drehen uns die Dinge lediglich so hin, wie wir sie gerade brauchen. 

Seien wir doch ehrlich: unser einziger wirklicher Wert, auf den wir zählen, ist das Geld. Wer Geld hat, hat das Sagen. Wir lügen uns mit Begriffen wie Empathie, Gleichheit der Geschlechter, Fürsorge, Wertschätzung und so weiter doch selbst in die Tasche. 

Jeder in unserer westlich geprägten Welt definiert sich über seinen finanziellen Status. Wir streben einen materiellen Reichtum an, haben mehr Güter, als wir jemals (ver)brauchen können und verarmen dabei im Inneren. 

Das ist im Kleinen so wie im Großen: Die Staatengemeinschaft greift nur dann in Krisengebieten ein, wenn für sie wichtige Ressourcen in Gefahr sind. Es geht und ging nie um die Rettung von Menschen. 

Die Staatengemeinschaft unterstützt mal Regierungen, mal Rebellen. Es kommt eben drauf an, von welcher Seite sie sich etwas verspricht.

Betrachtet man das internationale Handeln aus der Werteperspektive, kommt man schnell zu dem Schluss: hier entscheidet ein ziemlich verbrecherischer und menschenverachtender Haufen von Opportunisten über Wohl und Wehe in der Welt. Mit Waffenverkäufen in die Krisengebiete will man den Frieden bringen? Mit einer fast nicht auszuhaltender Impertinenz erklärt man die Demokratie zum heilbringenden Staatsform, der sich die „Drittländer“ anzupassen haben. In ihrer Brechreiz erzeugenden Gönnerhaftigkeit erklären westliche Staaten den finanziell Schwachen die Welt und sprechen ihnen die Fähigkeit ab, sich mit ihren eigenen Werten und Traditionen gut um ihr Land zu kümmern. So verkommen westliche Werte zu modernem Kolonialismus und offenem Rassismus.

Westliche Werte sind eine gut gemeinte Idealvorstellung für das gemeinschaftliche Leben. Nur: wir sollten uns nicht nur mit Worten schmücken, sondern auch deren Sinn verstehen und danach handeln. Das geht nicht immer, aber es geht ziemlich oft.

Diese Werte verlangen von unserer westlichen Gesellschaft Verantwortung und Klarheit. Sie gelten für uns, aber eben NUR für uns! Andere Gesellschaften haben andere Werte. Wir, die gesamte westlich geprägte Welt, müssen endlich lernen, andere Werte zu akzeptieren und wir müssen dringend aufhören, unsere Ansichten anderen überstülpen zu wollen. 

Wenn wir Menschen, ganz egal woher wir stammen und welche Werte uns prägen, lernen, uns gegenseitig zu respektieren, hätten wir weniger Anlass, anderen unsere Sichtweisen aufzudrängen. Eine Annäherung an die Werte anderer Kulturen wäre dann nicht mehr ausgeschlossen.

Dann erkennen wir vielleicht auch, wie wenig unser Wertesystem von außen bedroht wird und können in Zukunft wesentlich entspannter im Zusammentreffen anderer Sichtweisen bleiben. 

Text: A. Müller

Das große Herz

Die Erbenerbin No. 1 liebt Rollenspiele. Sie schlüpft dann stets in die Rolle der Mutter und ich muss das Kind spielen. Heute lautet die Vorgabe: ich bin schon ein großes Schulkind und sie erlaubt mir zum Tätowieren zu gehen. „Au ja!“ sage ich, „ich brauche noch unbedingt eine Piratenflagge.“ Sie schüttelt bedauernd den Kopf und schränkt die Möglichkeiten meiner Motivwahl gleich ein. „Nein, tut mir leid Kind, das geht nun wirklich nicht. Du kannst ein Herz haben oder etwas mit Schrift. Piratenflaggen sind etwas für Erwachsene.“ 

Ich kremple den Ärmel hoch, zeige ihr mein Tattoo mit der Katzenpfote und erzähle ihr von meinem Kater Jonas. Die Pfote habe ich mir zum Gedenken an meinen Herzenskater vor Jahren stechen lassen, nun trage ich ihn immer bei mir. Die Erbenerbin nickt bedächtig, ja, meint sie, das sei eine sehr gute Idee gewesen. Nun solle ich mich aber endlich entscheiden, welches Motiv mein neues Tattoo haben soll. „Dann hätte ich gerne ein Herz mit einem Schriftzug drin.“ sage ich. „Meinst du, dass ist möglich?“ Wieder dieses bedächtige und erwachsen anmutende Kopfnicken. „Das kommt darauf an“, so ihre Antwort und sie fragt gleich nach: „Was soll denn in dem Herz stehen?“ „Ja also ich dachte an die Namen Amelie und Mara. Ihr beide seid ja meine Herzensmädchen. Dann trage ich euch beide auch immer bei mir im Herzen.“

Die Erbenerbin No. 1 macht ein nachdenkliches Gesicht. „Wie kannst du denn zwei Herzensmädchen haben? Du bist doch noch ein Schulkind! Kann es sein, dass du gerade etwas durcheinander bringst?“ Sie schüttelt über mein Unvermögen ihrem Plot zu folgen den Kopf. Dann aber überlegt sie und sagt mit milder Stimme: „Aber gut, ich will es dir trotzdem erlauben.“ 

Puuh, Glück gehabt!

Wir spielen noch eine Weile weiter, sie macht einen Termin beim Tättowierer und die Erbenerbin No. 2 darf die Autogeräusche während der Fahrt dorthin machen. Jede von uns hat in dieser Geschichte einen festgelegten Platz und konkrete Aufgaben.

Ich vermute, wir sitzen noch im Auto, als No. 1 wissen will, wie groß so ein Herz denn sei und wie viele Leute speziell im meinem denn Platz hätten. „Ich guck mal!“ bietet sich Erbenerbin No. 2 an und macht sich zur Klärung der Frage an meinem T-Shirt zu schaffen. Die Nestelei an meinem BH lenkt mich schon ein wenig ab, dennoch versuche ich tapfer eine kindgerechte Antwort für die Große zu formulieren. „Also in meinem Herzen gibt es viel Platz.“ sage ich und muss ein Kichern unterdrücken. Erbenerbin No. 2 hat nämlich zwischenzeitlich begonnen mich zu kitzeln. „In meinem Herzen lasse ich euch beide wohnen, es hat Platz für Tiere und noch viel Raum für Lachen und Weinen, für Singen und Stille.“ Ob das als Antwort ausreicht?

„Okee“ kommt prompt die Retour, „und was ist mit Opa? Wohnt der auch in deinem Herzen? Und Mama und Papa? Dürfen die da auch wohnen?“ Ich nicke. „Ja natürlich! Sie alle haben einen Platz in meinem Herzen.“

Eine Zeitlang ist es still, die Große hängt ihren Gedanken nach. Man kann ihr förmlich ansehen, wie sie nachdenkt. Die Kleine bereitet derweil ein köstliches Mahl aus Muffins und Pommes für alle Mitspieler zu. Sie hat intuitiv begriffen, dass Denkarbeit hungrig macht.

„Oma… ääh ich meine Kind: wie viele Zimmer hat denn so ein Herz? Und wenn so viele Leute drin wohnen, ist das dann nicht ein wenig schwer zum herum tragen?“ 

Die konkreten Fragen zu einem abstrakten Thema machen mich stolz und unsicher zugleich. Stolz, weil das Kind sich wirklich mit einer nicht leicht zu fassenden Frage beschäftigt und unsicher, weil ich nicht so recht weiß, wie ich antworten soll.

Ich setze mich etwas bequemer hin und gleichzeitig zu einer Antwort an: „Also das ist ziemlich unterschiedlich. So ein Herz ist ein bisschen wie ein Märchenschloss. Es ist unglaublich groß und mit unglaublich vielen Zimmern ausgestattet. Und weil es ja ein Märchenschloss ist, findet es auch in kleinen Menschen genug Platz. Deshalb kann man unendlich viele Leute in sein Herz einladen. Und weil sich jeder sein eigenes Märchenschloss vorstellt, hat es bei jedem auch unterschiedlich viele Zimmer. “ 

„Okee“, die Erbenerbin No. 1 scheint meine Erklärung nachvollziehen zu können. Besser hätte ich es ohnehin nicht hinbekommen. „Und dann ist es auch nie schwer?“ wiederholt sie ihre Frage. Ich entscheide mich für eine ehrliche Antwort: „Doch, manchmal wird einem das Herz schon auch mal schwer. Zum Beispiel, wenn jemand, den ich lieb habe, krank wird. Oder wenn ich mir um jemanden Sorgen mache.“

Wieder denkt die Erbenerbin nach. Dann sagt sie: „Ich habe keine Sorgen.“ Die Erbenerbin No. 2 nickt zur Bekräftigung und fügt noch stolz hinzu: „Ich habe auch keine Sorgen. Ich habe Kekse!“

Ja, was will man mehr? Ein großes Herz und ausreichend Kekse. So einfach kann es sein.

Am Ende werde ich dann doch nicht tättowiert. Die Erbenerbin entscheidet, dass wir nun lieber gemeinsam etwas basteln. Also male ich auf Buntpapier unzählige Herzen, die die beiden Erbenerbinnen ausschneiden. Jeder aus der Familie soll eines bekommen. Alle Omas und Opas, alle Patentanten und alle Onkel. Die Cousinen und Cousins sollen auch nicht vergessen werden. Und vielleicht hat es ja noch Platz für ein paar kleinere Herzen für die Freunde aus dem Kindergarten.

Und irgendwie ist an diesem Nachmittag der Raum für die beiden Erbenerbinnen in meinem Herzen wieder ein Stückchen größer geworden. 

Text: A. Müller

Bild: A. Müller

Was machst’n im Urlaub?

„Also ganz ehrlich: ein Urlaub daheim ist doch kein Urlaub!“ sagt die im Businesslook gekleidete Frau. „Was kann man hier auch schon groß machen.“

Ich muss ein bisschen blöde geglotzt haben, denn sie schiebt noch mit einer raschen Handbewegung nach, dass sie sich daheim nicht erholen könne.

Jetzt glotze ich noch viel viel blöder. Daheim ist es doch schön. Oder nicht?

So kommen wir ins Gespräch. 

„Ich bin gerne zuhause,“ sage ich und versuche es nicht wie ein Manifest klingen zu lassen. „Schon allein der Umstand, nicht so früh wie im Alltag aufstehen zu müssen, entspannt mich ungemein. Außerdem freue ich mich darauf, drei Wochen lang kein grünes T-Shirt zu tragen und saubere Hände zu haben.“ Die Frau nickt. Sie schaut mich an und sieht plötzlich das grüne T-Shirt und meine mit Erde verschmierten Hände mit anderen Augen. Sie beginnt zu erzählen: „Seit ich durchgängig im Homeoffice arbeite, brauche ich nicht mehr früh aufzustehen. Ich spare mir ja die Fahrzeit ins Büro. Aber ich bin eben ständig zu Hause. Immerzu. Da möchte ich wenigstens im Urlaub einen Tapetenwechsel.“ 

Ja, klar. Das ich daran nicht gedacht habe! In meinem Berufsalltag kommt Homeoffice nicht vor. Ich muss um meine Arbeit zu erledigen vor Ort sein. Ich habe jeden Tag unzählige zwischenmenschliche Interaktionen, manche nett, manche weniger angenehm. Mit meinen Kollegen kann ich zwischendurch ein Schwätzle halten, mich mit ihnen beraten oder gemeinsam eine Aufgabe bewältigen. Ich bin in meinem Job ziemlich oft im Zeitdruck. aber ich bin nie allein, geschweige denn einsam. Am Abend kann ich mich dann auf das Zuhause freuen, auf meine Couch und ein kühles Getränk. 

Wie anders muss das sein, wenn man im Homeoffice arbeitet. Gleich nach dem Aufstehen und der Dusche den Rechner hochfahren und ansprechbar sein. Kein Weg zur Arbeit und die kostbare Zeitspanne währenddessen, sich innerlich auf den Tag vorzubereiten. Keine Kollegen, mit denen man kurz reden kann. Kein „Tschüss, bis morgen“ und damit auch keine Erlaubnis zum inneren Feierabend. Aus dieser Perspektive ist ein Urlaub zuhause wirklich nicht besonders verlockend.

Wir plaudern noch eine Weile über dieses und jenes und verabschieden uns freundlich voneinander. 

Im Grunde haben wir viel mehr gemacht, als uns über ein paar freie Urlaubstage zu unterhalten. Wir haben es geschafft, uns die Situation der anderen anzuschauen und sie zu verstehen. Was zu Beginn der Unterhaltung fremd und unverständlich erschien, klärte sich bei näherer Betrachtung auf. Zwei unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichem Alltag und unterschiedlichen Aufgaben finden eine gemeinsame Basis: den gegenseitigen Respekt.

Es hat schon etwas für sich, andere Vorgehensweisen oder Ansichten nicht sofort zu bewerten, sondern sie sich in Ruhe anzuschauen. Irgendwie wird man dadurch um einiges entspannter und gelassener. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, man wird dabei auch klüger. 

Vielleicht wäre das ja mal eine spannende Sommerchallenge: sich gegenseitig respektvoll zu begegnen und entspannt zu bleiben, statt sich zu empören.

Oder anders gesagt: „Was machst’n im Urlaub?“

Text: A. Müller

Das Experiment

Vielleicht sind sie aus einer Bierlaune heraus auf die Idee gekommen, waren schon ein wenig angetrunken, oder hatten andere bewußtseinserweiternde Substanzen im Hirn. Dies zu ergründen wird im Nachhinein kaum möglich sein. Für den weiteren Verlauf der Geschehnisse ist es ziemlich unerheblich. Während ihrer Zusammenkunft kamen sie in ihren Gesprächen vom Hölzchen aufs Stöckchen, philosophierten über die großen Fragen der Welt, wie etwa: wer bezahlt mein nächstes Bier? oder: warum klingelt mein Wecker morgens um fünf, wo ich doch eigentlich lieber schlafen würde? 

Sie fühlten sich durstig, abgehängt, „von denen da oben“ ausgenutzt und sie hatten überhaupt keine Lust mehr, in diesem Trott weiterzumachen. Tagein tagaus redlich und anständig den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen war nicht ganz ihre Sache. Sie wollten kein kleines Rädchen in der Maschinerie der Welt mehr sein. Nein, sie wollten ganz vorne mit dabei sein! Sie wollten selbst eine große Nummer im Gefüge der Gesellschaft werden und dabei ganz leise still und heimlich die Welt verändern! Natürlich nur ihre eigene Welt. Die der anderen war ihnen wurscht. 

„Also, wie machen wir das?“, fragten sie sich und nahmen noch einen Schluck oder einen Zug oder eine Line. Nur einen Schuss nahmen sie nicht, denn vor Spritzen hatten sie aus unerfindlichen Gründen Angst. 

„Also nochmal: wie machen wir das?“ Sie betrachteten ihre Schuhspitzen, beobachteten, wie eine Spinne ihr Netz im äußersten Winkel des Raumes webte, bohrten sich angestrengt in der Nase oder glotzten einfach blöd vor sich hin, bis endlich einem die rettende Idee kam: „Vielleicht können wir einfach so weitermachen wie bisher. Wir erzählen Blödsinn und versuchen irgendwie Geld daraus zu machen.“ Zustimmendes Nicken allenthalben, „ja, das könnte klappen. Wir könnten so auch herausfinden, wie viel Blödsinn und ausgemachten Bockmist die Leute glauben, bevor sie misstrauisch werden. Lasst es uns herausfinden.“

Und es kam, wie es kommen musste. Das Experiment nahm seinen Lauf.

Die Initiatoren gingen zu Beginn langsam und vorsichtig zu Werke und erzählten zunächst nur einen Blödsinn am Tag und gegen Abend noch einen kleineren Bockmist. Schnell fanden sie jedoch heraus, dass gerade die Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte, auf fruchtbaren Boden fielen. Je öfter und je frecher sie logen, desto mehr Menschen schienen ihnen zu glauben. Es war unglaublich: die Leute wollten getäuscht, betrogen und belogen werden. 

Ja gut, nicht alle Menschen wollten das. Es gab schon noch recht viele, die dem Blödsinn nicht vertrauten oder ihn durch wissenschaftliche Tatsachen schonungslos offenlegten. Aber da hatten sich die Urheber des Experiments schon ein paar willfährige wissenschaftliche Zuarbeiter ins Boot geholt, die ebenfalls keine Lust mehr auf Redlichkeit hatten. Gemeinsam gaben sie ihren Anhängern das Gefühl, ihre Sorgen und Ängste zu teilen und sich scheinbar für eine Lösung der unterschiedlichsten Probleme einzusetzen. Sie wogen die Ängstlichen in der Sicherheit der neuen Gruppierung und erzählten ihnen jeden Tag auf’s Neue die schrägsten Lügenmärchen. In sozialen Netzwerken behaupteten sie, die Presse sei unfrei und abhängig und würde den Menschen nur die Informationen geben, die gut für „die Eliten“ seien. Sie warnten vor einem Austausch der Weltbevölkerung und versprachen die Ankunft der galaktischen Föderation.  Sie erzählten gruselige Geschichten von unterirdischen Verliesen, in denen süßen unschuldigen kleinen Kindern Blut für die Mächtigen der Welt abgezapft würde. Denn eines hatten die Initiatoren des Experiments schnell gelernt: der Informationsfluss im Internet funktioniert am besten mit Katzenbildchen, süßen Kinderfotos und mit zur Schau gestellter Empörung. Das Internet mit seinen diversen  Foren und Plattformen war der geeignete Ort, um nach verängstigten und verunsicherten Menschen zu fischen und mit ihnen Geschäfte zu machen. 

Dieses Experiment fand nicht in einem Labor unter wissenschaftlichen Bedingungen statt, dieses Experiment fand in den Weiten der sozialen Medien statt. Kontrollgruppen waren nicht zugelassen.

„Nun gut, die Sache läuft recht viel versprechend.“ konstatierten die Urheber, „nun wollen wir doch mal sehen, ob sich daraus nicht auch noch viel Geld machen lässt.“ Zustimmendes Nicken allenthalben und schon gingen diverse Spendenaufrufe viral. Halt, stop… es waren keine Spendenaufrufe, es waren Aufrufe, den Urhebern des Experiments Geld zu schenken. Zu überweisen auf ihre Privatkonten. Bitteschön. Dankeschön.

