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Sally Sahneschaf

Sally Sahneschaf

Heute erzähle ich euch die Geschichte von einem ganz besonderen Schaf. Normalerweise sind Schafe rundherum in Wolle gehüllt, stehen mit ihrer Herde auf der Wiese und fressen Gras. 

Nicht so Sally: statt der Wolle war sie am ganzen Körper mit luftig-süßer Sahne bedeckt. Sally war nämlich von Beruf Geburtstagsschaf! 

Schon als kleines Lämmchen, noch wackelig auf den Beinen, spürte Sally, dass sie anders ist als all die anderen Lämmer in ihrer Herde war. Anstelle der weichen Wolle wuchs bei ihr dieser weiße Schaum auf dem Körper. Sie selbst störte das im Grunde nie, denn der Schaum schmeckte sehr süß und machte schnell satt. Kein lästiges und stundenlanges grasen auf der Wiese, kein suchen nach besonders schmackhaften Kräutern. Sally streckte einfach die Zunge raus und leckte sich über das Gesicht, den Bauch, die Beine und war nach kurzer Zeit pappsatt. Während bei den anderen Schafen in der Herde die Wolle mit der Zeit unansehnlich und filzig geworden war, brauchte sich Sally einfach nur einmal kurz zu schütteln und all die Grasreste, Erdklümpchen und anderes flogen in hohem Bogen davon. Sally fand das ziemlich praktisch. Wenn sie sich mal wieder kräftig geschüttelt hatte und die Sahnekleckse in jede Himmelsrichtung flogen, kamen meist viele andere Tiere und labten sich am süßen Schaum. Bienen tranken sich satt, Schmetterlinge steckten ihren langen Rüssel in die weiße Masse, Ameisen trugen winzig kleine Sahnehäubchen auf ihrem Kopf in den Bau und versorgten ihre Brut damit und mit der Zeit kosteten sogar die anderen Schafe von den Sahneklecksen im Gras. 

Sally war sehr froh ein Schaf zu sein. Obwohl sie das einzige Sahneschaf weit und breit war, kam es niemanden in den Sinn, sie deswegen auszugrenzen. Im Gegenteil, alle Tiere freuten sich über die Abwechslung in ihrem Speiseplan und Sally war ein gern gesehener Gast bei jedem Fest.

Je älter Sally wurde, desto mehr sprach sich ihre Besonderheit in der Tierwelt herum und das Sahneschaf bekam unzählige Einladungen. So kam es, dass Sally einen komplett anderen Berufsweg einschlug, als ihre Kollegen in der Schafherde.

Statt wie die anderen Landschaftspflege zu betreiben, Deiche zu sichern und ihre Wolle für Socken und Pullover zu verschenken, wurde Sally ein Geburtstagsschaf. 

Immer wenn ein Tier Geburtstag hatte, rief es ein paar Tage zuvor nach dem Sahneschaf. Dann wurden die Vorlieben und Geschmacksrichtungen besprochen und Sally machte sich an die Arbeit. Sie streifte durch Wald und Flur und sammelte frische Beeren, Kräuter und wohlschmeckende Blüten. Am Tag des Geburtstages dekorierte sie sich mit den gesammelten Früchten. Eine paar Kirschen auf dem Rücken, ein paar Erdbeeren am Bauch. An den Flanken waren recht ansehnlich saftig-süße Himbeeren oder Blaubeeren arrangiert. Noch schnell ein paar Gänseblümchen auf den Kopf gestreut und fertig war die Geburtstagstorte auf vier Beinen! Sobald Sally auf der Geburtstagsparty erschien, gab es viele bewundernde Aaaahs und Ooohs. Sally sah wirklich jedes Mal zum anbeißen gut aus! Sie war das beste Geburtstagsschaf weit und breit und jedes Tier spürte, mit wie viel Liebe und Sorgfalt sie sich ihrem Beruf widmete. 

Sobald das Geburtstagstier sich den ersten Happen von Sally Sahneschaf genommen hatte, durfte sich die anderen Gäste bedienen. Sie schleckten und schlürften und seufzten vor Glück. So süß und lecker schmeckte Sallys Sahnepelz, so zart verging er den Tieren auf der Zunge. Zufrieden und satt lagen die Tiere im Gras, es war wieder einmal ein gelungenes Fest im Tierreich! 

Sally war ein sehr gewissenhaftes Geburtstagsschaf und überlegte sich immer wieder, wie sie ihre Kunden im Tierreich noch zufriedener machen könnte. Eines Tages hatte sie die zündende Idee: zu einem gelungenen Fest gehörte nicht nur gutes Essen, sondern auch…… erratet ihr es?

Genau! Zu einem gelungenen Fest gehört auch Musik!

Wenn man sich den Bauch mit Geburtstagstorte vollstopft, braucht man anschließend etwas Bewegung. Sonst wird man träge und viel zu dick!

Sally konnte leider nicht gut singen, ihre Stimme klang leicht scheppernd und sie hatte Mühe die Töne zu halten. Wenn Sally sang, klang es etwa so: „Määäh schön, dass du geboren määhst.“ oder „Määäähpy birthday to you!“ Nein, das konnten andere Tiere definitiv besser. Sally machte sich auf den Weg, einen passenden Sänger oder eine Sängerin zu finden. Die Wälder und Wiesen waren voller guter tierischer Musikanten, Sally war sich sicher, bald jemand kompetentes zu finden. 

Um es kurz zu machen: nachdem Sally mit summenden Bienen, zirpenden Grillen, zischelnden Schlangen, röhrenden Hirschen, quakenden Fröschen, schnatternden Gänsen und tschilpenden Meisen gesprochen hatte, hätte sie zwar ein komplettes Orchester beisammen gehabt, aber sie suchte nach einem ganz besonderen Musiker. Einer, der so besonders war wie sie selbst. 

Sally Sahneschaf musste fast ein ganzes Jahr suchen, bis sie endlich einen passenden Kollegen fand. Ihre Wahl fiel auf Finn Falke, einsamer Sänger in luftiger Höhe. Finn Falke wohnte hoch oben im Kirchturm eines Dorfes und sang sich jeden Abend selbst in den Schlaf. Er hatte einen wunderbaren Bariton, seine Stimme streichelte die Seelen derer, die ihn singen hörten. Die Wärme in seiner Stimme war so wohltuend und mit nichts zu vergleichen. Finn Falke war ein ganz besonderer Sänger und obendrein ein sehr netter Typ.

Sally und Finn ergänzten sich wirklich gut: die beiden hielten Leib und Seele zusammen. Nach ein paar Absprachen und Proben, waren sie schnell bereit, gemeinsam ihre Geburtstagsdienste aufzunehmen.

Sally war wie immer am ganzen Körper mit Früchten, Blüten und Kräutern geschmückt und trat zur Eröffnung der Geburtstagsparty feierlich in den Kreis der eingeladenen Tiere. Oben auf ihrem Kopf thronte Finn Falke und sang mit klarer Stimme ein Geburtstagslied. Nach und nach stimmten alle Tiere mit ein und gemeinsam ließen sie das Geburtstagskind hochleben. 

Dann schleckten sich alle am Sahneschaf satt und gegen später wurde getanzt. Hasen hoppelten mit Eichhörnchen im Kreis, Rehe schritten einen zarten Tanz, während Libellen sie schillernd umkreisten, Enten und Gänse schlugen mit den Flügeln den Takt dazu. 

Dank Sally Sahneschaf und Finn Falke wurde bald jedes tierische Geburtstagsfest zu einem unvergesslichen Ereignis.

So ging das viele lange Jahre und wenn sie nicht gestorben sind, feiern sie heute immer noch.

Normalerweise wäre dies nun das Ende der Geschichte. Aber ich sehe, ihr glaubt mir nicht so recht. Ein Sahneschaf? Wo gibt’s denn sowas? 

Vielleicht gibt es das Sahneschaf nicht wirklich. Allerdings gibt es ganz viele besondere und einzigartige Menschen und Tiere. Leute eben, die ganz anders sind als alle anderen und die es aus diesem Grund ein wenig schwerer haben, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Schaut euch mal um. Ihr findet bestimmt das eine oder andere Sahneschaf in eurer Umgebung. Seht einfach mal genauer hin und traut euch das Sahneschaf besser kennenzulernen. Dann geschieht nämlich etwas, was ebenso einzigartig und unvergesslich ist, wie die Geburtstagsfeiern in der Geschichte. 

Was da geschieht? Probiert es einfach mal aus. Ihr werdet es nicht bereuen.

Text: A. Müller

Illustration: http://www.anja-klukas.de

Was andalusische Fliesen mit Hängebrüsten zu tun haben

Was andalusische Fliesen mit Hängebrüsten zu tun haben

Andalusische Fliesen sind wirklich wunderschön. Hängebrüste hingegen weniger. Andalusische Fliesen hängen, einmal verklebt, fest an der Wand. Da wackelt nichts! Hängebrüste werden weniger häufig verklebt, deshalb braucht ihre Trägerin eine Art Fixage, um den Anschein von fester Form zu erwecken. Denn das Auge des Betrachters ist ein sensibles Organ und möchte lieber betrogen als mit der Wahrheit konfrontiert werden. 

Fliesen wie Brüste hängen halt so rum. Den Andalusiern wird es gestattet, den Brüsten hingegen nicht. Je älter die von Hand bemalten Fliesen sind, desto mehr werden sie gerühmt, bestaunt, mit Aufmerksamkeit belohnt. 

Ganz anders gestaltet sich die Sichtweise auf Hängebrüste und ihre Trägerinnen: je älter sie werden, desto schamhafter werden sie versteckt. Komplizierte Vorrichtungen aus Längs- und Querverstrebungen, Haltebändern und, wenn man genau hinschaut, mit Stahlträgern versehen, werden konzipiert. Allein, um der Ästhetik genüge zu tun und den Trägerinnen ein unbeschwertes Restleben zu ermöglichen. 

Ja, klar. 

Die Verfasserin dieses Textes weiß ganz genau wovon sie schreibt, schließlich bekommt sie jeden Tag Unmengen von digitaler Werbung auf den Bildschirm gespült. Unternehmensberater offerieren ihre Dienste, Rasenroboter zeigen, wie toll sie mit Gras umgehen können, Kosmetikhersteller werben für faltenfreie Haut und so weiter und so fort.

Werbung ist im Grunde eine gute Sache. Wer für sich und seine Fertigkeiten wirbt, wird von Hilfesuchenden gefunden. Eine ganze Industrie lebt mittlerweile gut davon. Manche Werbeanzeigen sind sogar richtig lustig, wie die von einem finnischen Hersteller von Kopfhörern, der mit dem eingenommenen Geld einen Todesstern bauen will.

Selbst wenn man nicht die Absicht hat, sich neue Kopfhörer zuzulegen, ist man wenigstens gut unterhalten. Solche Werbeanzeigen bleiben allerdings eine Ausnahme in der Werbeflut. Ganz oft ist der Betrachter, die Betrachterin, einfach nur genervt. Wer kein Unternehmen unterhält, den interessiert nicht, was der Coach XY zum besten gibt. Wer keinen Garten hat, dem bringt kein Rasenroboter Nutzen. Und wie man mit Gras umzugehen hat, weiß mittlerweile jedes Kind.

Da hat man vor Jahren im Internet einen Artikel über die Alhambra gelesen und seitdem ploppen Anzeigen für oben genannte Fliesen oder spanischem Wein auf. Gut, man könnte sich mit dem Wein die Werbung über die andalusischen Fliesen schönsaufen, aber dann müsste man in absehbarer Zeit den Begriff Leberzirrhose googeln, in dessen Folge dann vermutlich weitere unschöne Werbung auftaucht. 

Je mehr man sich auf social Media Plattformen bewegt, je mehr Artikel man über diverse Suchmaschinen findet, desto mehr Werbung wird personalisiert. Allerdings stellt man sich dann schon hin und wieder die Frage, weshalb bestimmte Unternehmen oder politische Parteien so bresthaft oft auftauchen, obwohl man niemals freiwillig eines ihrer Produkte kaufen oder sie wählen würde. 

Macht man sich die Mühe, all diese unerwünschten Werbeanzeigen zu verbergen, darf man sich jedoch nicht dem Glauben hingeben, nun hätte man seine Ruhe. Nein, das Gegenteil ist der Fall! Auf zwei verborgene Werbeanzeigen kommen mindestens vier Neue. Die Verfasserin dieses Textes, ihr Leben lang Angehörige der Spargelfraktion, bekommt neuerdings Werbung für formschöne Büstenhalter ab Größe Doppel D und für Kleidung XXL. Und weil sie neulich nassforsch-naiv ein Foto in einer esoterischen Gruppe kommentierte, muss sie nun mit Werbung für Chakren- und Elftraumdeutung leben. 

In solchen Momenten wünscht man sich, die Werbung für Hängebrüste nicht so vorschnell weggeklickt zu haben. 

Kluge Menschen wissen welche Einstellungen man vornehmen muss, um weniger Werbung angezeigt zu bekommen. Die Verfasserin dieses Textes gehört leider nicht zu dieser Gruppe. Die Gnade der frühen Geburt läßt sie immer noch viel zu analog denken. Sie ist mit der Installation von Firewalls und Addblockern hoffnungslos überfordert. Neulich hat sie in ihrer Verzweiflung unter dem Begriff „ausgeprägte digitale Doofheit“ nach Hilfe gesucht. Die Suchmaschine teilte ihr unumwunden mit: „digitale Doofheit ist keine Option“ und verlinkte auf einen Artikel über die Musikbranche. Mit Musik geht halt alles besser. Das wusste man schon im analogen Zeitalter.

Die schiere Anzahl der Werbeanzeigen erinnert an das Grimmsche Märchen vom süßen Brei. Nur wer das Zauberwort wußte, konnte sich am nahrhaften Brei laben. Aber wehe, wem das Zauberwort für das Beenden der Mahlzeit nicht bekannt war. Dem floss der Brei bald über Tisch und Bänke, im ganzen Zimmer und zur Tür hinaus. 

Ist das (virtuelle) Zimmer erst einmal mit klebrig-süßem Werbebrei angefüllt, sieht man wenigstens die andalusischen Fliesen an den Wänden nicht mehr. Und die Hängebrüste sind auch irgendwie fixiert.

Am Ende bleibt ein ziemliches Sättigungsgefühl und bisweilen arges Magendrücken. Aber dafür gibt es bestimmt bald die passende Werbung.

Text: A. Müller

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen!

„Das Leben ist ein Kampf!“ pflegte die betagte Dame zu sagen und sie schnaufte dabei, als würde sie sämtliche Last der Welt auf ihren Schultern tragen. In ihrem langen Leben hatte sie viel erlebt: Krieg und Tod, Ausgrenzung und Verlust der Heimat. Das Leitmotiv ihrer Zeit war das Pflichtbewusstsein. Für Purzelbäume war kein Platz. 

Wer, wie die alte Dame, mit Arbeit, Alltag und Erfüllung von Konventionen beschäftig ist, sieht oftmals die kleinen witzigen Dinge nicht mehr. Kleinigkeiten, die sich heimlich im Kopf festmachen, das Gehirn kitzeln und die verkrusteten Gedanken mit übermütigem Gelächter frei sprengen. Kinder machen einfach ab und zu ein paar Purzelbäume, kullern auf der Wiese und lachen bis ihnen der Bauch weh tut. Sie lassen nicht zu, dass der Schorf der spröden Gedanken ihr Gehirn verkrustet. Sie entledigen sich dieser Borken auf ganz natürliche Weise: mit Lachen, Jauchzen und Lebensfreude.

Purzelbäume sind vielleicht für den einen oder anderen Erwachsenen aus körperlicher Sicht nicht möglich. Da knackt es im Rücken öder Knie, knirscht es in den Schultern oder der über die Jahre angewachsene Bauch steht dem Vorhaben im Weg. Macht nix! Wer im gesetzten Alter keine äußerlichen Purzelbäume mehr schlagen kann, kann das immer noch im Geiste tun. 

Ja, aber wer im gesetzten Alter noch ständig herumalbert, macht sich doch lächerlich! Gerade die Älteren sollten sich als Vorbild erweisen und den Ernst des Lebens wahrnehmen. Nur so können sie sich angemessen verhalten! Mit Blödsinn und Albernheit ist der Menschheit doch auch nicht geholfen! 

Doch.

Mit einem gerüttelt Maß an Albernheit kommt nämlich die pure Freude am Sein zurück. Mit der Freude kommt das Staunen. Mit dem Staunen kommt die Neugier. Mit der Neugier kommt die Leichtigkeit. 

Wer ständig von der Last der Aufgaben zu ersticken droht, dem könnte der eine oder andere Purzelbaum das Leben retten. Wenn der Bauch vor Lachen weh tut, atmet man wieder tief ein. Holt Luft. Man muss nur bereit sein, ein paar Purzelbäume in sein Hirn zu pflanzen. Das Saatgut gibt es mit jedem Kinderlachen gratis und keimt mit ein paar hellen Gedanken sehr schnell. Wer ab und an ein bisschen Licht in sein Oberstübchen läßt, hat gute Chancen auf eine gesunde Entwicklung des Purzelbaumsprößlings. Der schiebt seine Wurzeln aus Wohlwollen tief in das Denken und kann so einen festen Stamm aus purer Lebensfreude bilden. Der Schößling wird mit den Jahren immer stärker, treibt Ast um Ast und seine Blätter kitzeln sämtliche unterversorgte Gehirnregionen. Die Blüten des Purzelbaumes blühen in allen Farben des Regenbogens. Jede sieht anders aus und läßt den inneren Gärtner vor Freude lächeln. Purzelbaumblüten sind ein probates Mittel gegen Schwermut und den Ernst des Lebens. Wer sich einen oder sogar mehrere Purzelbäume eingepflanzt hat, sie hegt und pflegt, der spürt sogar noch in schweren Zeiten das Gute. Wenn es im Gehirn heiß hergeht, spenden die Blätter des Purzelbaumes angenehmen Schatten, kühlen die Gedanken und klären den Blick. 

Was für eine schöne Vorstellung: an der Straße des Denkens stehen auf beiden Seiten Purzelbäume. Ein Spiel aus Licht und Schatten, das Rauschen der Blätter im Wind und das zarte Zirpen der kleinen Gedanken. Je nach Jahreszeit ändern sich die Umstände, die Ansichten, die Sichtweisen. Purzelbäume sind Bewegung und Wandel. In ihnen wohnen Neugier und Lust, Liebe und Spaß, Freude und Übermut.

Purzelbäume aktivieren übrigens nicht nur das Gehirn. Besonders schöne Exemplare werfen ihre Früchte bis zum Herz. Das Herz pumpt den süßen, klebrigen und köstlichen Saft in jede Körperzelle. Die Früchte des Purzelbaumes lassen Herzen hüpfen und Augen leuchten. Schaut euch die Kinder an. Sie sind Beweis genug.

Trotzdem: es steht Erwachsenen nicht gut an, kichernd und glucksend durch das Leben zu gehen. Solche Leute nimmt man doch nicht Ernst! Wo kommen wir denn da hin? Die Welt würde im Chaos versinken, wenn alle nur noch ihren Spaß haben wollten. Wo bleiben Ordnung und Disziplin? Wer soll die ganze Arbeit machen, wenn alle glücklich unter ihrem Purzelbaum sitzen?

Säßen wir öfter unter unserem Purzelbaum, hätten wir vielleicht nicht mehr so viel Lust, die Welt im Chaos versinken zu lassen. Spürten wir öfter innere Freude und Zufriedenheit, kämen wir vielleicht gar nicht mehr auf die Idee, dass alles Erwachsene ernst sein muss. Womöglich würden wir dann auch merken, wie viel Spass „Arbeit“ machen kann. 

Und das alles nur, weil sich mit den Purzelbäumen alte Verkrustungen im Denken gelöst haben. 

Das innere Juchzen ist nur einen Purzelbaum entfernt. Wer hätt’s gedacht?

Vielleicht ist es an der Zeit, Purzelbäume unter Schutz zu stellen. Gewächse, geboren aus Kinderlachen und Leichtigkeit, retten die Welt vor dem Chaos. 

Und wem dieser Gedanke zu groß ist: Purzelbäume retten Tag für Tag den eigenen kleinen Alltag. Das ist immerhin ein Anfang.

Lasst uns mehr Purzelbäume pflanzen!

Text: A. Müller

Gedanken über lange Haare

„Ich hab’ ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein!“ Dieser Satz wurde während meiner frühen Kindheit sehr oft gesagt. Er sollte zeigen, wie offen der Sprechende der Zukunft zugewandt ist und dennoch Wert auf Tugenden und Traditionen legt. Je öfter dieser Satz ausgesprochen wurde, desto weniger wahr wurde sein Sinn. Meist wurde er von einem kleingeistigen Hirn und kurzgeschorenen Kopf ausgesprochen, von einem, der Angst vor den Neuerungen der zukünftigen Zeit hatte.

