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Wegen mir nicht!

Zugegeben, dieser Satz stimmt grammatikalisch hinten und vorne nicht. Im Schwäbischen ist das allerdings bei jedem zweiten Satz der Fall. Auswärtige mutmaßen daher, wir Schwaben würden in einer Art Geheimsprache sprechen. Um ein „Auswärtiger“ zu sein, muss man übrigens gar nicht aus fernen Ländern zu uns gereist sein. Auswärtig ist man, sobald man zwei, drei Ortschaften entfernt wohnt, oder erst seit fünf Generationen die Gemeinde mit seiner Anwesenheit bereichert. Ganz im Gegenteil zu den „Hiesigen“. Die waren schon immer da und haben meist untereinander geheiratet. Möglicherweise könnte dieser Umstand Grund für die Grammatikschwierigkeiten sein.

Grammatikalisch richtig müßte es also heißen: „Nicht meinetwegen“ oder noch besser: „Mach dir meinetwegen keine Umstände“. Weil wir Schwaben jedoch sparsame Leute sind, machen wir uns um korrekte Grammatik keine großen Gedanken und sparen sogar beim „schwätzen“ die Worte ein, die es nicht unbedingt braucht, um verstanden zu werden. „Guckt“ dann einer unverständig aus der Wäsche, brummt man einfach ein „Woisch doch wie i’s moin.“ 

Ob die freie Interpretation nun schwäbischen Ursprungs ist, konnte in der Kürze der Zeit nicht recherchiert werden. Wundern tät’s allerdings nicht, so viel wie die Schwaben schon erfunden haben. 

Was will der Schwabe und die Schwäbin nun eigentlich ausdrücken, wenn sie „wegen mir nicht“ sagen? 

Dieser Satz ist vollendeter Ausdruck schwäbischer Bescheidenheit! Niemals würde ein aufrechter Schwabe etwas einfordern. „Veschper“ zum Beispiel… 

Besuchen sich die Schwaben gegenseitig, stellt die Gastgeberin gegen Abend fest: „I dät jetzt Veschper macha.“ und hofft insgeheim auf die Antwort: „Wegen mir nicht.“

Keinem schwäbischen Gast würde es einfallen, eine andere Antwort als „wegen mir nicht“ zu geben! Selbst wenn ihm vor Hunger schon die Zunge aus dem Hals hängt und der leere Magen vernehmlich grummelt. Schwaben werden oftmals als raubeinig und derb dargestellt, sind jedoch sehr feinfühlige Menschen.

Mit „wegen mir nicht“ gibt der Gast der Hausfrau die Möglichkeit der Wahl. Sie kann sich nun entscheiden, ob (und vor allem wie viel!) sie dem Gast ein Veschper kredenzt oder ihn beim Wort nimmt und hinaus komplimentiert. 

Entscheidet sich die Gastgeberin für Möglichkeit 1, so folgt seit Äonen das gleiche Ritual:

Gast: „Aber mach dir bloß koine Omständ!“

Gastgeberin: „Noi, noi. G’wies ned. Môgsch an Käs? Oder a bissle Schenka?“

Gast: „An Riebel Brot dät’s scho. Vielleicht a bissle Budder druff. I han wirklich koin Honger.“

Gastgeberin: „Budderbrot kôsch dr’hoim essa. Bei mir geiht’s ebbas reachts. I han no eigmachte Gürkla ond a Schwarzwurscht. Des musch obadengt probiera.“

Während die Gastgeberin das Beste aus Küche und Keller holt, überlegt sie simultan, wie sie die ungeplanten Ausgaben die der Gast verursacht, über die Woche wieder reinholen kann. Diese Überlegungen finden intuitiv statt, das ist bei uns Schwaben in den Genen hinterlegt. Selbst wenn im Keller die Regale proppenvoll sind und man die Vorräte in „hondert kalte Wender“ nicht aufessen könnte. 

Bald schon sitzen alle Beteiligten am reich gedeckten Tisch und lassen es sich schmecken. Die schwäbische Hausfrau will sich ja nicht „lompa“ lassen. „Nochher wird no g’schwätzt….“. 

Der Gast entrinnt dem plötzlichen Hungertod (schließlich hat er seit Stunden nichts mehr gegessen) und hat im besten Fall vom selbst gemachten Moscht an reachta Rausch.

Besser kann ein schwäbischer Tag nicht enden.

„Bleed“ wird’s allerdings, wenn der schwäbische Gast, obschon seit mindestens sechs Generationen anrainig, Anhänger alternativer Essgewohnheiten ist. Wenn er also beim Essen so „Medala“ hat und mit seinem Satz „wegen mir nicht“, eben genau das gemeinsame Essen verhindern will.

Dann muss der Gast mit all seinen feinfühligen Fähigkeiten der Gastgeberin zu verstehen geben, dass er sehr für die Gastfreundschaft dankt, aber sie nicht in Anspruch nehmen kann.

Gast: „Mach dir koine Omständ, i gang jetzt glei.“

Gastgeberin: „Noi, noi. G’wies ned. Mir dädet jetzt sowieso essa.“

Gast: „Woisch, i han seid a paar Daag so’s Ranzablitza und muss emmer wieder spucka. Dô isch’s besser i gang heim ond ess bloß an Zwieback.“

Gastgeberin: „Au weh. Môgsch an Blutwurzelschnaps?“

(Anmerkung der Redaktion: der Schwabe versucht so gut wie jede innere Krankheit mit Blutwutzelschnaps zu heilen. Erst wenn nach tagelanger Eigentherapie keine Besserung zu verzeichnen ist, gôht mr zum Doktor.)

Je nachdem wie nahe sich Gast und Gastgeberin stehen, kann der Gast nun zur Bekräftigung seiner Aussage „oin naus dreha“.und dabei möglichst leidend „gucka“. Feinfühlig und vorsichtig natürlich. „S’kennt ja Material mitkomma“

„Wegen mir nicht“ ist nur einer von vielen schwäbischen Floskeln, die es in sich haben. Mal darf und muss man sie buchstabengetreu deuten, mal meint der Sprecher aber auch genau das Gegenteil. 