Was mit den Geldern geschehen würde, brauchte nun keiner der Initiatoren offenlegen. War ja geschenktes Geld auf privaten Konten. Privatsache sozusagen.

„Das unsere Anhänger viel Blödsinn unwidersprochen teilen und verbreiten, konnten wir in den vergangenen Monaten gut beobachten. Aber das sie so strunzblöde sind und uns ihr sauer verdientes Geld überlassen, ist schon bemerkenswert. Lasst uns das mal noch ein wenig ausbauen.“ Aber zunächst gönnten sich  einige Vertreter des Experiments einen wohlverdienten Urlaub im Ausland. Geld spielte keine Rolle, es kam ja immer reichlich Nachschub von den Anhängern. Damit der nicht ausging, dachten sich die Urheber immer weitere schräge Geschichten aus. Sie erzählten Schauermärchen von einem Staat im Staat. Sie prophezeiten die Abschaltung der BRD und des Internets und überließen es ihren Jüngern abzuwägen, was schlimmere Auswirkung hätte. Sie erfanden die Geschichte von den Toten der Masken, später dann die von Millionen von Impftoten. Die Jünger des Blödsinns glaubten all den Stuss und hielten sich für gut informiert und aufgeklärt. 

Sie waren entrüstet, welch unglaubliche Gemeinheiten „der Staat“ und „die Eliten“ mit ihnen vorhatten und sie beschimpften alle, die diese Geschichten widerlegten, als Schlafschafe. Sie träumten vom großen Erwachen und merkten gar nicht, dass sie selbst den Alptraum möglich machten. Naja, die Jünger waren halt blöd. Kann man nix machen. 

Das Experiment funktionierte wunderbar, die Urheber waren zufrieden. Sie hatten es geschafft, ihr langweiliges Leben ein wenig aufzupeppen, hatten sich von dummen Leuten aushalten lassen und konnten sich einer gewissen Berühmtheit erfreuen. Sie glaubten schon, es ginge nun ewig so weiter. 

Aber dann kamen die Sommerferien. 

Eigentlich hätte mitten im Sommer der Umsturz stattfinden sollen. Ihr erinnert euch: das abschalten der BRD und der regierenden Parteien? Die Urheber des Experiments hatten dazu noch einmal ganz tief in die Blödsinnskiste gegriffen und ihren Jüngern die Geschichte von den Impfmücken erzählt. Kennt ihr nicht? Ganz kurz: es seien extra Mücken gezüchtet worden, die besonders kritische Menschen ohne ihr Wissen (also das der Menschen, die Mücken wissen genau was sie tun) zu impfen. So wolle der Staat die Impfquote in die Höhe treiben.

Aber zurück zum Text: die Urheber griffen also tief in die Kiste der Lügen und forderten ihre Jünger zur Teilhabe am Umsturz auf. Dazu tourten sie eine zeitlang durch die halbe Republik. Das Dumme war nur: keine Sau kam. Nur ein paar völlig verstrahlte Blödsinnsanhänger kamen zum Tourbus oder zum Umsturz in der Hauptstadt. Ein besonders aktiver Teilnehmer trug dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich bin ein Idiot“  Selbsterkenntnis kann so einfach sein, wenn man sich Mühe gibt.

Der Rest der Jüngerschar war in Ferien. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Vielleicht waren sie es nur leid, immer wieder den Weltuntergang prophezeit zu bekommen und dann doch keine Abschiedsshow sehen zu dürfen. Oder es war ihnen die Rettung der Welt nicht so wichtig wie das eigene Wohlergehen. Man wird es vermutlich nicht herausfinden, es sei denn man wagt sich an eine Bar in irgendeinem „All inclusive“ Hotel an der türkischen Riviera und hört den alkoholgeschwängerten Selbstmitleidsreden von frustrierten AfD Wählern zu. Aber dies zu vertiefen ergibt Stoff für einen weiteren Text.

Zu allem Übel verbot der Staat dann auch noch den oben erwähnten Umsturz und beschlagnahmte die komplette technische Ausstattung desselben. Wie schon vor genau einem Jahr mussten die Anhänger der Blödsinnsekte ein weiteres Mal feststellen: außer Spesen nix gewesen.

Doch unsere munteren Initiatoren ließen sich nicht unterkriegen. Das vergangene Jahr hatte schließlich gezeigt, wie einfach man den Menschen einen Bären aufbinden kann und wie gut es sich davon leben lässt. 

Das Experiment hatte sich gelohnt. So viel stand fest. Mit der Verbreitung von Angst und von Lügen, mit dem Weglassen von Tatsachen und dem Verdrehen von wissenschaftlichen Erkenntnissen, kann man sich selbst ins Gespräch bringen und braucht nicht mehr morgens um fünf aufzustehen. 

Die Frage, wer das nächste Bier bezahlt ist also hinlänglich geklärt.

Eine Frage jedoch wird noch zu beantworten sein: warum nur fallen im Zeitalter des Internets und der schnellen Zugangswege zu fundierter Information immer noch so viele Leute auf so ausgemachten Blödsinn und seine Urheber herein?

Wie kann es sein, dass das Rattenfängertum gerade jetzt Hochkonjunktur hat?

Diese Fragen, liebe Leser und Leserinnen möchte ich gerne zusammen mit euch ergründen. Schreibt mir doch einfach, was ihr dazu zu sagen habt.

Ich möchte ungern den Blöden und ihren geistigen Führern die Zukunft überlassen.

Text: A. Müller

Bis einer heult

Je länger mein Leben andauert, desto öfter fallen mir die Sätze der Altvorderen aus meiner Kindheit ein. Sätze, die ich damals aus tiefstem Herzen gehasst habe, denn sie unterbanden meine Lust am Leben, schränkten mich in meinem Handeln ein und zeigten ethische und moralische Grenzen auf. Wer von meinen Lesern selbst mal jung war, wird verstehen was ich meine. Ich hatte nicht übel Lust, den ständigen Mahnern und Miesepetern eine vor den Latz zu ballern, schließlich wollte ich meine Erfahrungen selbst machen und nicht einfach so die Werte und Richtlinien der Alten übernehmen. Und ich wollte Spaß haben. Zu jedem Tag und zu jeder Stunde. Komme, was da wolle. Ich wollte leben, frei sein, Konventionen über den Haufen rennen!

Das genau das der Knackpunkt war, habe ich lange nicht begriffen. Denn manchmal folgt dem Spaß der bittere Ernst. Vor allem, wenn man wie ich damals, nicht viel nachdenkt und einfach mal macht. Mit meinen Befreiungsbemühungen war ich nicht allein. Zusammen mit Freunden und Freundinnen schlug ich mir den Weg zu einem selbstbestimmten Leben frei. Mit Worten, die Machetenhieben glichen, hauten wir auf alles drauf, was uns störte. Leitsätze von Eltern oder Erzieher wurden kurz und klein geschlagen: wir wußten alles besser!

Einen Satz wie „bis einer heult“ konnten wir nicht gebrauchen. 

Wir liefen Schlittschuh auf nicht so richtig zugefrorenen Seen und hatten oftmals großes Glück, nicht in das Eis einzubrechen. Wir fuhren zu dritt ohne Helme auf einem Mofa und über uns schwebten unsere Schutzengel. Wir soffen ohne Hemmungen und keiner von uns musste ins Krankenhaus. 

Die möglichen Auswirkungen unseres Handelns wurden uns erst viel später bewußt. Erst, wenn wir von anderen Jugendlichen hörten, die weniger Glück hatten, wurde uns klar, in welche Gefahr wir uns gebracht hatten. 

„Bis einer heult“ war vielleicht doch kein so destruktiver Satz wie zunächst angenommen.

Wenn man davon ausgeht, dass jedes Handeln spür- und messbare Folgen hat, so läßt sich dieser Satz durchaus als Aufforderung zum Nachdenken verstehen. 

„Bis einer heult“ ist eine Mahnung. 

Im Moment, möchte ich sie lauter als es die Altvorderen je gekonnt hätten, in die Welt rufen!

Wir alle, jedenfalls die Menschen aus den reicheren Ländern der Erde, benehmen uns wie Teenager. Wir wollen unseren Spaß, wir wollen auf keinerlei Komfort verzichten, wir wollen unser Leben geniessen. Wir machen uns keine Gedanken, ob oder welche Folgen unser Handeln haben könnte. „Man gönnt sich ja sonst nichts“ ist die Devise.

Wir bauen in Monokulturen Getreide, Mais und anderes Viehfutter an, bis der Boden vollkommen ausgelaugt ist. Anstatt nun dem Ackerboden eine Regenerationspause zu gönnen, hauen wir in großen Mengen Kunstdünger auf die Erde. Wichtig ist nämlich der Ertrag und die Einnahmen aus der Feldwirtschaft. Durch die intensive Agrarwirtschaft wird dem Boden in kurzer Zeit alle Kraft entzogen und dafür jede Menge Geld in die Taschen der daran verdienenden Konzerne gespült. Die Bauern selbst sind dabei nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe und verdienen gerade mal so ihren Lebensunterhalt.

Bis einer heult!

Wir haben den Anspruch mindestens einmal im Jahr eine große Reise zu machen, setzen uns bequem in den Flieger und baumeln ein paar Stunden später mit den Füßen im Wasser. In den ansässigen Hotels möchten wir natürlich einen Pool und jeden Tag frische Handtücher auf den Zimmern. Gerade in Regionen, die ohnehin mit Wasserknappheit zu kämpfen haben, hat das ökologische Folgen. Die interessieren uns als Reisende jedoch nicht so sehr. Wir kippen lieber noch einen Eimer Sangria.

Bis einer heult!

Auf den Malediven weiß man z.B. zwischenzeitlich nicht mehr wohin mit all dem Müll, den die Reisenden verursachen. Nun werden im Meer riesige Inseln aus Abfall aufgehäuft. Diese Inseln geben langsam die in ihnen gelagerten Schadstoffe ins Meer ab und sie verändern die Meeresströmungen und bedrohen damit Riffe, Atolle und das Leben darin. 

Bis einer heult!

Durch die weltweite Mobilität verbreiten sich konsequenterweise auch Krankheiten und tierische Schädlinge wesentlich schneller. Europäische Flüsse voller Krabben, die ihren natürlichen Lebensraum in Asien haben, und deren Ökosystem überhaupt nicht mehr funktioniert. Krankheiten, die von Wildtieren auf Menschen überspringen und in deren Folge die Medizin an ihre Grenzen gelangt. 

Bis einer heult!

Um Waren schneller von A nach B zu transportieren, wurden viele Flüsse begradigt und damit schiffbar gemacht. Niemandem sollte es an etwas mangeln. Allerdings hat man durch diese Maßnahmen jede Menge natürliche Hochwasserzonen entfernt. Man hat stattdessen Straßen und Bahntrassen darauf gebaut. Die Leute sollen ja schnell irgendwohin kommen. Zur Arbeit zum Beispiel. Damit sie die Waren, die von A nach B transportiert werden auch kaufen können.

Kommt es dann, wie in den letzten 10 Jahren, immer mehr zu Unwetterereignissen, schwellen die Flüsse an und überfluten das Land.

Welche furchtbaren Auswirkungen unser Handeln und genauso unser Unterlassen hat, sehen wir in den aktuellen Bildern im TV.

Wenn wir Glück haben. Wer Pech hat, wohnt in den betroffenen Gebieten. Wer Pech hat, hat sein gesamtes Hab und Gut verloren, trauert um Angehörige und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

„Bis einer heult“ ist also jetzt. Wir haben es soweit ausgereizt und nun fließen bittere Tränen. Was hätten wir in der Vergangenheit nicht alles anders und besser machen können. Aber wir wollten ja unseren Spaß und haben sämtliche Warnungen ignoriert.

Die Fehler der letzten Jahrzehnte können wir vermutlich nicht ungeschehen machen und es ist vertane Energie, die Schuld an bestimmten Versäumnissen jemandem zuzuschieben. Aber vielleicht sollten wir uns endlich einmal überlegen, was wir gemeinsam für die Zukunft tun können. „Bis einer heult“ ist eben nicht nur ein Satz, den nur Mahner und Miesepeter aussprechen, sondern ein Satz, der Verantwortung einfordert. 

Wir müssen uns entscheiden, ob wir lieber kurzfristig viel Geld an irgendwelche Aktionäre ausschütten wollen, oder ob wir den kommenden Generationen eine lebensfreundliche Welt übergeben wollen.

Es muss überlegt werden, mit welchen Maßnahmen Flut- und Dürrekatastrophen eingedämmt werden können. Ganz vermeiden werden wir sie in den nächsten 50 Jahren ohnehin nicht können. Wir müssen uns überlegen, wie sich das Weltklima auf die Migration der Menschen auswirkt und wie wir die gesamte Bevölkerung der Erde halbwegs satt bekommen. 

Vielleicht sollten wir auch endlich aufhören, die Welt in „westlich geprägte Länder“ und „dritte Welt“ zu kategorisieren. Wir sind EINE Welt! Entweder wir arbeiten gemeinsam an den Lösungen oder wir verkacken es eben. 

Wir, die nunmehr 40 bis 70jährigen, wir sind jetzt die Altvorderen! Wir haben nun die Chance, der nachfolgenden Generation Gehör zu schenken und ihnen die Basis für ein selbstbestimmtes Leben und Arbeiten zu bereiten. Ich persönlich glaube nämlich, dass die „Jungen“ schwer auf Zack sind und ganz genau wissen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen.

Sie wollen z.B. den Klimaschutz nicht „den Profis“ überlassen. Man kann es ihnen nicht verdenken.

Ich jedenfalls möchte meinen Enkeltöchtern nicht eines Tages schulterzuckend sagen müssen, wir „hätten es nicht besser gewußt“. 

Wir wissen alle im Grunde ganz genau, was zu tun ist. Also packen wir es endlich mal an.

Bis vielleicht dann mal wieder einer lacht!

Text: A. Müller

Gedanken über das Denken

„Überlasse das Denken den Pferden. Die haben einen größeren Kopf als du!“

Wie oft habe ich diesen Satz während meiner Kindheit gehört. Er wurde immer dann ausgesprochen, wenn ich nachhakte, etwas ganz genau wissen wollte, eine Sache wirklich verstehen wollte. Ein Satz, der als finales Zeichen gedacht war und doch das Gegenteil bewirkte. Nun wollte ich es erst recht wissen.

Ich muss ein sehr anstrengendes Kind gewesen sein. Eines, das neugierig die Welt um sich herum betrachtete, Sachen ausprobierte „die man nicht tut“ und schon während der unausweichlichen Gardinenpredigt wissen wollte, warum genau „man“ etwas nicht tun soll. Überhaupt: wer ist „man“?

Das Denken hörte einfach nicht auf, es war allgegenwärtig und ziemlich aufdringlich. Ich stellte mir vor, wie mein Kopf langsam immer größer werden würde, wie all die vielen Gedanken ihn aufblähten und am Ende vielleicht platzen lassen würden. So eine Sauerei! Sämtliche Ideen und Gedankenfetzen wären dann im Zimmer verteilt und klebten an Möbeln und Wänden. In meiner kindlichen Vorstellung konnte ich manche Gedanken in langen öligen Fäden die Wände herabrinnen sehen. Gedanken, die so klebrig sind, dass man sie jahrelang nicht loswerden kann, solche, die einen schaudern und zittern ließen. Jetzt, da sie an den Wänden hafteten, waren sie nicht mehr beängstigend oder drückend. Der Kopf hatte sich ihrer entledigt, welch eine Befreiung!

Jetzt verstand ich auch das Lied, dass wir um diese Zeit im Flötenunterricht einübten: „Die Gedanken sind frei“

Ich fühlte mich verstanden, da draußen in der Welt musste es also noch andere Menschen geben, denen ab und zu der Schädel platzte. Vielleicht war es ja gut, wenn alle jemals gedachten Gedanken, mal als großflächige Idee, mal als feiner Sprühnebel in die Welt gebracht wurden. Vielleicht würden sich zwei Ideenenden finden und miteinander verbinden. Was für großartige Gedanken könnte so entstehen! 

So entlastend und mutmachend die Vorstellung frei verstreuter Gedanken auch war, eine kleine giftstachelige Idee setzte sich in den nunmehr freien Kopf: wenn alle Gedanken frei sind, dann sind die geheimen Gedanken nicht mehr geheim. Böse Gedanken könnte so in alle Welt gelangen. Jeder würde sehen und lesen können, was sich der jeweilige Kopf gerade gedacht hat. Ob es deswegen so viel Streit gab? Ein bisschen schämte ich mich für meine eigenen geheimen und manchmal bösen Gedanken und hoffte, sie würden von niemandem gelesen werden können. Vielleicht, wenn ich älter wäre, so hoffte ich, könnte ich mir eine Art Geheimfach für geheime Gedanken anlegen. Einen Safe im Kopf, der vor Sprengungen gedanklicher Art geschützt ist und nur von mir geöffnet werden kann. Darüber musste ich unbedingt in Ruhe nachdenken.

„Wer zu viel denkt, bekommt ein häßliches Gesicht.“

Eine wirklich ernstzunehmende Warnung, die hin und wieder von erfahrenen Erwachsenen ausgesprochen wurde. Ich konnte schon die Vorgabe, ein adrettes, sauberes Mädchen zu sein, nicht erfüllen. Daher strengte ich mich sehr an, nicht auch noch hässlich zu werden. Dreckig, mit zerrissenen Hosen und zerzaustem Haar; das waren meine Eltern von mir gewohnt und sie hatten sich damit arrangiert. Den Dreck konnte man abwaschen, die Haare kämmen und die Hosen flicken. Hässlichkeit jedoch würde bestehen, wäre für alle sichtbar. Ich liebte meine Eltern sehr und wollte ihnen die Bürde eines hässlichen Kindes von Herzen ersparen. 