Lange Haare, und damit war das am Hemdkragen anstossende Nackenhaar gemeint, standen als Synonym für Liederlichkeit, Respektlosigkeit und dem Verfall althergebrachter Werte. Wer lange Haare hatte, war ein Gammler, ein Nichtsnutz, ein Störenfried. So einfach war das. 

Die Nachkriegswelt war im Wandel und es fiel den Menschen schwer, sich neu einzuordnen. Was gestern richtig war, war nun falsch. 

Adrette Kleidung und Frisur waren plötzlich keine Garantien mehr für innere Anständigkeit. Im Gegenteil. In den vergangenen Jahrzehnten waren es gerade die adrett gekleideten, die die größten Verbrechen verübt hatten. Ganz langsam drang dieser Gedanke in die Köpfe der Erwachsenen, nistete sich ein und brachte enorme Verunsicherung mit sich. Sie wehrten sich, sträubten sich und klammerten sich mit aller Kraft an ihre Überzeugungen. Die langen Haare der jungen Generation kamen gerade recht, sie wurden äußeres Zeichen eines Umbruchs des Denkens. Die langen Haare der Jugend wurden zum Stein des Anstoßes gemacht, damit man sich nicht mit der Geröllhalde der Vergangenheit befassen musste.

Lange Haare wurden zum Zeichen einer neuen Zeit. Wer sich die Haare wachsen ließ, trug seine Frisur wie eine Uniform. Die Haartracht wurde zum Merkmal einer Gesinnung, einer anderen Lebensweise. Lange Haare symbolisierten den Wunsch nach innerer und äußerer Freiheit und dem Streben nach Frieden. 

Gleichzeitig waren die langen Haare auch eine Kriegserklärung der jungen Generation an die althergebrachten Werte und ihrer Vertreter. Die Träger langer Haare stellten alle gesellschaftlichen Regeln in Frage: die Rollenverteilung in Familie und Gesellschaft, die Politik der vergangenen Jahre, die Verteilung wichtiger Ämter, und so weiter und so fort. Wer lange Haare trug, wollte Veränderung! 

Natürlich konnten die Kurzgeschorenen die Umsturzversuche nicht einfach so geschehen lassen. Sie boten alles auf, was ihnen die Staatsmacht an Möglichkeiten gab. Sie klammerten sich verzweifelt an ihre Werte, an ihre Pfründe und an ihre Macht. 

Die Kurzgeschorenen vertrauten der Vergangenheit, die Langhaarigen der Zukunft. 

Einfach mal wachsen lassen, einfach mal abwarten, was geschieht, so könnte das Credo der Langhaarigen gewesen sein. Ideen wie Haare spriessen lassen, sie erst einmal nicht zu beschneiden, Kreativität in und auf den Köpfen.

Lange Haare wurden zum Kraftsymbol, sie sprengten althergebrachte gesellschaftliche Ketten auf sichtbare Weise. 

In manch einer Familie wurden sie zum Zankapfel zwischen den Generationen. „Was sollen denn die Leute denken?“, war die große Angst der Älteren. Vielleicht hatte die ältere Generation ihren gesamten Mut während des vergangenen Krieges schon aufgebraucht und konnte sich nun einfach nicht mehr aufraffen. Man kann es ihnen nicht verdenken. Schließlich konnte noch vor wenigen Jahren das Leben davon abhängen, was „die Leute“ denken.

Die Kurzgeschorenen wurden von der Angst regiert. Die Langhaarigen von der Hoffnung.

Jetzt, einige Jahrzehnte später, sind nicht alle Hoffnungen und Träume in Erfüllung gegangen. Lange Haare sind schon lange kein Zeichen mehr für Erneuerung und Widerstand. Frisuren werden kaum noch wie Uniformen getragen, neue Ideen haben es allerdings immer noch schwer.

Inzwischen sind nämlich wir, die damals junge Generation, die Älteren. 

Wir stehen nun vor der Frage, wie weit wir an unseren Werten, an unseren Erfahrungen und Möglichkeiten festhalten und wann wir den Jungen den Stab der Verantwortung für die Zukunft überlassen. 

Wir, die damals Langhaarigen, forderten das Recht eigene Fehler machen zu dürfen, von den Alten ein. Es würde uns gut zu Gesichte stehen, dieses Recht den Jungen zuzugestehen.

Denn sonst sind wir keinen Deut besser, als die, die wir damals bekämpft haben.

Text: A. Müller

Die total verrückte Quatschgeschichte

Vielleicht sollten wir alle mal öfter „Bibabalula!“ rufen?

Oma, die Schreibtante

„Bibabalula, das wird ein schöner Tag heute,“ denkt sich Herr Kleingedruckt als er am Morgen die Bettdecke zurückschlägt. Er reckt und streckt sich ausgiebig, bevor er mit einem großen Schwung beide Füße auf den Boden stellt. 

Es ist noch ziemlich früh am Morgen und Herr Kleingedruckt hat keine Ahnung, was ihm an diesem Tag noch alles widerfahren wird. Er hat einfach nur gute Laune und startet mit einem weiteren fröhlichen „Bibabalula!“ in den Tag.

Als Erstes geht Herr Kleingedruckt wie jeden Morgen zur Toilette. Er zieht sich die Unterhose herunter und will sich gerade setzen, als er eine Stimme hört. „Guten Morgen und herzlich Willkommen auf deiner Toilette. Wir wünschen einen entspannten Aufenthalt.“

Erschrocken zieht Herr Kleingedruckt seine Hose wieder hoch. „Wer ist da?“ fragt er in den eigentlich leeren Raum hinein. Er schaut sich genauer um, kann jedoch nichts außergewöhnliches entdecken. Da ist die Toilette, die Klobürste, das…

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Anleitung zum Unglücklichsein oder wie ich einen Shitstorm erzeuge

Anleitung zum Unglücklichsein oder wie ich einen Shitstorm erzeuge

Keine Frage, die digitale Welt hat viele Vorteile. Aber ist euch schon mal aufgefallen, welche Nachrichten rasend schnell verbreitet werden? Es sind nicht die guten Dinge, die sofort über Facebook, Pinterest oder Instagram geteilt werden, nein es ist stets negatives Zeug, bzw. aus dem Blickwinkel der Ablehnung Beschriebenes. Nachrichten über die man sich empören kann, haben eine weitaus höhere Verbreitungsgeschwindigkeit vorzuweisen als Nachrichten, die froh machen. 

Gemeinschaftlich dagegen zu sein ist schwer in Mode gekommen.

Nehmen wir ein Beispiel, das vor ein paar Jahren durch die Presse ging: die wertfreie Nachricht „im Umweltministerium wird bei Veranstaltungen künftig kein Fleisch und kein Fisch mehr serviert“ wird im Netz, in Printmedien und im TV sprachlich mit einer Wertung versehen: Nahrungsdiktatur! Entzug der Entscheidungsfreiheit! 

Nehm den Menschen etwas weg (hier ihr täglich Fleisch), säe damit Unfrieden und ernte einen Sturm der Empörung. Funktioniert immer und ist ganz einfach. 

Dieselbe Nachricht könnte auch positiv gewertet kommuniziert werden: „im Sinne des Tier- und Umweltschutzes geht das Umweltministerium mit gutem Beispiel voran.“

Nur: diese Meldung liest kein Mensch. Schlecht für’s Clickbaiting, schlecht für die Stimmungsmacher. Und vor allem: schlecht für jene, die lieber Lösungen erarbeiten würden. Die müssen sich nun mit all den Empörten herumschlagen, müssen ihre Zeit mit sinnlosen Diskussionen verdaddeln und haben irgendwann vielleicht gar keine Lust mehr, irgendwas zu verändern.

Das wissen diejenigen, die so viele Meldungen mit einer Wertung versehen. Sie drücken auf’s bewährte Knöpfle und suggerieren den Menschen, es würde ihnen etwas weggenommen. Beispiele gefällig? Bitteschön:

Die Schlagzeile „Flüchtlinge nehmen uns unsere Kultur weg!“ bringt jede Menge Klicks und garantiert massive Verbreitung. Es ist das Spiel mit der subtilen Angst vor Fremdem, dass hier erfolgreich genutzt wird. Ginge es nicht vielleicht auch anders?

„Flüchtlinge können unseren Alltag bereichern und bringen frischen Wind in die Gesellschaft“ bringt  leider allenfalls Gemaule hervor, „es würde uns was vorgelogen“.

Dabei ist die positive Wertung ebenso wahr oder unwahr wie die Erste. Es ist schlicht eine Wertung ohne jemals den entsprechenden Beweis angetreten zu haben.

Übrigens: Kultur ist nichts was man stehlen könnte. Sie entsteht im Laufe der Jahrhunderte und unterliegt dem ständigen Wandel. Wäre Kultur statisch, würden wir immer noch mit Erdfarben Höhlenwände bemalen. Selbst in grauer Vorzeit stand die Menschheit fremden Gruppen zunächst argwöhnisch gegenüber. Sprache, Haltung, Gestik musste erst einmal dechiffriert werden, um erkennen zu können, wie wichtig Austausch und Perspektivenwechsel sein können. 

„Der Islam bedroht das Christentum!“ macht Angst. Man denkt sofort an die 2. Belagerung der Türken von Wien im 16. Jahrhundert. 

„Christen besinnen sich ihrer Werte und leben friedlich neben anderen Religionen“ ist keine Meldung für Leute, die Vergewaltigungen, Blut und Tränen brauchen, um sich im Rennen zu halten. Diese positiv bewertete Meldung verstehen vermutlich nur diejenigen, die Werte nicht „verteidigen“, sondern einfach leben. Werte entwickeln eine ganz eigene Kraft, wenn sie nicht nur in irgendwelchen Texten beschrieben, sondern im realen Leben umgesetzt werden. Wer also an die Lehre Jesu glaubt, der kann Tugenden wie Mildtätigkeit, Fürsorge den Schwächeren gegenüber oder Großherzigkeit einfach nur in sein tägliches Leben integrieren. Wer diese Werte verinnerlicht hat, dem können sie nicht mehr gestohlen werden. 

Ein anderes Beispiel für den Trick mit negativen Schlagzeilen gefällig? Überschriften wie „Fahrverbote für Diesel!“ rütteln eine bestimmte Gruppe von Verkehrsteilnehmern auf und suggerieren die Einschränkung der eigenen Mobilität. Die Aussage der Headline ist nicht grundsätzlich falsch, allerdings impliziert sie eben auch schon eine Meinung. Würde die Überschrift jedoch lauten: „VVS halbiert Fahrpreise während des Feinstaubalarms“ brächte sie bestenfalls eine „das ist ja das Mindeste was man verlangen kann!“-Reaktion unter den Lesern hervor. Keine Sau interessiert sich für einen Artikel, der die positive Sicht auf eine Situation beleuchtet. Lieber schwelgt man in gemeinschaftlicher Empörung, baut in sozialen Medien seinen Frust ab und verliert sich in wüsten Beschimpfungen. Es werden Ansprüche erhoben, deren Ursprünge in der eigenen Komfortzone liegen. 

Die eigene Verantwortung und das eigene Handeln treten dabei vollkommen in den Hintergrund. „Die anderen“ sollen es richten. 

Ganz lustig wird es dann, wenn verschiedene Nachrichten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, in einen Topf geworfen, gut umgerührt und dann über die digitale Welt ausgeschüttet werden. Dafür gibt es sogar schon ein eigenes Wort, „Whataboutism“ nennt man das. Beispiele lassen sich überall im Netz finden. Diese Äpfel mit Birnen Vergleiche beginnen meist so: „aber was ist mit….?“ und sollen Verwirrung stiften. Wer Whataboutism regelmäßig anwendet, ist nicht an einem Konsens interessiert. 

Natürlich ist die Welt in ihrem aktuellen Zustand keine heile Welt. Es gibt überall Baustellen, Dinge, die besser laufen könnten, Dinge, die richtig schlecht laufen. Es wäre ebenso wenig hilfreich, die Dinge grundsätzlich schön zu schreiben. Dennoch muss gefragt werden, welchen Nutzen die Menschen haben, wenn man die Welt noch schlechter schreibt als sie ist? Ist Demoralisierung und Aggressivität im Ernst der richtige Weg Probleme zu lösen? Geht es denn nicht um den Konsens? 

Wenn man einmal verstanden hat, wie Stimmungen generiert, wie Meinungen gemacht werden, hat man ein mächtiges Werkzeug in der Hand, dem Ganzen nicht immer auf den Leim zu gehen. Wenn nicht jede Negativ-Schlagzeile geteilt wird, nicht jedes Problem zu einem Supergau gemacht wird, tritt wieder eine gewisse Gelassenheit an den Tag. 

Eine Gelassenheit, die uns seit einiger Zeit abhanden gekommen ist und uns hülfe, den Problemen der Welt konstruktiv entgegenzutreten. 

Text: A. Müller

Während du gehst

Während du gehst

Während du gehst, sitze ich an deinem Bett und halte deine Hand. Ich möchte dir noch so viel sagen, möchte mich bei dir für dein Leben bedanken und alles was mir einfällt ist: noch ist deine Hand ganz warm. Ich möchte den Gedanken abschütteln, ihn loswerden. Er erscheint mir so unangemessen, so dumm. Natürlich ist deine Hand noch warm. Du lebst ja noch. Du atmest, du bewegst die Augen hinter den geschlossenen Lidern. Du bist noch da.

Deine Hand liegt in meiner, ich streichle zärtlich über deine Haut. Du bist noch da, aber ich spüre wie du dich auf den Weg machst. Deine Hand liegt in meiner und ich kann dich trotzdem nicht festhalten. Mir zerreißt es fast das Herz, ich will dich nicht loslassen müssen. Du gehörst doch zu meinem Leben, du warst immer da. Deine Hand ist noch ganz warm. Wie kannst du es wagen, einfach zu gehen? Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn deine Hand plötzlich kühler wird. Nach einer Weile dann ganz kalt sein wird. Wohin gehst du? Sag es mir!

Während du gehst, sitze ich an deinem Bett und will die Zeit anhalten. Dann könntest du nicht gehen, würdest immer bei mir bleiben. Dann würde mich vielleicht der Schmerz verschonen. Es tut so weh, wenn du gehst. Noch bist du da und ich kann dich halten. Kann mich an dir festhalten.  Wer hält mich fest, wenn du gegangen bist?

Während du gehst, versuche ich mich an all die schönen Momente zu erinnern. Ich will dein Lachen noch einmal hören, will noch einmal deine Liebe spüren. Aber ich spüre nur deine warme Hand. In meinem Kopf wirbeln so viele Gedanken, sie lassen sich nicht einfangen. Alles was ich spüre ist deine warme Hand. So wenig und doch so unendlich viel.

Ich friere. Mir ist, als würde ich von innen nach außen einfrieren. Deine Hand ist noch warm, aber in mir breitet sich eine nie gekannte Kälte aus. Das Eis in mir läßt mich erstarren, macht mir das atmen schwer. Unser beider Brustkorb hebt und senkt sich nur mit Mühe. Bei dir, weil dein Weg anstrengend ist. Bei mir, weil ich dir nicht helfen kann.

Ob mir jemals wieder warm und wohlig im Inneren wird? 

Deine Hand. Ich lasse sie nicht los. Zu groß ist die Furcht, dass du dann einfach gehst. Ich halte deine Hand, ich halte dich fest. Bitte gib mir noch Zeit mit dir. Ich bin noch nicht so weit, dich loszulassen.

Ich schelte mich selbst. Wie egoistisch ich doch bin! Du hast dich auf den Weg gemacht und nur du entscheidest, wann du am Ziel ankommen willst. Alle meine Wünsche werden so klein angesichts deines Weges. 

Ich werde bleiben müssen. Meine Hand wird noch lange warm sein. Du jedoch, machst den größten Schritt, den man sich vorstellen kann. Obwohl, niemand kann sich diesen Schritt vorstellen. Niemand weiß wohin er führt. Wie mutig du bist! 

Ich sitze nur da und halte deine Hand, aber du… du musst diesen einen, diesen letzten Schritt ganz alleine wagen. Dein Körper ist krank und müde und doch bringst du die Kraft für den allerletzten Schritt auf. Ich bewundere dich.

Während du gehst, möchte ich dir noch so viel sagen. Ich möchte dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber aus meiner Kehle dringt kein Ton. Ich streichle über deine Hand und überlege, ob du jetzt vielleicht meine Gedanken spüren kannst. Ganz vorsichtig und sachte drücke ich deine Hand. Ich will ganz sicher sein, dass du verstehst. Ich kann dich nicht gehen lassen, ohne dir noch einmal meine Liebe zu zeigen. Wenn die Liebe eine Wolke wäre, würde ich dich damit einhüllen. Nimm diese Wolke mit auf die andere Seite. Vielleicht brauchst du sie dort. 

Kannst du bitte ein wenig von deiner Liebe hier lassen? Für alle Fälle. 

Während du gehst, beuge ich mich zu dir. Ich nehme noch einmal deinen Geruch auf. Ganz tief sauge ich ihn in mich hinein. Er wird bleiben, wenn du schon fort bist. 

Ich rieche nicht deine Krankheit und ich rieche nicht deinen Schmerz. Alles was meine Nase aufnimmt, ist der Geruch deiner Selbst. Du riechst nach Heimat, nach Vertrauen, nach Beständigkeit.

Deine Hand liegt in meiner. Früher war es umgekehrt. Da durfte ich meine kleine Hand in deine Große legen. Du hast mich geführt, mich gehalten, mich gestützt. Habe ich mich jemals bei dir bedankt? Du warst immer wie selbstverständlich für mich da. 

Jetzt bin ich an deiner Seite, halte deine warme Hand in meiner. Es ist schwer. Unendlich schwer.

Aber es ist auch gut. Wir haben noch ein kleines bisschen Zeit.

Ich halte dich und du hältst mich. Wir halten uns gegenseitig. 

Wir wissen beide nicht, wie lange wir uns noch halten dürfen. Wie lange noch deine Hand in meiner liegt. Es ist jedoch nicht von Bedeutung. Wir sind gemeinsam im Jetzt. Das ist das letzte Geschenk, dass wir uns gegenseitig machen.

Während du gehst, lasse ich mich an deiner Hand treiben. Du führst mich zu Stellen, die ich noch nicht gekannt habe. Ich fürchte mich, aber deine Hand bleibt ruhig in meiner. Du bist dir deiner Sache sicher, du kennst den Weg. Ich vertraue dir ein letztes Mal.

Du führst mich zum seelentiefsten Schmerz, ich sträube mich dagegen. Aber du bleibst beharrlich auf deinem Weg, denn du weißt in diesem Moment schon, was nach dem Schmerz kommt. 

Ich muss es erst noch lernen. Kommst du ab und zu vorbei und hilfst mir? 

Während du gehst, spüre ich immer mehr deine Ruhe. Ganz langsam kann ich mich an den Gedanken gewöhnen, deine Hand loszulassen.

Noch halte ich sie in meiner, streichle zart über deine Haut. Noch bist du da und deine Hand ist ganz warm.

Wenn der Zeitpunkt kommt, weiß ich, dass ich loslassen darf.

Text: A. Müller

Beipackzettel für das Leben

1. Was ist Leben und wofür wird es angewendet?

Leben ist ein, im besten Fall jahrzehnte anhaltender Prozess, der sich auf jeden Organismus auswirkt. Leben darf zu jeder Zeit und an jedem Ort angewendet werden. 

Das Produkt ist weder rezept- noch apothekenpflichtig. Leben ist überall frei erhältlich und grundsätzlich nicht käuflich. 

Warnhinweis: Vorsicht vor Produktpiraterie! Eine hübsche Verpackung macht noch lange kein gutes Leben. Achten Sie daher stets auf die Inhaltsstoffe.

Leben wirkt sich auf jede Zelle des Körpers aus. Es kräftigt Muskulatur, Bindegewebe, Haut und Haar und wirkt sich förderlich auf die Mobilität aus. Inwiefern sich Leben auf den menschlichen Geist auswirkt, welche positive oder auch nachteilige Wirkungen möglich sind, wird in breit angelegten Studien erforscht. Die Studien werden regelmäßig in sozialen Netzwerken von den Teilnehmern selbst veröffentlicht.

Leben darf angewendet werden für junges, altes, schräges, vertracktes, verrücktes, langweiliges oder eintöniges Dasein. Für Leben gibt es grundsätzlich keine Kontraindikationen (Ausnahmen siehe Punkt 2.). Wer Leben mag, nimmt es auf. Alle anderen benutzen bitte Kondome oder andere lebensverhindernde Maßnahmen.

2. Was sollten Sie vor Einnahme von Leben beachten?

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen:

Leben darf nicht nicht angewendet werden in der Berufsgruppe der katholischen Geistlichen (die aktive Weitergabe von Leben ist hier strengstens verboten!), bei allergischen Reaktionen auf die Wirkstoffe Neugier und Lust, und bei bestimmten Vorerkrankungen. Hierzu zählen medizinische Tendenzen zur mitternächtlichen Verwandlung in werwolfartige Wesen, spirituelle Tendenzen zur Wiederauferstehung oder die Ablehnung des Lebenswertes einer bestimmten Gruppe der Spezies Homo sapiens.