Wenn ihr, liebe Leser nun also irgendwann einmal einer Schwäbin oder einem Schwaben begegnet, so hört genau hin. Erstens, damit ihr unsere kehligen Laute überhaupt versteht und zweitens, damit ihr die vielfältigen Aussagen eines einzigen Satzes interpretieren könnt.

Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht gleich alles richtig deuten könnt. Holt euch einfach Hilfe von Leuten, die auch noch nicht so lange im Schwabenland ansäßig sind. Im Sportverein, bei der Feuerwehr, in regionalen Facebookgruppen oder in dr Sengstond findet ihr genug Menschen, die erst seit 40, 50 Jahren im Ort wohnen, also ebenso Auswärtige wie ihr sind. 

Und wenn ihr euch fragt, ob ihr den heutigen Text liken, kommentieren oder teilen solltet:

Wegen mir nicht! 

Text: A. Müller

Das römische Erbe

Ganz früher, also damals als sich die Römer noch in Leintücher gewickelt haben und den ganzen Tag futternd auf der Couch lagen, da war der Februar echt der Letzte. Der Februar war unter den gesamten Monaten eines Jahres quasi die Resterampe. Das, was rechnerisch von den anderen Monaten übrig blieb, wurde zusammengekehrt und den Leuten als letzter Monat im Jahr verkauft. Final offer! Alles muss raus!

Bei den alten Römern fiel der Jahresbeginn nämlich auf den ersten März, und das gesamte Jahr hatte nur 355 Tage. Wenn man also vom März an die Monate durchzählt, merkt man schnell, warum September, Oktober, November und Dezember so und nicht anders heißen. Für alle, die im Geschichts- und Lateinunterricht nicht aufgepasst, sondern lieber mit dem Banknachbarn Käsekästchen gemalt haben zur Wiederholung: in den Namen der genannten Monate stecken die römischen Zahlen 7,8,9 und 10 drin. 

Ihr merkt euch das besser; es könnte sein, ich frage das demnächst mal ab. 

Aber zurück zu den Römern:

So ein Jahr mit nur 355 Tagen geht verflixt schnell vorüber, das merkt man besonders, wenn man sich mal wieder irgendwo einen Landstrich zueigen machen will. Zeit ist Geld, das wussten schon die alten Lateiner, auch wenn dieser Spruch erst 1748 von Benjamin Franklin in einem Ratgeber für junge Kaufleute aufgeschrieben wurde. Das hat nun nicht unbedingt etwas mit dem Thema des heutigen Textes zu tun, aber möglicherweise könnt ihr beim nächsten Date mit diesem Wissen punkten. Bitteschön, gern geschehen.

Der Februar war also der letzte Monat im römischen Kalender. „Februare“ heißt übrigens so viel wie „reinigen“ oder „sühnen“ und vermutlich wurde auch die schwäbische Kehrwoche schon damals von den Römern erfunden. Auch diese Information ist eine kostenlose Serviceleistung von eurer Schreibtante. Für meine Leser leg ich mich stets ins Zeug!

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die ollen Römer.

Eines Tages, es muss so um 45 v. Christus gewesen sein, lag Julius Cäsar pappsatt nach einem Gelage auf seiner Couch. Er war gerade zwischen zwei Feldzügen daheim aufgeschlagen, hatte kurz geduscht und ruhte sich nun ein wenig aus. Aber wie gesagt, so ein Jahr mit 355 Tagen ist für einen Feldherrn und Imperator einfach viel zu kurz. Belagern, brandschatzen und Völker unterjochen ist ein zeitintensives Unterfangen, ihr kennt das sicher aus eurem Alltag, nicht wahr. Deshalb überlegte Cäsar, wie er es hinkriegen könnte, der Zeit mehr Raum zu verschaffen.

Er war ja auch nicht mehr der Jüngste, das Herrschen ging ihm nicht mehr so leicht von der Hand und er brauchte für alles einen Tick länger als früher.

Also hirnte er mit recht viel Rotwein im Kopf über sein Problem nach. Und wie das meistens so ist: im Suff kommen einem die besten Gedanken.

„Tadaaaaa! Ich hab’s“ wird er wohl gerufen haben (wäre er Grieche gewesen, hätte er HEUREKA! gerufen. Aber in Ermangelung eines lateinischen Synonyms blieb es beim schnöden Tadaaaa!). „Ich mach einfach eine Kalenderreform und damit das Jahr 10 Tage länger. Die einzelnen Monate werden ab jetzt auf 30 oder 31 Tage verlängert und ZACK! hab’ ich mehr Zeit.“ 

Cäsar ließ also einen Schreiber kommen und beauftragte ihn, die 10 extra Tage gleichmäßig auf die 12 Monate zu verteilen. Mit derlei mathematischen Kleinkram hielt sich der Imperator selbstverständlich nicht auf. Er war schließlich nur zuständig für große Ideen, (vielleicht hatte er auch ein klitzekleine Rechenschwäche?) umsetzen mussten diese Ideen dann seine Untergebenen. Wozu hat man denn Personal? 

A propos Personal: wer glaubt, die Soldaten, Schreiber und Ministeriale hätten aufgrund der 10 extra Tage eine Lohnerhöhung bekommen, täuscht sich. Damals waren Gewerkschaften und Arbeitsschutz nicht en vogue. Das kam erst einige Imperatoren und Tyrannen später.

Cäsars Schreiber saß mit rauchenden Ohren an seinem Schreibtisch und versuchte die 10 neuen Tage irgendwie sauber über das Jahr zu verteilen. Es gelang ihm, immer schön abwechselnd, die Monate mit jeweils 30 und 31 Tagen auszustatten. Nur der Februar der arme Tropf bekam keinen regelmäßigen weiteren Tag. Der Februar, Loser des Jahres, wurde mit einem einzigen Extratag alle vier Jahre abgespeist. Der 29. Februar ist damit ein sehr besonderer Tag; wenn er denn mal stattfindet. Drei Jahre lang denkt keine Sau an ihn, aber im vierten Jahr wird ein Gewese um ihn gemacht, dass man es kaum aushält.