Also versuchte ich an manchen Tagen einfach mal nichts zu denken. Ich setzte mich auf’s Bett im Schneidersitz und schloss die Augen und setzte all meine Hoffnungen in die Gedankenlosigkeit. Es dauerte ewig, bis sich der Kopf leerte. Manchmal schlief ich darüber sogar ein. Wenn es mir jedoch gelang, den leichten Zustand des Nichtdenkens zu erreichen, dann war das ein wenig so, als ob ich im Schneidersitz fliegen würde. 

Hat jemand von euch schon mal probiert in einem Stockbett zu fliegen? Genau das war mein Problem. Ich kam nie weit, weil mir meist kurz nach dem Erreichen des Nichtdenkens und der geistigen Schwerelosigkeit ein paar Ideen kamen. Es war wie verhext: egal was ich machte, immer kamen diese Gedanken dazwischen und ich war ihnen machtlos ausgeliefert.

Anscheinend war ich dazu verdammt, ein hässliches Dasein zu fristen. Um den Prozess der äußeren Entstellung wenigstens dokumentieren zu können, wünschte ich mir zu Weihnachten einen Schminkspiegel. Meine ältere Schwester hatte schon so ein Exemplar, das sie hütete wie einen Schatz. Wie oft gab es deswegen zwischen uns großen Streit. Nun konnte ich das endlich verstehen: auch sie war verdammt zum Denken! Auch sie fürchtete um ihr Äußeres! Wir malten uns dicke schwarze Ränder mit Kajal um die Augen, um eventuelle Anzeichen der beginnenden Hässlichkeit zu überdecken. So leicht würden wir uns nicht geschlagen geben! So leicht nicht!

Ich saß also da, starrte in die Luft und überlegte, ob eigentlich alle hässlichen Menschen automatisch klug wären. Und ob alle schönen Menschen anstelle des Denkens andere Hobbys hätten. Mein Bekanntenkreis zu jener Zeit war noch sehr überschaubar und es wollte mir absolut niemand einfallen, der ausgesprochen hässlich gewesen wäre. 

Im Grunde waren alle Menschen in meinem Leben schöne Menschen. Vor allem waren sie liebenswerte, verlässliche und anständige Menschen. Leute, die mit beiden Beinen im Leben standen, die fleißig für ein gutes Leben arbeiteten. Das brachte mich in ein ziemliches Dilemma. Ich musste mich fragen, wer eigentlich festlegt, was Schön und was Hässlich ist. Außerdem musste ich gründlich darüber nachdenken, ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen Klugheit und Schönheit gibt. Wenn dieser Satz mit den großen Köpfen der Pferde zum Beispiel stimmte, würde er doch dem mit der Hässlichkeit widersprechen. Pferde sind nämlich wunderschöne UND kluge Lebewesen. 

Vielleicht waren die Menschen die ich kannte und liebte, Menschen, die es nicht gewohnt waren, sich die Zeit mit Nachdenken zu vertreiben. Sie machten viel im Stillen mit sich aus, sprachen wenig und handelten ehrlich. Das war eine Art von Klugheit, die ich erst noch lernen musste.

Inzwischen sind einige Jahrzehnte des Denkens vergangen. Manche Gedanken haben sich zur guten Idee entwickelt, manche waren einfach nur Rülpser in einem ständig blubberndem Gehirn. Sobald sie in die Freiheit entlassen wurden, entpuppten sie sich als heiße Luft und verschwanden so schnell wie sie gekommen waren.

Manche Gedanken wurden sofort nach ihrem Auftauchen in den Safe im Kopf eingesperrt. Dort bleiben sie bis in alle Ewigkeit sicher verwahrt.

So viele Gedanken, so viele Ideen.

In all den Jahren ist mein Kopf weder zu bedenklicher Größe angeschwollen, noch bin ich durch die Denkerei auffallend hässlich geworden. Ich habe meinen Bekanntenkreis inzwischen erweitert und erkannt, dass die Freude am Denken sehr wohl etwas mit Ausstrahlung zu tun hat.

Dabei ist es vollkommen egal, ob jemand groß oder klein, dick oder dünn, pickelig oder reinhäutig ist. Entscheidend ist der Spaß am Denken, die Lust, sich neuen Ideen hinzugeben und zu träumen.

Die eine malt Bilder, der andere macht Musik, der dritte gärtnert… die Reihe ist endlos fortzusetzen. 

All diese Leute sitzen wie ich dereinst als Kind auf ihrem inneren Stockbett und schaffen es für ein paar kleine Momente zu fliegen. Ein kurzer Ausflug in die Gedankenlosigkeit erfrischt und läßt einen mit leuchtenden Augen und neuen Idee zurückkehren. 

Wenn ihr also das nächste Mal in der Stadt oder sonst wo unterwegs seid, schaut mal nach Menschen mit leuchtenden Augen. 

Es könnten, wie ihr selbst, Denker sein.

Text: A. Müller

Aber es ist doch nicht verboten!

Kaum sinken hierzulande die Infektionszahlen, füllen sich die öffentlichen Plätze. Dicht an dicht sitzen die Menschen beieinander und genießen Sommer, Sonne und Frischluft.

Klar, der Winter währte in diesem Jahr länger als sonst, auch das Frühjahr war nass und kühl. Verständlicherweise zieht es nun die Menschen hinaus ins Freie. 

Es ist ja nicht nur des Wetters wegen, nein, es ist der Hunger nach Gesellschaft und nach der so lang vermissten Unbeschwertheit, der die Leute in Scharen zusammen kommen läßt. Wer kann es ihnen verdenken? Wir Menschen brauchen einander, wir sind eben Rudeltiere. Ohne die vielfältigen Impulse von unseren Mitmenschen verkümmert unser Geist. Nicht jeder ist dafür geschaffen in sozialer Isolation zu leben.

Nun ist es zum Glück wieder erlaubt, Feste zu feiern, ins Ausland zu reisen oder in Stadien zu sitzen. Man kann sich wieder irgendwo treffen, beieinander sitzen und die gegenseitige Gesellschaft geniessen.

Nur: ist alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, auch sinnvoll?

Im Moment sind viele Reglementierungen außer Kraft gesetzt, weil sich die Infektionslage hierzulande entspannt hat. Das ist einerseits eine feine Sache, darf jedoch andererseits nicht zu Übermut oder Sorglosigkeit führen. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Wird es vielleicht auch nie sein. Wohin der Weg mit dem Coronavirus führen wird, weiß niemand so genau. 

Es wird jedoch zu befürchten sein, dass trotz Impfungen und Tests die Zahl der Erkrankungen spätestens nach den Sommerferien wieder steigen wird und neue Varianten des Virus entstehen werden. Um diese Prognose zu erstellen, muss man kein Virologe sein. Ein kurzer Blick in den vergangenen Sommer und Herbst reicht vollkommen aus, um eine Ahnung für die Zukunft zu bekommen.

Angesichts der laufenden Europameisterschaft im Fußball, kann man sogar sehr schnell die Gefahren von Massenveranstaltungen erkennen. Stadien, gefüllt mit 40.000 Leuten oder Kneipen, mit feiernden Fußballfans sind aus Sicht des Virus willkommene Orte zur Vervielfältigung. So sind es nachweislich ca. 400 Fans, die beim Spiel Schottland – England im Stadion das Virus weitergetragen haben, ebenso wird von unzähligen Finnen berichtet, die nach ihrer Heimkehr positiv getestet wurden. Zuerst liegen sich die Leute im Freudentaumel in den Armen, später dann allein und schlimmstenfalls beatmet im Intensivbett. Und wieder muss man sich fragen: ist alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, auch sinnvoll?

Gerade bei dieser Veranstaltung kommen dann noch ganz andere unschöne Aspekte dazu, sich die Sinnfrage immer wieder zu stellen: möchte ich Rassismus und Homophobie unterstützen? Möchte ich eine Vereinigung unterstützen, die auf die Gesundheit von Menschen geradezu scheißt? In Zeiten einer weltweit ernstzunehmenden Krankheit auf die Öffnung von Stadien zu pochen, sie sogar unter Drohungen durchzusetzen, ist durchaus eine Überlegung wert.

Nach eineinhalb Jahren mit Corona ist die Sehnsucht nach Sorglosigkeit im Umgang miteinander absolut verständlich. Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass nicht jeder mit dieser Art von Einschränkung zurecht kommt. Wer auf sich selbst zurück geworfen ist, sieht oft auch Dinge, die Angst machen, die zu groß und zu mächtig erscheinen. Wer es bisher gewohnt war, diese Lücken mit äußeren Aktivitäten, wie Einkaufen, Reisen oder Feiern zu füllen, wurde quasi seiner selbst beraubt. Sobald dann Lockerungen möglich sind, greift der/diejenige sofort nach dem rettenden Strohhalm. Endlich wieder Freiheit! Endlich wieder Ablenkung!

Die Mobilität der Menschen nimmt wieder zu. Wer sich regelmäßig testet oder gar geimpft ist, wähnt sich in Sicherheit. Manche Zeitgenossen gehen sogar so weit, sich weder zu testen oder den Termin ihrer Zweitimpfung wahrzunehmen. Weil es jetzt ja nicht mehr so drängend ist. 

Vielleicht sitzt im Urlaubsflieger genau so jemand neben dir? 

In den letzten eineinhalb Jahren hat sich der Staat massiv in unser Leben gemischt. Es wurden Regeln aufgestellt, es wurde verordnet und verboten. Manches war richtig, manches auch falsch. In dieser Zeit hat sich jedoch auch eine Art Gewöhnungseffekt eingeschlichen: man musste nur in die aktuellen Richtlinien und Verordnungen schauen und wußte sofort, was erlaubt und was verboten war. Jetzt sinken die Infektionszahlen und gleichzeitig steigt damit die Eigenverantwortung. 

Können wir, jeder für sich und alle zusammen als Gesellschaft, damit umgehen? Stürmen wir jetzt los, um vermeintlich verpasstes aufzuholen, oder bleiben wir vorsichtig?

Eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Spätestens im Herbst sehen wir das Resultat unseres Handelns. 

Bleibt gesund und bleibt vor allem zuversichtlich!

Text: A. Müller

Zur Steinigung bitte hier entlang

Es herrscht ein rauer Wind in den sozialen Medien. Das ist keine neue Erkenntnis und man nimmt es meist so hin. Wie beim Sterben auch, betrifft es ja sowieso nur die Anderen. Frischt nun der Wind in einer virtuellen Unterhaltung von einer leichten Brise zum Sturm oder gar Orkan auf, holt man sich eine Tüte Popcorn und beobachtet das Geschehen. Es hat schon einen gewissen Unterhaltungswert, wenn Leute verbal niedergeknüppelt werden. Früher schaute man sich einmal im Monat „Pleiten, Pech und Pannen“ im TV an, heute wird die Schadenfreude 24 Stunden am Tag bedient. Es ist schon lustig zuzusehen, wie es fremde Leute auf die Fresse legt. Dem Internet sei dank!

Oft beginnt es ganz harmlos. Bei schönstem Wetter und klarer Sicht liest man sich durch verschiedene Plattformen und stolpert über eine Frage, ein Ansinnen oder eine Meinung. In einer Millisekunde entscheidet dann unser Gehirn, ob wir weiterscrollen oder verweilen. Entscheidet sich das Gehirn, das ja im Grunde keine Ahnung vom neuzeitlichen Verhalten im Internet hat, sondern immer noch in seiner analogen steinzeitlichen Höhle sitzt, entscheidet es sich also zum verweilen, dann ist Vorsicht geboten. Dann kann es nämlich passieren, dass die ebenso analog gesteuerten Finger etwas in die Tastatur hauen, dass man lieber für sich behalten hätte: man schreibt einen Kommentar. 

Schriftliche Kommunikation ist für sich alleine schon schwierig genug, da ja ergänzende Ausdrucksmittel wie Mimik und Gestik fehlen. In den sozialen Medien verschärft sich die Problematik um ein Vielfaches, weil man immer das Gefühl hat, schnell sein zu müssen. Oft vergißt man in dieser virtuellen Hetze dann das nachdenken und schreibt drauflos. Und dann hat man den Salat, bzw. den Sturm im Wasserglas. Einer fühlt sich mit Sicherheit auf den Schlips getreten oder kann dem Geschriebenen intellektuell nicht folgen und ruft sogleich zur virtuellen Hatz auf.

Kluge Benutzer der virtuellen Foren steigen in diesem Moment aus der Unterhaltung aus. 

Die weniger Klugen und diejenigen, die naiv genug sind und versuchen, ihre Ansichten der Revision klarer zu formulieren, bleiben. Aber der Zug in Richtung kleinster gemeinsamer Nenner ist schon abgefahren, jetzt geht es nur noch darum aufgestaute Wut loszuwerden. 

Die Ausgangsfrage, das Ansinnen oder die zuerst geäußerte Meinung interessiert schon lange keinen mehr. Die Schaulustigen wollen das virtuelle Blut fließen sehen und sie tun alles dafür, dass es literweise fließt. 

Kommentar um Kommentar wird im Sekundentakt abgegeben. Schließt man die Augen, kann man förmlich sehen, wie den Kommentierenden der Geifer aus den Mundwinkeln tropft. Jeder einzelne Kommentar gleicht einem Stein, den man auf das virtuelle Opfer schleudert. 

Nicht das wir uns falsch verstehen: in diesem Zusammenhang bedeutet der Begriff „Opfer“ nicht unbedingt, dass der- oder diejenige unschuldig am Entstehen des Sturmes ist. Der Begriff soll lediglich als Statthalter und inneres Bild dienen, sich die Situation zu vergegenwärtigen.

Die Dynamik solcher Diskussionen (eigentlich sind es ja keine, da ja niemals ein Konsens angestrebt wird), ist immer gleich: aus allen Ecken kommen nun die Schaulustigen und weil gerade so viele virtuelle Steine rumliegen, wirft eben jeder mal einen. 

Das Opfer wird so lange mit negativen Attributen oder Beleidigungen bombardiert, bis es sich zurück zieht. Und selbst dann wird noch mit Steinen geworfen. 

Schaut man sich solche Diskussionen mit etwas Abstand an, fällt eine Sache besonders auf: man hält einem Diskutanten (möglicherweise zu Recht) vor, er ließe es an Feingefühl mangeln, nimmt dann den dicksten und schwersten Stein den man finden kann und schleudert ihn mit voller Wucht auf den vermeintlichen Übeltäter. Grober und damit widersprüchlicher geht’s kaum, aber das blendet unser Steinzeitgehirn gerne mal aus. 

In der Gruppe der Gleichgesinnten und im Schutze der vermeintlichen Anonymität wirft es sich einfach befreiter. Wenn dann das Blut bei einem virtuellen Treffer spritzt und man sich gegenseitig zujubelt, merkt man  gar nicht mehr, wie schäbig man sich selbst benimmt.

Wildfremde Menschen gehen aufeinander los, beschimpfen sich wüst und fordern gleichzeitig Empathie von ihrem gegenüber. Man stelle sich folgende Szene als inneres Bild vor: zwei Leute halten das Opfer fest, ein Dritter kloppt ihm immer wieder mit dem Stein auf den Kopf und schreit: „Empathie! Wo bleibt dein Anstand, du arroganter Zeitgenosse?“ 

Na, wird’s klarer? Gut.

Wer bis hier durchgehalten hat, fragt sich nun bestimmt: ja, darf ich dann gar nicht mehr dagegen halten und meine Ansicht vertreten? Soll ich mich in Zukunft aus jeder Diskussion heraushalten, aus Furcht, ich könnte virtuell gesteinigt werden? Wie soll und darf ich dann mit Menschen umgehen, die ihrerseits Hass und Menschenfeindlichkeit im Internet verbreiten? 

Ein erster und einfacher Schritt wäre möglicherweise, einfach innezuhalten bevor man etwas schreibt. Sich zu überlegen, ob sich die virtuelle Welt auch ohne den eigenen Kommentar weiterdreht. Sich in der Millisekunde der zerebralen Entscheidung über den Mehrwert des eigenen Kommentars für die Welt bewußt zu werden.

Eine weitere Option für einen gesunden Umgang miteinander, ist eine möglichst klare Formulierung seiner Ansicht. „Du blöde Sau du!“ ist zum Beispiel sehr klar formuliert, aber hier nicht gemeint. Wer den inneren Kinski befreien will, kann das an anderen Orten machen, im virtuellen Bereich ist er fehl am Platz. Klar formuliert heißt also: sich zur Sache zu äußern, Behauptungen durch seriöse Belege zu untermauern und Bewertungen über die Persönlichkeit und dem Geisteszustand der anderen Gesprächsteilnehmer zu unterlassen. 

Ganz oft erkennt man schon im ersten Satz eines Beitrags oder eines dazugehörigen Kommentar, dass jedes weitere Wort überflüßig und sinnlos ist. Dann gilt es den inneren Drang zu kommentieren zu überwinden, notfalls kann man sich selbst die Hände auf den Schreibtisch tackern. Oder man klebt sich einen Zettel in Sichtweite mit folgendem Text eines unbekannten klugen Menschen  an die Wand:

Bevor du mit jemandem streitest, frage dich: „Ist diese Person geistig reif genug, das Konzept der anderen Perspektive zu begreifen?“ Wenn nicht, lass’ es einfach bleiben.

In diesem Sinne gibt es durchaus gute Strategien zur Vermeidung von virtuellen Steinigungen. Niemand hat es „verdient“ öffentlich zur Sau gemacht zu werden. Niemand freut sich darüber, wenn ihm „alles Gute“ gewünscht wird und gleichzeitig die Wirkung des Karmas heraufbeschworen wird. 

Vielleicht ist es ja auch mal einen Gedanken wert, sich zu überlegen, warum wir eine unbedachte oder unglückliche Formulierung so gerne zum Anlass nehmen, uns über andere Menschen zu stellen, ihnen ihre geistige Gesundheit abzusprechen und sie aus dem Schutz der Anonymität heraus tief verletzen.

Denn möglicherweise liegen die Defizite der Konfliktfähigkeit untereinander bei jedem Einzelnen selbst. Aber das ist nur so ein Gedanke…..

Text: A. Müller

Der kleine Riese

Der kleine Riese

Im Dorf der Riesen wurde einst ein Kind geboren, dass einfach nicht groß wurde. Schon bei seiner Geburt war es sehr klein und ganz egal was seine Eltern mit ihm anstellten, das Kind erreichte nie mehr als die Größe einer Erbse. 