Während der Schwangerschaft und für Kinder und Jugendliche ist die Einnahme von Leben ausdrücklich erlaubt.

Die übermäßige Anwendung von Leben kann bei Dopingkontrollen zu falsch positiven Ergebnissen führen. 

Bisher liegen keine Hinweise vor, dass das Leben zu einer Beeinträchtigung der Fähigkeit zur aktiven Teilnahme im Straßenverkehr führen könnte.

3. Wie ist Leben einzunehmen?

Sie können Leben in verschiedenen Darreichungsformen einnehmen: in vollen Zügen oder kleinen Schlucken, in großen oder kleinen Happen, unzerkaut, mit oder ohne ausreichend Flüssigkeit. 

Die Dosis ihres individuellen Lebens bestimmen ebenfalls Sie selbst. Bei eventueller Überdosierung nach einem langen Wochenende auf der Piste, verringern Sie daher für die nächsten zwei Tage die Dosis und geben Sie ihrem Arbeitgeber Bescheid.

Langzeitstudien haben ergeben, dass die Inhaltsstoffe von Leben am besten wirken, wenn sie bei Spaziergängen, beim Lesen, beim Sport, bei Unterhaltungen oder beim Sex eingenommen werden.

Eine aktive Atmung ist bei der Aufnahme von Leben sehr förderlich.

Grundsätzlich ist die Einnahme von Leben zusammen mit anderen lebensfördernden Mitteln positiv zu betrachten. Achten Sie hierbei lediglich auf eine ausgewogene Verteilung der Wirk- und Nährstoffe. 5000 kcal täglich in Form von Bier und Chips liefern nur kurzfristig dem Körper die notwendige Energie. Langfristig verhindern sie jedoch die Teilnahme am aktiven Leben.

Bei Leben kommt es immer wieder zu produktionsbedingten Schwankungen des Wirkstoffgehaltes. Kinder und Jugendliche bedürfen daher in aller Regel einer kleineren Dosis, als lebenserprobte Erwachsene. 

Die Einstellung der Dosis obliegt daher stets der Verantwortung des Lebenswilligen und/oder seiner gesetzlichen Vertreter. 

4. Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Wie alle lebensfördernden Mittel, kann auch Leben Nebenwirkungen haben, die jedoch nicht bei jedem auftreten müssen.

Bekannte Nebenwirkungen sind u.a. erhöhter Blutdruck, Herzrasen, Völlegefühl, Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, vermehrte Körperbehaarung oder verschwommenes Sehen.

Auch und gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen sind Nebenwirkungen sehr häufig. Dies liegt daran, dass die Einnahme von Leben individuell stattfindet und es zu einer Asynchronität der Lebenspegel kommen kann.

Ebenso sind gewisse Nebenwirkungen in der Erwartungshaltung an Leben zu verzeichnen. Werden zu große Dosen über einen zu langen Zeitraum eingenommen, tritt ein unerwünschter Nebeneffekt der Gewöhnung auf. Hier kann es zu suchtähnlichem und in der Folge destruktivem Verhalten kommen, das im ungünstigsten Fall zur Lebensverkürzung führen kann.

Warnhinweis: sollte jemand in Ihrer Umgebung an Symptomen der Lebensmüdigkeit leiden, zögern Sie keine Sekunde und bieten Sie Hilfe an!

In einigen Fällen wurde beobachtet, dass nach jahrelanger Einnahme von Leben eine gewisse Routine und Langeweile zu verzeichnen ist. Hierbei kann mit einer Veränderung der Dosis und der Darreichungsform entgegen gesteuert werden. Nehmen Sie in solch einem Fall Leben in Form von Musik, Tanz, Kinderlachen und Pfützenhüpfen auf. 

5. Wie ist Leben (auf) zu bewahren?

Bewahren Sie Leben wo immer Sie können. 

Eine körperlich und geistig gesunde Lebensweise hilft Ihnen, sehr lange vom Leben zu profitieren.

Geniessen Sie Leben, bearbeiten Sie Leben und achten Sie Leben. Selbst in kleinem, unscheinbarem Leben steckt ein Teil der Lösung für Ihre eigenen Lebensfragen.

Lagern Sie Leben bitte nicht über +42° Celsius!

Das Team der Initiative „Mach’ was draus!“ wünscht Ihnen ein langes und erfülltes Leben.

Text: Anja Müller

Die schlechteste Diktatur der Welt

Die schlechteste Diktatur der Welt

Leute, es geht bergab mit unserem Land! Nun leben wir schon seit über einem Jahr in einer Diktatur und noch kaum jemand hat es richtig bemerkt. Was sind wir auch für ein verschlafener Haufen. Einzig ein paar ganz besonders aufmerksame und selbsternannte Aufgewachte weisen uns auf diese sich auf skandalöse Art und Weise einschleichende Staatsform hin.

In vielen Städten gehen daher diese Gruppen von, nun wie soll man sie nennen, Freiheitskämpfern? auf die Straßen und fordern das Ende der Diktatur. Sowohl der Staat an sich, als auch die Polizei als Exekutive lassen diese Leute gewähren. 

Ey, hat denen, also jenen da oben vom Staat, noch keiner gesagt, dass das in einer Diktatur so nicht geht? Führende Diktatoren weltweit schütteln entsetzt den Kopf. Die Deutschen wieder…. 

Zugegeben, seit der letzten Diktatur in diesem Land kann man bei unseren Politikern eine gewisse Ladehemmung in Sachen diktatorischer Fähigkeiten verzeichnen. Mehrfach hört man ihre Reden, hofft auf ein entsprechendes Handeln und dann verläuft sich die Sache doch irgendwie im Sande.

Außer Spesen, nix gewesen. Bei manchen Rednern ist das bestimmt auch besser so. Ich schreibe das hier ausdrücklich leise, weil man darf ja anscheinend nix mehr laut sagen. Man darf sowieso fast gar nichts mehr in diesem Land. Überall nur Gängelei und Schikane. 

Und wieder hat’s niemand gemerkt. Außer den besonders Wachsamen. Den Ausgeschlafenen. Denen, die diese böse Diktatur beim Namen nennen und sie öffentlich an den Pranger stellen.

Das Einzige was man noch darf: man darf uneingeschränkt blöd sein. Das sagen sie einem natürlich nicht offen, diese lausigen Diktatoren.

Daher zurück zu unseren wackeren Freiheitskämpfern, den Verteidigern unserer…. äh.. was wollten die noch mal verteidigen? Ach so, die Meinungsfreiheit.

Sie basteln sich aus dem Sperrmüll der ewig gestrigen Gedanken ihre Schilder und halten sie während ihrer Kundgebungen mit dem rechten Arm nach oben. Gleichwohl in unserer Verfassung irgendwo auf Seite 385 oder so kleingedruckt hinterlegt ist, man dürfe den rechten Arm nicht mehr ganz so weit nach oben ausstrecken. Nur bitte so halbhoch, dass es gerade noch so nicht anstößig wäre. Die machen das aber trotzdem und keiner hindert sie dran. Weil wir in einer Diktatur mit freiheitlicher Verfassung leben. Diktatur light oder so…

Der Staat schaut also milde lächelnd auf sein aufRechtes Volk, der eine oder andere Vertreter dieser bösen bösen Diktatur macht sogar noch ein Herzzeichen mit seinen Fingern oder klatscht sich mit den Freiheitskämpfern ab. Sogar der Staatsschutz, der gerne mal mit der Stasi der ehemaligen DDR verglichen wird, beobachtet das bunte Treiben nur aus der Ferne. Ey, das ist doch eine Scheißdiktatur! Die ist so schlecht gemacht wie das Remake von „Psycho“. Keine neuen Sichtweisen, keine Inspiration. Einfach nur blindes Nachmachen alter Strukturen.

Mit ein wenig Innovation könnte man doch ein paar neue diktatorischen Dinge einführen. Zur Not erfindet man halt was.

Das führt uns zum zweiten Punkt auf der Agenda der Streetfightig men & women: der diktatorische Staat wolle uns alle austauschen, quasi durch „bessere“ oder willfährigere Bürger ersetzen. Na ja, schaut man sich den einen oder anderen an, der sich diese Sicht der Dinge zueigen gemacht hat, da ist der Gedanke an so einen Plan schon verführerisch. Kann man vielleicht mal konkreter drüber nachdenken. 

Wenn unsere neuartige Diktatur ein wenig Glück hat, purzeln von diesen selbsternannten Heimatschützern in ihrem Taumel ein paar über den Rand der Erdscheibe. Dann kriegen die aber Schnappatmung unter ihrer Maske! Übrigens Maske:

Aus diktatorischer Sicht war die Idee der Maskenpflicht gar nicht so übel: es wird nicht nur das Risiko einer Infektion vermindert, sondern verleitet manchem auch die Lust am Dummsabbeln. Es gibt natürlich den einen oder anderen, der sich mit großer Geste auf der Bühne die schwarz-rot-weiße Maske vom Schandmaul reißt und trotzdem seine kruden Reden unters Volk bringt.

Unsere Diktatur läßt solche Leute gewähren. Ein paar Stunden vorher hat es allerdings viel besser mit der Umsetzung des diktatorischen Ansinnens geklappt. Da hat die Staatsmacht ein paar hundert Leute eingekesselt und mit Platzverweisen belegt.

Na also! Geht doch! Und jetzt üben wir das bei den Volkstümmlern eben noch mal. 

Man möchte sowohl der Landes- als auch der Bundesdiktatur zurufen „Tschakka! Ihr schafft das!“ und ihr fest die Daumen fürs diktatorische Gelingen drücken. 

Denn unsere Diktatur ist ja noch jung. Gerade mal ein Jahr alt. Da passieren eben noch Fehler. Das wird schon noch werden. Wir müssen vielleicht einfach noch ein wenig Nachsicht haben.

Interessant ist ja, dass wir so eine Art mehrstufige Diktatur zu haben scheinen. Es gibt viele kleine Länderdiktatoren und über diesen schwebt die Bundesdiktatorin. Weil die alle miteinander noch nicht kapiert haben, wie das in einer Diktatur wirklich funktioniert, sprechen die sich alle paar Wochen untereinander ab. Dann veröffentlichen sie ihre Vorgaben und trotzdem macht jeder was er will. Ich will ja nicht unken, aber dieses Vorgehen klappt schon in einer anderen Staatsform, der Demokratie, nicht so richtig. Wirklich, die Umsetzung dieser Diktatur ist so richtig schlecht geraten. Ich finde, wenn wir schon in freien und geheimen Wahlen unsere Diktatoren wählen müssen, dann sollten die schon wissen, wie sie ihr Volk piesacken. 

Gerade in den Anfängen einer so jungen Diktatur ist es unerlässlich, sich nach positiven Vorbildern umzuschauen. Sonst macht der ganze Zinnober ja keinen Spaß.

Am Ende kommt das Volk noch auf den Gedanken, es könne sich selbst regieren. Oder noch schlimmer: es läuft irgendwelchen Quacksalbern hinterher, die Frieden und Freiheit versprechen. Die versprechen sogar noch mehr, wenn man sie reden läßt. Sie schwafeln vom Ende eines Systems, von totaler Erneuerung, von Kriegsgerichten und von standrechtlichen Mitteln. Was sie nicht sagen: sie wollen die von ihnen aufgedeckte Diktatur durch ihre Eigene ersetzen. Weil sie geschnallt haben, welche Vorteile sie dadurch haben könnten. 

Nicht alle dieser Freiheitskämpfer nehmen ihr Recht auf Blödheit in Anspruch. Manche von ihnen profitieren nur von selbigem.

Derweil hocken unsere Diktatoren zusammen, kneifen ihr rechtes Auge zu (da sehen sie ohnehin nur ganz verschwommen), und rechtfertigen sich.

So langsam denke ich, das sind gar keine Diktatoren! Das sind verkappte Demokraten, die seit über einem Jahr versuchen, irgendwie die neuen Herausforderungen zu meistern. Sie machen dabei jede Menge Fehler, kommunizieren manche Dinge zu früh oder gar nicht oder reden schlichtweg Unfug.

Als Diktatoren haben sie jedenfalls komplett versagt.

Vielleicht hat deshalb noch keiner gemerkt, dass wir in einer Diktatur leben.

Text: A. Müller

Die verlorenen Eier

Die verlorenen Eier

Eigentlich wollte ich heute eine fröhlich-lustige Ostergeschichte schreiben. Von im Wind schaukelnden Blumen, zartem Blütenduft und von der Zuversicht, dass das Frühjahr uns in eine entspanntere Zeit geleiten würde. Die Geschichte sollte von Hoffnung getragen sein. Sie sollte die Leser*innen schmunzeln lassen und wenigstens für eine kurze Zeit die Mühen des Alltags vergessen machen.

Aber ich kann nicht. 

Seit gestern, seit den Ereignissen in meiner Heimatstadt, bin ich voller Wut, voller Trauer und voller Sorge. Und so lass ich jetzt all meinen Gefühlen freien Lauf. Noch habt ihr die Chance aus diesem Text auszusteigen, noch könnt ihr einfach weiter klicken und den Ostersonntag mit eurer Familie draußen, bei schönstem Sonnenschein geniessen. Ich könnte es euch nicht verdenken.

Gestern hat der Staat kapituliert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Staat hat gestern einer kleinen, aber lauten Gruppe das Feld überlassen und sich vorführen lassen.

Gestern hat der Staat den Rest seines Vertrauens verspielt. Wer sollte ihn jetzt noch ernst nehmen?

„Der Staat“ steht hier für all jene, die in die Verantwortung genommen werden müssen: die Stadt Stuttgart mit ihren Bürgermeistern, die Polizei Baden-Württemberg, das Land Baden-Württemberg samt Ministerpräsident und Innenminister.

Einzig und allein ein aufrechter Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums zeigte Haltung und damit die Möglichkeit eines Verbots der Demonstration auf. 

Diese Chance wurde nicht genutzt. Man ließ die Meute frei durch die Stadt ziehen. 

Der Staat hat seine Eier verloren.

Wie soll in Zukunft glaubhaft gemacht werden, dass man sich nur mit wenigen und ausgewählten Personen treffen soll, wenn sich gleichzeitig Tausende ohne Maske und Abstand (oder lieber Anstand?) versammeln dürfen?

Wie kann es geschehen, dass bei einer geschätzten Teilnehmerzahl von 10.000 Demonstranten nur etwas 250 Maskenverstöße geahndet werden?

Wer kommt für die Folgeschäden auf, die zwangsläufig entstehen? 

Und wer kann mir erklären, warum die gleichzeitig stattfindende Fahrraddemo aufgelöst wurde? Diese Demonstranten trugen allesamt Masken, hielten den Abstand ein und traten, ganz im Gegensatz der Exekutive für das Wohlergehen ihres Landes ein. 

Seit gestern kann man sich unzählige Videos und Bilder im Netz anschauen. Zu sehen sind fröhlich tanzende Menschen aus allen sozialen Schichten. Man sieht sie dicht an dicht nebeneinander Richtung Cannstatter Wasen ziehend. Hier und da klatscht man sich mit den begleitenden Polizisten ab. So, als würden sich gute alte Bekannte treffen.

Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen, mitten in der dritten Welle der Pandemie.

Der Staat, der alte zahnlose Tiger, schaut zu. Mehr kommt nicht an diesem Tag von diesem Staat.

Er hat seine Eier verloren.

Vielleicht bin ich ja naiv, ich dachte bislang immer, die Polizei müsse neutral sein. Ich dachte auch immer, die Polizei müsse geltendes Recht sichern bewahren. Alles in allem hatte ich schon ein Grundvertrauen in die Polizei. 

Gestern jedoch hat sich die Polizei mit ihrem Nichthandeln mit den Maskenlosen gemein gemacht. Die Polizei war nicht einmal in der Lage, Plakate von Politikern in Sträflingskleidung von ihren Einsatzwagen zu entfernen. 

Kann mir das mal jemand erklären?

In ihrer abendlichen Presseerklärung erdreistete sich die Polizei sogar, von einer friedlichen Demonstration zu sprechen. Sie hätte keinen Grund zum Eingreifen gehabt.

Friedlich? Im Ernst?

Was zur Hölle ist friedlich daran, mitten in einer Pandemie zu Tausenden durch die Stadt zu ziehen? Die Gefahr einer Ansteckung ist hier kleiner bemessen worden, als es in einem Buchladen, Bekleidungsgeschäft oder in einem gut belüfteten, zur Hälfte belegten Kino der Fall wäre?

Es ist also friedlich, bewußt das Risiko einzugehen, andere unbeteiligte Menschen mit einem ernstzunehmenden Virus anzustecken?

Es ist also friedlich, sich mit rechtsgerichteten Gruppierungen zu versammeln? 

Es ist also friedlich, Kinder zu instrumentalisieren und sie den Gefahren bei einer Demo auszusetzen?

Diese Demonstration war nicht friedlich!

Sie war ein Angriff auf die Unversehrtheit der Menschen und ein Angriff auf die Demokratie. Diese Demonstration war, wie jene in Kassel und anderen Städten, staatszersetzend.

Derweil sucht unser Staat seine Eier. 

Man versteckt sich hinter dem Argument, die Freiheit der Meinung sei höher zu bewerten, als die körperliche Unversehrtheit. Man meint, solche Demonstrationen müsse eine Demokratie aushalten.

Was für eine bequeme und ignorante Haltung!

Der Staat schaut eierlos zu, wie er von einer kleinen lauten Gruppe von innen heraus aufgefressen wird. 

Der Staat schaut taten- und eierlos zu, wie eine kleine radikale Gruppe immer mehr Menschen mit einfachen Lösungen für komplexe Probleme ködert.

Ab und zu liest man, der Staatsschutz würde diese Umtriebe beobachten. Man hat in der Vergangenheit gesehen, wie toll so was klappt. Der Staatsschutz beobachtet. Greift er auch ein?

Gestern wurde Millionen von Menschen, all jenen, die sich an Auflagen und Regeln halten, all jenen, die unter den Folgen einer Covid 19 Erkrankung leiden, in den Arsch getreten.

Pfleger*innen und Ärzte, Menschen die seit einem Jahr am Limit arbeiten, wurde gestern der Finger gezeigt.

Im Namen der Meinungsfreiheit. 

Weil eine Demokratie so was aushalten muss.

Ich frage mich, wie lange unser Gesundheitssystem diese Pandemie noch aushält. Wann Pfleger*innen und Ärzte das Handtuch schmeißen.

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich weiß sie sehr zu schätzen. Ohne dieses verbriefte Recht könnte ich diesen Text nicht einfach so ins Netz stellen.

Ich wünsche mir jedoch, sobald das Recht auf freie Meinungsäußerung andere Grundrechte beschneidet, Menschen dabei zu Schaden kommen oder gar sterben müssen, es beschnitten werden muss.

Dafür muss der Staat ein Garant sein.

Im Moment ist er jedoch ein Garant für Feigheit, für Planlosigkeit und für grenzenloses Desinteresse an seinen Bürgern.

Ich wünsche mir mehr Eier! 

Nicht nur an diesem Osterfest.

Text: A. Müller

Ein Auftragstext für meinen Chef

Ein Auftragstext für meinen Chef

(kann ja nur schiefgehen)

Neulich, an einem Freitagabend, fragte mich mein Chef: „Und? Was schreibst du am Sonntag?“ Ich zuckte mit den Schultern und antwortete: „Keine Ahnung. Ich vertraue einfach darauf, dass mir was einfällt. So mache ich das ja schon seit geraumer Zeit. Einfach nichts denken, nur schreiben; und am Ende schauen, was dabei rausgekommen ist.“

Ich zog an meiner Zigarette, inhalierte den Rauch bis runter in die Zehen und hoffte, mit meiner Antwort wäre das Thema beendet.

Aber mein Chef ist ein hartnäckiger Knochen. Damit wir uns nicht missverstehen: ich mag meinen Chef. Seine Tipps zur Gestaltung meiner Texte sind jedoch, wie soll ich sagen…? Unorthodox? 

Lange Rede, kurzer Sinn: mein Chef schlug mir vor „doch mal was über Waldi zu schreiben“.

Waldi what? Mein Gesicht muss mir komplett entgleist sein, denn er setzte gleich noch einen drauf: „Du weißt wie ich das meine?“ „Nein, Himmelherrschaftszeiten! Nein, ich weiß es nicht“, dachte ich und hoffte dabei von Herzen, es folgen nun keine weiteren kryptischen Fragen. Ich hab’ doch Feierabend! Manchmal redet er in Rätseln, mein Chef. Dann muss man aufpassen, dass man den Faden nicht verliert. Weiß der Geier, warum ich das Spiel trotzdem mitspielte. „Meinst du diesen Fußball-Waldi?“ Diese Frage lag nahe, denn mein Chef ist dem Fußball mit großem Herzen zugewandt. „Über den schreibe ich lieber nichts. Könnte bösartig werden.“ 

Chef schüttelte den Kopf, „nein, den meinte ich nicht. Ich rede von den Hunden, die Waldi heißen. Du magst doch Tiere.“ Ach so! Ja, ich mag Tiere. 