Bis heute ist das so geblieben. Wer an einem 29. Februar geboren wurde, weiß was ich meine. 

Die alten Römer sind längst ausgestorben. Ein paar gute Ideen wie der Bau von Wasserleitungen und Fußbodenheizungen haben wir gerne übernommen. Hat ja nicht jeder einen sauberen Fluss in der Nähe und die nötige Zeit, dort frisches Wasser zu holen.

Viele Wörter in unserem Sprachschatz gehen auf die Römer zurück und bereichern unsere Sprache bis heute. 

Aber die 10 extra Tage ohne vollen Lohnausgleich, die nehm’ ich Cäsar echt übel. Heute Abend hole ich mir eine Flasche Rotwein aus dem Keller und denke über Zeitmanagement nach.

Vielleicht ist die Zeit schon reif für eine neue Kalenderreform.

Text: A. Müller

Am Tag, als Bon Scott starb

Wie jeden Tag, wenn ich von der Schule kam, warf ich den Ranzen in die Ecke und schaltete mein Radio ein. Das Radio war mein Rettungsring, mein Anker in stürmischen Zeiten. Ich war mitten in der Pubertät, stand auf Kriegsfuß mit all den von den Eltern vorgegebenen Konventionen und fühlte mich unvollständig und unverstanden. Nur die Musik aus dem Radio hatte die Macht mich aufzufangen. „The Wall“ von Pink Floyd war im Januar erschienen und ich hatte das Gefühl, jeder einzelne Song sei für mich persönlich geschrieben worden. 

Musik war mein Katalysator. Nichts anderes konnte meine Verlorenheit und meine Wut auf die gesamte Welt so gut ausdrücken. Aggressive Drums, kreischende Gitarren und herausgebrüllte Texte waren genau das was ich mit meinen dreizehnenhalb Jahren brauchte. 

Und dann das: der Radiomoderator meldete den Tod von Bon Scott, Sänger der Band AC/DC. Er sei im Alter von knapp 34 Jahren gestorben. Genaueres wüßte man noch nicht.

Danach spielte er den Song „Highway to hell“.

Natürlich kannte ich Bon Scott nicht persönlich. Sein Tod traf mich dennoch mitten ins Herz. Den Rest des Tages spielte ich „TNT“, meine einzige Single, die ich von AC/DC besaß, in Dauerschleife ab. Das war ich Bon Scott schuldig, das half mir, mit der Todesnachricht klar zu kommen. So nah wie an diesem Tag, war mir der Tod bislang noch nie gekommen. Er fühlte sich unwirklich und fremd an, er machte wütend und traurig zugleich. 

Später beim Essen mit der Familie brachte ich keinen Bissen hinunter. Mein Hals war wie zugeschnürt. Die Eltern und Geschwister machten sich über meine Trauer lustig. „Du kanntest den doch gar nicht, also brauchst du auch nicht traurig zu sein. Das Leben geht weiter.“

Wie sollte das Leben ohne die Stimme von Bon Scott weitergehen? Wer sollte mir in Zukunft eine Stimme verleihen? Die hatten doch alle keine Ahnung!

Ich hing noch bis zur Schlafenszeit vor dem Radio, erhoffte neue Informationen. Jeden gespielten Song von AC/DC nahm ich mit meinem altersschwachen Kassettenrecorder auf. Er eierte beim Abspielen, aber das machte mir an diesem Tag nichts aus. Ich achtete auf die Texte, versank in den Gitarrenriffs und gab mich der Dynamik der Melodien hin. Ich hatte das Gefühl, etwas äußerst wichtiges zu bewahren. Es war schwer auszuhalten und zugleich auch tröstend.

Natürlich war der Tod von Bon Scott am nächsten Tag in der Schule eines der Hauptgesprächsthemen. Nun wußten wir auch schon mehr über dessen Umstände. Er sei betrunken im Renault 5 seines Freundes eingeschlafen und am nächsten Morgen tot aufgefunden worden. Es sei noch nicht geklärt, ob er an Erbrochenem erstickt, erfroren oder an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. 

Wir steckten die Köpfe zusammen, besprachen sämtliche Songtexte, suchten nach „Vorahnungen“, waren gemeinsam traurig. Meinen Freunden ging es wie mir. Auch das war ein Trost.

Es tröstete uns auch, dass Bon Scott nicht „einfach so“ gestorben war. Nur alte Leute sterben ruhig im Bett, aber ein Rockmusiker doch nicht. Bon Scott hatte gelebt bis zum Schluss. Er hatte nichts ausgelassen, gesoffen, geraucht und gefeiert. Er hatte vollkommen anders gelebt, als wir es von unseren Eltern kannten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Annette überlegte ich auf dem Heimweg von der Schule, ob es nicht prinzipiell besser wäre, früh zu sterben. Wir waren beide knapp Vierzehn, für uns war es schwer vorstellbar einmal über Dreißig zu sein. Ich schauderte bei dem Gedanken, einmal so ein Leben wie „die Erwachsenen“ führen zu müssen. In dieser Welt, jedenfalls jener, die ich einsehen konnte, gab es keine Revolution, keine kreischenden Gitarren, kein Infrage stellen alter Konventionen. Nein so wollte ich unter keinen Umständen enden. 

Ich gab Annette das Versprechen, ebenfalls spätestens mit 34 Jahren den Abgang zu machen. Die zwanzig Jahre bis dahin wollte ich mit Musik ausfüllen. Annettes Einwand, ich dürfe die Welt der Bücher nicht vergessen, nahm ich dankbar an. Also gut: Bücher und Musik für die kommenden zwanzig Jahre. Danach müsste dann aber Schluss sein. Danach konnte nichts Besseres kommen.

Irgendwann verflachte die Traurigkeit, AC/DC fand einen neuen Sänger und brachte ein neues Album heraus. 