Natürlich gefiel es dem kleinen Riesen nicht sehr, so klein zu sein. Ständig musste er darauf achten, von den Großen nicht zertreten oder fort genießt und gehustet zu werden. Sobald ein großer Riese sich nur räusperte oder seine Nase kräuselte nahm der kleine Riese reißaus. Nicht auszudenken, was passieren könnte, würde ihn der mächtige Windstoß eines Riesenniesers erfassen. 

Meist versteckte sich der kleine Riese zwischen den Seiten eines Buches. Dort fühlte er sich sicher und beschützt, denn keinem der großen Riesen wäre es im Traum eingefallen, ein Buch zu treten oder anzuhusten. Im Dorf der Riesen galten Bücher als heilig. Nur ganz besonders schlaue Riesen konnten in ihnen lesen und aus dem Geschriebenen lernen. Der Rest der Riesen blieb ein Leben lang dumm wie Brot.

Es war gerade die Dummheit der Riesen, die dem Kleinen das Leben so schwer machte. Kaum hatten die Großen ihn erblickt, so riefen sie ihm Gemeinheiten hinterher. „Mickerling!“, „Kurzer!“, „Winzling!“, „Gnom!“, „seine Niedrigkeit!“ waren noch die erträglichsten Gemeinheiten, die der kleine Riese zu hören bekam. Obwohl er äußerlich klein geraten war, fühlte er sich dennoch wie ein echter Riese. Alles was er wollte war, ein gleichberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Er wollte so sein wie alle anderen, er wollte einfach nur dazu gehören. So zog er an seinen Armen, zog an seinen Beinen und hoffte inständig wenigstens ein paar Zentimeter größer zu werden. Er streckte sich, kaufte sich Schuhe mit besonders hohen Absätzen und lief eine Zeitlang nur noch auf Zehenspitzen, um den Eindruck von Größe zu vermitteln.

Doch alle Bemühungen halfen nichts. Der kleine Riese blieb klein und die Großen lachten über ihn. Traurig verkroch sich der kleine Riese unter den Büchern und suchte Wärme und Trost in ihren Schriften. 

So wurde er mit den Jahren immer schlauer. Einiges was er in den Büchern gelesen hatte, probierte der kleine Riese aus: so baute er sich eine winzige Gitarre und spielte darauf die schönsten Lieder. Das Notenlesen hatte er sich natürlich selbst mit viel Geduld beigebracht. Keiner der großen Riesen hatte eine Ahnung von Musik. Manche schlugen ab und zu auf Steine und probierten sich in rhythmischen Gesängen, aber richtige Musik konnte man das nicht nennen. Mit der Zeit wurde das Spieldes kleinen Riesen immer feiner und schöner, so schön, dass sogar die Schmetterlinge ihren Flug unterbrachen und der Musik lauschten. Bald darauf kamen auch die Ameisen und baten um Zugabe. 

Die großen Riesen hatten jedoch keinen Sinn für die zarten Klänge der kleinen Gitarre. Sie lachten ein weiteres Mal über den kleinen Riesen und verspotteten ihn. Er solle doch endlich einmal Kraftübungen machen, damit er große Steine umher werfen kann. Nur Schwächlinge säßen unter Bäumen und würden mit  noch Schwächeren wie den Schmetterlingen und Ameisen sanfte Liedchen trällern! Die Großen schnappten sich die Gitarre des kleinen Riesen und zerquetschten sie zwischen zwei Fingern. Echte Riesen spielten keine Gitarre, sondern… ja was eigentlich? Keiner der großen Riesen wußte darauf eine Antwort. Darauf kam es ihnen aber auch nicht an. Sie demonstrierten allein durch ihre Größe ihre Macht. Sie waren so groß und damit auch so stark und konnten daher all ihre Forderungen im weiten Land durchsetzen. Wer sich nicht fügte, wurde eben zertreten, zerquetscht oder verspottet. Leise Töne waren nicht die Sache der großen Riesen. Laut und dröhnend polterten sie umher und merkten gar nicht, wie viel sie dabei zerstörten.

Traurig stand der kleine Riese vor den Trümmern seiner Gitarre. Warum nur behandelten ihn die Großen so schlecht? Er war doch auch ein Riese. Ein kleiner zwar, aber immerhin. Wie konnten die Großen denn nur so gemein sein?

Er beschloss, die großen Riesen zu belauschen. Vielleicht würde er so herausfinden, warum sie ihn ausgrenzten. Leise schlich er sich in die Versammlungshalle der Riesen, klemmte sich unauffällig in eine Spalte in der Mauer und hörte ihnen zu. Viele Stunden lauschte der kleine Riese den Gesprächen der Großen und am Ende wußte er Bescheid: für die Großen war es ein Problem, dass er so klein war. Er passte nicht ins Bild. Er war ihnen zu „anders“. Sie hatten im Grunde nichts gegen Kleine, aber…..

Da wurde der kleine Riese zornig. Er hatte doch alles versucht, um groß und stark zu werden. Er hätte so gerne seinen Teil für die Riesengemeinschaft beigetragen, aber die Großen liessen es nicht zu. Weil er KLEIN war! 

In seiner Traurigkeit fragte der kleine Riese die Ameisen um Rat. Sie waren ja auch klein und wüßten vielleicht eine Lösung. 

Ja, sie seien auch ständiger Bedrohung ausgesetzt, erklärten die Ameisen. Sie hätten überdies auch schon längst die Nase gestrichen voll von den großen Riesen. Man könnte ihnen ja mal einen Denkzettel verpassen. Gemeinsam berieten der kleine Riese und die Ameisen die ganze Nacht und als die Sonne die ersten Strahlen über den Horizont schickte, hatten sie einen Plan geschmiedet.

Angeführt vom kleinen Riesen machte sich der gesamte Ameisenstaat auf den Weg ins Dorf der Riesen. Sie drangen in jedes Haus, durch jede noch so kleinste Ritze fanden sie Eingang. Sie belagerten die Vorräte, saßen auf Honigtöpfen, knabberten an Obst und Gemüse. 

Die großen Riesen versuchten erschrocken die plötzliche Flut der Ameisen mit Besen und Schaufel abzuwehren, aber es waren einfach viel zu viele der kleinen Wesen. Mit bloßen Händen wischten die Riesen die Krabbeltiere von Tischen und Stühlen, zertraten sie mit ihren großen Füßen. Doch all ihre Anstrengungen halfen nichts. Die kleinen Ameisen waren in der Gemeinschaft viel stärker als es die großen Riesen jemals hätten sein können. 

In ihrer Hilflosigkeit begannen die großen Riesen nun mit dem Einzigen, dass sie wirklich gut konnten: sie warfen mit Steinen. Sie warfen sie auf ihre eigenen Häuser und bewarfen sich am Ende auch noch gegenseitig. Die großen Riesen zerstörten immer noch ihr eigenes Dorf, da waren die Ameisen und der kleine Riese schon längst abgezogen. 

Am nächsten Morgen standen die Riesen fassungslos vor den Ruinen ihres Dorfes. Sie kratzten sich am Kopf und am Allerwertesten und fragten sich, wie es soweit kommen konnte. Ein leises Flüstern liess sie aufhorchen. Es klang so: „Vielleicht ist es nicht schlecht, mit den Kleinen zu sprechen? Vielleicht sollten wir uns für die Gemeinheiten entschuldigen?“ Betreten schauten sie einander an und machten sich auf die Suche nach dem kleinen Riesen. Vielleicht würde er ihnen helfen, mit den Ameisen zu sprechen?

Der kleine Riese liess sich nicht zweimal bitten und organisierte ein Treffen zwischen groß und klein. Es wurden zähe Verhandlungen, aber am Ende war man sich einig: keine Beleidigungen mehr, nur weil jemand körperlich anders ist! Keine Zerstörung mehr, nur weil eine Gruppe zahlenmäßig überlegen ist. Und ganz wichtig: es werden in Zukunft keine Musikinstrumente mehr zerstört! Nur weil man mit etwas nichts anfangen kann, darf man es nicht einfach so kaputt machen.

Langsam kehrte im Dorf der Riesen wieder Ruhe ein. Es dauerte noch eine Weile, bis sich auch der Dümmste unter ihnen an die neuen Regeln gewöhnt hatte, aber unterm Strich klappte die Umsetzung doch recht gut.

Der kleine Riese fühlte sich nun angenommen und wohl. Er merkte, wie er einerseits ein wahrer Riese und andererseits auch bei den Kleinen ein angesehene Mitglied der Gemeinschaft war. So wurde er einem der besten Diplomaten, den die Geschichtenwelt je beschrieben hat. 

Seine zerstörte Gitarre baute er sich mit besonders klangvollen Hölzern bald wieder neu zusammen und wenn man in den Abendstunden ganz genau hinhört, kann man bis heute seinen Konzerten lauschen.

Text: A. Müller

Sally Sahneschaf

Sally Sahneschaf

Heute erzähle ich euch die Geschichte von einem ganz besonderen Schaf. Normalerweise sind Schafe rundherum in Wolle gehüllt, stehen mit ihrer Herde auf der Wiese und fressen Gras. 

Nicht so Sally: statt der Wolle war sie am ganzen Körper mit luftig-süßer Sahne bedeckt. Sally war nämlich von Beruf Geburtstagsschaf! 

Schon als kleines Lämmchen, noch wackelig auf den Beinen, spürte Sally, dass sie anders ist als all die anderen Lämmer in ihrer Herde war. Anstelle der weichen Wolle wuchs bei ihr dieser weiße Schaum auf dem Körper. Sie selbst störte das im Grunde nie, denn der Schaum schmeckte sehr süß und machte schnell satt. Kein lästiges und stundenlanges grasen auf der Wiese, kein suchen nach besonders schmackhaften Kräutern. Sally streckte einfach die Zunge raus und leckte sich über das Gesicht, den Bauch, die Beine und war nach kurzer Zeit pappsatt. Während bei den anderen Schafen in der Herde die Wolle mit der Zeit unansehnlich und filzig geworden war, brauchte sich Sally einfach nur einmal kurz zu schütteln und all die Grasreste, Erdklümpchen und anderes flogen in hohem Bogen davon. Sally fand das ziemlich praktisch. Wenn sie sich mal wieder kräftig geschüttelt hatte und die Sahnekleckse in jede Himmelsrichtung flogen, kamen meist viele andere Tiere und labten sich am süßen Schaum. Bienen tranken sich satt, Schmetterlinge steckten ihren langen Rüssel in die weiße Masse, Ameisen trugen winzig kleine Sahnehäubchen auf ihrem Kopf in den Bau und versorgten ihre Brut damit und mit der Zeit kosteten sogar die anderen Schafe von den Sahneklecksen im Gras. 

Sally war sehr froh ein Schaf zu sein. Obwohl sie das einzige Sahneschaf weit und breit war, kam es niemanden in den Sinn, sie deswegen auszugrenzen. Im Gegenteil, alle Tiere freuten sich über die Abwechslung in ihrem Speiseplan und Sally war ein gern gesehener Gast bei jedem Fest.

Je älter Sally wurde, desto mehr sprach sich ihre Besonderheit in der Tierwelt herum und das Sahneschaf bekam unzählige Einladungen. So kam es, dass Sally einen komplett anderen Berufsweg einschlug, als ihre Kollegen in der Schafherde.

Statt wie die anderen Landschaftspflege zu betreiben, Deiche zu sichern und ihre Wolle für Socken und Pullover zu verschenken, wurde Sally ein Geburtstagsschaf. 

Immer wenn ein Tier Geburtstag hatte, rief es ein paar Tage zuvor nach dem Sahneschaf. Dann wurden die Vorlieben und Geschmacksrichtungen besprochen und Sally machte sich an die Arbeit. Sie streifte durch Wald und Flur und sammelte frische Beeren, Kräuter und wohlschmeckende Blüten. Am Tag des Geburtstages dekorierte sie sich mit den gesammelten Früchten. Eine paar Kirschen auf dem Rücken, ein paar Erdbeeren am Bauch. An den Flanken waren recht ansehnlich saftig-süße Himbeeren oder Blaubeeren arrangiert. Noch schnell ein paar Gänseblümchen auf den Kopf gestreut und fertig war die Geburtstagstorte auf vier Beinen! Sobald Sally auf der Geburtstagsparty erschien, gab es viele bewundernde Aaaahs und Ooohs. Sally sah wirklich jedes Mal zum anbeißen gut aus! Sie war das beste Geburtstagsschaf weit und breit und jedes Tier spürte, mit wie viel Liebe und Sorgfalt sie sich ihrem Beruf widmete. 

Sobald das Geburtstagstier sich den ersten Happen von Sally Sahneschaf genommen hatte, durfte sich die anderen Gäste bedienen. Sie schleckten und schlürften und seufzten vor Glück. So süß und lecker schmeckte Sallys Sahnepelz, so zart verging er den Tieren auf der Zunge. Zufrieden und satt lagen die Tiere im Gras, es war wieder einmal ein gelungenes Fest im Tierreich! 

Sally war ein sehr gewissenhaftes Geburtstagsschaf und überlegte sich immer wieder, wie sie ihre Kunden im Tierreich noch zufriedener machen könnte. Eines Tages hatte sie die zündende Idee: zu einem gelungenen Fest gehörte nicht nur gutes Essen, sondern auch…… erratet ihr es?

Genau! Zu einem gelungenen Fest gehört auch Musik!

Wenn man sich den Bauch mit Geburtstagstorte vollstopft, braucht man anschließend etwas Bewegung. Sonst wird man träge und viel zu dick!

Sally konnte leider nicht gut singen, ihre Stimme klang leicht scheppernd und sie hatte Mühe die Töne zu halten. Wenn Sally sang, klang es etwa so: „Määäh schön, dass du geboren määhst.“ oder „Määäähpy birthday to you!“ Nein, das konnten andere Tiere definitiv besser. Sally machte sich auf den Weg, einen passenden Sänger oder eine Sängerin zu finden. Die Wälder und Wiesen waren voller guter tierischer Musikanten, Sally war sich sicher, bald jemand kompetentes zu finden. 

Um es kurz zu machen: nachdem Sally mit summenden Bienen, zirpenden Grillen, zischelnden Schlangen, röhrenden Hirschen, quakenden Fröschen, schnatternden Gänsen und tschilpenden Meisen gesprochen hatte, hätte sie zwar ein komplettes Orchester beisammen gehabt, aber sie suchte nach einem ganz besonderen Musiker. Einer, der so besonders war wie sie selbst. 

Sally Sahneschaf musste fast ein ganzes Jahr suchen, bis sie endlich einen passenden Kollegen fand. Ihre Wahl fiel auf Finn Falke, einsamer Sänger in luftiger Höhe. Finn Falke wohnte hoch oben im Kirchturm eines Dorfes und sang sich jeden Abend selbst in den Schlaf. Er hatte einen wunderbaren Bariton, seine Stimme streichelte die Seelen derer, die ihn singen hörten. Die Wärme in seiner Stimme war so wohltuend und mit nichts zu vergleichen. Finn Falke war ein ganz besonderer Sänger und obendrein ein sehr netter Typ.

Sally und Finn ergänzten sich wirklich gut: die beiden hielten Leib und Seele zusammen. Nach ein paar Absprachen und Proben, waren sie schnell bereit, gemeinsam ihre Geburtstagsdienste aufzunehmen.

Sally war wie immer am ganzen Körper mit Früchten, Blüten und Kräutern geschmückt und trat zur Eröffnung der Geburtstagsparty feierlich in den Kreis der eingeladenen Tiere. Oben auf ihrem Kopf thronte Finn Falke und sang mit klarer Stimme ein Geburtstagslied. Nach und nach stimmten alle Tiere mit ein und gemeinsam ließen sie das Geburtstagskind hochleben. 

Dann schleckten sich alle am Sahneschaf satt und gegen später wurde getanzt. Hasen hoppelten mit Eichhörnchen im Kreis, Rehe schritten einen zarten Tanz, während Libellen sie schillernd umkreisten, Enten und Gänse schlugen mit den Flügeln den Takt dazu. 

Dank Sally Sahneschaf und Finn Falke wurde bald jedes tierische Geburtstagsfest zu einem unvergesslichen Ereignis.

So ging das viele lange Jahre und wenn sie nicht gestorben sind, feiern sie heute immer noch.

Normalerweise wäre dies nun das Ende der Geschichte. Aber ich sehe, ihr glaubt mir nicht so recht. Ein Sahneschaf? Wo gibt’s denn sowas? 

Vielleicht gibt es das Sahneschaf nicht wirklich. Allerdings gibt es ganz viele besondere und einzigartige Menschen und Tiere. Leute eben, die ganz anders sind als alle anderen und die es aus diesem Grund ein wenig schwerer haben, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Schaut euch mal um. Ihr findet bestimmt das eine oder andere Sahneschaf in eurer Umgebung. Seht einfach mal genauer hin und traut euch das Sahneschaf besser kennenzulernen. Dann geschieht nämlich etwas, was ebenso einzigartig und unvergesslich ist, wie die Geburtstagsfeiern in der Geschichte. 

Was da geschieht? Probiert es einfach mal aus. Ihr werdet es nicht bereuen.

Text: A. Müller

Illustration: http://www.anja-klukas.de

Was andalusische Fliesen mit Hängebrüsten zu tun haben

Was andalusische Fliesen mit Hängebrüsten zu tun haben

Andalusische Fliesen sind wirklich wunderschön. Hängebrüste hingegen weniger. Andalusische Fliesen hängen, einmal verklebt, fest an der Wand. Da wackelt nichts! Hängebrüste werden weniger häufig verklebt, deshalb braucht ihre Trägerin eine Art Fixage, um den Anschein von fester Form zu erwecken. Denn das Auge des Betrachters ist ein sensibles Organ und möchte lieber betrogen als mit der Wahrheit konfrontiert werden. 

Fliesen wie Brüste hängen halt so rum. Den Andalusiern wird es gestattet, den Brüsten hingegen nicht. Je älter die von Hand bemalten Fliesen sind, desto mehr werden sie gerühmt, bestaunt, mit Aufmerksamkeit belohnt. 