„Schreib doch, wie Waldi abends auf dich wartet und sich auf den Spaziergang mit dir freut.“ Mein Chef geriet zunehmend in Fahrt, mit einer Handbewegung versuchte ich ihn zu stoppen. „Hey, am Abend wartet meine Couch auf mich. Ich habe hier auf’m Hof schon über 20 Kilometer abgespult, freiwillig mache ich heute keinen Schritt mehr!“

„Ein Spaziergang mit Waldi würde dich aber enorm entspannen. Stell’ dir das doch einfach mal vor. Du bist doch sonst so kreativ.“ 

Also gut, ich stelle mir das mal vor. Aber nur, damit dann Ruhe ist!

Ich komme am Abend nach getaner Arbeit nach Hause, bin hundemüde, verschwitzt und hungrig. All meine Bedürfnisse müßen noch für eine gute Weile hinten angestellt werden, denn ER wartet auf mich. ER muss erst einmal eine Runde um den Block. ER muss pullern, weil er den ganzen Tag in der Wohnung war. ER ist die fleischgewordene Kombination von Dackel und armer Sau. Denn sein Frauchen, selbsternannte Tierliebhaberin, läßt ihn den ganzen Tag alleine und geht arbeiten. So in etwa?

Mein Chef schüttelte den Kopf. Nein, so hatte er sich eine Geschichte mit Waldi nicht vorgestellt. 

„Ja, was denn nun? Sonst ist doch auch immer der Anspruch nach Authentizität!“ fluchte ich innerlich. Laut sagte ich: „Ich glaube, das Thema ist doch nicht so meins. Ich schreibe am Sonntag lieber was anderes.“

Mein Chef nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Für ihn wäre es ein Leichtes gewesen über Waldi zu schreiben, denn er ist mit Waldi aufgewachsen. In seiner Familie gab es einen Waldi, in meiner eben nicht. Klarer Vorteil für ihn!

„Dann schreibst du eben eine Geschichte über deinen Chef!“ sagte er. Ich spürte deutlich die Erwartungshaltung und sah wie sich der Boden unter meinen Füßen auftat.

Lodernde Flammen schlugen aus den Tiefen der Autorenhölle empor, giftige Gase raubten mir den Atem und die Aussicht auf klare Gedanken.

Tja-ha…. einfach so rumzuschreiben und schauen was dabei herauskommt, dass ist nicht schwer.   Das kann jeder. Jetzt allerdings hatte ich eine Auftragsarbeit an der Backe, die Fingerspitzengefühl und äußerste Disziplin erforderte. 

Einen Sonntagstext entweder über Waldi oder über meinen Chef. 

Puuh.

Wie gesagt, mein Chef ist ein hartnäckiger Knochen. Der läßt so schnell nicht locker. Mich also einfach zu drücken und zu tun, als hätte ich den Auftrag vergessen, ist keine Option.

Sonst ruft er mir die nächsten Wochen beim abendlichen Abschied noch ein süffisantes „Gruß an Waldi!“ nach.

Die Kollegen kann ich auch nicht um Rat fragen, die haben andere Steckenpferde. Es wäre vielleicht auch reichlich unfair, sie da mit reinzuziehen. DIESE Suppe habe ich mir selbst eingebrockt.Die Entscheidung zu schreiben habe ich ganz alleine getroffen. 

Irgend jemand sagte mal: Wer schreibt, bleibt.

Bestimmt hatte dieser Jemand mit einer anderen Aufgabenstellung zu tun. Oder er wählte als lebenserhaltende Maßnahme das Thema Waldi. 

Man weiß es nicht….

So sitze ich also am Rechner und tippe Wörter im Vertrauen darauf, irgendwie die Kurve zu kriegen.

Ich lese den geschriebenen Text immer wieder durch, streiche hier etwas und ergänze dort etwas,  und bin insgesamt gar nicht so unzufrieden mit mir. Sowohl Waldi als auch mein Chef werden erwähnt und das sogar mehrfach! Der Auftrag ist somit nicht nur einigermaßen, sondern quasi schon übererfüllt.

Von solchen Mitarbeitern träumt wohl jeder Chef.

Und noch ein Gedanke kommt mir in den Sinn: gleichwohl die gestellte Aufgabe etwas heikel war, bewahrte sie mich heute doch auch davor, einen zynisch-sarkastischen Sonntagstext zu schreiben. 

Das ist doch schon mal etwas.

Text: A. Müller

Es ist so kompliziert geworden

Damals, als ich noch ein Kind war, hatte ich mir die Sache mit dem Erwachsen sein ganz anders vorgestellt. Ich freute mich darauf, endlich nicht mehr von Eltern, Lehrern und anderen Respektspersonen fremdbestimmt zu werden, sondern eigene autonome Entscheidungen zu treffen. Wie schön musste es sein, so meine Vorstellung, sich eine halbe Stunde vor dem Abendessen eine Tafel Schokolade reinzupfeifen oder sogar ganz auf das Abendessen zu verzichten und stattdessen ein Buch zu Ende zu lesen. Ich wollte den gesellschaftlichen Konventionen nur noch dann folgen, wenn sie sich als sinnvoll erwiesen. Alles stellte ich auf den Prüfstand: Kinder sollen nur reden, wenn sie gefragt werden, Mädchen sollen keine Widerrede geben, Jungs sollen nicht weinen, Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht rauchen oder trinken, Männer sollen die Kindererziehung den Frauen überlassen, über Verstorbene soll nicht schlecht geredet werden. Über all jenes und noch viel mehr dachte ich nach und ich freute mich darauf, das zu tun was ich will.

Erwachsensein bedeutete Autonomie. Im Denken und im Handeln.

Die ersten Schritte zum hehren Ziel waren äußerlicher Art: ich kaufte mir eine schwarze Kunstlederjacke und malte das Zeichen für Anarchie auf ihren Rücken. Im Grunde hatte ich keine Ahnung, was genau das Wesen der Anarchie ist, aber diese Form der gesellschaftlichen Ordnung erschien mir bei grober Übersicht doch verheißungsvoller, als die engen Grenzen dessen, was ich im bisherigen Leben erfahren hatte.

Als Zweites färbte ich mir die Haare bunt. Ein sichtbares Zeichen des Aufbegehrens und eine Warnung an all jene, die für mein Dafürhalten mit dem Strom schwammen. Ich hörte laute Musik; kreischende Stromgitarren und hinaus in die Welt geschrieene revolutionäre Gedanken. Ich fühlte mich verstanden.

Doch ohne es zu merken, gliederte ich mich auch nur in eine der zu dieser Zeit modernen gesellschaftlichen Strömungen ein und trug deren Uniform. Gleichzeitig verachtete ich jene, die sauber, fein und adrett gekleidet ins Erwachsenenleben glitten.

Doch schon bald schlich sich der Schlendrian ein. Statt Tag für Tag für meine, die „gute Sache“, einzutreten, weichte ich die Grenzen auf. Anstatt meinen Ausbildern zu zeigen, wie wenig bunte Haare mit meiner Auffassungsgabe zu tun haben, kämmte ich mir die Farbe vom Kopf und gab mich bürgerlich. Die Kunstlederjacke trug ich nur noch in der Freizeit. Es war einfach viel bequemer so. Ich merkte: wenn man autonom handeln will, braucht man einen langen Atem, Geduld und innere Ruhe. Hatte ich aber nicht. 

Ich hatte nur das große Verlangen, endlich in Ruhe erwachsen zu werden. Ohne die ständige Gängelei der Erwachsenen. 

Immer mehr erkannte ich, wie groß die Lücke zwischen deren Denken und Handeln klaffte, wie anstrengend es ist, sich selbst treu zu bleiben.

Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, musste man sich an die gesellschaftlichen Spielregeln halten. Andernfalls fiel man durchs Raster.

Konkret hieß das für mich: ich musste mich den erzkonservativen Vorgaben der Ausbilder beugen oder ich würde aus dem Lehrbetrieb entfernt. Also arbeitete ich eben bis spät in den Abend vor bestimmten Feiertagen, obwohl ich noch unter Jugendschutz stand. Also hörte ich mir die alten Parolen von 1935 an, ohne aufzumucken. 

Noch lange nicht erwachsen, merkte ich: es wird kompliziert.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, wie nahe sich Erwachsensein und Schweigen stehen. Wie kompliziert das Gefüge der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Interaktionen sein kann. Erwachsen zu sein, schien im wesentlichen die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu bedeuten. In meiner kindlichen Vorstellung war kein Platz für Zweifel gewesen. Ich hatte immer gedacht, Erwachsene wüßten, was sie tun (müssen).

Sollten Kinder oder Jugendliche bis zu dieser Stelle mitgelesen haben, so sei euch gesagt: nein, Erwachsene wissen auch nicht immer was sie tun oder was zu tun ist.

Erwachsen sein gleicht einem Tanz auf dem Minenfeld. Tief im Boden unsichtbar verborgen lauern die Bomben des Alltags. 

Schaut sie euch genau an, eure Eltern, eure Lehrer und eure Ausbilder. Halten sie sich selbst an die Vorgaben, die sie euch stellen? Machen sie das, was sie proklamieren?

Genau.

Weil es einfach unmöglich ist. 

Man kann nicht jeden Tag sein Bestes in der Schule oder im Beruf geben. Man hat einfach mal einen schlechten Tag und würde am liebsten im Bett bleiben.

Man kann nicht jeden Tag reflektiert und achtsam sein. An manchen Tagen braucht man die Achtsamkeit anderer.

Man kann nicht jeden Tag das Wohl seiner Mitmenschen im Auge haben. An manchen Tagen muss man sich selbst lieben.

Autonomes Denken und Handeln ist vielleicht auch nur eine Illusion. Jede*r von uns hat eine große Lebensidee in seiner Vorstellung und jede*r von uns ist ein Kind seiner Zeit.

Wir unterliegen dem Zeitgeist und seinen Strömungen, dabei denken wir, wir würden denken.

Manche von uns sind auch als Erwachsene noch auf der Suche nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit. Einige kennen daher das Gefühl der Ohnmacht, weil sich scheinbar in der Gesellschaft nichts bewegt.

Während wir nachdenken, bemerken wir die Tretminen. Jeder Schritt kann verheerende Folgen haben. Deshalb stellen manche das Denken einfach ein und bewegen sich lieber nicht. Sie lassen denken, das ist sicherer. Viel einfacher ist es, sich einer bestimmten Strömung anzuschließen.

Ich kann das gut verstehen. Ich wünschte mir manchmal auch, dieses Nachdenken und dieses Suchen nach möglichen Lösungen müsste doch einmal aufhören. Es raubt mir die Energie, macht mich unsicher und oft auch mutlos. Viel lieber würde ich in kindlicher Unbedarftheit auf dem Minenfeld des Lebens tanzen. 

Damit ich nicht in meiner Mutlosigkeit ertrinke, mache ich dann folgendes:

Ich ziehe mir im Geiste meine schwarze Kunstlederjacke an und färbe mir die Haare bunt. Ich hinterfrage gesellschaftliche Konventionen und folge ihnen nur noch, wenn sie sinnvoll erscheinen. Als Kind hat es mich schon gestört, wenn andere für mich denken und dabei „nur mein Bestes wollen“, also höre ich nicht auf, mir meine eigenen Gedanken zu machen und sie mit den Gedanken anderer abzugleichen. Schließlich will ich mit meinen Gedanken nicht allein im Elfenbeinturm wohnen. 

Das ist verflixt anstrengend und kompliziert und manchmal trete ich dabei auf eine der Tretminen. Zum Glück habe ich bis jetzt jede Explosion überlebt und in der Rückschau sogar etwas dabei gelernt.

Die Vorstellung des Erwachsenseins aus meiner Kindheit hat nicht sehr viel mit der heutigen Realität zu tun. 

Bis auf eine Ausnahme: ab und zu pfeife ich mir eine halbe Stunde vor dem Abendessen eine Tafel Schokolade rein und niemand!!!! hindert mich daran.

Was macht ihr, liebe Leser, wenn euch ab und zu das Erwachsen sein so sehr auf den Zeiger geht wie mir? Was sind eure Strategien? 

Holt ihr vielleicht auch die alten Schallplatten aus dem Schrank, spielt Luftgitarre und schreit euren Zorn hinaus in die Welt?

Verkriecht ihr euch mit einem guten Buch ins Bett und träumt euch für eine Weile in eine andere Welt?

Oder verharrt ihr in Stillstand und Zorn auf jene, denen ihr die Verantwortung übertragen wollt?

Ich bin gespannt.

Text: A. Müller

Von Wärme und Wehmut

Neulich las ich irgendwo im Internet die Frage „Was sind deine süßesten Kindheitserinnerungen?“ und ohne überhaupt nachzudenken hatte ich das Bild von Tante Lottes Panamatorte vor Augen.

Schokoladig, cremig und süß. Verziert mit Sahnetupfen und Ornamenten aus Schokolade. 

Denke ich an diese Torte, tropft mir heute noch der Zahn. Tante Lotte war eine begnadete Bäckerin. Der Käsekuchen: sensationell! Der Marmorkuchen: zart und saftig und obendrauf mit Puderzucker bestreut. 

Besuche bei Tante Lotte und ihrem Mann, Onkel Hermann, waren für meine Kinderseele ein kulinarischer Höhepunkt. Stets gab es mindestens zwei verschiedene Kuchen, einer süßer als der andere. Wenn ich mich heute daran erinnere, kann ich immer noch die Liebe schmecken, mit der diese Kuchen gebacken wurden. Vielleicht waren sie deshalb so besonders und machten mich so glücklich.

Es war jedoch nicht nur die Panamatorte, die dieses wohlig angenehme Gefühl auslöste. Es war die Herzlichkeit und ehrliche Sympathie, die von Onkel Hermann und Tante Lotte ausging. 

Überhaupt hatte ich mit all meinen Tanten und Onkel ziemlich großes Glück.

Das waren ja nicht nur Hermann und Lotte, sondern noch der „Dede“ mit seiner Frau Sylvia und mein Onkel „Gellbeidele“ mit seiner Frau Toni. 

Der „Dede“ war mein Patenonkel. Er war stets freundlich zu mir, hielt sich aber sonst mit Gefühlsäußerungen sehr zurück. Ein wenig unnahbar, ein wenig geheimnisvoll war er. Er hatte eine unsichtbare Mauer um sich, die für ein Kind faszinierend und gleichzeitig Respekt einflößend wirkt. Er war kein Onkel, den ein Kind stürmisch umarmt oder freiwillig küsst. Aber er war „mein Dede“ und ich mochte ihn sehr.

Oft war er gar nicht zuhause, wenn mein Vater und ich am Sonntagvormittag auf einen kurzen Besuch vorbeikamen. Dann setzten wir uns zu Tante Sylvia, Dedes Frau, in die Küche und besuchten eben sie. Tante Sylvia war, im Gegensatz zu allen anderen Verwandten, nicht schwäbischen Ursprungs. Sie sprach ein wenig anders, benutzte (für mich) fremde Wörter und erweiterte meinen bis dato ziemlich eingeschränkten Wortschatz. Meine Eltern benutzten z.B. für das Hinterteil entweder die Worte „Hintern“, „4 Buchstaben“oder „Bobbes“, Tante Sylvia hingegen sprach von „Arschitektur“. Dieses Wort war für mich eine Revolution und Offenbarung zugleich! Ich bewunderte Sylvias Mut, ein Wort mit „Arsch“ einfach so auszusprechen, ohne rote Ohren zu bekommen. Ich bewunderte ihre sprachlichen Gedankenspiele und Verknüpfungen. So wollte ich auch mal werden! 

Tante Lottes Panamatorte und der Käsekuchen streichelten die Kehle, Sylvias Wortspielereien hingegen, waren Balsam für die Seele. 

Im gleichen Haus, nur ein Stockwerk höher, wohnte mein Onkel „Gellbeidele“ mit seiner Frau Toni. Sein richtiger Name war Gotthold, den Spitznamen „Onkel Gellbeidele“ erhielt er, nun ja, von mir.

Ich muss ungefähr 5 Jahre alt gewesen sein, da bekam ich einen wunderschönen Geldbeutel geschenkt. Mit goldenem Schnappverschluß und aus „feierrotem“ Kunstleder. Ich war so glücklich über diesen Geldbeutel und musste natürlich auch jedem davon erzählen. Onkel Gotthold durfte die exorbitante Neuigkeit natürlich nicht vorenthalten werden und so schleuderte ich ihm in kindlicher Aufregung die Worte „Onkel Gellbeidele, ich habe einen neuen Gotthold!“ bei seinem nächsten Besuch entgegen. Der Onkel reagierte auf die einzig zuläßige Art auf diese Information und schenkte mir ein silbrig glänzendes 50 Pfennigstück. Für 50 Pfennig konnte man sich im Milchhäusle sehr sehr viele Brausebonbons kaufen. 

Die Erinnerungen an Gotthold „Gellbeidele“ sind ähnlich wie an Lottes Panamatorte und Sylvias „Arschitektur“. Wärme mischt sich mit Wehmut.

Denke ich an Onkel Gellbeidele, dann sehe ich in ein verschmitzt blickendes Gesicht mit feinen Lachfältchen um die Augen. 

Mir fällt ein, wie wir Kinder gemeinsam im Herbst mit Vater und Onkel Fallobst aufgelesen haben. Ich erinnere mich an gelbe Gummistiefel und selbstbestrickte Socken, an Brotzeit auf der Wiese und heimliche Schlucke aus den Bierflaschen der Erwachsenen.

Ich erinnere mich an Tante Tonis selbst gemachten Eierlikör und an Rumtopf zum Nachtisch. 

Ich erinnere mich an freundliche und zugewandte Menschen und an das Gefühl der Geborgenheit. Keine/r der Tanten und Onkel war ein Mensch der großen Worte oder Sentimentalitäten. Sie waren alle Kinder des vorangegangenen Krieges, trugen ihre Verletzungen und Narben aus dieser Zeit nicht nach außen. 

Panamatorte, Käsekuchen, Eierlikör und Rumtopf waren die essbaren und messbaren Zeichen der Aufarbeitung. „Schaut her, uns geht es gut! Seid eingeladen und lasst es euch ebenfalls gut gehen.“ war die unausgesprochene Einladung.

Viele der Tanten und Onkel sind zwischenzeitlich gestorben, die Lebenden weit in ihren 80ern und nicht mehr sehr gesund. In meiner Erinnerung bleiben sie alle immer in ihren 40ern. Gesund, vital und voller Energie. 

Liebevoll, zugewandt und witzig. 

Ich vermisse jede/n einzelne/n von ihnen und wünschte ich dürfte noch einmal für einen Tag Kind sein.

Dann würde ich mir das Stück Panamatorte im Mund zergehen lassen, mir ein heimliches Schlückchen Eierlikör genehmigen und den glänzenden Schatz in meinem roten Geldbeutel ansehen.

Lotte und Hermann, Dede und Sylvia, Gotthold und Toni!

Danke, dass ihr da gewesen seid.

Text: A. Müller

Wegen mir nicht!

Zugegeben, dieser Satz stimmt grammatikalisch hinten und vorne nicht. Im Schwäbischen ist das allerdings bei jedem zweiten Satz der Fall. Auswärtige mutmaßen daher, wir Schwaben würden in einer Art Geheimsprache sprechen. Um ein „Auswärtiger“ zu sein, muss man übrigens gar nicht aus fernen Ländern zu uns gereist sein. Auswärtig ist man, sobald man zwei, drei Ortschaften entfernt wohnt, oder erst seit fünf Generationen die Gemeinde mit seiner Anwesenheit bereichert. Ganz im Gegenteil zu den „Hiesigen“. Die waren schon immer da und haben meist untereinander geheiratet. Möglicherweise könnte dieser Umstand Grund für die Grammatikschwierigkeiten sein.

Grammatikalisch richtig müßte es also heißen: „Nicht meinetwegen“ oder noch besser: „Mach dir meinetwegen keine Umstände“. Weil wir Schwaben jedoch sparsame Leute sind, machen wir uns um korrekte Grammatik keine großen Gedanken und sparen sogar beim „schwätzen“ die Worte ein, die es nicht unbedingt braucht, um verstanden zu werden. „Guckt“ dann einer unverständig aus der Wäsche, brummt man einfach ein „Woisch doch wie i’s moin.“ 

Ob die freie Interpretation nun schwäbischen Ursprungs ist, konnte in der Kürze der Zeit nicht recherchiert werden. Wundern tät’s allerdings nicht, so viel wie die Schwaben schon erfunden haben. 

Was will der Schwabe und die Schwäbin nun eigentlich ausdrücken, wenn sie „wegen mir nicht“ sagen? 