Meine Familie hatte recht: das Leben war weiter gegangen.

An meinem 34. Geburtstag klingelte das Telefon. Meine Freundin Annette rief an. „Lebst du noch?“, fragte sie. Ich konnte ihr Schmunzeln durchs Telefon spüren. „Ja, ich lebe noch. Und ich glaube, ich möchte auch noch eine Weile weiter leben.“

Wir unterhielten uns noch eine zeitlang über dies und das, über unsere mittlerweile geborenen Kinder und darüber, was noch kommen sollte im Leben.

Bücher und Musik müssten nach wie vor ein Hauptbestandteil des Lebens sein, da waren wir uns einig. Unsere Kinder mit einem starken Rückgrat ins Leben zu entlassen, war uns auch sehr wichtig.

Und ohne es auszusprechen waren wir Bon Scott ziemlich dankbar. Sein Tod wirkte sich auch noch nach 20 Jahren auf uns aus. Wir stellten uns immer wieder den Fragen von damals, bewerteten sie neu und fanden, jede für sich, andere Antworten.

Am 19. Februar 2021 jährte sich Bon Scotts Todestag zum 41. Mal. Sobald ich seine Stimme höre, bin ich 14 Jahre alt und neugierig auf die Welt. Ich kann die Wut von damals spüren, aber auch die Gelassenheit von heute.

Musik ist nach wie vor wichtig in meinem Leben. Aber ich kann sie heute anders genießen. Ich brauche sie nicht mehr als Katalysator für mein Gefühlschaos. 

Ich habe mittlerweile meinen eigenen Weg gefunden, mit der Welt klarzukommen. Diesen Weg zu finden, war Grund genug, über den 34. Geburtstag hinaus zu leben. 

Text: A. Müller

Der Wundenreißer

Kira hatte gehofft, hier etwas Ruhe zu finden. Still saß sie auf der vom Wetter gegerbten Holzbank, blinzelte ab und zu durch die halb geschlossenen Augen und versuchte ihre innere Unruhe zu bändigen. Sie zwang sich ruhig zu atmen. Vielleicht würden die Schmerzen dann erträglicher. Kira hatte noch nie in ihrem Leben solche Schmerzen. Alles tat weh, sogar das Denken. Eigentlich schmerzte gerade das Denken am allermeisten, aber egal was Kira unternahm: das Denken hörte einfach nicht auf.

Der Tod, der alte Wundenreißer, hatte vor zwei Tagen Kiras Oma zu sich geholt. Seitdem war alles anders. In Kiras Kopf wirbelten Bilder und Gedanken durcheinander, Erinnerungsfetzen aus glücklichen Zeiten wechselten sich mit der Angst vor der Zukunft ohne die Oma ab. Das Mädchen hielt das Stillsitzen nicht mehr aus. Entschlossen stemmte sie die Füße auf den Boden und öffnete die Augen. Vielleicht ginge es ihr besser, wenn sie ein wenig umher ging?

Langsam wanderte sie über das Gelände. Die alten Bäume ließen die Sonnenstrahlen in einem linden Licht durch das Blattwerk scheinen, fast so als nähmen sie Rücksicht auf Kiras Schmerz. Leise raschelten die Blätter im Wind, warfen im Spiel mit der Sonne immer neue Schattenmuster auf den Boden. Licht und Schatten, Glück und Trauer, gelebtes und vergangenes Leben; hier an diesem Ort schien all jenes vereint.

Langsam löste sich Kiras innere Anspannung, mit jedem Schritt den sie tat, konnte sie sich mehr auf diesen Ort einlassen. Schon oft war sie mit der Oma hier, gemeinsam hatten sie das Familiengrab besucht. In ein paar Tagen würde Oma nun auch dort liegen.

Kira ließ den Blick über den Friedhof schweifen. So viele Gräber, so viel vergangenes Leben! Ob die Menschen die dort lagen, auch so liebevoll und herzlich wie ihre Oma gewesen waren? Ob sie wohl ein gutes Leben hatten? Niemals zuvor hatte sich Kira darüber Gedanken gemacht. Erst jetzt betrachtete sie die Inschriften der Grabsteine genauer. Meist standen nur die Namen der Verstorbenen darauf, manchmal auch der Geburts- und Sterbetag. Über ihr Leben stand jedoch nichts auf den Grabsteinen. Die meisten hatten ihre Lebensgeschichte mit in ihr Grab genommen. Kira fand das ziemlich schade. Sie nahm sich vor, Omas Lebensgeschichte zu bewahren. Vielleicht würde sie ein wetterfestes Fotoalbum basteln? Dann könnten die Besucher an Omas Grab sich besser erinnern, könnten spüren, welch große Lücke in ihrem Leben entstanden ist. Alle Besucher würden dann merken, welch großartiger Mensch Oma war und wären vielleicht dankbar, ihr begegnet zu sein. Ein kleines Lächeln zauberte sich auf Kiras Gesicht. Ja, so würde sie es machen! Oma und ihre Lebensgeschichte würde nicht vergessen werden. 

Das Brummen eines Dieselmotors ließ Kira aus ihren Gedanken aufschrecken. Sie blickte in die Richtung des Geräusches und sah den gelben Bagger des Friedhofes, der sich anschickte ein neues Grab auszuheben. Omas Grab! Wie weh das tat. Kira konnte den Schmerz nicht nur in ihrem Herzen spüren. Er zuckte durch ihren ganzen Körper, nahm ihr fast die Luft zum atmen. 

Mit seinen stählernen Zinken grub sich der Bagger tief in die Erde, riss eine Wunde in das Grab, zerstörte den einst friedlichen Anblick.

Der Tod und der Bagger arbeiteten Hand in Hand. Der eine riss die Wunden in die Herzen, der andere in die Erde, wühlte Verborgenes auf und zwang die Menschen, sich damit auseinanderzusetzen. 

Noch einmal schaute sich Kira um. So viele Gräber, so viele Wunden! 

Jedes einzelne Grab stand als stiller Zeuge für die Wunden der Angehörigen, stand für unzählige vergossene Tränen. 