Ganz anders gestaltet sich die Sichtweise auf Hängebrüste und ihre Trägerinnen: je älter sie werden, desto schamhafter werden sie versteckt. Komplizierte Vorrichtungen aus Längs- und Querverstrebungen, Haltebändern und, wenn man genau hinschaut, mit Stahlträgern versehen, werden konzipiert. Allein, um der Ästhetik genüge zu tun und den Trägerinnen ein unbeschwertes Restleben zu ermöglichen. 

Ja, klar. 

Die Verfasserin dieses Textes weiß ganz genau wovon sie schreibt, schließlich bekommt sie jeden Tag Unmengen von digitaler Werbung auf den Bildschirm gespült. Unternehmensberater offerieren ihre Dienste, Rasenroboter zeigen, wie toll sie mit Gras umgehen können, Kosmetikhersteller werben für faltenfreie Haut und so weiter und so fort.

Werbung ist im Grunde eine gute Sache. Wer für sich und seine Fertigkeiten wirbt, wird von Hilfesuchenden gefunden. Eine ganze Industrie lebt mittlerweile gut davon. Manche Werbeanzeigen sind sogar richtig lustig, wie die von einem finnischen Hersteller von Kopfhörern, der mit dem eingenommenen Geld einen Todesstern bauen will.

Selbst wenn man nicht die Absicht hat, sich neue Kopfhörer zuzulegen, ist man wenigstens gut unterhalten. Solche Werbeanzeigen bleiben allerdings eine Ausnahme in der Werbeflut. Ganz oft ist der Betrachter, die Betrachterin, einfach nur genervt. Wer kein Unternehmen unterhält, den interessiert nicht, was der Coach XY zum besten gibt. Wer keinen Garten hat, dem bringt kein Rasenroboter Nutzen. Und wie man mit Gras umzugehen hat, weiß mittlerweile jedes Kind.

Da hat man vor Jahren im Internet einen Artikel über die Alhambra gelesen und seitdem ploppen Anzeigen für oben genannte Fliesen oder spanischem Wein auf. Gut, man könnte sich mit dem Wein die Werbung über die andalusischen Fliesen schönsaufen, aber dann müsste man in absehbarer Zeit den Begriff Leberzirrhose googeln, in dessen Folge dann vermutlich weitere unschöne Werbung auftaucht. 

Je mehr man sich auf social Media Plattformen bewegt, je mehr Artikel man über diverse Suchmaschinen findet, desto mehr Werbung wird personalisiert. Allerdings stellt man sich dann schon hin und wieder die Frage, weshalb bestimmte Unternehmen oder politische Parteien so bresthaft oft auftauchen, obwohl man niemals freiwillig eines ihrer Produkte kaufen oder sie wählen würde. 

Macht man sich die Mühe, all diese unerwünschten Werbeanzeigen zu verbergen, darf man sich jedoch nicht dem Glauben hingeben, nun hätte man seine Ruhe. Nein, das Gegenteil ist der Fall! Auf zwei verborgene Werbeanzeigen kommen mindestens vier Neue. Die Verfasserin dieses Textes, ihr Leben lang Angehörige der Spargelfraktion, bekommt neuerdings Werbung für formschöne Büstenhalter ab Größe Doppel D und für Kleidung XXL. Und weil sie neulich nassforsch-naiv ein Foto in einer esoterischen Gruppe kommentierte, muss sie nun mit Werbung für Chakren- und Elftraumdeutung leben. 

In solchen Momenten wünscht man sich, die Werbung für Hängebrüste nicht so vorschnell weggeklickt zu haben. 

Kluge Menschen wissen welche Einstellungen man vornehmen muss, um weniger Werbung angezeigt zu bekommen. Die Verfasserin dieses Textes gehört leider nicht zu dieser Gruppe. Die Gnade der frühen Geburt läßt sie immer noch viel zu analog denken. Sie ist mit der Installation von Firewalls und Addblockern hoffnungslos überfordert. Neulich hat sie in ihrer Verzweiflung unter dem Begriff „ausgeprägte digitale Doofheit“ nach Hilfe gesucht. Die Suchmaschine teilte ihr unumwunden mit: „digitale Doofheit ist keine Option“ und verlinkte auf einen Artikel über die Musikbranche. Mit Musik geht halt alles besser. Das wusste man schon im analogen Zeitalter.

Die schiere Anzahl der Werbeanzeigen erinnert an das Grimmsche Märchen vom süßen Brei. Nur wer das Zauberwort wußte, konnte sich am nahrhaften Brei laben. Aber wehe, wem das Zauberwort für das Beenden der Mahlzeit nicht bekannt war. Dem floss der Brei bald über Tisch und Bänke, im ganzen Zimmer und zur Tür hinaus. 

Ist das (virtuelle) Zimmer erst einmal mit klebrig-süßem Werbebrei angefüllt, sieht man wenigstens die andalusischen Fliesen an den Wänden nicht mehr. Und die Hängebrüste sind auch irgendwie fixiert.

Am Ende bleibt ein ziemliches Sättigungsgefühl und bisweilen arges Magendrücken. Aber dafür gibt es bestimmt bald die passende Werbung.

Text: A. Müller

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen!

„Das Leben ist ein Kampf!“ pflegte die betagte Dame zu sagen und sie schnaufte dabei, als würde sie sämtliche Last der Welt auf ihren Schultern tragen. In ihrem langen Leben hatte sie viel erlebt: Krieg und Tod, Ausgrenzung und Verlust der Heimat. Das Leitmotiv ihrer Zeit war das Pflichtbewusstsein. Für Purzelbäume war kein Platz. 

Wer, wie die alte Dame, mit Arbeit, Alltag und Erfüllung von Konventionen beschäftig ist, sieht oftmals die kleinen witzigen Dinge nicht mehr. Kleinigkeiten, die sich heimlich im Kopf festmachen, das Gehirn kitzeln und die verkrusteten Gedanken mit übermütigem Gelächter frei sprengen. Kinder machen einfach ab und zu ein paar Purzelbäume, kullern auf der Wiese und lachen bis ihnen der Bauch weh tut. Sie lassen nicht zu, dass der Schorf der spröden Gedanken ihr Gehirn verkrustet. Sie entledigen sich dieser Borken auf ganz natürliche Weise: mit Lachen, Jauchzen und Lebensfreude.

Purzelbäume sind vielleicht für den einen oder anderen Erwachsenen aus körperlicher Sicht nicht möglich. Da knackt es im Rücken öder Knie, knirscht es in den Schultern oder der über die Jahre angewachsene Bauch steht dem Vorhaben im Weg. Macht nix! Wer im gesetzten Alter keine äußerlichen Purzelbäume mehr schlagen kann, kann das immer noch im Geiste tun. 

Ja, aber wer im gesetzten Alter noch ständig herumalbert, macht sich doch lächerlich! Gerade die Älteren sollten sich als Vorbild erweisen und den Ernst des Lebens wahrnehmen. Nur so können sie sich angemessen verhalten! Mit Blödsinn und Albernheit ist der Menschheit doch auch nicht geholfen! 

Doch.

Mit einem gerüttelt Maß an Albernheit kommt nämlich die pure Freude am Sein zurück. Mit der Freude kommt das Staunen. Mit dem Staunen kommt die Neugier. Mit der Neugier kommt die Leichtigkeit. 

Wer ständig von der Last der Aufgaben zu ersticken droht, dem könnte der eine oder andere Purzelbaum das Leben retten. Wenn der Bauch vor Lachen weh tut, atmet man wieder tief ein. Holt Luft. Man muss nur bereit sein, ein paar Purzelbäume in sein Hirn zu pflanzen. Das Saatgut gibt es mit jedem Kinderlachen gratis und keimt mit ein paar hellen Gedanken sehr schnell. Wer ab und an ein bisschen Licht in sein Oberstübchen läßt, hat gute Chancen auf eine gesunde Entwicklung des Purzelbaumsprößlings. Der schiebt seine Wurzeln aus Wohlwollen tief in das Denken und kann so einen festen Stamm aus purer Lebensfreude bilden. Der Schößling wird mit den Jahren immer stärker, treibt Ast um Ast und seine Blätter kitzeln sämtliche unterversorgte Gehirnregionen. Die Blüten des Purzelbaumes blühen in allen Farben des Regenbogens. Jede sieht anders aus und läßt den inneren Gärtner vor Freude lächeln. Purzelbaumblüten sind ein probates Mittel gegen Schwermut und den Ernst des Lebens. Wer sich einen oder sogar mehrere Purzelbäume eingepflanzt hat, sie hegt und pflegt, der spürt sogar noch in schweren Zeiten das Gute. Wenn es im Gehirn heiß hergeht, spenden die Blätter des Purzelbaumes angenehmen Schatten, kühlen die Gedanken und klären den Blick. 

Was für eine schöne Vorstellung: an der Straße des Denkens stehen auf beiden Seiten Purzelbäume. Ein Spiel aus Licht und Schatten, das Rauschen der Blätter im Wind und das zarte Zirpen der kleinen Gedanken. Je nach Jahreszeit ändern sich die Umstände, die Ansichten, die Sichtweisen. Purzelbäume sind Bewegung und Wandel. In ihnen wohnen Neugier und Lust, Liebe und Spaß, Freude und Übermut.

Purzelbäume aktivieren übrigens nicht nur das Gehirn. Besonders schöne Exemplare werfen ihre Früchte bis zum Herz. Das Herz pumpt den süßen, klebrigen und köstlichen Saft in jede Körperzelle. Die Früchte des Purzelbaumes lassen Herzen hüpfen und Augen leuchten. Schaut euch die Kinder an. Sie sind Beweis genug.

Trotzdem: es steht Erwachsenen nicht gut an, kichernd und glucksend durch das Leben zu gehen. Solche Leute nimmt man doch nicht Ernst! Wo kommen wir denn da hin? Die Welt würde im Chaos versinken, wenn alle nur noch ihren Spaß haben wollten. Wo bleiben Ordnung und Disziplin? Wer soll die ganze Arbeit machen, wenn alle glücklich unter ihrem Purzelbaum sitzen?

Säßen wir öfter unter unserem Purzelbaum, hätten wir vielleicht nicht mehr so viel Lust, die Welt im Chaos versinken zu lassen. Spürten wir öfter innere Freude und Zufriedenheit, kämen wir vielleicht gar nicht mehr auf die Idee, dass alles Erwachsene ernst sein muss. Womöglich würden wir dann auch merken, wie viel Spass „Arbeit“ machen kann. 

Und das alles nur, weil sich mit den Purzelbäumen alte Verkrustungen im Denken gelöst haben. 

Das innere Juchzen ist nur einen Purzelbaum entfernt. Wer hätt’s gedacht?

Vielleicht ist es an der Zeit, Purzelbäume unter Schutz zu stellen. Gewächse, geboren aus Kinderlachen und Leichtigkeit, retten die Welt vor dem Chaos. 

Und wem dieser Gedanke zu groß ist: Purzelbäume retten Tag für Tag den eigenen kleinen Alltag. Das ist immerhin ein Anfang.

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen!

Text: A. Müller

Gedanken über lange Haare

„Ich hab’ ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein!“ Dieser Satz wurde während meiner frühen Kindheit sehr oft gesagt. Er sollte zeigen, wie offen der Sprechende der Zukunft zugewandt ist und dennoch Wert auf Tugenden und Traditionen legt. Je öfter dieser Satz ausgesprochen wurde, desto weniger wahr wurde sein Sinn. Meist wurde er von einem kleingeistigen Hirn und kurzgeschorenen Kopf ausgesprochen, von einem, der Angst vor den Neuerungen der zukünftigen Zeit hatte.

Lange Haare, und damit war das am Hemdkragen anstossende Nackenhaar gemeint, standen als Synonym für Liederlichkeit, Respektlosigkeit und dem Verfall althergebrachter Werte. Wer lange Haare hatte, war ein Gammler, ein Nichtsnutz, ein Störenfried. So einfach war das. 

Die Nachkriegswelt war im Wandel und es fiel den Menschen schwer, sich neu einzuordnen. Was gestern richtig war, war nun falsch. 

Adrette Kleidung und Frisur waren plötzlich keine Garantien mehr für innere Anständigkeit. Im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten waren es gerade die adrett gekleideten, die die größten Verbrechen verübt hatten. Ganz langsam drang dieser Gedanke in die Köpfe der Erwachsenen, nistete sich ein und brachte enorme Verunsicherung mit sich. Sie wehrten sich, sträubten sich und klammerten sich mit aller Kraft an ihre Überzeugungen. Die langen Haare der jungen Generation kamen gerade recht, sie wurden äußeres Zeichen eines Umbruchs des Denkens. Die langen Haare der Jugend wurden zum Stein des Anstoßes gemacht, damit man sich nicht mit der Geröllhalde der Vergangenheit befassen musste.

Lange Haare wurden zum Zeichen einer neuen Zeit. Wer sich die Haare wachsen ließ, trug seine Frisur wie eine Uniform. Die Haartracht wurde zum Merkmal einer Gesinnung, einer anderen Lebensweise. Lange Haare symbolisierten den Wunsch nach innerer und äußerer Freiheit und dem Streben nach Frieden. 

Gleichzeitig waren die langen Haare auch eine Kriegserklärung der jungen Generation an die althergebrachten Werte und ihrer Vertreter. Die Träger langer Haare stellten alle gesellschaftlichen Regeln in Frage: die Rollenverteilung in Familie und Gesellschaft, die Politik der vergangenen Jahre, die Verteilung wichtiger Ämter, und so weiter und so fort. Wer lange Haare trug, wollte Veränderung! 

Natürlich konnten die Kurzgeschorenen die Umsturzversuche nicht einfach so geschehen lassen. Sie boten alles auf, was ihnen die Staatsmacht an Möglichkeiten gab. Sie klammerten sich verzweifelt an ihre Werte, an ihre Pfründe und an ihre Macht. 

Die Kurzgeschorenen vertrauten der Vergangenheit, die Langhaarigen der Zukunft. 

Einfach mal wachsen lassen, einfach mal abwarten, was geschieht, so könnte das Credo der Langhaarigen gewesen sein. Ideen wie Haare spriessen lassen, sie erst einmal nicht zu beschneiden, Kreativität in und auf den Köpfen.

Lange Haare wurden zum Kraftsymbol, sie sprengten althergebrachte gesellschaftliche Ketten auf sichtbare Weise. 

In manch einer Familie wurden sie zum Zankapfel zwischen den Generationen. „Was sollen denn die Leute denken?“, war die große Angst der Älteren. Vielleicht hatte die ältere Generation ihren gesamten Mut während des vergangenen Krieges schon aufgebraucht und konnte sich nun einfach nicht mehr aufraffen. Man kann es ihnen nicht verdenken. Schließlich konnte noch vor wenigen Jahren das Leben davon abhängen, was „die Leute“ denken.

Die Kurzgeschorenen wurden von der Angst regiert. Die Langhaarigen von der Hoffnung.

Jetzt, einige Jahrzehnte später, sind nicht alle Hoffnungen und Träume in Erfüllung gegangen. Lange Haare sind schon lange kein Zeichen mehr für Erneuerung und Widerstand. Frisuren werden kaum noch wie Uniformen getragen, neue Ideen haben es allerdings immer noch schwer.

Inzwischen sind nämlich wir, die damals junge Generation, die Älteren. 

Wir stehen nun vor der Frage, wie weit wir an unseren Werten, an unseren Erfahrungen und Möglichkeiten festhalten und wann wir den Jungen den Stab der Verantwortung für die Zukunft überlassen. 

Wir, die damals Langhaarigen, forderten das Recht eigene Fehler machen zu dürfen, von den Alten ein. Es würde uns gut zu Gesichte stehen, dieses Recht den Jungen zuzugestehen.

Denn sonst sind wir keinen Deut besser, als die, die wir damals bekämpft haben.

Text: A. Müller

Die total verrückte Quatschgeschichte

Vielleicht sollten wir alle mal öfter „Bibabalula!“ rufen?

Oma, die Schreibtante

„Bibabalula, das wird ein schöner Tag heute,“ denkt sich Herr Kleingedruckt als er am Morgen die Bettdecke zurückschlägt. Er reckt und streckt sich ausgiebig, bevor er mit einem großen Schwung beide Füße auf den Boden stellt. 

Es ist noch ziemlich früh am Morgen und Herr Kleingedruckt hat keine Ahnung, was ihm an diesem Tag noch alles widerfahren wird. Er hat einfach nur gute Laune und startet mit einem weiteren fröhlichen „Bibabalula!“ in den Tag.

Als Erstes geht Herr Kleingedruckt wie jeden Morgen zur Toilette. Er zieht sich die Unterhose herunter und will sich gerade setzen, als er eine Stimme hört. „Guten Morgen und herzlich Willkommen auf deiner Toilette. Wir wünschen einen entspannten Aufenthalt.“

Erschrocken zieht Herr Kleingedruckt seine Hose wieder hoch. „Wer ist da?“ fragt er in den eigentlich leeren Raum hinein. Er schaut sich genauer um, kann jedoch nichts außergewöhnliches entdecken. Da ist die Toilette, die Klobürste, das…

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Anleitung zum Unglücklichsein oder wie ich einen Shitstorm erzeuge

Anleitung zum Unglücklichsein oder wie ich einen Shitstorm erzeuge

Keine Frage, die digitale Welt hat viele Vorteile. Aber ist euch schon mal aufgefallen, welche Nachrichten rasend schnell verbreitet werden? Es sind nicht die guten Dinge, die sofort über Facebook, Pinterest oder Instagram geteilt werden, nein es ist stets negatives Zeug, bzw. aus dem Blickwinkel der Ablehnung Beschriebenes. Nachrichten über die man sich empören kann, haben eine weitaus höhere Verbreitungsgeschwindigkeit vorzuweisen als Nachrichten, die froh machen. 

Gemeinschaftlich dagegen zu sein ist schwer in Mode gekommen.

Nehmen wir ein Beispiel, das vor ein paar Jahren durch die Presse ging: die wertfreie Nachricht „im Umweltministerium wird bei Veranstaltungen künftig kein Fleisch und kein Fisch mehr serviert“ wird im Netz, in Printmedien und im TV sprachlich mit einer Wertung versehen: Nahrungsdiktatur! Entzug der Entscheidungsfreiheit! 