Dieser Satz ist vollendeter Ausdruck schwäbischer Bescheidenheit! Niemals würde ein aufrechter Schwabe etwas einfordern. „Veschper“ zum Beispiel… 

Besuchen sich die Schwaben gegenseitig, stellt die Gastgeberin gegen Abend fest: „I dät jetzt Veschper macha.“ und hofft insgeheim auf die Antwort: „Wegen mir nicht.“

Keinem schwäbischen Gast würde es einfallen, eine andere Antwort als „wegen mir nicht“ zu geben! Selbst wenn ihm vor Hunger schon die Zunge aus dem Hals hängt und der leere Magen vernehmlich grummelt. Schwaben werden oftmals als raubeinig und derb dargestellt, sind jedoch sehr feinfühlige Menschen.

Mit „wegen mir nicht“ gibt der Gast der Hausfrau die Möglichkeit der Wahl. Sie kann sich nun entscheiden, ob (und vor allem wie viel!) sie dem Gast ein Veschper kredenzt oder ihn beim Wort nimmt und hinaus komplimentiert. 

Entscheidet sich die Gastgeberin für Möglichkeit 1, so folgt seit Äonen das gleiche Ritual:

Gast: „Aber mach dir bloß koine Omständ!“

Gastgeberin: „Noi, noi. G’wies ned. Môgsch an Käs? Oder a bissle Schenka?“

Gast: „An Riebel Brot dät’s scho. Vielleicht a bissle Budder druff. I han wirklich koin Honger.“

Gastgeberin: „Budderbrot kôsch dr’hoim essa. Bei mir geiht’s ebbas reachts. I han no eigmachte Gürkla ond a Schwarzwurscht. Des musch obadengt probiera.“

Während die Gastgeberin das Beste aus Küche und Keller holt, überlegt sie simultan, wie sie die ungeplanten Ausgaben die der Gast verursacht, über die Woche wieder reinholen kann. Diese Überlegungen finden intuitiv statt, das ist bei uns Schwaben in den Genen hinterlegt. Selbst wenn im Keller die Regale proppenvoll sind und man die Vorräte in „hondert kalte Wender“ nicht aufessen könnte. 

Bald schon sitzen alle Beteiligten am reich gedeckten Tisch und lassen es sich schmecken. Die schwäbische Hausfrau will sich ja nicht „lompa“ lassen. „Nochher wird no g’schwätzt….“. 

Der Gast entrinnt dem plötzlichen Hungertod (schließlich hat er seit Stunden nichts mehr gegessen) und hat im besten Fall vom selbst gemachten Moscht an reachta Rausch.

Besser kann ein schwäbischer Tag nicht enden.

„Bleed“ wird’s allerdings, wenn der schwäbische Gast, obschon seit mindestens sechs Generationen anrainig, Anhänger alternativer Essgewohnheiten ist. Wenn er also beim Essen so „Medala“ hat und mit seinem Satz „wegen mir nicht“, eben genau das gemeinsame Essen verhindern will.

Dann muss der Gast mit all seinen feinfühligen Fähigkeiten der Gastgeberin zu verstehen geben, dass er sehr für die Gastfreundschaft dankt, aber sie nicht in Anspruch nehmen kann.

Gast: „Mach dir koine Omständ, i gang jetzt glei.“

Gastgeberin: „Noi, noi. G’wies ned. Mir dädet jetzt sowieso essa.“

Gast: „Woisch, i han seid a paar Daag so’s Ranzablitza und muss emmer wieder spucka. Dô isch’s besser i gang heim ond ess bloß an Zwieback.“

Gastgeberin: „Au weh. Môgsch an Blutwurzelschnaps?“

(Anmerkung der Redaktion: der Schwabe versucht so gut wie jede innere Krankheit mit Blutwutzelschnaps zu heilen. Erst wenn nach tagelanger Eigentherapie keine Besserung zu verzeichnen ist, gôht mr zum Doktor.)

Je nachdem wie nahe sich Gast und Gastgeberin stehen, kann der Gast nun zur Bekräftigung seiner Aussage „oin naus dreha“.und dabei möglichst leidend „gucka“. Feinfühlig und vorsichtig natürlich. „S’kennt ja Material mitkomma“

„Wegen mir nicht“ ist nur einer von vielen schwäbischen Floskeln, die es in sich haben. Mal darf und muss man sie buchstabengetreu deuten, mal meint der Sprecher aber auch genau das Gegenteil. 

Wenn ihr, liebe Leser nun also irgendwann einmal einer Schwäbin oder einem Schwaben begegnet, so hört genau hin. Erstens, damit ihr unsere kehligen Laute überhaupt versteht und zweitens, damit ihr die vielfältigen Aussagen eines einzigen Satzes interpretieren könnt.

Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht gleich alles richtig deuten könnt. Holt euch einfach Hilfe von Leuten, die auch noch nicht so lange im Schwabenland ansäßig sind. Im Sportverein, bei der Feuerwehr, in regionalen Facebookgruppen oder in dr Sengstond findet ihr genug Menschen, die erst seit 40, 50 Jahren im Ort wohnen, also ebenso Auswärtige wie ihr sind. 

Und wenn ihr euch fragt, ob ihr den heutigen Text liken, kommentieren oder teilen solltet:

Wegen mir nicht! 

Text: A. Müller

Das römische Erbe

Ganz früher, also damals als sich die Römer noch in Leintücher gewickelt haben und den ganzen Tag futternd auf der Couch lagen, da war der Februar echt der Letzte. Der Februar war unter den gesamten Monaten eines Jahres quasi die Resterampe. Das, was rechnerisch von den anderen Monaten übrig blieb, wurde zusammengekehrt und den Leuten als letzter Monat im Jahr verkauft. Final offer! Alles muss raus!

Bei den alten Römern fiel der Jahresbeginn nämlich auf den ersten März, und das gesamte Jahr hatte nur 355 Tage. Wenn man also vom März an die Monate durchzählt, merkt man schnell, warum September, Oktober, November und Dezember so und nicht anders heißen. Für alle, die im Geschichts- und Lateinunterricht nicht aufgepasst, sondern lieber mit dem Banknachbarn Käsekästchen gemalt haben zur Wiederholung: in den Namen der genannten Monate stecken die römischen Zahlen 7,8,9 und 10 drin. 

Ihr merkt euch das besser; es könnte sein, ich frage das demnächst mal ab. 

Aber zurück zu den Römern:

So ein Jahr mit nur 355 Tagen geht verflixt schnell vorüber, das merkt man besonders, wenn man sich mal wieder irgendwo einen Landstrich zueigen machen will. Zeit ist Geld, das wussten schon die alten Lateiner, auch wenn dieser Spruch erst 1748 von Benjamin Franklin in einem Ratgeber für junge Kaufleute aufgeschrieben wurde. Das hat nun nicht unbedingt etwas mit dem Thema des heutigen Textes zu tun, aber möglicherweise könnt ihr beim nächsten Date mit diesem Wissen punkten. Bitteschön, gern geschehen.

Der Februar war also der letzte Monat im römischen Kalender. „Februare“ heißt übrigens so viel wie „reinigen“ oder „sühnen“ und vermutlich wurde auch die schwäbische Kehrwoche schon damals von den Römern erfunden. Auch diese Information ist eine kostenlose Serviceleistung von eurer Schreibtante. Für meine Leser leg ich mich stets ins Zeug!

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die ollen Römer.

Eines Tages, es muss so um 45 v. Christus gewesen sein, lag Julius Cäsar pappsatt nach einem Gelage auf seiner Couch. Er war gerade zwischen zwei Feldzügen daheim aufgeschlagen, hatte kurz geduscht und ruhte sich nun ein wenig aus. Aber wie gesagt, so ein Jahr mit 355 Tagen ist für einen Feldherrn und Imperator einfach viel zu kurz. Belagern, brandschatzen und Völker unterjochen ist ein zeitintensives Unterfangen, ihr kennt das sicher aus eurem Alltag, nicht wahr. Deshalb überlegte Cäsar, wie er es hinkriegen könnte, der Zeit mehr Raum zu verschaffen.

Er war ja auch nicht mehr der Jüngste, das Herrschen ging ihm nicht mehr so leicht von der Hand und er brauchte für alles einen Tick länger als früher.

Also hirnte er mit recht viel Rotwein im Kopf über sein Problem nach. Und wie das meistens so ist: im Suff kommen einem die besten Gedanken.

„Tadaaaaa! Ich hab’s“ wird er wohl gerufen haben (wäre er Grieche gewesen, hätte er HEUREKA! gerufen. Aber in Ermangelung eines lateinischen Synonyms blieb es beim schnöden Tadaaaa!). „Ich mach einfach eine Kalenderreform und damit das Jahr 10 Tage länger. Die einzelnen Monate werden ab jetzt auf 30 oder 31 Tage verlängert und ZACK! hab’ ich mehr Zeit.“ 

Cäsar ließ also einen Schreiber kommen und beauftragte ihn, die 10 extra Tage gleichmäßig auf die 12 Monate zu verteilen. Mit derlei mathematischen Kleinkram hielt sich der Imperator selbstverständlich nicht auf. Er war schließlich nur zuständig für große Ideen, (vielleicht hatte er auch ein klitzekleine Rechenschwäche?) umsetzen mussten diese Ideen dann seine Untergebenen. Wozu hat man denn Personal? 

A propos Personal: wer glaubt, die Soldaten, Schreiber und Ministeriale hätten aufgrund der 10 extra Tage eine Lohnerhöhung bekommen, täuscht sich. Damals waren Gewerkschaften und Arbeitsschutz nicht en vogue. Das kam erst einige Imperatoren und Tyrannen später.

Cäsars Schreiber saß mit rauchenden Ohren an seinem Schreibtisch und versuchte die 10 neuen Tage irgendwie sauber über das Jahr zu verteilen. Es gelang ihm, immer schön abwechselnd, die Monate mit jeweils 30 und 31 Tagen auszustatten. Nur der Februar der arme Tropf bekam keinen regelmäßigen weiteren Tag. Der Februar, Loser des Jahres, wurde mit einem einzigen Extratag alle vier Jahre abgespeist. Der 29. Februar ist damit ein sehr besonderer Tag; wenn er denn mal stattfindet. Drei Jahre lang denkt keine Sau an ihn, aber im vierten Jahr wird ein Gewese um ihn gemacht, dass man es kaum aushält.

Bis heute ist das so geblieben. Wer an einem 29. Februar geboren wurde, weiß was ich meine. 

Die alten Römer sind längst ausgestorben. Ein paar gute Ideen wie der Bau von Wasserleitungen und Fußbodenheizungen haben wir gerne übernommen. Hat ja nicht jeder einen sauberen Fluss in der Nähe und die nötige Zeit, dort frisches Wasser zu holen.

Viele Wörter in unserem Sprachschatz gehen auf die Römer zurück und bereichern unsere Sprache bis heute. 

Aber die 10 extra Tage ohne vollen Lohnausgleich, die nehm’ ich Cäsar echt übel. Heute Abend hole ich mir eine Flasche Rotwein aus dem Keller und denke über Zeitmanagement nach.

Vielleicht ist die Zeit schon reif für eine neue Kalenderreform.

Text: A. Müller

Am Tag, als Bon Scott starb

Wie jeden Tag, wenn ich von der Schule kam, warf ich den Ranzen in die Ecke und schaltete mein Radio ein. Das Radio war mein Rettungsring, mein Anker in stürmischen Zeiten. Ich war mitten in der Pubertät, stand auf Kriegsfuß mit all den von den Eltern vorgegebenen Konventionen und fühlte mich unvollständig und unverstanden. Nur die Musik aus dem Radio hatte die Macht mich aufzufangen. „The Wall“ von Pink Floyd war im Januar erschienen und ich hatte das Gefühl, jeder einzelne Song sei für mich persönlich geschrieben worden. 

Musik war mein Katalysator. Nichts anderes konnte meine Verlorenheit und meine Wut auf die gesamte Welt so gut ausdrücken. Aggressive Drums, kreischende Gitarren und herausgebrüllte Texte waren genau das was ich mit meinen dreizehnenhalb Jahren brauchte. 

Und dann das: der Radiomoderator meldete den Tod von Bon Scott, Sänger der Band AC/DC. Er sei im Alter von knapp 34 Jahren gestorben. Genaueres wüßte man noch nicht.

Danach spielte er den Song „Highway to hell“.

Natürlich kannte ich Bon Scott nicht persönlich. Sein Tod traf mich dennoch mitten ins Herz. Den Rest des Tages spielte ich „TNT“, meine einzige Single, die ich von AC/DC besaß, in Dauerschleife ab. Das war ich Bon Scott schuldig, das half mir, mit der Todesnachricht klar zu kommen. So nah wie an diesem Tag, war mir der Tod bislang noch nie gekommen. Er fühlte sich unwirklich und fremd an, er machte wütend und traurig zugleich. 

Später beim Essen mit der Familie brachte ich keinen Bissen hinunter. Mein Hals war wie zugeschnürt. Die Eltern und Geschwister machten sich über meine Trauer lustig. „Du kanntest den doch gar nicht, also brauchst du auch nicht traurig zu sein. Das Leben geht weiter.“

Wie sollte das Leben ohne die Stimme von Bon Scott weitergehen? Wer sollte mir in Zukunft eine Stimme verleihen? Die hatten doch alle keine Ahnung!

Ich hing noch bis zur Schlafenszeit vor dem Radio, erhoffte neue Informationen. Jeden gespielten Song von AC/DC nahm ich mit meinem altersschwachen Kassettenrecorder auf. Er eierte beim Abspielen, aber das machte mir an diesem Tag nichts aus. Ich achtete auf die Texte, versank in den Gitarrenriffs und gab mich der Dynamik der Melodien hin. Ich hatte das Gefühl, etwas äußerst wichtiges zu bewahren. Es war schwer auszuhalten und zugleich auch tröstend.

Natürlich war der Tod von Bon Scott am nächsten Tag in der Schule eines der Hauptgesprächsthemen. Nun wußten wir auch schon mehr über dessen Umstände. Er sei betrunken im Renault 5 seines Freundes eingeschlafen und am nächsten Morgen tot aufgefunden worden. Es sei noch nicht geklärt, ob er an Erbrochenem erstickt, erfroren oder an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. 

Wir steckten die Köpfe zusammen, besprachen sämtliche Songtexte, suchten nach „Vorahnungen“, waren gemeinsam traurig. Meinen Freunden ging es wie mir. Auch das war ein Trost.

Es tröstete uns auch, dass Bon Scott nicht „einfach so“ gestorben war. Nur alte Leute sterben ruhig im Bett, aber ein Rockmusiker doch nicht. Bon Scott hatte gelebt bis zum Schluss. Er hatte nichts ausgelassen, gesoffen, geraucht und gefeiert. Er hatte vollkommen anders gelebt, als wir es von unseren Eltern kannten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Annette überlegte ich auf dem Heimweg von der Schule, ob es nicht prinzipiell besser wäre, früh zu sterben. Wir waren beide knapp Vierzehn, für uns war es schwer vorstellbar einmal über Dreißig zu sein. Ich schauderte bei dem Gedanken, einmal so ein Leben wie „die Erwachsenen“ führen zu müssen. In dieser Welt, jedenfalls jener, die ich einsehen konnte, gab es keine Revolution, keine kreischenden Gitarren, kein Infrage stellen alter Konventionen. Nein so wollte ich unter keinen Umständen enden. 

Ich gab Annette das Versprechen, ebenfalls spätestens mit 34 Jahren den Abgang zu machen. Die zwanzig Jahre bis dahin wollte ich mit Musik ausfüllen. Annettes Einwand, ich dürfe die Welt der Bücher nicht vergessen, nahm ich dankbar an. Also gut: Bücher und Musik für die kommenden zwanzig Jahre. Danach müsste dann aber Schluss sein. Danach konnte nichts Besseres kommen.

Irgendwann verflachte die Traurigkeit, AC/DC fand einen neuen Sänger und brachte ein neues Album heraus. 

Meine Familie hatte recht: das Leben war weiter gegangen.

An meinem 34. Geburtstag klingelte das Telefon. Meine Freundin Annette rief an. „Lebst du noch?“, fragte sie. Ich konnte ihr Schmunzeln durchs Telefon spüren. „Ja, ich lebe noch. Und ich glaube, ich möchte auch noch eine Weile weiter leben.“

Wir unterhielten uns noch eine zeitlang über dies und das, über unsere mittlerweile geborenen Kinder und darüber, was noch kommen sollte im Leben.

Bücher und Musik müssten nach wie vor ein Hauptbestandteil des Lebens sein, da waren wir uns einig. Unsere Kinder mit einem starken Rückgrat ins Leben zu entlassen, war uns auch sehr wichtig.

Und ohne es auszusprechen waren wir Bon Scott ziemlich dankbar. Sein Tod wirkte sich auch noch nach 20 Jahren auf uns aus. Wir stellten uns immer wieder den Fragen von damals, bewerteten sie neu und fanden, jede für sich, andere Antworten.

Am 19. Februar 2021 jährte sich Bon Scotts Todestag zum 41. Mal. Sobald ich seine Stimme höre, bin ich 14 Jahre alt und neugierig auf die Welt. Ich kann die Wut von damals spüren, aber auch die Gelassenheit von heute.

Musik ist nach wie vor wichtig in meinem Leben. Aber ich kann sie heute anders genießen. Ich brauche sie nicht mehr als Katalysator für mein Gefühlschaos. 

Ich habe mittlerweile meinen eigenen Weg gefunden, mit der Welt klarzukommen. Diesen Weg zu finden, war Grund genug, über den 34. Geburtstag hinaus zu leben. 

Text: A. Müller

Der Wundenreißer

Kira hatte gehofft, hier etwas Ruhe zu finden. Still saß sie auf der vom Wetter gegerbten Holzbank, blinzelte ab und zu durch die halb geschlossenen Augen und versuchte ihre innere Unruhe zu bändigen. Sie zwang sich ruhig zu atmen. Vielleicht würden die Schmerzen dann erträglicher. Kira hatte noch nie in ihrem Leben solche Schmerzen. Alles tat weh, sogar das Denken. Eigentlich schmerzte gerade das Denken am allermeisten, aber egal was Kira unternahm: das Denken hörte einfach nicht auf.

Der Tod, der alte Wundenreißer, hatte vor zwei Tagen Kiras Oma zu sich geholt. Seitdem war alles anders. In Kiras Kopf wirbelten Bilder und Gedanken durcheinander, Erinnerungsfetzen aus glücklichen Zeiten wechselten sich mit der Angst vor der Zukunft ohne die Oma ab. Das Mädchen hielt das Stillsitzen nicht mehr aus. Entschlossen stemmte sie die Füße auf den Boden und öffnete die Augen. Vielleicht ginge es ihr besser, wenn sie ein wenig umher ging?

Langsam wanderte sie über das Gelände. Die alten Bäume ließen die Sonnenstrahlen in einem linden Licht durch das Blattwerk scheinen, fast so als nähmen sie Rücksicht auf Kiras Schmerz. Leise raschelten die Blätter im Wind, warfen im Spiel mit der Sonne immer neue Schattenmuster auf den Boden. Licht und Schatten, Glück und Trauer, gelebtes und vergangenes Leben; hier an diesem Ort schien all jenes vereint.

Langsam löste sich Kiras innere Anspannung, mit jedem Schritt den sie tat, konnte sie sich mehr auf diesen Ort einlassen. Schon oft war sie mit der Oma hier, gemeinsam hatten sie das Familiengrab besucht. In ein paar Tagen würde Oma nun auch dort liegen.

Kira ließ den Blick über den Friedhof schweifen. So viele Gräber, so viel vergangenes Leben! Ob die Menschen die dort lagen, auch so liebevoll und herzlich wie ihre Oma gewesen waren? Ob sie wohl ein gutes Leben hatten? Niemals zuvor hatte sich Kira darüber Gedanken gemacht. Erst jetzt betrachtete sie die Inschriften der Grabsteine genauer. Meist standen nur die Namen der Verstorbenen darauf, manchmal auch der Geburts- und Sterbetag. Über ihr Leben stand jedoch nichts auf den Grabsteinen. Die meisten hatten ihre Lebensgeschichte mit in ihr Grab genommen. Kira fand das ziemlich schade. Sie nahm sich vor, Omas Lebensgeschichte zu bewahren. Vielleicht würde sie ein wetterfestes Fotoalbum basteln? Dann könnten die Besucher an Omas Grab sich besser erinnern, könnten spüren, welch große Lücke in ihrem Leben entstanden ist. Alle Besucher würden dann merken, welch großartiger Mensch Oma war und wären vielleicht dankbar, ihr begegnet zu sein. Ein kleines Lächeln zauberte sich auf Kiras Gesicht. Ja, so würde sie es machen! Oma und ihre Lebensgeschichte würde nicht vergessen werden. 