Jedes einzelne Grab ein Abschied in Schmerz. Jedes einzelne Grab ein Anfang der Heilung.

Kira sah viele frische Wunden auf dem Friedhof. Die Grabhügel waren noch hoch angehäuft mit bunten Blumen geschmückt. Auf Schleifenbändern gedruckt, liebevolle Abschiedsworte. Kira spürte beim Anblick der frischen Gräber die Trauer, sie spürte den Unglauben über das Unumstößliche und sie spürte auch die Wut. Was fällt dem Tod, dem alten Wundenreißer eigentlich ein? Wie konnte er mir das antun?

Kira sah jedoch auch alte Gräber. Gräber mit wunderschönen Grabmalen, moosbewachsen und Ruhe ausstrahlend. Über all die Jahre schienen diese Gräber nicht in Vergessenheit geraten zu sein, im Efeu vor den Grabsteinen standen stets frische Blumen.

Die äußeren Wunden die der Bagger der Erde zugefügt hatte, waren verheilt. Kira überlegte, ob über die Jahre auch eine innere Heilung möglich wäre. 

Der Tod, der alte Wundenreißer, hatte ihr eine schlimme Verletzung zugefügt. Es würde Zeit brauchen, davon zu genesen. Vielleicht heilten die inneren Wunden besser, wenn sich Kira um die vom Bagger aufgerissene Erde kümmerte? Vielleicht heilten die inneren Wunden besser, wenn sie beobachtete, wie die Natur aus sich heraus Wunden verschließt. 

Zwischen den neuen, frischen Gräbern und den alten steinernen Zeugen des Schmerzes stand der Weg der Trauer und der Auseinandersetzung mit dem alten Wundenreißer.

Noch bevor Kira den ersten Schritt auf diesem Weg ging, wußte sie schon dass sie auf der gesamten Strecke Heilung erfahren würde. 

Sie würde Licht und Schatten sehen, Glück und Trauer erfahren, sie würde sich mit Tränen in den Augen an ihre Oma erinnern und sie würde über jeden gelebten Moment mit ihrer Oma glücklich sein.

Entschlossen stand Kira am frisch ausgehobenen Grab der Oma. Morgen würde ihre Beisetzung sein. Morgen würde die Wunde noch ein kleines Stückchen weiter aufgerissen werden, aber Kira fühlte sich nun gestärkt. 

Der Tod, der alte Wundenreißer hatte ihr die Oma genommen. Die Liebe und die Erinnerung jedoch hatte er Kira gelassen. Omas Lebensgeschichte war nun zu Ende, aber für alle Zeiten in Kiras eigener Geschichte eingewoben.

Wie nahe Schmerz und Heilung beieinander liegen, wurde Kira nun bewußt. Nun war es ihr ein wenig leichter im Herzen.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller, Grabmal in Brettach

Das fehlende Dazwischen

Leute, ganz ehrlich: heute schreibe ich nichts. Würde sowieso nur Bockmist werden. Das Metronom in meinem Kopf schlägt heute mal wieder ziemlich über die Stränge. Meist funktioniert der Taktgeber recht zuverläßig und gibt mir Zeit, den einen oder anderen Gedanken zu erhaschen, ihn zu Ende zu denken und in Worte zu fassen. Aber heute? Bämm! Bämm! Bämm! Immer volle Pulle. Wenn das Ding jetzt links oder rechts hängenbleibt, bin ich in einer gedanklichen Endlosschleife gefangen. Dammed bämm! Echt jetzt.

Endzeitstimmung ist das Letzte was ich jetzt gebrauchen kann. Und schon wieder schlägt das Pendel aus und droht bei dem Gedanken an Äxte hängenzubleiben. Keine Ahnung, wieso immer wieder die Äxte in meinem Hirn auftauchen. Ich denke lieber nicht länger darüber nach. 

Kaffee ist auch alle. Man!

Dabei war es früher doch so einfach. Augen schließen, Idee pflücken und aufschreiben. Alles easy und mit minimalem Zeitaufwand. Manchmal sogar zwei- bis dreimal am Tag. Kurze kleine, erfrischende Schreibintermezzi. 

Und jetzt? 

Jetzt muss ich mich anstrengen, manchmal quälen. Suche über Minuten nach dem richtigen Wort, der passenden Pointe, der überraschenden Wendung. „Musst dich doch nicht quälen.“, sagt der beste Mann beim Frühstück. Doch! Das ist ja das Dilemma! Ich muss! Da sind so viel Gedanken, so viel Last im Kopf. Wenn ich das nicht mindestens einmal in der Woche raus lasse, platzt mir der Schädel.

Und schon wieder taucht beim Gedanken eines geplatzten Schädels eine Axt vor meinem inneren Auge auf. Keine Sorge, alles völlig unblutig. Die Axt liegt einfach nur da. Silbrig glänzend, mit glatt poliertem Stiel demonstriert sie ruhig ihre Kraft. Sie hat es nicht mal in meiner Fantasie nötig, einen auf dicke Hose zu machen. 

Allerdings hat es meine Fantasie dringend nötig, dass Fräulein Axt sich endlich mal daran macht, was zu spalten. Völlig egal, was. Na ja, nicht ganz egal. Das Spalten sollte sich nicht im Realen vollziehen. Würde mir sonst zu blutig werden. Ich bin ja viel mehr auf der Suche nach dem, was zwischen dem Gespalteten liegt. Das, was vorher das Ganze zusammenhielt und verband. Fräulein Axt soll das Dazwischen für mich freilegen, wenn sie schon ständig in meinem Kopf auftaucht.

Würde ich nur dieses Dazwischen finden! Dann, ja dann wäre das Schreiben wieder einfach. Und schön.

Überhaupt, das Dazwischen fehlt ja nicht nur mir. Es fehlt in fast allen Bereichen. Hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Fräulein Axt kann nämlich bisweilen eine ganz gemeine Spalterin sein. Dann haut sie einfach so Dinge auseinander, die besser verbunden blieben wären. Haut Wunden ins Fleisch, die nicht mehr heilen. Verdammte Axt!