Nehm den Menschen etwas weg (hier ihr täglich Fleisch), säe damit Unfrieden und ernte einen Sturm der Empörung. Funktioniert immer und ist ganz einfach. 

Dieselbe Nachricht könnte auch positiv gewertet kommuniziert werden: „im Sinne des Tier- und Umweltschutzes geht das Umweltministerium mit gutem Beispiel voran.“

Nur: diese Meldung liest kein Mensch. Schlecht für’s Clickbaiting, schlecht für die Stimmungsmacher. Und vor allem: schlecht für jene, die lieber Lösungen erarbeiten würden. Die müssen sich nun mit all den Empörten herumschlagen, müssen ihre Zeit mit sinnlosen Diskussionen verdaddeln und haben irgendwann vielleicht gar keine Lust mehr, irgendwas zu verändern.

Das wissen diejenigen, die so viele Meldungen mit einer Wertung versehen. Sie drücken auf’s bewährte Knöpfle und suggerieren den Menschen, es würde ihnen etwas weggenommen. Beispiele gefällig? Bitteschön:

Die Schlagzeile „Flüchtlinge nehmen uns unsere Kultur weg!“ bringt jede Menge Klicks und garantiert massive Verbreitung. Es ist das Spiel mit der subtilen Angst vor Fremdem, dass hier erfolgreich genutzt wird. Ginge es nicht vielleicht auch anders?

„Flüchtlinge können unseren Alltag bereichern und bringen frischen Wind in die Gesellschaft“ bringt  leider allenfalls Gemaule hervor, „es würde uns was vorgelogen“.

Dabei ist die positive Wertung ebenso wahr oder unwahr wie die Erste. Es ist schlicht eine Wertung ohne jemals den entsprechenden Beweis angetreten zu haben.

Übrigens: Kultur ist nichts was man stehlen könnte. Sie entsteht im Laufe der Jahrhunderte und unterliegt dem ständigen Wandel. Wäre Kultur statisch, würden wir immer noch mit Erdfarben Höhlenwände bemalen. Selbst in grauer Vorzeit stand die Menschheit fremden Gruppen zunächst argwöhnisch gegenüber. Sprache, Haltung, Gestik musste erst einmal dechiffriert werden, um erkennen zu können, wie wichtig Austausch und Perspektivenwechsel sein können. 

„Der Islam bedroht das Christentum!“ macht Angst. Man denkt sofort an die 2. Belagerung der Türken von Wien im 16. Jahrhundert. 

„Christen besinnen sich ihrer Werte und leben friedlich neben anderen Religionen“ ist keine Meldung für Leute, die Vergewaltigungen, Blut und Tränen brauchen, um sich im Rennen zu halten. Diese positiv bewertete Meldung verstehen vermutlich nur diejenigen, die Werte nicht „verteidigen“, sondern einfach leben. Werte entwickeln eine ganz eigene Kraft, wenn sie nicht nur in irgendwelchen Texten beschrieben, sondern im realen Leben umgesetzt werden. Wer also an die Lehre Jesu glaubt, der kann Tugenden wie Mildtätigkeit, Fürsorge den Schwächeren gegenüber oder Großherzigkeit einfach nur in sein tägliches Leben integrieren. Wer diese Werte verinnerlicht hat, dem können sie nicht mehr gestohlen werden. 

Ein anderes Beispiel für den Trick mit negativen Schlagzeilen gefällig? Überschriften wie „Fahrverbote für Diesel!“ rütteln eine bestimmte Gruppe von Verkehrsteilnehmern auf und suggerieren die Einschränkung der eigenen Mobilität. Die Aussage der Headline ist nicht grundsätzlich falsch, allerdings impliziert sie eben auch schon eine Meinung. Würde die Überschrift jedoch lauten: „VVS halbiert Fahrpreise während des Feinstaubalarms“ brächte sie bestenfalls eine „das ist ja das Mindeste was man verlangen kann!“-Reaktion unter den Lesern hervor. Keine Sau interessiert sich für einen Artikel, der die positive Sicht auf eine Situation beleuchtet. Lieber schwelgt man in gemeinschaftlicher Empörung, baut in sozialen Medien seinen Frust ab und verliert sich in wüsten Beschimpfungen. Es werden Ansprüche erhoben, deren Ursprünge in der eigenen Komfortzone liegen. 

Die eigene Verantwortung und das eigene Handeln treten dabei vollkommen in den Hintergrund. „Die anderen“ sollen es richten. 

Ganz lustig wird es dann, wenn verschiedene Nachrichten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, in einen Topf geworfen, gut umgerührt und dann über die digitale Welt ausgeschüttet werden. Dafür gibt es sogar schon ein eigenes Wort, „Whataboutism“ nennt man das. Beispiele lassen sich überall im Netz finden. Diese Äpfel mit Birnen Vergleiche beginnen meist so: „aber was ist mit….?“ und sollen Verwirrung stiften. Wer Whataboutism regelmäßig anwendet, ist nicht an einem Konsens interessiert. 

Natürlich ist die Welt in ihrem aktuellen Zustand keine heile Welt. Es gibt überall Baustellen, Dinge, die besser laufen könnten, Dinge, die richtig schlecht laufen. Es wäre ebenso wenig hilfreich, die Dinge grundsätzlich schön zu schreiben. Dennoch muss gefragt werden, welchen Nutzen die Menschen haben, wenn man die Welt noch schlechter schreibt als sie ist? Ist Demoralisierung und Aggressivität im Ernst der richtige Weg Probleme zu lösen? Geht es denn nicht um den Konsens? 

Wenn man einmal verstanden hat, wie Stimmungen generiert, wie Meinungen gemacht werden, hat man ein mächtiges Werkzeug in der Hand, dem Ganzen nicht immer auf den Leim zu gehen. Wenn nicht jede Negativ-Schlagzeile geteilt wird, nicht jedes Problem zu einem Supergau gemacht wird, tritt wieder eine gewisse Gelassenheit an den Tag. 

Eine Gelassenheit, die uns seit einiger Zeit abhanden gekommen ist und uns hülfe, den Problemen der Welt konstruktiv entgegenzutreten. 

Text: A. Müller

Während du gehst

Während du gehst

Während du gehst, sitze ich an deinem Bett und halte deine Hand. Ich möchte dir noch so viel sagen, möchte mich bei dir für dein Leben bedanken und alles was mir einfällt ist: noch ist deine Hand ganz warm. Ich möchte den Gedanken abschütteln, ihn loswerden. Er erscheint mir so unangemessen, so dumm. Natürlich ist deine Hand noch warm. Du lebst ja noch. Du atmest, du bewegst die Augen hinter den geschlossenen Lidern. Du bist noch da.

Deine Hand liegt in meiner, ich streichle zärtlich über deine Haut. Du bist noch da, aber ich spüre wie du dich auf den Weg machst. Deine Hand liegt in meiner und ich kann dich trotzdem nicht festhalten. Mir zerreißt es fast das Herz, ich will dich nicht loslassen müssen. Du gehörst doch zu meinem Leben, du warst immer da. Deine Hand ist noch ganz warm. Wie kannst du es wagen, einfach zu gehen? Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn deine Hand plötzlich kühler wird. Nach einer Weile dann ganz kalt sein wird. Wohin gehst du? Sag es mir!

Während du gehst, sitze ich an deinem Bett und will die Zeit anhalten. Dann könntest du nicht gehen, würdest immer bei mir bleiben. Dann würde mich vielleicht der Schmerz verschonen. Es tut so weh, wenn du gehst. Noch bist du da und ich kann dich halten. Kann mich an dir festhalten.  Wer hält mich fest, wenn du gegangen bist?

Während du gehst, versuche ich mich an all die schönen Momente zu erinnern. Ich will dein Lachen noch einmal hören, will noch einmal deine Liebe spüren. Aber ich spüre nur deine warme Hand. In meinem Kopf wirbeln so viele Gedanken, sie lassen sich nicht einfangen. Alles was ich spüre ist deine warme Hand. So wenig und doch so unendlich viel.

Ich friere. Mir ist, als würde ich von innen nach außen einfrieren. Deine Hand ist noch warm, aber in mir breitet sich eine nie gekannte Kälte aus. Das Eis in mir läßt mich erstarren, macht mir das atmen schwer. Unser beider Brustkorb hebt und senkt sich nur mit Mühe. Bei dir, weil dein Weg anstrengend ist. Bei mir, weil ich dir nicht helfen kann.

Ob mir jemals wieder warm und wohlig im Inneren wird? 

Deine Hand. Ich lasse sie nicht los. Zu groß ist die Furcht, dass du dann einfach gehst. Ich halte deine Hand, ich halte dich fest. Bitte gib mir noch Zeit mit dir. Ich bin noch nicht so weit, dich loszulassen.

Ich schelte mich selbst. Wie egoistisch ich doch bin! Du hast dich auf den Weg gemacht und nur du entscheidest, wann du am Ziel ankommen willst. Alle meine Wünsche werden so klein angesichts deines Weges. 

Ich werde bleiben müssen. Meine Hand wird noch lange warm sein. Du jedoch, machst den größten Schritt, den man sich vorstellen kann. Obwohl, niemand kann sich diesen Schritt vorstellen. Niemand weiß wohin er führt. Wie mutig du bist! 

Ich sitze nur da und halte deine Hand, aber du… du musst diesen einen, diesen letzten Schritt ganz alleine wagen. Dein Körper ist krank und müde und doch bringst du die Kraft für den allerletzten Schritt auf. Ich bewundere dich.

Während du gehst, möchte ich dir noch so viel sagen. Ich möchte dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber aus meiner Kehle dringt kein Ton. Ich streichle über deine Hand und überlege, ob du jetzt vielleicht meine Gedanken spüren kannst. Ganz vorsichtig und sachte drücke ich deine Hand. Ich will ganz sicher sein, dass du verstehst. Ich kann dich nicht gehen lassen, ohne dir noch einmal meine Liebe zu zeigen. Wenn die Liebe eine Wolke wäre, würde ich dich damit einhüllen. Nimm diese Wolke mit auf die andere Seite. Vielleicht brauchst du sie dort. 

Kannst du bitte ein wenig von deiner Liebe hier lassen? Für alle Fälle. 

Während du gehst, beuge ich mich zu dir. Ich nehme noch einmal deinen Geruch auf. Ganz tief sauge ich ihn in mich hinein. Er wird bleiben, wenn du schon fort bist. 

Ich rieche nicht deine Krankheit und ich rieche nicht deinen Schmerz. Alles was meine Nase aufnimmt, ist der Geruch deiner Selbst. Du riechst nach Heimat, nach Vertrauen, nach Beständigkeit.

Deine Hand liegt in meiner. Früher war es umgekehrt. Da durfte ich meine kleine Hand in deine Große legen. Du hast mich geführt, mich gehalten, mich gestützt. Habe ich mich jemals bei dir bedankt? Du warst immer wie selbstverständlich für mich da. 

Jetzt bin ich an deiner Seite, halte deine warme Hand in meiner. Es ist schwer. Unendlich schwer.

Aber es ist auch gut. Wir haben noch ein kleines bisschen Zeit.

Ich halte dich und du hältst mich. Wir halten uns gegenseitig. 

Wir wissen beide nicht, wie lange wir uns noch halten dürfen. Wie lange noch deine Hand in meiner liegt. Es ist jedoch nicht von Bedeutung. Wir sind gemeinsam im Jetzt. Das ist das letzte Geschenk, dass wir uns gegenseitig machen.

Während du gehst, lasse ich mich an deiner Hand treiben. Du führst mich zu Stellen, die ich noch nicht gekannt habe. Ich fürchte mich, aber deine Hand bleibt ruhig in meiner. Du bist dir deiner Sache sicher, du kennst den Weg. Ich vertraue dir ein letztes Mal.

Du führst mich zum seelentiefsten Schmerz, ich sträube mich dagegen. Aber du bleibst beharrlich auf deinem Weg, denn du weißt in diesem Moment schon, was nach dem Schmerz kommt. 

Ich muss es erst noch lernen. Kommst du ab und zu vorbei und hilfst mir? 

Während du gehst, spüre ich immer mehr deine Ruhe. Ganz langsam kann ich mich an den Gedanken gewöhnen, deine Hand loszulassen.

Noch halte ich sie in meiner, streichle zart über deine Haut. Noch bist du da und deine Hand ist ganz warm.

Wenn der Zeitpunkt kommt, weiß ich, dass ich loslassen darf.

Text: A. Müller

Beipackzettel für das Leben

1. Was ist Leben und wofür wird es angewendet?

Leben ist ein, im besten Fall jahrzehnte anhaltender Prozess, der sich auf jeden Organismus auswirkt. Leben darf zu jeder Zeit und an jedem Ort angewendet werden. 

Das Produkt ist weder rezept- noch apothekenpflichtig. Leben ist überall frei erhältlich und grundsätzlich nicht käuflich. 

Warnhinweis: Vorsicht vor Produktpiraterie! Eine hübsche Verpackung macht noch lange kein gutes Leben. Achten Sie daher stets auf die Inhaltsstoffe.

Leben wirkt sich auf jede Zelle des Körpers aus. Es kräftigt Muskulatur, Bindegewebe, Haut und Haar und wirkt sich förderlich auf die Mobilität aus. Inwiefern sich Leben auf den menschlichen Geist auswirkt, welche positive oder auch nachteilige Wirkungen möglich sind, wird in breit angelegten Studien erforscht. Die Studien werden regelmäßig in sozialen Netzwerken von den Teilnehmern selbst veröffentlicht.

Leben darf angewendet werden für junges, altes, schräges, vertracktes, verrücktes, langweiliges oder eintöniges Dasein. Für Leben gibt es grundsätzlich keine Kontraindikationen (Ausnahmen siehe Punkt 2.). Wer Leben mag, nimmt es auf. Alle anderen benutzen bitte Kondome oder andere lebensverhindernde Maßnahmen.

2. Was sollten Sie vor Einnahme von Leben beachten?

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen:

Leben darf nicht nicht angewendet werden in der Berufsgruppe der katholischen Geistlichen (die aktive Weitergabe von Leben ist hier strengstens verboten!), bei allergischen Reaktionen auf die Wirkstoffe Neugier und Lust, und bei bestimmten Vorerkrankungen. Hierzu zählen medizinische Tendenzen zur mitternächtlichen Verwandlung in werwolfartige Wesen, spirituelle Tendenzen zur Wiederauferstehung oder die Ablehnung des Lebenswertes einer bestimmten Gruppe der Spezies Homo sapiens.

Während der Schwangerschaft und für Kinder und Jugendliche ist die Einnahme von Leben ausdrücklich erlaubt.

Die übermäßige Anwendung von Leben kann bei Dopingkontrollen zu falsch positiven Ergebnissen führen. 

Bisher liegen keine Hinweise vor, dass das Leben zu einer Beeinträchtigung der Fähigkeit zur aktiven Teilnahme im Straßenverkehr führen könnte.

3. Wie ist Leben einzunehmen?

Sie können Leben in verschiedenen Darreichungsformen einnehmen: in vollen Zügen oder kleinen Schlucken, in großen oder kleinen Happen, unzerkaut, mit oder ohne ausreichend Flüssigkeit. 

Die Dosis ihres individuellen Lebens bestimmen ebenfalls Sie selbst. Bei eventueller Überdosierung nach einem langen Wochenende auf der Piste, verringern Sie daher für die nächsten zwei Tage die Dosis und geben Sie ihrem Arbeitgeber Bescheid.

Langzeitstudien haben ergeben, dass die Inhaltsstoffe von Leben am besten wirken, wenn sie bei Spaziergängen, beim Lesen, beim Sport, bei Unterhaltungen oder beim Sex eingenommen werden.

Eine aktive Atmung ist bei der Aufnahme von Leben sehr förderlich.

Grundsätzlich ist die Einnahme von Leben zusammen mit anderen lebensfördernden Mitteln positiv zu betrachten. Achten Sie hierbei lediglich auf eine ausgewogene Verteilung der Wirk- und Nährstoffe. 5000 kcal täglich in Form von Bier und Chips liefern nur kurzfristig dem Körper die notwendige Energie. Langfristig verhindern sie jedoch die Teilnahme am aktiven Leben.

Bei Leben kommt es immer wieder zu produktionsbedingten Schwankungen des Wirkstoffgehaltes. Kinder und Jugendliche bedürfen daher in aller Regel einer kleineren Dosis, als lebenserprobte Erwachsene. 

Die Einstellung der Dosis obliegt daher stets der Verantwortung des Lebenswilligen und/oder seiner gesetzlichen Vertreter. 

4. Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Wie alle lebensfördernden Mittel, kann auch Leben Nebenwirkungen haben, die jedoch nicht bei jedem auftreten müssen.

Bekannte Nebenwirkungen sind u.a. erhöhter Blutdruck, Herzrasen, Völlegefühl, Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, vermehrte Körperbehaarung oder verschwommenes Sehen.

Auch und gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen sind Nebenwirkungen sehr häufig. Dies liegt daran, dass die Einnahme von Leben individuell stattfindet und es zu einer Asynchronität der Lebenspegel kommen kann.

Ebenso sind gewisse Nebenwirkungen in der Erwartungshaltung an Leben zu verzeichnen. Werden zu große Dosen über einen zu langen Zeitraum eingenommen, tritt ein unerwünschter Nebeneffekt der Gewöhnung auf. Hier kann es zu suchtähnlichem und in der Folge destruktivem Verhalten kommen, das im ungünstigsten Fall zur Lebensverkürzung führen kann.

Warnhinweis: sollte jemand in Ihrer Umgebung an Symptomen der Lebensmüdigkeit leiden, zögern Sie keine Sekunde und bieten Sie Hilfe an!

In einigen Fällen wurde beobachtet, dass nach jahrelanger Einnahme von Leben eine gewisse Routine und Langeweile zu verzeichnen ist. Hierbei kann mit einer Veränderung der Dosis und der Darreichungsform entgegen gesteuert werden. Nehmen Sie in solch einem Fall Leben in Form von Musik, Tanz, Kinderlachen und Pfützenhüpfen auf. 

5. Wie ist Leben (auf) zu bewahren?

Bewahren Sie Leben wo immer Sie können. 