Das Brummen eines Dieselmotors ließ Kira aus ihren Gedanken aufschrecken. Sie blickte in die Richtung des Geräusches und sah den gelben Bagger des Friedhofes, der sich anschickte ein neues Grab auszuheben. Omas Grab! Wie weh das tat. Kira konnte den Schmerz nicht nur in ihrem Herzen spüren. Er zuckte durch ihren ganzen Körper, nahm ihr fast die Luft zum atmen. 

Mit seinen stählernen Zinken grub sich der Bagger tief in die Erde, riss eine Wunde in das Grab, zerstörte den einst friedlichen Anblick.

Der Tod und der Bagger arbeiteten Hand in Hand. Der eine riss die Wunden in die Herzen, der andere in die Erde, wühlte Verborgenes auf und zwang die Menschen, sich damit auseinanderzusetzen. 

Noch einmal schaute sich Kira um. So viele Gräber, so viele Wunden! 

Jedes einzelne Grab stand als stiller Zeuge für die Wunden der Angehörigen, stand für unzählige vergossene Tränen. 

Jedes einzelne Grab ein Abschied in Schmerz. Jedes einzelne Grab ein Anfang der Heilung.

Kira sah viele frische Wunden auf dem Friedhof. Die Grabhügel waren noch hoch angehäuft mit bunten Blumen geschmückt. Auf Schleifenbändern gedruckt, liebevolle Abschiedsworte. Kira spürte beim Anblick der frischen Gräber die Trauer, sie spürte den Unglauben über das Unumstößliche und sie spürte auch die Wut. Was fällt dem Tod, dem alten Wundenreißer eigentlich ein? Wie konnte er mir das antun?

Kira sah jedoch auch alte Gräber. Gräber mit wunderschönen Grabmalen, moosbewachsen und Ruhe ausstrahlend. Über all die Jahre schienen diese Gräber nicht in Vergessenheit geraten zu sein, im Efeu vor den Grabsteinen standen stets frische Blumen.

Die äußeren Wunden die der Bagger der Erde zugefügt hatte, waren verheilt. Kira überlegte, ob über die Jahre auch eine innere Heilung möglich wäre. 

Der Tod, der alte Wundenreißer, hatte ihr eine schlimme Verletzung zugefügt. Es würde Zeit brauchen, davon zu genesen. Vielleicht heilten die inneren Wunden besser, wenn sich Kira um die vom Bagger aufgerissene Erde kümmerte? Vielleicht heilten die inneren Wunden besser, wenn sie beobachtete, wie die Natur aus sich heraus Wunden verschließt. 

Zwischen den neuen, frischen Gräbern und den alten steinernen Zeugen des Schmerzes stand der Weg der Trauer und der Auseinandersetzung mit dem alten Wundenreißer.

Noch bevor Kira den ersten Schritt auf diesem Weg ging, wußte sie schon dass sie auf der gesamten Strecke Heilung erfahren würde. 

Sie würde Licht und Schatten sehen, Glück und Trauer erfahren, sie würde sich mit Tränen in den Augen an ihre Oma erinnern und sie würde über jeden gelebten Moment mit ihrer Oma glücklich sein.

Entschlossen stand Kira am frisch ausgehobenen Grab der Oma. Morgen würde ihre Beisetzung sein. Morgen würde die Wunde noch ein kleines Stückchen weiter aufgerissen werden, aber Kira fühlte sich nun gestärkt. 

Der Tod, der alte Wundenreißer hatte ihr die Oma genommen. Die Liebe und die Erinnerung jedoch hatte er Kira gelassen. Omas Lebensgeschichte war nun zu Ende, aber für alle Zeiten in Kiras eigener Geschichte eingewoben.

Wie nahe Schmerz und Heilung beieinander liegen, wurde Kira nun bewußt. Nun war es ihr ein wenig leichter im Herzen.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller, Grabmal in Brettach

Das fehlende Dazwischen

Leute, ganz ehrlich: heute schreibe ich nichts. Würde sowieso nur Bockmist werden. Das Metronom in meinem Kopf schlägt heute mal wieder ziemlich über die Stränge. Meist funktioniert der Taktgeber recht zuverläßig und gibt mir Zeit, den einen oder anderen Gedanken zu erhaschen, ihn zu Ende zu denken und in Worte zu fassen. Aber heute? Bämm! Bämm! Bämm! Immer volle Pulle. Wenn das Ding jetzt links oder rechts hängenbleibt, bin ich in einer gedanklichen Endlosschleife gefangen. Dammed bämm! Echt jetzt.

Endzeitstimmung ist das Letzte was ich jetzt gebrauchen kann. Und schon wieder schlägt das Pendel aus und droht bei dem Gedanken an Äxte hängenzubleiben. Keine Ahnung, wieso immer wieder die Äxte in meinem Hirn auftauchen. Ich denke lieber nicht länger darüber nach. 

Kaffee ist auch alle. Man!

Dabei war es früher doch so einfach. Augen schließen, Idee pflücken und aufschreiben. Alles easy und mit minimalem Zeitaufwand. Manchmal sogar zwei- bis dreimal am Tag. Kurze kleine, erfrischende Schreibintermezzi. 

Und jetzt? 

Jetzt muss ich mich anstrengen, manchmal quälen. Suche über Minuten nach dem richtigen Wort, der passenden Pointe, der überraschenden Wendung. „Musst dich doch nicht quälen.“, sagt der beste Mann beim Frühstück. Doch! Das ist ja das Dilemma! Ich muss! Da sind so viel Gedanken, so viel Last im Kopf. Wenn ich das nicht mindestens einmal in der Woche raus lasse, platzt mir der Schädel.

Und schon wieder taucht beim Gedanken eines geplatzten Schädels eine Axt vor meinem inneren Auge auf. Keine Sorge, alles völlig unblutig. Die Axt liegt einfach nur da. Silbrig glänzend, mit glatt poliertem Stiel demonstriert sie ruhig ihre Kraft. Sie hat es nicht mal in meiner Fantasie nötig, einen auf dicke Hose zu machen. 

Allerdings hat es meine Fantasie dringend nötig, dass Fräulein Axt sich endlich mal daran macht, was zu spalten. Völlig egal, was. Na ja, nicht ganz egal. Das Spalten sollte sich nicht im Realen vollziehen. Würde mir sonst zu blutig werden. Ich bin ja viel mehr auf der Suche nach dem, was zwischen dem Gespalteten liegt. Das, was vorher das Ganze zusammenhielt und verband. Fräulein Axt soll das Dazwischen für mich freilegen, wenn sie schon ständig in meinem Kopf auftaucht.

Würde ich nur dieses Dazwischen finden! Dann, ja dann wäre das Schreiben wieder einfach. Und schön.

Überhaupt, das Dazwischen fehlt ja nicht nur mir. Es fehlt in fast allen Bereichen. Hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Fräulein Axt kann nämlich bisweilen eine ganz gemeine Spalterin sein. Dann haut sie einfach so Dinge auseinander, die besser verbunden blieben wären. Haut Wunden ins Fleisch, die nicht mehr heilen. Verdammte Axt!

Dann gibt es nur noch das Entweder und das Oder. Es gibt nichts Verbindendes mehr. Das Dazwischen ist gestorben. Es stirbt übrigens ganz leise, dieses Dazwischen. Niemand hat jemals seine Todesschreie vernommen. Aber irgendwann merkt man doch, das es fehlt.

Ohne das Dazwischen fehlen die Zusammenhänge. Einzelne Ideen, Gedanken, Theorien fliegen umher, stehen in keinerlei Verhältnis zueinander. 

Nicht nur in meinem Kopf ist das so. Nicht nur ich ringe mit der Axt. Versuche, die einzelnen Schläge abzumildern und das Dazwischen zu erkennen und es vielleicht sogar zu retten.

Zur Zeit bin ich ja schon vollkommen damit zufrieden, ab und an mal ein paar kleine Fasern des Dazwischen zu finden. Dann greife ich vorsichtig zu, halte es in der hohlen Hand um es ja nicht noch mehr zu verletzen. Langsam öffne ich dann die Hand und lege die einzelnen Fasern sorgsam nebeneinander. Vielleicht kann sich auf diese Weise ein größeres und stärkeres Dazwischen bilden. Je dicker die Schicht des dazwischen, desto dünner die äußeren Ränder. 

Selbst wenn Fräulein Axt mit aller Macht zuschlüge, würden die getrennten Teile noch viel Dazwischen mit sich tragen.

Je mehr Dazwischen, desto mehr Verbindung. 

Je mehr Verbindung, desto mehr Verständnis.

Das Metronom in meinem Kopf hat mittlerweile einen ruhigeren Takt angenommen. Gleichmäßig schlägt das Pendel aus, scheint für eine Millisekunde sogar in der Mitte zu verharren. So, als ob es mit damit die Gelegenheit bieten wolle, eine kleine Faser vom Dazwischen zu greifen.

Die Axt vor meinem geistigen Auge zwinkert mir stählern zu. Mit klarem Geist und ruhiger Hand wandelt sie sich vom Mordgerät in ein nahezu chirurgisch präzises Instrument. 

Jetzt kann ich die Augen schließen und Ideen pflücken.

Mit ein wenig Glück schreibe ich dann auch mal wieder was.

Text: A. Müller

Das Mädchen, das beschloss, nie wieder zu weinen

„Jetzt stell’ dich nicht so dämlich an und hör’ auf zu heulen!“ herrscht die Mutter das Mädchen an. Sie wendet sich von ihrem Kind ab und verläßt das Zimmer. Das Mädchen bleibt allein zurück inmitten einer Atmosphäre aus Enttäuschung und Verachtung. 

Traurigkeit wird nicht gerne gesehen im Elternhaus, Traurigkeit stört den alltäglichen Ablauf. Nur mit einem wirklich triftigen Grund darf man traurig sein. Was ein triftiger Grund ist, weiß das Mädchen nicht so richtig. Genau genommen darf das Mädchen schon ab und zu traurig sein. Sie darf es nur nicht nach außen zeigen. Wer traurig ist und obendrein auch noch weint, ist schwach und empfindlich. Niemand mag Heulsusen!

Aber wie ist das eigentlich mit der Traurigkeit? Woher kommt sie und warum lässt sie sich nicht so schnell vertreiben? Aus welchen Gründen darf man traurig sein und wer legt das fest? Ist man wirklich ein schwacher Mensch, wenn man öfter mal weint?

Das Mädchen möchte nicht schwach sein. Es kennt die Wellen der Traurigkeit. Wellen, die alle anderen Empfindungen zu überfluten drohen und jede Hoffnung zunichte machen. Es weiß wie es sich anfühlt, wenn die Tränen in die Augen steigen und einfach nicht aufhören wollen zu fließen. 

Die Mutter sagt, das Mädchen hätte sich einfach nicht unter Kontrolle. Es müsse endlich lernen, sich besser zu beherrschen. Denn niemand mag Heulsusen!

Das Mädchen nimmt sich vor, beim nächsten Sturz vom Fahrrad, die aufgeschürften Knie und den brennenden Schmerz einfach zu ignorieren. Ein blutiges Knie ist sicher kein Grund zum weinen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagt die Mutter. Das Mädchen kennt keinen Indianer und weiß daher nicht ob dieser Satz richtig ist. Die Mutter sagt ihn jedenfalls mit so großer Überzeugung, vielleicht hat sie ja recht. Also wird das Kind bei künftigen körperlichen Schmerzen einfach die Zähne zusammenbeissen und wie sie es von der Mutter kennt, die Lippen zu einen dünnen Strich aufeinander pressen. Das Mädchen wird nicht jammern und schon gleich gar nicht weinen! Vielleicht wird es dann gemocht.

Aber wie ist es mit all den anderen Schmerzen? Jenen Schmerzen, die tief im Herzen stecken? Was ist mit all den Schmerzen, die unsichtbar sind? Ob sich Wut, Enttäuschung, Erschöpfung, Ungerechtigkeit oder Neid ebenso kontrollieren lassen? 

Wie oft hat das Mädchen schon geweint, wenn es in einem Streit nicht mehr weiter wußte, wenn die Worte für eine Erklärung gefehlt haben. Doch Tränen dürfen kein Ersatz für fehlende Worte sein. So viel hat das Mädchen nun gelernt. Tränen sind Zeichen der Unbeherrschtheit und der Schwäche. Warum sonst sagt die Mutter, sie lasse sich nicht von den Tränen erpressen? Dabei möchte das Mädchen niemanden erpressen. Manchmal sucht es einfach nur Rat, Hilfe und Verständnis. Es möchte in den Arm genommen werden und sich geborgen fühlen. 

Das Kind überlegt, ob die Sehnsucht nach Geborgenheit vielleicht etwas mit der Traurigkeit zu tun hat? Die Mutter sagt zwar immer, die Dinge würden auch nicht besser wenn man heule, aber das Mädchen glaubt nicht so recht daran. Vielleicht fühlt sich die Traurigkeit nicht mehr so überwältigend und schwer an, wenn man im Arm eines freundlichen Menschen traurig sein darf. Vielleicht schwächt sich der innere Schmerz ab, wenn er nicht bewertet, sondern einfach nur wahrgenommen wird? Aber das Mädchen hat keine Möglichkeit das auszuprobieren. Es muss sich beherrschen.

Das Kind muss schleunigst lernen, seine Gefühle zu kontrollieren. Vor allem muss es lernen, welche Gefühle richtig und welche falsch sind.

Das Mädchen gewinnt den Eindruck, alle Gefühle seien irgendwie falsch. Warum sonst sollten sie nicht offen gezeigt werden? 

Es lernt, bei Wut zu schweigen, Einsamkeit auszuhalten oder Freude zu unterdrücken. Es lernt seine Tränen nur nach innen fließen zu lassen. 

Das Mädchen glaubt, wenn es seine Gefühle kontrollieren kann, kann es alles andere auch kontrollieren.

Es hält sich an die Regeln. Kein Weinen und kein Lachen. Keine tiefe Traurigkeit und keine pure Freude. Das Mädchen hat gelernt seine Empfindungen einzuschränken. 

Vielleicht wird es dann endlich gemocht.

Doch manchmal droht das Mädchen zu platzen. Dann läßt es trotz aller Vorgaben den Gefühlen freien Lauf. Es jauchzt vor Freude und tanzt im Regen. Es weint ohne Grund bitterlich unter der Bettdecke. Dabei achtet das Mädchen peinlich darauf, von niemandem gesehen zu werden. Keiner darf merken, wie wenig sich das Kind unter Kontrolle hat.

Denn niemand mag Heulsusen!

Text: A. Müller

Ein offener Brief an die Kritiker der Coronamaßnahmen

Hey Leute, 

lange Zeit habe ich nicht verstanden, warum ihr euch so vehement gegen Mundschutz und Kontaktbeschränkungen wehrt. Ich habe nicht verstanden, warum ihr die staatlichen Anordnungen so kritisch begleitet und fast wöchentlich dagegen demonstriert.

Dann habe ich angefangen nachzudenken. Das fordert ihr ja immer von uns. Und ich glaube, ich bin da einer großen Sache auf der Spur…..

So wie es aussieht, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis Läden, Restaurants, Kinos und dergleichen wieder geöffnet werden dürfen. Ob wir in diesem Sommer verreisen können, ist ebenso fraglich. Das Angrillen im April im großen Freundeskreis können wir uns wahrscheinlich auch in die Haare schmieren. 

Ganz ehrlich, mich kotzt das genauso gewaltig an wie euch! Der Mensch ist ein Gruppenwesen und nicht für’s Alleinsein gemacht. Ohne soziale Kontakte geht es schnell bergab mit uns.

Also hab ich mir mal vorgestellt, wie es wäre, wenn eure Forderungen nach Lockerungen gehört würden.

Jeder darf sich frei bewegen, jeder darf seinen Laden öffnen und jedem steht es frei rauschende Feste zu feiern. Wir drehen einfach auf 2019 zurück, da war ja bekanntlich die Welt noch in Ordnung. Wir knüpfen einfach an unsere alten Verhaltensweisen an und schauen mal, was dabei rum kommt.

Ein mal in der Woche besuchen wir Oma Käthe im Pflegeheim und nehmen sie zur Begrüßung ganz feste in den Arm. Ihr habt Oma Käthe doch regelmäßig besucht, als es noch möglich war, oder? Oma Käthe freut sich sehr über euren Besuch, streicht euch immer wieder übers Gesicht und genießt die Stunden. Es geht ihr richtig gut!

Ein paar Tage später fühlt sich Oma Käthe dann nicht mehr so wohl, hat Fieber und hustet. Um diese Jahreszeit geht die Erkältung rum… kann man nichts machen. Oma Käthes Erkältung klingt leider nach einer guten Woche nicht ab, im Gegenteil, sie bekommt immer schlechter Luft. Eines Morgens liegt die Oma dann tot im Bett. Naja, sie war ja auch schon über 80. Leute in diesem Alter sterben schon mal. Wir müssen alle irgendwann mal sterben.

Klar sind wir über Oma Käthes Tod sehr traurig, deshalb machen wir ihr eine schöne Beerdigung. Es ist zwar etwas schwierig einen zeitnahen Bestattungstermin zu bekommen, aber nach nur 4 Wochen klappt es dann doch. Der Sarg mit Oma Käthe drin, muss aufgrund der langen Wartezeit  luftdicht verschlossen sein, weil sonst die Gerüche… aber egal. Von nah und fern kommen alle Freunde und Verwandten und wir liegen uns tränenüberströmt in den Armen. Die Nähe tut uns gerade jetzt sehr gut. Die Trauerfeier in der Halle rührt uns noch mehr zu Tränen, aber das gemeinsame Singen gibt uns neue Kraft. Wir begleiten Oma Käthe zum großen Sammelgrab und legen sie weinend in die Erde. Einzelgräber gibt es schon seit einiger Zeit nicht mehr, bei der Menge an Toten kann kein Friedhof sich einen solchen Luxus leisten. Nach der Beerdigung verbringen wir noch ein paar gemeinsame Stunden im Restaurant und gedenken bei Wein, Schnaps und Gulaschsuppe unserer lieben Oma.

Gegen Abend trennen sich unsere Wege wieder. Morgen müssen wir wieder zur Arbeit und in die Schule. Das Leben geht ja weiter, nicht wahr?

Im Büro erzählen wir den Kollegen von Omas Beerdigung und der eine oder andere nimmt uns tröstend in den Arm. Das tut echt gut! Dann packen wir unsere Siebensachen zusammen und fahren zu unseren Kunden. Natürlich geben wir jedem Einzelnen zu Begrüßung und zum Abschied die Hand. Wir wissen schließlich was sich gehört.

Nach der Arbeit gehen wir dann noch für eine Stunde ins Fitnessstudio, schnaufen und schwitzen uns durch den Geräteparcour. Nach der Dusche noch schnell einkaufen, die Kinder vom Hort abholen und dann ab nach Hause. 

Es geht uns gut, wir sind eingebettet ins normale soziale Gefüge.

Schade nur, dass Onkel Paul und Cousine Monika in letzter Zeit so kränkeln. Die beiden waren aber auch schon immer so anfällig für Krankheiten.

Ein paar Tage später meldet sich auch noch Kollege Müllermeier krank. Wir übernehmen natürlich seine Arbeit und besuchen auch seine Kunden. Die Überstunden machen uns nichts aus, wir müssen nur die Kinderbetreuung neu regeln. Der Hort macht schließlich schon um 18 Uhr zu. Zum Glück nimmt eine andere Mutter unsere Kinder bis zum späten Abend mit zu sich. Es ist doch schön, wenn Eltern untereinander so solidarisch sind. 

Kollege Müllermeier ist wochenlang krank. Irgendwie kommt er nicht mehr auf die Beine. Zwischendrin war er sogar im Krankenhaus, aber dort war es ziemlich voll. Sobald er sich wieder halbwegs senkrecht halten konnte, ist er lieber wieder nach Hause gegangen.

Seine Arbeit müssen wir nun dauerhaft mit erledigen. Es gab wohl eine Stellenausschreibung, da mit Müllermeiers Rückkehr nicht zu rechnen ist, aber der Stellenmarkt scheint wie leergefegt. Überhaupt scheint es im Moment sehr wenige arbeitslose Menschen zu geben. In jeder Branche werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Überall scheint die Personaldecke zu schrumpfen. Manche Firmen werben sogar mit mietfreien Wohnungen, nur damit sie endlich wieder ausreichend Personal haben. 

Kollege Meiermüller erzählt beim schnellen Kaffee in der Büroküche von seiner dementen Mutter. Es sei überhaupt kein Problem, ein freies Pflegebett zu bekommen. Die Heime stünden quasi leer. 

Meiermüller führt das auf die veränderten Umstände zurück. Er ist heilfroh, wie schnell die Lockerungen der Beschränkungen gewirkt haben. Seit man keinen Mundschutz mehr tragen müsse, seit wieder alle Läden und Institutionen geöffnet haben, hätte sich eine Art natürliche Auslese auf unser Leben ausgewirkt.