Dann gibt es nur noch das Entweder und das Oder. Es gibt nichts Verbindendes mehr. Das Dazwischen ist gestorben. Es stirbt übrigens ganz leise, dieses Dazwischen. Niemand hat jemals seine Todesschreie vernommen. Aber irgendwann merkt man doch, das es fehlt.

Ohne das Dazwischen fehlen die Zusammenhänge. Einzelne Ideen, Gedanken, Theorien fliegen umher, stehen in keinerlei Verhältnis zueinander. 

Nicht nur in meinem Kopf ist das so. Nicht nur ich ringe mit der Axt. Versuche, die einzelnen Schläge abzumildern und das Dazwischen zu erkennen und es vielleicht sogar zu retten.

Zur Zeit bin ich ja schon vollkommen damit zufrieden, ab und an mal ein paar kleine Fasern des Dazwischen zu finden. Dann greife ich vorsichtig zu, halte es in der hohlen Hand um es ja nicht noch mehr zu verletzen. Langsam öffne ich dann die Hand und lege die einzelnen Fasern sorgsam nebeneinander. Vielleicht kann sich auf diese Weise ein größeres und stärkeres Dazwischen bilden. Je dicker die Schicht des dazwischen, desto dünner die äußeren Ränder. 

Selbst wenn Fräulein Axt mit aller Macht zuschlüge, würden die getrennten Teile noch viel Dazwischen mit sich tragen.

Je mehr Dazwischen, desto mehr Verbindung. 

Je mehr Verbindung, desto mehr Verständnis.

Das Metronom in meinem Kopf hat mittlerweile einen ruhigeren Takt angenommen. Gleichmäßig schlägt das Pendel aus, scheint für eine Millisekunde sogar in der Mitte zu verharren. So, als ob es mit damit die Gelegenheit bieten wolle, eine kleine Faser vom Dazwischen zu greifen.

Die Axt vor meinem geistigen Auge zwinkert mir stählern zu. Mit klarem Geist und ruhiger Hand wandelt sie sich vom Mordgerät in ein nahezu chirurgisch präzises Instrument. 

Jetzt kann ich die Augen schließen und Ideen pflücken.

Mit ein wenig Glück schreibe ich dann auch mal wieder was.

Text: A. Müller

Das Mädchen, das beschloss, nie wieder zu weinen

„Jetzt stell’ dich nicht so dämlich an und hör’ auf zu heulen!“ herrscht die Mutter das Mädchen an. Sie wendet sich von ihrem Kind ab und verläßt das Zimmer. Das Mädchen bleibt allein zurück inmitten einer Atmosphäre aus Enttäuschung und Verachtung. 

Traurigkeit wird nicht gerne gesehen im Elternhaus, Traurigkeit stört den alltäglichen Ablauf. Nur mit einem wirklich triftigen Grund darf man traurig sein. Was ein triftiger Grund ist, weiß das Mädchen nicht so richtig. Genau genommen darf das Mädchen schon ab und zu traurig sein. Sie darf es nur nicht nach außen zeigen. Wer traurig ist und obendrein auch noch weint, ist schwach und empfindlich. Niemand mag Heulsusen!

Aber wie ist das eigentlich mit der Traurigkeit? Woher kommt sie und warum lässt sie sich nicht so schnell vertreiben? Aus welchen Gründen darf man traurig sein und wer legt das fest? Ist man wirklich ein schwacher Mensch, wenn man öfter mal weint?

Das Mädchen möchte nicht schwach sein. Es kennt die Wellen der Traurigkeit. Wellen, die alle anderen Empfindungen zu überfluten drohen und jede Hoffnung zunichte machen. Es weiß wie es sich anfühlt, wenn die Tränen in die Augen steigen und einfach nicht aufhören wollen zu fließen. 

Die Mutter sagt, das Mädchen hätte sich einfach nicht unter Kontrolle. Es müsse endlich lernen, sich besser zu beherrschen. Denn niemand mag Heulsusen!

Das Mädchen nimmt sich vor, beim nächsten Sturz vom Fahrrad, die aufgeschürften Knie und den brennenden Schmerz einfach zu ignorieren. Ein blutiges Knie ist sicher kein Grund zum weinen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagt die Mutter. Das Mädchen kennt keinen Indianer und weiß daher nicht ob dieser Satz richtig ist. Die Mutter sagt ihn jedenfalls mit so großer Überzeugung, vielleicht hat sie ja recht. Also wird das Kind bei künftigen körperlichen Schmerzen einfach die Zähne zusammenbeissen und wie sie es von der Mutter kennt, die Lippen zu einen dünnen Strich aufeinander pressen. Das Mädchen wird nicht jammern und schon gleich gar nicht weinen! Vielleicht wird es dann gemocht.

Aber wie ist es mit all den anderen Schmerzen? Jenen Schmerzen, die tief im Herzen stecken? Was ist mit all den Schmerzen, die unsichtbar sind? Ob sich Wut, Enttäuschung, Erschöpfung, Ungerechtigkeit oder Neid ebenso kontrollieren lassen? 

Wie oft hat das Mädchen schon geweint, wenn es in einem Streit nicht mehr weiter wußte, wenn die Worte für eine Erklärung gefehlt haben. Doch Tränen dürfen kein Ersatz für fehlende Worte sein. So viel hat das Mädchen nun gelernt. Tränen sind Zeichen der Unbeherrschtheit und der Schwäche. Warum sonst sagt die Mutter, sie lasse sich nicht von den Tränen erpressen? Dabei möchte das Mädchen niemanden erpressen. Manchmal sucht es einfach nur Rat, Hilfe und Verständnis. Es möchte in den Arm genommen werden und sich geborgen fühlen. 