Eine körperlich und geistig gesunde Lebensweise hilft Ihnen, sehr lange vom Leben zu profitieren.

Geniessen Sie Leben, bearbeiten Sie Leben und achten Sie Leben. Selbst in kleinem, unscheinbarem Leben steckt ein Teil der Lösung für Ihre eigenen Lebensfragen.

Lagern Sie Leben bitte nicht über +42° Celsius!

Das Team der Initiative „Mach’ was draus!“ wünscht Ihnen ein langes und erfülltes Leben.

Text: Anja Müller

Die schlechteste Diktatur der Welt

Die schlechteste Diktatur der Welt

Leute, es geht bergab mit unserem Land! Nun leben wir schon seit über einem Jahr in einer Diktatur und noch kaum jemand hat es richtig bemerkt. Was sind wir auch für ein verschlafener Haufen. Einzig ein paar ganz besonders aufmerksame und selbsternannte Aufgewachte weisen uns auf diese sich auf skandalöse Art und Weise einschleichende Staatsform hin.

In vielen Städten gehen daher diese Gruppen von, nun wie soll man sie nennen, Freiheitskämpfern? auf die Straßen und fordern das Ende der Diktatur. Sowohl der Staat an sich, als auch die Polizei als Exekutive lassen diese Leute gewähren. 

Ey, hat denen, also jenen da oben vom Staat, noch keiner gesagt, dass das in einer Diktatur so nicht geht? Führende Diktatoren weltweit schütteln entsetzt den Kopf. Die Deutschen wieder…. 

Zugegeben, seit der letzten Diktatur in diesem Land kann man bei unseren Politikern eine gewisse Ladehemmung in Sachen diktatorischer Fähigkeiten verzeichnen. Mehrfach hört man ihre Reden, hofft auf ein entsprechendes Handeln und dann verläuft sich die Sache doch irgendwie im Sande.

Außer Spesen, nix gewesen. Bei manchen Rednern ist das bestimmt auch besser so. Ich schreibe das hier ausdrücklich leise, weil man darf ja anscheinend nix mehr laut sagen. Man darf sowieso fast gar nichts mehr in diesem Land. Überall nur Gängelei und Schikane. 

Und wieder hat’s niemand gemerkt. Außer den besonders Wachsamen. Den Ausgeschlafenen. Denen, die diese böse Diktatur beim Namen nennen und sie öffentlich an den Pranger stellen.

Das Einzige was man noch darf: man darf uneingeschränkt blöd sein. Das sagen sie einem natürlich nicht offen, diese lausigen Diktatoren.

Daher zurück zu unseren wackeren Freiheitskämpfern, den Verteidigern unserer…. äh.. was wollten die noch mal verteidigen? Ach so, die Meinungsfreiheit.

Sie basteln sich aus dem Sperrmüll der ewig gestrigen Gedanken ihre Schilder und halten sie während ihrer Kundgebungen mit dem rechten Arm nach oben. Gleichwohl in unserer Verfassung irgendwo auf Seite 385 oder so kleingedruckt hinterlegt ist, man dürfe den rechten Arm nicht mehr ganz so weit nach oben ausstrecken. Nur bitte so halbhoch, dass es gerade noch so nicht anstößig wäre. Die machen das aber trotzdem und keiner hindert sie dran. Weil wir in einer Diktatur mit freiheitlicher Verfassung leben. Diktatur light oder so…

Der Staat schaut also milde lächelnd auf sein aufRechtes Volk, der eine oder andere Vertreter dieser bösen bösen Diktatur macht sogar noch ein Herzzeichen mit seinen Fingern oder klatscht sich mit den Freiheitskämpfern ab. Sogar der Staatsschutz, der gerne mal mit der Stasi der ehemaligen DDR verglichen wird, beobachtet das bunte Treiben nur aus der Ferne. Ey, das ist doch eine Scheißdiktatur! Die ist so schlecht gemacht wie das Remake von „Psycho“. Keine neuen Sichtweisen, keine Inspiration. Einfach nur blindes Nachmachen alter Strukturen.

Mit ein wenig Innovation könnte man doch ein paar neue diktatorischen Dinge einführen. Zur Not erfindet man halt was.

Das führt uns zum zweiten Punkt auf der Agenda der Streetfightig men & women: der diktatorische Staat wolle uns alle austauschen, quasi durch „bessere“ oder willfährigere Bürger ersetzen. Na ja, schaut man sich den einen oder anderen an, der sich diese Sicht der Dinge zueigen gemacht hat, da ist der Gedanke an so einen Plan schon verführerisch. Kann man vielleicht mal konkreter drüber nachdenken. 

Wenn unsere neuartige Diktatur ein wenig Glück hat, purzeln von diesen selbsternannten Heimatschützern in ihrem Taumel ein paar über den Rand der Erdscheibe. Dann kriegen die aber Schnappatmung unter ihrer Maske! Übrigens Maske:

Aus diktatorischer Sicht war die Idee der Maskenpflicht gar nicht so übel: es wird nicht nur das Risiko einer Infektion vermindert, sondern verleitet manchem auch die Lust am Dummsabbeln. Es gibt natürlich den einen oder anderen, der sich mit großer Geste auf der Bühne die schwarz-rot-weiße Maske vom Schandmaul reißt und trotzdem seine kruden Reden unters Volk bringt.

Unsere Diktatur läßt solche Leute gewähren. Ein paar Stunden vorher hat es allerdings viel besser mit der Umsetzung des diktatorischen Ansinnens geklappt. Da hat die Staatsmacht ein paar hundert Leute eingekesselt und mit Platzverweisen belegt.

Na also! Geht doch! Und jetzt üben wir das bei den Volkstümmlern eben noch mal. 

Man möchte sowohl der Landes- als auch der Bundesdiktatur zurufen „Tschakka! Ihr schafft das!“ und ihr fest die Daumen fürs diktatorische Gelingen drücken. 

Denn unsere Diktatur ist ja noch jung. Gerade mal ein Jahr alt. Da passieren eben noch Fehler. Das wird schon noch werden. Wir müssen vielleicht einfach noch ein wenig Nachsicht haben.

Interessant ist ja, dass wir so eine Art mehrstufige Diktatur zu haben scheinen. Es gibt viele kleine Länderdiktatoren und über diesen schwebt die Bundesdiktatorin. Weil die alle miteinander noch nicht kapiert haben, wie das in einer Diktatur wirklich funktioniert, sprechen die sich alle paar Wochen untereinander ab. Dann veröffentlichen sie ihre Vorgaben und trotzdem macht jeder was er will. Ich will ja nicht unken, aber dieses Vorgehen klappt schon in einer anderen Staatsform, der Demokratie, nicht so richtig. Wirklich, die Umsetzung dieser Diktatur ist so richtig schlecht geraten. Ich finde, wenn wir schon in freien und geheimen Wahlen unsere Diktatoren wählen müssen, dann sollten die schon wissen, wie sie ihr Volk piesacken. 

Gerade in den Anfängen einer so jungen Diktatur ist es unerlässlich, sich nach positiven Vorbildern umzuschauen. Sonst macht der ganze Zinnober ja keinen Spaß.

Am Ende kommt das Volk noch auf den Gedanken, es könne sich selbst regieren. Oder noch schlimmer: es läuft irgendwelchen Quacksalbern hinterher, die Frieden und Freiheit versprechen. Die versprechen sogar noch mehr, wenn man sie reden läßt. Sie schwafeln vom Ende eines Systems, von totaler Erneuerung, von Kriegsgerichten und von standrechtlichen Mitteln. Was sie nicht sagen: sie wollen die von ihnen aufgedeckte Diktatur durch ihre Eigene ersetzen. Weil sie geschnallt haben, welche Vorteile sie dadurch haben könnten. 

Nicht alle dieser Freiheitskämpfer nehmen ihr Recht auf Blödheit in Anspruch. Manche von ihnen profitieren nur von selbigem.

Derweil hocken unsere Diktatoren zusammen, kneifen ihr rechtes Auge zu (da sehen sie ohnehin nur ganz verschwommen), und rechtfertigen sich.

So langsam denke ich, das sind gar keine Diktatoren! Das sind verkappte Demokraten, die seit über einem Jahr versuchen, irgendwie die neuen Herausforderungen zu meistern. Sie machen dabei jede Menge Fehler, kommunizieren manche Dinge zu früh oder gar nicht oder reden schlichtweg Unfug.

Als Diktatoren haben sie jedenfalls komplett versagt.

Vielleicht hat deshalb noch keiner gemerkt, dass wir in einer Diktatur leben.

Text: A. Müller

Die verlorenen Eier

Die verlorenen Eier

Eigentlich wollte ich heute eine fröhlich-lustige Ostergeschichte schreiben. Von im Wind schaukelnden Blumen, zartem Blütenduft und von der Zuversicht, dass das Frühjahr uns in eine entspanntere Zeit geleiten würde. Die Geschichte sollte von Hoffnung getragen sein. Sie sollte die Leser*innen schmunzeln lassen und wenigstens für eine kurze Zeit die Mühen des Alltags vergessen machen.

Aber ich kann nicht. 

Seit gestern, seit den Ereignissen in meiner Heimatstadt, bin ich voller Wut, voller Trauer und voller Sorge. Und so lass ich jetzt all meinen Gefühlen freien Lauf. Noch habt ihr die Chance aus diesem Text auszusteigen, noch könnt ihr einfach weiter klicken und den Ostersonntag mit eurer Familie draußen, bei schönstem Sonnenschein geniessen. Ich könnte es euch nicht verdenken.

Gestern hat der Staat kapituliert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Staat hat gestern einer kleinen, aber lauten Gruppe das Feld überlassen und sich vorführen lassen.

Gestern hat der Staat den Rest seines Vertrauens verspielt. Wer sollte ihn jetzt noch ernst nehmen?

„Der Staat“ steht hier für all jene, die in die Verantwortung genommen werden müssen: die Stadt Stuttgart mit ihren Bürgermeistern, die Polizei Baden-Württemberg, das Land Baden-Württemberg samt Ministerpräsident und Innenminister.

Einzig und allein ein aufrechter Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums zeigte Haltung und damit die Möglichkeit eines Verbots der Demonstration auf. 

Diese Chance wurde nicht genutzt. Man ließ die Meute frei durch die Stadt ziehen. 

Der Staat hat seine Eier verloren.

Wie soll in Zukunft glaubhaft gemacht werden, dass man sich nur mit wenigen und ausgewählten Personen treffen soll, wenn sich gleichzeitig Tausende ohne Maske und Abstand (oder lieber Anstand?) versammeln dürfen?

Wie kann es geschehen, dass bei einer geschätzten Teilnehmerzahl von 10.000 Demonstranten nur etwas 250 Maskenverstöße geahndet werden?

Wer kommt für die Folgeschäden auf, die zwangsläufig entstehen? 

Und wer kann mir erklären, warum die gleichzeitig stattfindende Fahrraddemo aufgelöst wurde? Diese Demonstranten trugen allesamt Masken, hielten den Abstand ein und traten, ganz im Gegensatz der Exekutive für das Wohlergehen ihres Landes ein. 

Seit gestern kann man sich unzählige Videos und Bilder im Netz anschauen. Zu sehen sind fröhlich tanzende Menschen aus allen sozialen Schichten. Man sieht sie dicht an dicht nebeneinander Richtung Cannstatter Wasen ziehend. Hier und da klatscht man sich mit den begleitenden Polizisten ab. So, als würden sich gute alte Bekannte treffen.

Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen, mitten in der dritten Welle der Pandemie.

Der Staat, der alte zahnlose Tiger, schaut zu. Mehr kommt nicht an diesem Tag von diesem Staat.

Er hat seine Eier verloren.

Vielleicht bin ich ja naiv, ich dachte bislang immer, die Polizei müsse neutral sein. Ich dachte auch immer, die Polizei müsse geltendes Recht sichern bewahren. Alles in allem hatte ich schon ein Grundvertrauen in die Polizei. 

Gestern jedoch hat sich die Polizei mit ihrem Nichthandeln mit den Maskenlosen gemein gemacht. Die Polizei war nicht einmal in der Lage, Plakate von Politikern in Sträflingskleidung von ihren Einsatzwagen zu entfernen. 

Kann mir das mal jemand erklären?

In ihrer abendlichen Presseerklärung erdreistete sich die Polizei sogar, von einer friedlichen Demonstration zu sprechen. Sie hätte keinen Grund zum Eingreifen gehabt.

Friedlich? Im Ernst?

Was zur Hölle ist friedlich daran, mitten in einer Pandemie zu Tausenden durch die Stadt zu ziehen? Die Gefahr einer Ansteckung ist hier kleiner bemessen worden, als es in einem Buchladen, Bekleidungsgeschäft oder in einem gut belüfteten, zur Hälfte belegten Kino der Fall wäre?

Es ist also friedlich, bewußt das Risiko einzugehen, andere unbeteiligte Menschen mit einem ernstzunehmenden Virus anzustecken?

Es ist also friedlich, sich mit rechtsgerichteten Gruppierungen zu versammeln? 

Es ist also friedlich, Kinder zu instrumentalisieren und sie den Gefahren bei einer Demo auszusetzen?

Diese Demonstration war nicht friedlich!

Sie war ein Angriff auf die Unversehrtheit der Menschen und ein Angriff auf die Demokratie. Diese Demonstration war, wie jene in Kassel und anderen Städten, staatszersetzend.

Derweil sucht unser Staat seine Eier. 

Man versteckt sich hinter dem Argument, die Freiheit der Meinung sei höher zu bewerten, als die körperliche Unversehrtheit. Man meint, solche Demonstrationen müsse eine Demokratie aushalten.

Was für eine bequeme und ignorante Haltung!

Der Staat schaut eierlos zu, wie er von einer kleinen lauten Gruppe von innen heraus aufgefressen wird. 

Der Staat schaut taten- und eierlos zu, wie eine kleine radikale Gruppe immer mehr Menschen mit einfachen Lösungen für komplexe Probleme ködert.

Ab und zu liest man, der Staatsschutz würde diese Umtriebe beobachten. Man hat in der Vergangenheit gesehen, wie toll so was klappt. Der Staatsschutz beobachtet. Greift er auch ein?

Gestern wurde Millionen von Menschen, all jenen, die sich an Auflagen und Regeln halten, all jenen, die unter den Folgen einer Covid 19 Erkrankung leiden, in den Arsch getreten.

Pfleger*innen und Ärzte, Menschen die seit einem Jahr am Limit arbeiten, wurde gestern der Finger gezeigt.

Im Namen der Meinungsfreiheit. 

Weil eine Demokratie so was aushalten muss.

Ich frage mich, wie lange unser Gesundheitssystem diese Pandemie noch aushält. Wann Pfleger*innen und Ärzte das Handtuch schmeißen.

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich weiß sie sehr zu schätzen. Ohne dieses verbriefte Recht könnte ich diesen Text nicht einfach so ins Netz stellen.

Ich wünsche mir jedoch, sobald das Recht auf freie Meinungsäußerung andere Grundrechte beschneidet, Menschen dabei zu Schaden kommen oder gar sterben müssen, es beschnitten werden muss.

Dafür muss der Staat ein Garant sein.

Im Moment ist er jedoch ein Garant für Feigheit, für Planlosigkeit und für grenzenloses Desinteresse an seinen Bürgern.

Ich wünsche mir mehr Eier! 

Nicht nur an diesem Osterfest.

Text: A. Müller

Ein Auftragstext für meinen Chef

Ein Auftragstext für meinen Chef

(kann ja nur schiefgehen)

Neulich, an einem Freitagabend, fragte mich mein Chef: „Und? Was schreibst du am Sonntag?“ Ich zuckte mit den Schultern und antwortete: „Keine Ahnung. Ich vertraue einfach darauf, dass mir was einfällt. So mache ich das ja schon seit geraumer Zeit. Einfach nichts denken, nur schreiben; und am Ende schauen, was dabei rausgekommen ist.“

Ich zog an meiner Zigarette, inhalierte den Rauch bis runter in die Zehen und hoffte, mit meiner Antwort wäre das Thema beendet.

Aber mein Chef ist ein hartnäckiger Knochen. Damit wir uns nicht missverstehen: ich mag meinen Chef. Seine Tipps zur Gestaltung meiner Texte sind jedoch, wie soll ich sagen…? Unorthodox? 

Lange Rede, kurzer Sinn: mein Chef schlug mir vor „doch mal was über Waldi zu schreiben“.

Waldi what? Mein Gesicht muss mir komplett entgleist sein, denn er setzte gleich noch einen drauf: „Du weißt wie ich das meine?“ „Nein, Himmelherrschaftszeiten! Nein, ich weiß es nicht“, dachte ich und hoffte dabei von Herzen, es folgen nun keine weiteren kryptischen Fragen. Ich hab’ doch Feierabend! Manchmal redet er in Rätseln, mein Chef. Dann muss man aufpassen, dass man den Faden nicht verliert. Weiß der Geier, warum ich das Spiel trotzdem mitspielte. „Meinst du diesen Fußball-Waldi?“ Diese Frage lag nahe, denn mein Chef ist dem Fußball mit großem Herzen zugewandt. „Über den schreibe ich lieber nichts. Könnte bösartig werden.“ 

Chef schüttelte den Kopf, „nein, den meinte ich nicht. Ich rede von den Hunden, die Waldi heißen. Du magst doch Tiere.“ Ach so! Ja, ich mag Tiere. 

„Schreib doch, wie Waldi abends auf dich wartet und sich auf den Spaziergang mit dir freut.“ Mein Chef geriet zunehmend in Fahrt, mit einer Handbewegung versuchte ich ihn zu stoppen. „Hey, am Abend wartet meine Couch auf mich. Ich habe hier auf’m Hof schon über 20 Kilometer abgespult, freiwillig mache ich heute keinen Schritt mehr!“

„Ein Spaziergang mit Waldi würde dich aber enorm entspannen. Stell’ dir das doch einfach mal vor. Du bist doch sonst so kreativ.“ 

Also gut, ich stelle mir das mal vor. Aber nur, damit dann Ruhe ist!