Alte und schwache Menschen machten nun Platz für diejenigen, die stark genug seien. Der Arbeits- und Wohnungsmarkt hätte sich entspannt, niemand müsse mehr für viel zu wenig Geld Arbeiten verrichten, die menschenunwürdig seien. Niemand mehr müsse für ein verschimmeltes Wohnklo mit Kochnische abertausende Euro im Jahr ausgeben. 

Stimmt genau, pflichten wir dem Kollegen bei. Ohne diese blödsinnigen und willkürlichen Beschränkungen von staatlicher Seite lebt es sich viel besser. Okay, wir hätten schon gerne noch ein paar Jahre mit unserem Partner verbracht, aber er war einfach nicht überlebensfähig. Schlechtes Immunsystem. Oder schlechte Gene. Kann man so im Nachhinein nicht mehr genau sagen. 

Aber im Grunde sind wir froh, mit unserem Kampfgeist und starken Willen für die Aufhebung der Einschränkung gekämpft zu haben. Wir haben uns bewußt über das Grundrecht der Unversehrtheit hinweggesetzt. Die Freiheit der Starken war uns wichtiger. 

Die, die in den letzten Monaten gestorben sind, wären sowieso nicht überlebensfähig gewesen. 

Den Gedanken, dass diese Art von Auslese bereits schon einmal stattgefunden hat, schieben wir nachdrücklich zur Seite.

Wir sind ein freies Volk! Dafür haben wir gekämpft.

Den Verlust von Empathie und Menschlichkeit müssen wir eben in Kauf nehmen.

Und ganz ehrlich: wer braucht schon Empathie, so lange man sich von solch störenden Gedanken beim Stadtbummel, Kino- oder Restaurantbesuch freikaufen kann?

Text: A. Müller

Illustration: Anja Klukas www.anja-klukas.de

Schneebetrachtungen – eine Schreibübung

Sonntagmorgen. Zeit für einen neuen Blogartikel. Ein paar Ideen kreisen in meinem Kopf, noch unreif und halbgar. Keine Chance aus ihnen einen halbwegs anständigen Text zu zimmern. 

Ich nippe an meinem Kaffee, schaue aus dem Fenster, denke darüber nach, wie schwer es mir geworden ist, frohe, positive Texte zu schreiben. Nein, ich mag nicht schon wieder einen zynischen Text schreiben. Zynismus ist ab und zu ein gutes Ventil, keine Frage; aber er braucht ein Gegengewicht. Mein Geist braucht heute dringend etwas Positives. In Worte gegossene Katzenbilder. Niedlich. Flauschig. Was fürs Herz.

Der Blick aus dem Fenster verändert sich. Vor ein paar Minuten noch, schaute ich durch die Bäume, Häuser und Strassen hindurch, nahm die Umgebung gar nicht wahr. Jetzt erst sehe ich die Schneeflocken, wie sie langsam zu Boden fallen, immer dichter werden und wie sie es sich auf Bäumen und Sträuchern gemütlich machen. Alles ist weiß. Und so ruhig.

Stimmt nicht, absolut ruhig ist es nicht. Das Kratzen von Schneeschaufeln ist zu hören, mit fiesem Kreischen rutschen die Metallkanten der Schaufeln über den Asphalt. Einst locker geschichtete Schneeflocken werden mit roher Gewalt zusammengeschoben, angehäuft und zerquetscht. An Grundstücksgrenzen und Gehwegrändern entstehen gefrorene Leichenberge. Gnädig verhüllen frisch gefallene Schneeflocken die Mahnmäler menschlicher Ordnungswut. 

Statt mit einer Tasse Tee gemütlich am Fenster sitzend und dem Schneetreiben zuschauend, kratzen wir mit deutscher Akribie auch noch die letzte Flocke vom Gehweg. 

Ordnung! Sauberkeit! Disziplin!

Überdies kündigt der Wetterbericht für Mitte der Woche Tauwetter an. Spätestens dann wird sich die weiße Pracht (oder das was davon übrig gelassen wurde) in braunen Matsch verwandeln. Tagsüber schlittern wir dann in nassen Pfützen unseren Zielen entgegen, bei jedem noch so kleinen Gefälle bricht uns der Angstschweiß aus. 

Ich merke den aufsteigenden Zynismus, spüle ihn mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter. Blättere in alten Fotoalben und schaue mir die Winterbilder meiner Kindheit an.

Zu dieser Zeit ist der winterliche Schneefall die Verheißung von Glück gewesen.

Irgendwann zwischen 1972 und 1980. 

Ich bin wieder Kind. 

Durch die Ritzen der Fensterjalousie spähe ich jeden Abend vor dem Schlafengehen und gleich morgens nach dem Aufstehen hinaus, ob Schnee gefallen ist. Kann es kaum erwarten, hinaus zu gehen. Dick von der Mutter mit Mütze, Schal und Stiefel eingepackt, endlich draußen sein und Schneeflocken mit der Zunge fangen. 

Mit dem Schlitten geht es zum Rodeln. Die Mutigsten trauen sich von ganz oben den „Todesbuckel“ hinunter. Wir knüpfen die Schlitten aneinander und fahren in halsbrecherischem Tempo den Hang hinab. Stürzt einer in der Kette, landen alle anderen auch im Schnee. Wir sind unter uns, die Eltern gehen nur am Wochenende mit uns zum rodeln. An den Wochentagen gehört die Piste uns alleine. Die verschneiten Hänge bedeuten Freiheit. 

Gegen den Durst essen wir Schnee. Es interessiert uns nicht, ob er uns vielleicht nicht gut tut. Das merken wir dann erst später. Was zählt, ist das Glück des Momentes. 

Mit roten Backen schnaufen wir immer wieder die Hänge hinauf und jauchzend vor Glück bei der Abfahrt. Erst wenn es langsam dunkel wird, gehen wir nach Hause. Sind müde, hungrig und glücklich.

Dann steigen wir aus unseren nassen Kleidern, ziehen frische warme Socken an, um die rot gefrorenen Zehen wieder zu wärmen und dürfen bis zum Abendessen die Kinderstunde im Fernsehen anschauen. 

Die Nachrichten am Abend interessieren uns nicht. Mao stirbt, die RAF mordet, die Ölkrisen werfen immer neue Fragen aus; all das nehmen wir nicht wirklich wahr. Wir sind Kinder, es ist uns egal! 

Nicht einmal im Traum kommt mir die Idee, all diese Ereignisse könnten mein kleines Leben beeinflussen. Ich bin fest im Vertrauen auf meine Eltern, die lassen es niemals zu, dass mir irgendetwas schlimmes geschieht. 

Ich bin Kind und ahne nicht, wie wertvoll der unverschleierte Blick in die Zukunft ist. Ich bin Kind und werde von Hoffnung getragen. Der Zynismus wird erst später kommen. Leise, schleichend und bitterböse.

Immer noch schaue ich aus dem Fenster. Die Schneedecke hat zwischenzeitlich eine beträchtliche Höhe erreicht. Es ist auch viel Zeit vergangen zwischen damals und heute. Millionen von Schneeflocken, für das innere Kind ist jede einzelne ein Grund zum Jauchzen. 

Ich nehme mir vor, dieses wohlig behagliche Gefühl aus Kindertagen nicht zu vergessen. Ja, mehr sogar: ich werde es mir immer wieder ins Bewusstsein rufen, wenn der Zynismus versucht mich aufzufressen und das Weltgeschehen mich in Angst und Schrecken versetzt.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller, privat

Ein kurzer Text über die Bürde der Meinungsfreiheit

Während mir gefühlt die Welt um die Ohren fliegt und jeden Tag mit neuen und ungeheuerlichen Meldungen aufwartet, sitze ich auf meiner Couch und mache mir Gedanken. Nein, im Grunde mache ich mir keine konkreten Gedanken, denn die Vielfalt der Ereignisse und deren Auswirkungen kullern wie die Murmeln einer Kugelbahn durch meinen Kopf. Die Geschwindigkeit mit der sie das tun ist atemberaubend und jedes Mal, wenn ich mir ein Ereignis genauer anschauen will, kommt schon das Nächste die Kugelbahn heruntergeschossen. Verdammte Hacke, so schnell kann ich nicht denken! So schnell will ich auch nicht denken! Es passiert einfach viel zu viel auf dieser Welt! Wieso passiert denn gerade so viel? 

Gleichwohl habe ich das Gefühl, ich müsste zu all den Ereignissen Stellung beziehen, sie damit irgendwie unter Kontrolle bringen. Bilde ich mir eine Meinung, so jedenfalls ist meine Hoffnung, dann bändige ich damit auch die Angst, die mir all diese Ereignisse machen.

Aber hey, reicht eine einzige Meinung überhaupt aus? Bräuchte es in Summe der unzähligen Ereignisse nicht auch vieler Meinungen? Und wenn ich endlich einer Meinung bin, ist es dann die richtige? 

In den letzten Monaten habe ich viel über Meinungen und Meinungsfreiheit gelesen. Jeder dürfe eine haben und jeder dürfe sie äußern. Soweit so gut. Ich frage mich seitdem, wie das genau geht und wie ich zu einer Meinung komme. Ach ja, ich frage mich auch, ob meine Meinung überhaupt jemand interessiert. Je länger ich öffentliche Plattformen durchforste, desto mehr gewinne ich den Eindruck, sie seien nur Sammelbecken von Meinungen, nicht aber Plattformen des wirklichen Austausches oder gar Medien zur Lösung eines bestimmten Konfliktes. Ist dieser Eindruck jetzt schon eine Meinung oder bedarf es mehr Informationen? Also gehe ich es analytisch an.

Bevor ich die Freiheit der Meinungsäußerung genießen kann, muss ich mir zunächst eine Meinung über einen Sachverhalt bilden. Das heißt, ich muss mich mit einem Ereignis eingehend auseinandersetzen. Ich gehe völlig naiv an die Sache heran und so lese ich, höre anderen zu und versuche die Auswirkungen eines Sachverhaltes zu analysieren. Vielleicht heißt es auch gerade deshalb MeinungsBILDUNG, weil ich mich damit ja auch weiterbilde und auf andere, neue Gedanken kommen kann. Gedanken, auf die ich vermutlich von alleine nicht gekommen wäre, die mir jedoch eine andere Sichtweise auf die Dinge erlauben.

Allerdings ist diese Art des Denkens verflixt anstrengend und nicht jeder kann sich damit anfreunden. So manch einer mag sich jetzt ein Schlupfloch suchen und sich einer bereits gedachten Meinung bedienen. Das spart Zeit und Nerven. Nicht umsonst gab es zu allen Zeiten Leute, die die Dienstleistung der Meinungsmacherei feilbieten. Im Moment ist diese Branche ziemlich erfolgreich, denn nicht nur ich bin zuweilen völlig überfordert mit den Weltgeschehnissen. Die Versuchung, eine Meinung und Sichtweise zu übernehmen, die jemand anderes bereits formuliert hat, ist groß, denn je mehr ich versuche einer Sache auf den Grund zu gehen, desto mehr merke ich, wie komplex so etwas sein kann. Oftmals verstehe ich die Zusammenhänge nicht; es fehlt mir einfach an entsprechendem Fachwissen. Je mehr ich nicht verstehe, desto mehr wird mir allerdings auch klar, wie sich aktuelle Momentaufnahmen in jahrelangen Prozessen entwickelt haben. Um mir eine Meinung über den Moment zu bilden, muss ich also die Vergangenheit aufdröseln. Die hat jedoch wiederum eine Vergangenheit. So eine Meinungsfindung ist echt eine anstrengende Sache! Ständig dieses Abwägen, neu Überdenken und gedankliches Formulieren…. Mir kommt der Gedanke, dass es womöglich genau deshalb so schwer ist, aus den gesellschaftlichen Fehlern der Vergangenheit zu lernen. 

In der Zwischenzeit klackern immer neue Murmeln die Kugelbahn in meinem Kopf herunter. 

Soll ich mir nicht doch lieber eine Meinung zueigen machen, die jemand Klügeres als ich es bin veröffentlicht hat? Schließlich ist es doch auch als geistige Freiheit zu werten, sich der Gedanken kluger Menschen zu bedienen. 

Doch wie frei ist dann meine Meinung? Ist es überhaupt meine Meinung oder nur das Gefühl derselben?

Und vor allem: darf ich solch unfertige Gedanken dann öffentlich als meine Meinung vertreten, oder sollte ich nicht lieber noch eine Weile darüber nachdenken? Ein Blick auf öffentliche Plattformen zeigt mir: klar darf ich meine unfertigen Gedanken äußern. Ich darf das sogar sehr lautstark tun. Bleibt nur noch die Frage, ob dies auch sinnvoll ist. Welchen Gewinn bringt es, wenn ich fremden Leuten meine Meinung um die Ohren haue? Sind die dann willens, sich meine Sichtweise genauer anzuschauen? 

Vielleicht gibt es ja gar keine abschließenden Meinungen, weil sich die Dinge stetig verändern. Ich fühle mich wie mitten in einem Kaleidoskop, dessen bunte Vielfalt sich ständig wandelt. Keine Chance, sich für eines dieser Wechselbilder zu entscheiden.

Während die Murmeln der geistigen Kugelbahn im Eiltempo durch meinen Kopf schießen, bleibt mir eigentlich nur, mich auf mein Gefühl zu verlassen und daraus eine innere Haltung zu entwickeln. 

Ich suche den Schutz und die Unterstützung derjenigen, die eine ähnliche Haltung haben, um mich nicht vollkommen verloren zu fühlen, versuche jedoch auch, mir nicht selbst eine andere Sichtweise auf die Ereignisse der Welt zu versperren. 

Möglicherweise ist es das, was unter dem Begriff Meinungsfreiheit zu verstehen ist: sich selbst die Freiheit zu gewähren, den Blick in alle Richtungen offen zu halten und sich mit den vielfältigen Aspekten der Ereignisse zu befassen.

Eine Freiheit der Gedanken und des Denkens, die mich (und euch vielleicht auch?) in die Pflicht nimmt und mich herausfordert. Überhaupt wäre es doch durchaus möglich, dass diese Meinungsfreiheit zuallererst die Pflicht zum Denken beinhaltet, schießt es mir durch den Kopf. Anstelle öffentlich für sich denken zu lassen, sich mit sich selbst in Klausur zu begeben und die eigenen Gedanken zu ordnen.

Und während ich hier sitze und schreibe, meine Gedanken ordne, spüre ich die Bürde der Meinungsfreiheit immer weniger auf mir lasten. Vielmehr spüre ich eine angenehme Ruhe. Ich habe die Freiheit, mich in Ruhe mit jeder einzelnen Murmel in der geistigen Kugelbahn zu befassen, und stehe nicht unter Druck jedes einzelne Ereignis zu bewerten oder gar zu lösen. Ich muss nicht zu jeder Zeit eine Lösung parat haben, sondern kann mir den Luxus leisten, auch einmal ratlos zu sein. 

Das heißt nicht, dass mir ab jetzt alles egal ist, was rund um mich herum geschieht. Es heißt jedoch, dass ich die Freiheit habe, mir alles so genau es geht anzuschauen und Lösungen für meine eigene kleine Welt zu erarbeiten. 

Wenn ich mich anstrenge, in meine Gedanken erlernte und erarbeitete Tugenden einfließen zu lassen und es schaffe, mir selbst treu zu bleiben, dann habe ich große Freiheit erreicht. Nicht nur die Freiheit, mir eine eigene Meinung zu erlauben, sondern auch die Freiheit danach zu handeln, ohne mich zu einem späteren Zeitpunkt dafür schämen zu müssen.

Ich lehne mich auf meiner Couch zurück, schließe die Augen und denke mir, wie gut es doch ist, sich ab und zu mal selbst die Meinung zu geigen.

Text: A. Müller

Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?

„Oma, wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ fragte mich die Erbenerbin No. 2. Sie war das erste Mal ganz allein, ohne die große Schwester, bei mir und offenbar vermisste sie deren konkrete Anweisungen. Nun musste sie selbst sehen, wo ihr Platz ist. Für eine Zweijährige ist das keine leichte Aufgabe.

Die Frage wo man sich aufstellt, an welchem Platz man sich wohl fühlt, ist eine, die nicht nur Kinder beschäftigt. Es ist eine Frage, die uns das ganze Leben lang begleitet. 

Vor allem ist es eine Frage, die nicht absolut und abschließend beantwortet werden kann. Manchmal sucht man sich ein Plätzchen aus, richtet sich gemütlich ein und merkt erst einige Zeit später, wie ungemütlich es dort geworden ist. Dann ist es Zeit für eine Neuausrichtung, Zeit für einen Platzwechsel.

Hinter dem Bonmot einer Zweijährigen steckt also eine der großen Frage des Seins. 

Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?

Vielleicht kann diese Frage nur in der Rückschau beantwortet werden. Erst mit den Erfahrungen eines hoffentlich langen Lebens wissen wir, wo der Untergrund fest genug war, um sich darauf gemütlich einzurichten. Oftmals verbringen wir Jahrzehnte damit, den Boden unter unseren Füßen urbar zu machen, ihn für ein angenehmes Leben zu bereiten, nur um dann später festzustellen, dass wir mitunter auch auf Sand gebaut haben. Nicht alle Stellen unseres Fundaments waren fest genug, um ein Leben lang zu halten.

Wenn das vermeintlich sichere Leben erodiert, bröseln nicht nur schützende Außenwände. Nein, das komplette Fundament beginnt zu wanken. Die Auslöser solcher Erosionen können sehr vielfältig sein: Verlust der Gesundheit, des Jobs oder der Tod eines nahen Menschen. Ebenso kann sich durch im Grunde positive Ereignisse die Lebensbasis verschieben und eine Nachjustierung des Fundaments erforderlich machen. Je waagerechter wie es ausrichten, desto kleiner ist die Gefahr des Abrutschen oder Schlingerns.

Soweit die Theorie. Aber was bedeutet das konkret? Wenn die Frage „wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ erst am Ende eines Lebens beantwortet wird, bedeutet dies dann nicht ein langes Leben auf der Suche nach Stabilität und Sicherheit? Und woher weiß man, ob die Plattentektonik des irdischen Daseins einem nicht doch einen Strich durch die Rechnung macht? Wenn man gerade das neue Gefühl genießt, endlich seinen Platz gefunden zu haben und dann ein verdächtiges Knirschen im Gebälk verspürt?

Vielleicht ist es gar nicht so ratsam, nach einer allumfassenden Antwort zu suchen, sondern sich mit den vielen kleinen Rückmeldungen im Leben zu befassen. Die bekommen wir alle ja regelmäßig und vom Augenblick unserer Geburt an. Wer Glück hat, wird im Kindesalter liebevoll umsorgt, genährt und gefördert. So entsteht, ganz nebenbei, ein ziemlich festes Fundament, auf dessen Werte wir später aufbauen können. 

Wer Pech hat und das Geschenk einer friedvollen Kindheit nicht erhält, der muss härter arbeiten und vielleicht auch länger nach einer Ausrichtung suchen. Die Frage, wo man denn seine Füße hinstellen soll, erhält zwischen Krieg, Elend und Vertreibung eine ganz andere, realistischere Bedeutung. Hier ist die Frage bei jedem einzelnen Schritt eine auf Leben und Tod.

Je älter wir werden, desto mehr Rückmeldungen erhalten wir. Von der Familie, von Freunden, Lehrern, Mentoren, Chefs und Kollegen. Jeder dieser Menschen schüttet ein paar Steinchen auf unser Lebensfundament, macht es breiter und belastbarer. Unsere Aufgabe besteht vielleicht darin, diesen zunächst einmal sehr losen Steinhaufen zu befestigen. So kann, wenn es gut läuft, ein kunterbuntes Mosaik entstehen. Aus lockerem Geröll wird ein Bild, unser Lebensbild. Es ist erst am Tage unseres Todes fertig und nur wir können es zu Zeiten verstehen.

Bevor uns das finale Verständnis zuteil wird, gewinnen wir zum Glück meist eine gewisse Trittsicherheit. Wir lernen unser Fundament im Laufe des Lebens immer besser kennen, wissen, wo es festen Untergrund bietet oder an welchen Stellen es erodiert.

Wir haben gelernt, Steine, die wir nicht gebrauchen können, auszusortieren und auf die Seite zu legen. Gut möglich, dass die jemand anderes brauchen kann.

So helfen wir uns gegenseitig, an unseren Fundamenten zu arbeiten. Rutscht bei mir ein Stein ständig weg, passt er vielleicht bei dir perfekt in eine Lücke. 

Mit den Jahren entwickeln wir ein Gespür, wohin wir unsere Füße stellen können und wo wir den Untergrund besser nicht betreten. 

Wir lernen mit Hilfe der vielen Rückmeldungen und Erfahrungen, wo Untiefen und Treibsand lauern. 

Und manchmal sind es die Fragen von Zweijährigen, die uns erst dazu bringen, uns mit all dem auseinander zu setzen.