Das Kind überlegt, ob die Sehnsucht nach Geborgenheit vielleicht etwas mit der Traurigkeit zu tun hat? Die Mutter sagt zwar immer, die Dinge würden auch nicht besser wenn man heule, aber das Mädchen glaubt nicht so recht daran. Vielleicht fühlt sich die Traurigkeit nicht mehr so überwältigend und schwer an, wenn man im Arm eines freundlichen Menschen traurig sein darf. Vielleicht schwächt sich der innere Schmerz ab, wenn er nicht bewertet, sondern einfach nur wahrgenommen wird? Aber das Mädchen hat keine Möglichkeit das auszuprobieren. Es muss sich beherrschen.

Das Kind muss schleunigst lernen, seine Gefühle zu kontrollieren. Vor allem muss es lernen, welche Gefühle richtig und welche falsch sind.

Das Mädchen gewinnt den Eindruck, alle Gefühle seien irgendwie falsch. Warum sonst sollten sie nicht offen gezeigt werden? 

Es lernt, bei Wut zu schweigen, Einsamkeit auszuhalten oder Freude zu unterdrücken. Es lernt seine Tränen nur nach innen fließen zu lassen. 

Das Mädchen glaubt, wenn es seine Gefühle kontrollieren kann, kann es alles andere auch kontrollieren.

Es hält sich an die Regeln. Kein Weinen und kein Lachen. Keine tiefe Traurigkeit und keine pure Freude. Das Mädchen hat gelernt seine Empfindungen einzuschränken. 

Vielleicht wird es dann endlich gemocht.

Doch manchmal droht das Mädchen zu platzen. Dann läßt es trotz aller Vorgaben den Gefühlen freien Lauf. Es jauchzt vor Freude und tanzt im Regen. Es weint ohne Grund bitterlich unter der Bettdecke. Dabei achtet das Mädchen peinlich darauf, von niemandem gesehen zu werden. Keiner darf merken, wie wenig sich das Kind unter Kontrolle hat.

Denn niemand mag Heulsusen!

Text: A. Müller

Ein offener Brief an die Kritiker der Coronamaßnahmen

Hey Leute, 

lange Zeit habe ich nicht verstanden, warum ihr euch so vehement gegen Mundschutz und Kontaktbeschränkungen wehrt. Ich habe nicht verstanden, warum ihr die staatlichen Anordnungen so kritisch begleitet und fast wöchentlich dagegen demonstriert.

Dann habe ich angefangen nachzudenken. Das fordert ihr ja immer von uns. Und ich glaube, ich bin da einer großen Sache auf der Spur…..

So wie es aussieht, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis Läden, Restaurants, Kinos und dergleichen wieder geöffnet werden dürfen. Ob wir in diesem Sommer verreisen können, ist ebenso fraglich. Das Angrillen im April im großen Freundeskreis können wir uns wahrscheinlich auch in die Haare schmieren. 

Ganz ehrlich, mich kotzt das genauso gewaltig an wie euch! Der Mensch ist ein Gruppenwesen und nicht für’s Alleinsein gemacht. Ohne soziale Kontakte geht es schnell bergab mit uns.

Also hab ich mir mal vorgestellt, wie es wäre, wenn eure Forderungen nach Lockerungen gehört würden.

Jeder darf sich frei bewegen, jeder darf seinen Laden öffnen und jedem steht es frei rauschende Feste zu feiern. Wir drehen einfach auf 2019 zurück, da war ja bekanntlich die Welt noch in Ordnung. Wir knüpfen einfach an unsere alten Verhaltensweisen an und schauen mal, was dabei rum kommt.

Ein mal in der Woche besuchen wir Oma Käthe im Pflegeheim und nehmen sie zur Begrüßung ganz feste in den Arm. Ihr habt Oma Käthe doch regelmäßig besucht, als es noch möglich war, oder? Oma Käthe freut sich sehr über euren Besuch, streicht euch immer wieder übers Gesicht und genießt die Stunden. Es geht ihr richtig gut!

Ein paar Tage später fühlt sich Oma Käthe dann nicht mehr so wohl, hat Fieber und hustet. Um diese Jahreszeit geht die Erkältung rum… kann man nichts machen. Oma Käthes Erkältung klingt leider nach einer guten Woche nicht ab, im Gegenteil, sie bekommt immer schlechter Luft. Eines Morgens liegt die Oma dann tot im Bett. Naja, sie war ja auch schon über 80. Leute in diesem Alter sterben schon mal. Wir müssen alle irgendwann mal sterben.

Klar sind wir über Oma Käthes Tod sehr traurig, deshalb machen wir ihr eine schöne Beerdigung. Es ist zwar etwas schwierig einen zeitnahen Bestattungstermin zu bekommen, aber nach nur 4 Wochen klappt es dann doch. Der Sarg mit Oma Käthe drin, muss aufgrund der langen Wartezeit  luftdicht verschlossen sein, weil sonst die Gerüche… aber egal. Von nah und fern kommen alle Freunde und Verwandten und wir liegen uns tränenüberströmt in den Armen. Die Nähe tut uns gerade jetzt sehr gut. Die Trauerfeier in der Halle rührt uns noch mehr zu Tränen, aber das gemeinsame Singen gibt uns neue Kraft. Wir begleiten Oma Käthe zum großen Sammelgrab und legen sie weinend in die Erde. Einzelgräber gibt es schon seit einiger Zeit nicht mehr, bei der Menge an Toten kann kein Friedhof sich einen solchen Luxus leisten. Nach der Beerdigung verbringen wir noch ein paar gemeinsame Stunden im Restaurant und gedenken bei Wein, Schnaps und Gulaschsuppe unserer lieben Oma.

Gegen Abend trennen sich unsere Wege wieder. Morgen müssen wir wieder zur Arbeit und in die Schule. Das Leben geht ja weiter, nicht wahr?

Im Büro erzählen wir den Kollegen von Omas Beerdigung und der eine oder andere nimmt uns tröstend in den Arm. Das tut echt gut! Dann packen wir unsere Siebensachen zusammen und fahren zu unseren Kunden. Natürlich geben wir jedem Einzelnen zu Begrüßung und zum Abschied die Hand. Wir wissen schließlich was sich gehört.