Ich komme am Abend nach getaner Arbeit nach Hause, bin hundemüde, verschwitzt und hungrig. All meine Bedürfnisse müßen noch für eine gute Weile hinten angestellt werden, denn ER wartet auf mich. ER muss erst einmal eine Runde um den Block. ER muss pullern, weil er den ganzen Tag in der Wohnung war. ER ist die fleischgewordene Kombination von Dackel und armer Sau. Denn sein Frauchen, selbsternannte Tierliebhaberin, läßt ihn den ganzen Tag alleine und geht arbeiten. So in etwa?

Mein Chef schüttelte den Kopf. Nein, so hatte er sich eine Geschichte mit Waldi nicht vorgestellt. 

„Ja, was denn nun? Sonst ist doch auch immer der Anspruch nach Authentizität!“ fluchte ich innerlich. Laut sagte ich: „Ich glaube, das Thema ist doch nicht so meins. Ich schreibe am Sonntag lieber was anderes.“

Mein Chef nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Für ihn wäre es ein Leichtes gewesen über Waldi zu schreiben, denn er ist mit Waldi aufgewachsen. In seiner Familie gab es einen Waldi, in meiner eben nicht. Klarer Vorteil für ihn!

„Dann schreibst du eben eine Geschichte über deinen Chef!“ sagte er. Ich spürte deutlich die Erwartungshaltung und sah wie sich der Boden unter meinen Füßen auftat.

Lodernde Flammen schlugen aus den Tiefen der Autorenhölle empor, giftige Gase raubten mir den Atem und die Aussicht auf klare Gedanken.

Tja-ha…. einfach so rumzuschreiben und schauen was dabei herauskommt, dass ist nicht schwer.   Das kann jeder. Jetzt allerdings hatte ich eine Auftragsarbeit an der Backe, die Fingerspitzengefühl und äußerste Disziplin erforderte. 

Einen Sonntagstext entweder über Waldi oder über meinen Chef. 

Puuh.

Wie gesagt, mein Chef ist ein hartnäckiger Knochen. Der läßt so schnell nicht locker. Mich also einfach zu drücken und zu tun, als hätte ich den Auftrag vergessen, ist keine Option.

Sonst ruft er mir die nächsten Wochen beim abendlichen Abschied noch ein süffisantes „Gruß an Waldi!“ nach.

Die Kollegen kann ich auch nicht um Rat fragen, die haben andere Steckenpferde. Es wäre vielleicht auch reichlich unfair, sie da mit reinzuziehen. DIESE Suppe habe ich mir selbst eingebrockt.Die Entscheidung zu schreiben habe ich ganz alleine getroffen. 

Irgend jemand sagte mal: Wer schreibt, bleibt.

Bestimmt hatte dieser Jemand mit einer anderen Aufgabenstellung zu tun. Oder er wählte als lebenserhaltende Maßnahme das Thema Waldi. 

Man weiß es nicht….

So sitze ich also am Rechner und tippe Wörter im Vertrauen darauf, irgendwie die Kurve zu kriegen.

Ich lese den geschriebenen Text immer wieder durch, streiche hier etwas und ergänze dort etwas,  und bin insgesamt gar nicht so unzufrieden mit mir. Sowohl Waldi als auch mein Chef werden erwähnt und das sogar mehrfach! Der Auftrag ist somit nicht nur einigermaßen, sondern quasi schon übererfüllt.

Von solchen Mitarbeitern träumt wohl jeder Chef.

Und noch ein Gedanke kommt mir in den Sinn: gleichwohl die gestellte Aufgabe etwas heikel war, bewahrte sie mich heute doch auch davor, einen zynisch-sarkastischen Sonntagstext zu schreiben. 

Das ist doch schon mal etwas.

Text: A. Müller

Es ist so kompliziert geworden

Damals, als ich noch ein Kind war, hatte ich mir die Sache mit dem Erwachsen sein ganz anders vorgestellt. Ich freute mich darauf, endlich nicht mehr von Eltern, Lehrern und anderen Respektspersonen fremdbestimmt zu werden, sondern eigene autonome Entscheidungen zu treffen. Wie schön musste es sein, so meine Vorstellung, sich eine halbe Stunde vor dem Abendessen eine Tafel Schokolade reinzupfeifen oder sogar ganz auf das Abendessen zu verzichten und stattdessen ein Buch zu Ende zu lesen. Ich wollte den gesellschaftlichen Konventionen nur noch dann folgen, wenn sie sich als sinnvoll erwiesen. Alles stellte ich auf den Prüfstand: Kinder sollen nur reden, wenn sie gefragt werden, Mädchen sollen keine Widerrede geben, Jungs sollen nicht weinen, Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht rauchen oder trinken, Männer sollen die Kindererziehung den Frauen überlassen, über Verstorbene soll nicht schlecht geredet werden. Über all jenes und noch viel mehr dachte ich nach und ich freute mich darauf, das zu tun was ich will.

Erwachsensein bedeutete Autonomie. Im Denken und im Handeln.

Die ersten Schritte zum hehren Ziel waren äußerlicher Art: ich kaufte mir eine schwarze Kunstlederjacke und malte das Zeichen für Anarchie auf ihren Rücken. Im Grunde hatte ich keine Ahnung, was genau das Wesen der Anarchie ist, aber diese Form der gesellschaftlichen Ordnung erschien mir bei grober Übersicht doch verheißungsvoller, als die engen Grenzen dessen, was ich im bisherigen Leben erfahren hatte.

Als Zweites färbte ich mir die Haare bunt. Ein sichtbares Zeichen des Aufbegehrens und eine Warnung an all jene, die für mein Dafürhalten mit dem Strom schwammen. Ich hörte laute Musik; kreischende Stromgitarren und hinaus in die Welt geschrieene revolutionäre Gedanken. Ich fühlte mich verstanden.

Doch ohne es zu merken, gliederte ich mich auch nur in eine der zu dieser Zeit modernen gesellschaftlichen Strömungen ein und trug deren Uniform. Gleichzeitig verachtete ich jene, die sauber, fein und adrett gekleidet ins Erwachsenenleben glitten.

Doch schon bald schlich sich der Schlendrian ein. Statt Tag für Tag für meine, die „gute Sache“, einzutreten, weichte ich die Grenzen auf. Anstatt meinen Ausbildern zu zeigen, wie wenig bunte Haare mit meiner Auffassungsgabe zu tun haben, kämmte ich mir die Farbe vom Kopf und gab mich bürgerlich. Die Kunstlederjacke trug ich nur noch in der Freizeit. Es war einfach viel bequemer so. Ich merkte: wenn man autonom handeln will, braucht man einen langen Atem, Geduld und innere Ruhe. Hatte ich aber nicht. 

Ich hatte nur das große Verlangen, endlich in Ruhe erwachsen zu werden. Ohne die ständige Gängelei der Erwachsenen. 

Immer mehr erkannte ich, wie groß die Lücke zwischen deren Denken und Handeln klaffte, wie anstrengend es ist, sich selbst treu zu bleiben.

Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, musste man sich an die gesellschaftlichen Spielregeln halten. Andernfalls fiel man durchs Raster.

Konkret hieß das für mich: ich musste mich den erzkonservativen Vorgaben der Ausbilder beugen oder ich würde aus dem Lehrbetrieb entfernt. Also arbeitete ich eben bis spät in den Abend vor bestimmten Feiertagen, obwohl ich noch unter Jugendschutz stand. Also hörte ich mir die alten Parolen von 1935 an, ohne aufzumucken. 

Noch lange nicht erwachsen, merkte ich: es wird kompliziert.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, wie nahe sich Erwachsensein und Schweigen stehen. Wie kompliziert das Gefüge der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Interaktionen sein kann. Erwachsen zu sein, schien im wesentlichen die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu bedeuten. In meiner kindlichen Vorstellung war kein Platz für Zweifel gewesen. Ich hatte immer gedacht, Erwachsene wüßten, was sie tun (müssen).

Sollten Kinder oder Jugendliche bis zu dieser Stelle mitgelesen haben, so sei euch gesagt: nein, Erwachsene wissen auch nicht immer was sie tun oder was zu tun ist.

Erwachsen sein gleicht einem Tanz auf dem Minenfeld. Tief im Boden unsichtbar verborgen lauern die Bomben des Alltags. 

Schaut sie euch genau an, eure Eltern, eure Lehrer und eure Ausbilder. Halten sie sich selbst an die Vorgaben, die sie euch stellen? Machen sie das, was sie proklamieren?

Genau.

Weil es einfach unmöglich ist. 

Man kann nicht jeden Tag sein Bestes in der Schule oder im Beruf geben. Man hat einfach mal einen schlechten Tag und würde am liebsten im Bett bleiben.

Man kann nicht jeden Tag reflektiert und achtsam sein. An manchen Tagen braucht man die Achtsamkeit anderer.

Man kann nicht jeden Tag das Wohl seiner Mitmenschen im Auge haben. An manchen Tagen muss man sich selbst lieben.

Autonomes Denken und Handeln ist vielleicht auch nur eine Illusion. Jede*r von uns hat eine große Lebensidee in seiner Vorstellung und jede*r von uns ist ein Kind seiner Zeit.

Wir unterliegen dem Zeitgeist und seinen Strömungen, dabei denken wir, wir würden denken.

Manche von uns sind auch als Erwachsene noch auf der Suche nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit. Einige kennen daher das Gefühl der Ohnmacht, weil sich scheinbar in der Gesellschaft nichts bewegt.

Während wir nachdenken, bemerken wir die Tretminen. Jeder Schritt kann verheerende Folgen haben. Deshalb stellen manche das Denken einfach ein und bewegen sich lieber nicht. Sie lassen denken, das ist sicherer. Viel einfacher ist es, sich einer bestimmten Strömung anzuschließen.

Ich kann das gut verstehen. Ich wünschte mir manchmal auch, dieses Nachdenken und dieses Suchen nach möglichen Lösungen müsste doch einmal aufhören. Es raubt mir die Energie, macht mich unsicher und oft auch mutlos. Viel lieber würde ich in kindlicher Unbedarftheit auf dem Minenfeld des Lebens tanzen. 

Damit ich nicht in meiner Mutlosigkeit ertrinke, mache ich dann folgendes:

Ich ziehe mir im Geiste meine schwarze Kunstlederjacke an und färbe mir die Haare bunt. Ich hinterfrage gesellschaftliche Konventionen und folge ihnen nur noch, wenn sie sinnvoll erscheinen. Als Kind hat es mich schon gestört, wenn andere für mich denken und dabei „nur mein Bestes wollen“, also höre ich nicht auf, mir meine eigenen Gedanken zu machen und sie mit den Gedanken anderer abzugleichen. Schließlich will ich mit meinen Gedanken nicht allein im Elfenbeinturm wohnen. 

Das ist verflixt anstrengend und kompliziert und manchmal trete ich dabei auf eine der Tretminen. Zum Glück habe ich bis jetzt jede Explosion überlebt und in der Rückschau sogar etwas dabei gelernt.

Die Vorstellung des Erwachsenseins aus meiner Kindheit hat nicht sehr viel mit der heutigen Realität zu tun. 

Bis auf eine Ausnahme: ab und zu pfeife ich mir eine halbe Stunde vor dem Abendessen eine Tafel Schokolade rein und niemand!!!! hindert mich daran.

Was macht ihr, liebe Leser, wenn euch ab und zu das Erwachsen sein so sehr auf den Zeiger geht wie mir? Was sind eure Strategien? 

Holt ihr vielleicht auch die alten Schallplatten aus dem Schrank, spielt Luftgitarre und schreit euren Zorn hinaus in die Welt?

Verkriecht ihr euch mit einem guten Buch ins Bett und träumt euch für eine Weile in eine andere Welt?

Oder verharrt ihr in Stillstand und Zorn auf jene, denen ihr die Verantwortung übertragen wollt?

Ich bin gespannt.

Text: A. Müller

Von Wärme und Wehmut

Neulich las ich irgendwo im Internet die Frage „Was sind deine süßesten Kindheitserinnerungen?“ und ohne überhaupt nachzudenken hatte ich das Bild von Tante Lottes Panamatorte vor Augen.

Schokoladig, cremig und süß. Verziert mit Sahnetupfen und Ornamenten aus Schokolade. 

Denke ich an diese Torte, tropft mir heute noch der Zahn. Tante Lotte war eine begnadete Bäckerin. Der Käsekuchen: sensationell! Der Marmorkuchen: zart und saftig und obendrauf mit Puderzucker bestreut. 

Besuche bei Tante Lotte und ihrem Mann, Onkel Hermann, waren für meine Kinderseele ein kulinarischer Höhepunkt. Stets gab es mindestens zwei verschiedene Kuchen, einer süßer als der andere. Wenn ich mich heute daran erinnere, kann ich immer noch die Liebe schmecken, mit der diese Kuchen gebacken wurden. Vielleicht waren sie deshalb so besonders und machten mich so glücklich.

Es war jedoch nicht nur die Panamatorte, die dieses wohlig angenehme Gefühl auslöste. Es war die Herzlichkeit und ehrliche Sympathie, die von Onkel Hermann und Tante Lotte ausging. 

Überhaupt hatte ich mit all meinen Tanten und Onkel ziemlich großes Glück.

Das waren ja nicht nur Hermann und Lotte, sondern noch der „Dede“ mit seiner Frau Sylvia und mein Onkel „Gellbeidele“ mit seiner Frau Toni. 

Der „Dede“ war mein Patenonkel. Er war stets freundlich zu mir, hielt sich aber sonst mit Gefühlsäußerungen sehr zurück. Ein wenig unnahbar, ein wenig geheimnisvoll war er. Er hatte eine unsichtbare Mauer um sich, die für ein Kind faszinierend und gleichzeitig Respekt einflößend wirkt. Er war kein Onkel, den ein Kind stürmisch umarmt oder freiwillig küsst. Aber er war „mein Dede“ und ich mochte ihn sehr.

Oft war er gar nicht zuhause, wenn mein Vater und ich am Sonntagvormittag auf einen kurzen Besuch vorbeikamen. Dann setzten wir uns zu Tante Sylvia, Dedes Frau, in die Küche und besuchten eben sie. Tante Sylvia war, im Gegensatz zu allen anderen Verwandten, nicht schwäbischen Ursprungs. Sie sprach ein wenig anders, benutzte (für mich) fremde Wörter und erweiterte meinen bis dato ziemlich eingeschränkten Wortschatz. Meine Eltern benutzten z.B. für das Hinterteil entweder die Worte „Hintern“, „4 Buchstaben“oder „Bobbes“, Tante Sylvia hingegen sprach von „Arschitektur“. Dieses Wort war für mich eine Revolution und Offenbarung zugleich! Ich bewunderte Sylvias Mut, ein Wort mit „Arsch“ einfach so auszusprechen, ohne rote Ohren zu bekommen. Ich bewunderte ihre sprachlichen Gedankenspiele und Verknüpfungen. So wollte ich auch mal werden! 

Tante Lottes Panamatorte und der Käsekuchen streichelten die Kehle, Sylvias Wortspielereien hingegen, waren Balsam für die Seele. 

Im gleichen Haus, nur ein Stockwerk höher, wohnte mein Onkel „Gellbeidele“ mit seiner Frau Toni. Sein richtiger Name war Gotthold, den Spitznamen „Onkel Gellbeidele“ erhielt er, nun ja, von mir.

Ich muss ungefähr 5 Jahre alt gewesen sein, da bekam ich einen wunderschönen Geldbeutel geschenkt. Mit goldenem Schnappverschluß und aus „feierrotem“ Kunstleder. Ich war so glücklich über diesen Geldbeutel und musste natürlich auch jedem davon erzählen. Onkel Gotthold durfte die exorbitante Neuigkeit natürlich nicht vorenthalten werden und so schleuderte ich ihm in kindlicher Aufregung die Worte „Onkel Gellbeidele, ich habe einen neuen Gotthold!“ bei seinem nächsten Besuch entgegen. Der Onkel reagierte auf die einzig zuläßige Art auf diese Information und schenkte mir ein silbrig glänzendes 50 Pfennigstück. Für 50 Pfennig konnte man sich im Milchhäusle sehr sehr viele Brausebonbons kaufen. 

Die Erinnerungen an Gotthold „Gellbeidele“ sind ähnlich wie an Lottes Panamatorte und Sylvias „Arschitektur“. Wärme mischt sich mit Wehmut.

Denke ich an Onkel Gellbeidele, dann sehe ich in ein verschmitzt blickendes Gesicht mit feinen Lachfältchen um die Augen. 

Mir fällt ein, wie wir Kinder gemeinsam im Herbst mit Vater und Onkel Fallobst aufgelesen haben. Ich erinnere mich an gelbe Gummistiefel und selbstbestrickte Socken, an Brotzeit auf der Wiese und heimliche Schlucke aus den Bierflaschen der Erwachsenen.

Ich erinnere mich an Tante Tonis selbst gemachten Eierlikör und an Rumtopf zum Nachtisch. 

Ich erinnere mich an freundliche und zugewandte Menschen und an das Gefühl der Geborgenheit. Keine/r der Tanten und Onkel war ein Mensch der großen Worte oder Sentimentalitäten. Sie waren alle Kinder des vorangegangenen Krieges, trugen ihre Verletzungen und Narben aus dieser Zeit nicht nach außen. 

Panamatorte, Käsekuchen, Eierlikör und Rumtopf waren die essbaren und messbaren Zeichen der Aufarbeitung. „Schaut her, uns geht es gut! Seid eingeladen und lasst es euch ebenfalls gut gehen.“ war die unausgesprochene Einladung.

Viele der Tanten und Onkel sind zwischenzeitlich gestorben, die Lebenden weit in ihren 80ern und nicht mehr sehr gesund. In meiner Erinnerung bleiben sie alle immer in ihren 40ern. Gesund, vital und voller Energie. 

Liebevoll, zugewandt und witzig. 

Ich vermisse jede/n einzelne/n von ihnen und wünschte ich dürfte noch einmal für einen Tag Kind sein.

Dann würde ich mir das Stück Panamatorte im Mund zergehen lassen, mir ein heimliches Schlückchen Eierlikör genehmigen und den glänzenden Schatz in meinem roten Geldbeutel ansehen.

Lotte und Hermann, Dede und Sylvia, Gotthold und Toni!

Danke, dass ihr da gewesen seid.

Text: A. Müller