Hören wir ihnen genau zu, beschenken sie uns mit vielen kleinen Wahrheiten, die wie kleine Edelsteine unser Lebensbild zum Leuchten bringen. Im Gegenzug dürfen, sollen und können wir den nachfolgenden Generationen den einen oder anderen Trittstein schenken und damit eine kleine Orientierungshilfe bieten, wenn wir wieder einmal gefragt werden: „Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ 

Text: A. Müller

Goodbye 2020

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu und nicht wenige sind sehr froh darüber. Was hat es uns alles abverlangt, uns an die Grenzen unserer Geduld und nicht wenige an die Grenzen ihres Verstandes gebracht. Mein lieber Scholli, 2020 hat uns die volle Breitseite verpasst!

Nun könnte man natürlich dem Impuls unterliegen, all den Schrecken, die Angst, all die Ungewissheit, die dieses Jahr mit sich brachte noch einmal haarklein zu analysieren und sich weiterhin im Gefühl der Ohnmacht suhlen. Ach, was war 2020 doch ein Kackjahr!

Eine andere Möglichkeit, die Ereignisse des vergangenen Jahres noch einmal Revue passieren zu lassen, ist, den Blick auf die Dinge zu lenken, die gut waren und gut gelungen sind. Die gab es nämlich auch.

Gleich im Frühjahr, als der Schrecken noch frisch und die Bereitschaft zu Solidarität so hoch wie nie zuvor war, war eine Welle der Achtsamkeit zu verzeichnen. Plötzlich schauten die Menschen mit anderen Augen auf ihre Nachbarn, hängten Zettel aus, um älteren Menschen den Einkauf abzunehmen. Man verbrachte viel Zeit zuhause, wurde sich gewahr, dass drei Häuser weiter Oma Käthe wohnt , die nicht mehr so gut zu Fuß ist. Mit einem ganz neuen Selbstverständnis half man aus wo es notwendig war und freute sich über Oma Käthes Dankbarkeit. Das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man jemandem hilft, war uns über die Jahre nämlich abhanden gekommen und 2020 konnten wir es endlich wieder genießen. Ein wenig fremd war schon, als es uns wohlig warm umfasste; es half uns jedoch dabei, mit den eigenen Ängsten und der Unsicherheit besser zurecht zu kommen. 

Während des ersten Lockdowns hatten wir plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung. Kein Stammtisch, kein Sport im Verein, keine anderen gesellschaftlichen Termine. Es fühlte sich ein wenig wie Urlaub vom Alltag an. Zeit, um auszuruhen und einen Gang herunter zu schalten. Endlich fand man die Zeit Ballast abzuwerfen. Keller und Dachböden wurden entrümpelt, Altes und Marodes wurde nach langen Jahren des Festhaltens endgültig verabschiedet. Auf diese Weise entstand nicht nur physisch Platz für Neues.

Nicht jeder hatte die Möglichkeit seinen Sperrmüll selbst zu entsorgen und so wurden ohne viel überflüssiges Gerede Solidargemeinschaften gegründet. Hilf du mir, dann hilf ich dir. 

Wir rückten mental zusammen. 

Später im Jahr, nachdem die erste Welle etwas abebbte, erinnerten wir uns an die gute alte Tradition des Eigenanbaus von Obst und Gemüse. In unzähligen Gärten, auf noch so kleinen Balkonen entstanden kreative Ideen, wenigsten ein bisschen Salat oder Erdbeeren anzupflanzen. Und wie lecker das Selbstangebaute schmeckte! Viele Kinder lernten erst durch die Schulschließungen den Ablauf von Aussaat bis zur Ernte. Womöglich haben sie in dieser Zeit sehr viel mehr nützliches Wissen erworben, als es im Unterricht möglich gewesen wäre. Sie konnten mit eigenen Augen sehen, wie ihre Radieschensaat aufgeht, konnten ihre Hände im Gemüsebeet dreckig machen und so manchem einstigen Gemüsemuffel schmeckte plötzlich der selbst gezogene Brokkoli.

Überhaupt: nachdem sich die Eltern mit Homeoffice und Homeschooling irgendwie arrangiert hatten, erkannten sie, wie viel (Erziehungs)Arbeit Schulen, Kindergärten, Sportvereine und Musikschulen ihnen bis dahin abgenommen hatten. Diese Erkenntnis führte mit ziemlicher Sicherheit bei vielen zu enorm wachsender Wertschätzung. Was noch vor ein paar Monaten selbstverständlich war, konnte nun neu betrachtet und eingeordnet werden. 

Zugewandte Eltern begnügten sich deshalb nicht, sich über ihren neuen Mehraufwand in der Erziehung zu beklagen. Sie machten sich mit ihren Kindern auf lange Spaziergänge im Wald, ließen sie die mitgebrachten Holzstecken mit scharfen Messern bearbeiten und freuten sich über die Ergebnisse. Sie nahmen ihre Verantwortung nun ganz anders wahr, nun war Platz für eine gewisse Dankbarkeit für Lehrer, Erzieher, Trainer usw.

Für die Kinder war die Zeit der Schulschließungen durchaus auch ein Gewinn: sie mussten lernen, sich selbst zu beschäftigen, sie mussten lernen, dass Mama und Papa nicht ständig zur Verfügung stehen, weil sie eigenen Aufgaben erledigen mussten. Zugegeben, eine unter Umständen bittere Lektion für so manch an ständige Unterhaltung gewöhntes Kind. Unterm Strich jedoch eine gute Lektion für das weitere Leben.

Je länger wir uns mit dem Virus und seiner Ausbreitung beschäftigen mussten, desto mehr gewöhnten wir uns daran. Der Schrecken ließ nach, wir trauten uns wieder in Schwimmbäder, Cafés und Restaurants. Vielleicht trauten wir uns etwas zu schnell und zu viel; im Herbst stiegen die Zahlen der Infizierten und Erkrankten wieder deutlich an. Trotzdem gab es noch unzählige Möglichkeiten, sich den Alltag angenehm zu gestalten: Fahrrad- oder Wandertouren durch bunt gefärbte Herbstwälder, Spiel und Spaß auf Barfusspfaden und danach ein kühles Getränk zum mitnehmen an einem Kiosk. 

In diesem Jahr wurden wir sehr oft auf uns selbst zurück geworfen. Wir mussten mit den unterschiedlichsten Gefühlen zurecht kommen. Nicht jeder fand das so prickelnd. Manchen fehlte auch einfach die notwendige Bereitschaft, sich den Herausforderungen dieses Jahres zu stellen. Die meisten Menschen jedoch arrangierten sich mit der ungewohnten Situation und machten einfach das Beste daraus. Sie machten vielleicht nicht alles richtig, aber sie strengten sich an. Viele unterstützten in diesem Jahr ihre Freunde, Kollegen und Nachbarn, hörten einander zu und trösteten sich gegenseitig. Insgesamt können wir ziemlich stolz auf uns sein, denn wir haben uns in diesem Jahr von bisweilen egoistischen Individualisten zu größtenteils solidarischen Menschen gewandelt.

Klar, ein kleiner, dafür umso lauter plärrender Teil der Menschen, sah sich weniger von einem Virus bedroht, als viel mehr seiner Rechte beraubt. Die Anführer dieser Gruppe nutzen die Situation für ihre eigenen Zwecke, sie schürten Zweifel, Angst und Unmut und machten mit Hassreden auf sich aufmerksam. 

Der größte Teil der Menschen jedoch war klug genug, nicht auf die Rattenfänger hereinzufallen, sondern vertraute seriösen Informationen. Ganz vielen war klar: wer sich auf diese abscheulichen Subjekte einlässt, hat verloren. Als Einzelner und in der Gesamtheit der Gesellschaft. 

Dieses Jahr stand unzweifelhaft im Zeichen einer Pandemie. Es gab und gibt noch immer eine große Anzahl ungelöster Probleme und es werden mit Sicherheit noch jede Menge Fehler gemacht werden.

Dieses Jahr 2020 hat uns jedoch auch einiges gelehrt und darf gerne inspirierend für das kommende Jahr sein. 

Sorgen wir weiterhin unaufgeregt füreinander, lenken wir den Blick auch auf die guten Dinge und begreifen wir die Situation als Chance für Veränderungen, dann können wir es schaffen, diesem Virus weltweit den Finger zu zeigen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leser*innen einen guten und gesunden Start ins Neue Jahr!

Text: A. Müller

Das Beste war der Beilagensalat

In den Sommerferien verbrachten wir viele Jahre den Familienurlaub im Südschwarzwald. Wir wohnten in einer spärlich eingerichteten Ferienwohnung neben einem Bauernhof. Es gab zwar alles, was man braucht, wie etwa fliessendes Wasser oder elektrischen Strom, aber die Möbel, das Geschirr und die komplette Atmosphäre der Wohnung liessen mich eher an einen Besuch auf dem Flohmarkt als an Ferien denken.  Es war ein buntes Sammelsurium abgelegter Dinge, die für den Touristen aus der Stadt gerade noch gut genug waren. Für meine Eltern waren diese Tage in ländlicher Abgeschiedenheit Erholung und Tapetenwechsel zugleich. Ihnen machte die kärgliche Einrichtung der Ferienwohnung nichts aus, nein, ganz im Gegenteil: sie waren froh, sich überhaupt einen Familienurlaub leisten zu können. Als Kind war mir das nicht klar, ich war gefangen in meinen fast schon als Ekel zu bezeichnenden Gefühle. Alles schien so abgenutzt, so alt, so abgelegt. In der Wohnung roch es muffig, immer ein wenig säuerlich, so als hätten frühere Bewohner ihre alten Socken unter den Betten vergessen. Der Geruch des benachbarten Bauernhofes zog unablässig durch die Zimmer. Ständig waberten die Düfte des Kuhstalles um unsere Nasen. Ein Geruchsgemenge aus Kuhkacke und säuerlich vergorener Milch. Nein, ich war nicht dankbar, 10 wertvolle Ferientage dort zu verbringen. Ich wäre eigentlich viel lieber zu Hause geblieben. Zuhause mit meinen Freundinnen, im Freibad oder in der nahe gelegenen Stadt beim bummeln. Ich hätte sogar den Unterricht in der Schule vorgezogen. Alles schien verlockender zu sein, als wertvolle Tage in diesem abgelegenen Kaff irgendwo mitten in der Pampa zu verbringen.

Meine Freundinnen verbrachten die Ferien mit ihren Familien in Südtirol, am Meer in Italien oder flogen gar mit dem Flugzeug nach Mallorca. Sie erzählten von Gletscherwanderungen, von langen Stränden mit feinem Sand und von den Hotels in denen sie untergebracht waren. Wie gerne wäre ich auch dort gewesen. 

Der Südschwarzwald schien mir kein richtiger Urlaubsort zu sein, schließlich waren wir nur ein wenig mehr als zwei Stunden unterwegs, um unser Ziel zu erreichen. Es war mir nicht klar, dass die Wegstrecke oder die Anzahl der gefahrenen Kilometern nicht wichtig war. Es war mir auch nicht klar, dass die gemeinsam verbrachte Zeit und ein etwas abgewandelter Alltag die wichtigste Erholung für meine Eltern war. Mit ihrem kleinen bescheidenen Budget versuchten sie, uns Kindern und sich selbst die Ferien angenehm zu gestalten. 

So packten wir unser Auto mit allerlei Kleidung für warme und für kalte Tage voll, nahmen unzählige Dosen mit Wurst für’s Abendbrot der kommenden 10 Tage mit und fuhren, allesamt ohne Sicherheitsgurt, gen Schwarzwald.

Vorsorglich hatte ich mein tragbares Radio mitgenommen, allerdings war der Empfang meines Lieblingssenders in dieser Region des Landes ziemlich schlecht. Ich verbrachte Stunden im Versuch, dieses vermaledeite Hintergrundrauschen zu minimieren um endlich meine Musik hören zu können. Ohne Dr. Music mit Gisela Böhnke, ohne Frank Laufenbergs Hitparade fühlte ich mich amputiert und einsam. Sobald ich den Sender einigermaßen empfangen konnte, schloss ich die Augen und träumte mich mit Hilfe von Pink Floyd, Deep Purple oder King Crimson in andere und schönere Welten. 

Die Tage im Schwarzwald verliefen all die Jahre nach etwa dem gleichen Muster: einer aus der Familie machte sich auf den Weg ins Dorf und holte dort beim Bäcker frische Brötchen. Der Fußmarsch dorthin dauerte gut eine halbe Stunde, da unsere Ferienwohnung außerhalb des eigentlichen Dorfes lag. Frische Brötchen allein waren schon Luxus, die gab es nur im Urlaub. Im Alltag bestand das Frühstück aus meist weniger frischem Brot mit Marmelade. So verbuchte ich das Frühstück im Schwarzwald durchaus als positiven Aspekt und genoss die goldgelb gebackenen Wasserwecken.

Am Frühstückstisch wurde dann meist der Tagesablauf besprochen. Es ging um die Auswahl der Wanderroute für den Tag. Wanderwege gibt es im Schwarzwald ungefähr so viele, wie es auch Bäume gibt. Die meisten Routen führen durch Täler oder an Seen entlang, allen gemeinsam ist: sie liegen im Wald. Unendlich viele Fichten reihen sich aneinander, die Wege ziehen sich kilometerweit durch den Wald. Ab und zu liegt in einer Lichtung eine kleine Kapelle am Wegesrand, oder führt der Weg an einem gluckernden Bach entlang. 

Also wanderten wir das Metma-Tal auf und ab, erkundeten die ungefährlichen Abschnitte der Wutachschlucht, umrundeten den Schluchsee und erklommen einen der zahlreichen Schwarzwälder Hügel. Der Vater erklärte uns dann mit leuchtenden Augen in welcher Richtung die nahe gelegene Schweiz läge, wir Kinder glotzen pflichtbewußt in die angegebene Richtung.

Ich hatte keinen Blick für die Schönheit der Gegend. Schließlich hatten wir daheim auch viel davon. Wenigstens waren bei uns in der schwäbischen Provinz die Wälder nicht so eintönig. Da gab es zwischen den Fichten nämlich auch noch Laubbäume. Der einzige Lichtblick in den Tiefen des Schwarzwaldes waren die Walderdbeeren am Wegesrand, die Himbeeren, die an den Böschungen wuchsen und im Unterholz wuchernde Heidelbeeren. 

Waren keine dieser Früchte zu finden, trottete ich also mißmutig der Familie hinterher und hing meinen Gedanken nach. In verschiedenen Büchern hatte ich von Räuberbanden, die in den Wäldern hausten, gelesen und stellte mir vor, die gäbe es auch hier. Ich fand die Vorstellung, hier im öden Südschwarzwald auf so einen Halunken wie den Schinderhannes zu treffen, höchst aufregend. Vielleicht lauerten ja im Unterholz gefährliche Räuber, die arglose Wanderer überfallen. Noch aufregender fand ich die Idee, diese Räuber würden kleine Mädchen entführen und zu Räuberinnen ausbilden. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt. 

Die Ausbildung zur Räuberin malte ich mir in leuchtenden Farben aus. Zunächst müsste ich niedere Tätigkeiten, wie etwa das Wasser am Fluß holen, ausführen. Später dann, bekäme ich Unterweisungen, wie mit Flinten und Messern umzugehen sei und zum Abschluss der Ausbildung müsste ich dann eine dieser arglosen Touristenfamilien überfallen und die Beute mit den anderen Räubern teilen. Ja, der Räuberberuf schien mir wesentlich aufregender zu sein, als mein bislang behütetes Leben hätte mithalten können. 

Derart in meiner Fantasie gefangen, merkte ich meist gar nicht, wie wir Kilometer um Kilometer zurückgelegt hatten und uns unserem eigentlichen Höhepunkt des Tages näherten: der Einkehr in ein Gasthaus, um Mittag zu essen. 

Für meine Mutter war das tägliche Einkehren in eine, wie wir sagten Wirtschaft, eine willkommene Entlastung. Sie genoss es vollkommen zurecht, 10 Tage lang nicht für die Familie kochen zu müssen und sich an einen gedeckten Tisch setzen zu dürfen. 

So saßen wir alle gemeinsam am Tisch und studierten die Speisenkarte. Wir Kinder durften uns ein Glas Bluna, an manchen Tagen sogar Cola, bestellen und uns eine Mahlzeit aussuchen. 

Die meisten Gerichte waren sehr fleischhaltig und „gut bürgerlich“. Ich achtete stets darauf ein Gericht zu wählen, bei dem ein Beilagensalat inklusive war. Ich liebte die Beilagensalate! Hübsch angerichtet auf einem extra Teller erschien mir der Beilagensalat als exquisite kulinarische Besonderheit. Geraspelte Karotten, Kraut und Radieschen, Blattsalate und Gurkenscheiben! So viel unterschiedliche Rohkost gab es daheim nicht. Daheim gab es entweder Blattsalat oder Gurke und die Vielfalt der Gemüsesorten in der Wirtschaft ließen mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Nur die in Scheiben geschnittenen Tomaten ließ ich auf dem Teller liegen. Die waren mir zu glibberig. 

Einige Male äußerte ich die Bitte, mir nur Salat bestellen zu dürfen. Kopfschüttelnd über ihr seltsames Kind verwehrten mir die Eltern diesen Wunsch. Ich solle gefälligst „was Richtiges“ essen. Also bestellte ich brav Paprikaschnitzel, Jägerschnitzel oder Wiener Schnitzel. Mit Pommes und Salat. Aß brav die frittierten Kartoffeln und den Salat und ließ den größten Teil des Fleisches liegen. Zugegeben, das Fleisch schmeckte nicht schlecht, aber der Salat war um Längen besser! Der Beilagensalat war das Beste am Urlaub überhaupt. Mit Spannung wartete ich auf mein Tellerchen mit dem Salat, überlegte derweil, welches Dressing in diesem Gasthaus wohl verwendet würde und schaute unter das obligatorische Kopfsalatblatt nach der Glück verheißenden Rohkost. 

Heute, viele Jahre später, kann ich das salzige Kraut, die geraspelten Karotten und das andersartige Dressing der Blattsalate noch auf meiner Zunge schmecken. 

Die Angewohnheit, bei einem Besuch im Restaurant mir ein Gericht mit Beilagensalat auszusuchen, habe ich übrigens noch heute. 

Bei einer der morgendlichen Frühstücksbesprechungen wurde ein Ausflug zum Freilichtmuseum Vogtbauernof in Gutach festgelegt. Ich war überglücklich! Mit einem Besuch im Museum konnte man mich immer locken. Ich hatte schon immer große Freude daran, zu sehen, wie die Menschen in vergangenen Zeiten gelebt hatten und freute mich unbändig auf diesen Ausflug. Über winkelige Landstrassen ging die Fahrt, durch die bereits bekannten Wälder und über den einen oder anderen Hügel. Als wir in Gutach ankamen und uns dem Parkplatz zum Freilichtmuseum näherten, war eine Schlange Wartender an der Museumskasse zu sehen. Spontan wendete mein Vater das Auto, er hatte plötzlich überhaupt keine Lust mehr, das Museumsdorf zu besuchen. Es seien ihm zu viele Menschen dort, wie er uns erklärte. Stattdessen suchte er einen Wanderparkplatz und führte seine Familie in den Wald. Mal wieder…

Ich weiß nicht mehr, ob ich meine Wut lautstark äußerte oder den dicken Klops im Hals einfach herunterschluckte. Das Gefühl der Enttäuschung und die Wut auf die Eltern, weil sie ein Versprechen nicht eingelöst haben, ist mir jedoch lange im Gedächtnis geblieben. In meiner Enttäuschung dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich nicht einfach weg gehen sollte. Ich hatte die Nase so voll von diesen blöden Schwarzwaldfichtenwäldern! Ich hatte die Nase voll von diesem überaus langweiligen Schwarzwald! 

Erst viele Jahre später konnte ich meinen Vater verstehen: er war beruflich sehr eingespannt, hatte mit vielen Menschen zu tun und suchte Erholung in der Stille der Wälder. In seiner Sehnsucht nach Ruhe, konnte er die Wünsche seiner Kinder nicht wahrnehmen. 

Damals jedoch habe ich mir gewünscht, meine unsichtbare Räuberbande hätte sich brüllend durchs Unterholz geschlagen und mich von diesem langweiligen Wanderunternehmen erlöst. Weil die sich nicht blicken ließen, stromerte ich selbst durchs Unterholz, kletterte über umgefallene Bäume und hoffte sehr, dabei wenigstens einen Landstreicher aufzuspüren. Ein Leben als Landstreicher war nämlich meine zweite Option auf ein abenteuerliches Dasein.

Stattdessen kehrten wir nach einer Weile um und machten uns auf die Suche nach einem Gasthaus zur Einkehr.

Einigermaßen versöhnt schlürfte ich meine Bluna und freute mich an meinem Beilagensalat. Denn eines war mir schon damals klar: als Räuberlehrling oder Landstreicherin hätte ich auf das Beste im Urlaub dann wohl doch verzichten müssen.

Text: A. Müller