Nach der Arbeit gehen wir dann noch für eine Stunde ins Fitnessstudio, schnaufen und schwitzen uns durch den Geräteparcour. Nach der Dusche noch schnell einkaufen, die Kinder vom Hort abholen und dann ab nach Hause. 

Es geht uns gut, wir sind eingebettet ins normale soziale Gefüge.

Schade nur, dass Onkel Paul und Cousine Monika in letzter Zeit so kränkeln. Die beiden waren aber auch schon immer so anfällig für Krankheiten.

Ein paar Tage später meldet sich auch noch Kollege Müllermeier krank. Wir übernehmen natürlich seine Arbeit und besuchen auch seine Kunden. Die Überstunden machen uns nichts aus, wir müssen nur die Kinderbetreuung neu regeln. Der Hort macht schließlich schon um 18 Uhr zu. Zum Glück nimmt eine andere Mutter unsere Kinder bis zum späten Abend mit zu sich. Es ist doch schön, wenn Eltern untereinander so solidarisch sind. 

Kollege Müllermeier ist wochenlang krank. Irgendwie kommt er nicht mehr auf die Beine. Zwischendrin war er sogar im Krankenhaus, aber dort war es ziemlich voll. Sobald er sich wieder halbwegs senkrecht halten konnte, ist er lieber wieder nach Hause gegangen.

Seine Arbeit müssen wir nun dauerhaft mit erledigen. Es gab wohl eine Stellenausschreibung, da mit Müllermeiers Rückkehr nicht zu rechnen ist, aber der Stellenmarkt scheint wie leergefegt. Überhaupt scheint es im Moment sehr wenige arbeitslose Menschen zu geben. In jeder Branche werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Überall scheint die Personaldecke zu schrumpfen. Manche Firmen werben sogar mit mietfreien Wohnungen, nur damit sie endlich wieder ausreichend Personal haben. 

Kollege Meiermüller erzählt beim schnellen Kaffee in der Büroküche von seiner dementen Mutter. Es sei überhaupt kein Problem, ein freies Pflegebett zu bekommen. Die Heime stünden quasi leer. 

Meiermüller führt das auf die veränderten Umstände zurück. Er ist heilfroh, wie schnell die Lockerungen der Beschränkungen gewirkt haben. Seit man keinen Mundschutz mehr tragen müsse, seit wieder alle Läden und Institutionen geöffnet haben, hätte sich eine Art natürliche Auslese auf unser Leben ausgewirkt.

Alte und schwache Menschen machten nun Platz für diejenigen, die stark genug seien. Der Arbeits- und Wohnungsmarkt hätte sich entspannt, niemand müsse mehr für viel zu wenig Geld Arbeiten verrichten, die menschenunwürdig seien. Niemand mehr müsse für ein verschimmeltes Wohnklo mit Kochnische abertausende Euro im Jahr ausgeben. 

Stimmt genau, pflichten wir dem Kollegen bei. Ohne diese blödsinnigen und willkürlichen Beschränkungen von staatlicher Seite lebt es sich viel besser. Okay, wir hätten schon gerne noch ein paar Jahre mit unserem Partner verbracht, aber er war einfach nicht überlebensfähig. Schlechtes Immunsystem. Oder schlechte Gene. Kann man so im Nachhinein nicht mehr genau sagen. 

Aber im Grunde sind wir froh, mit unserem Kampfgeist und starken Willen für die Aufhebung der Einschränkung gekämpft zu haben. Wir haben uns bewußt über das Grundrecht der Unversehrtheit hinweggesetzt. Die Freiheit der Starken war uns wichtiger. 

Die, die in den letzten Monaten gestorben sind, wären sowieso nicht überlebensfähig gewesen. 

Den Gedanken, dass diese Art von Auslese bereits schon einmal stattgefunden hat, schieben wir nachdrücklich zur Seite.

Wir sind ein freies Volk! Dafür haben wir gekämpft.

Den Verlust von Empathie und Menschlichkeit müssen wir eben in Kauf nehmen.

Und ganz ehrlich: wer braucht schon Empathie, so lange man sich von solch störenden Gedanken beim Stadtbummel, Kino- oder Restaurantbesuch freikaufen kann?

Text: A. Müller

Illustration: Anja Klukas www.anja-klukas.de

Schneebetrachtungen – eine Schreibübung

Sonntagmorgen. Zeit für einen neuen Blogartikel. Ein paar Ideen kreisen in meinem Kopf, noch unreif und halbgar. Keine Chance aus ihnen einen halbwegs anständigen Text zu zimmern. 

Ich nippe an meinem Kaffee, schaue aus dem Fenster, denke darüber nach, wie schwer es mir geworden ist, frohe, positive Texte zu schreiben. Nein, ich mag nicht schon wieder einen zynischen Text schreiben. Zynismus ist ab und zu ein gutes Ventil, keine Frage; aber er braucht ein Gegengewicht. Mein Geist braucht heute dringend etwas Positives. In Worte gegossene Katzenbilder. Niedlich. Flauschig. Was fürs Herz.

Der Blick aus dem Fenster verändert sich. Vor ein paar Minuten noch, schaute ich durch die Bäume, Häuser und Strassen hindurch, nahm die Umgebung gar nicht wahr. Jetzt erst sehe ich die Schneeflocken, wie sie langsam zu Boden fallen, immer dichter werden und wie sie es sich auf Bäumen und Sträuchern gemütlich machen. Alles ist weiß. Und so ruhig.

Stimmt nicht, absolut ruhig ist es nicht. Das Kratzen von Schneeschaufeln ist zu hören, mit fiesem Kreischen rutschen die Metallkanten der Schaufeln über den Asphalt. Einst locker geschichtete Schneeflocken werden mit roher Gewalt zusammengeschoben, angehäuft und zerquetscht. An Grundstücksgrenzen und Gehwegrändern entstehen gefrorene Leichenberge. Gnädig verhüllen frisch gefallene Schneeflocken die Mahnmäler menschlicher Ordnungswut. 

Statt mit einer Tasse Tee gemütlich am Fenster sitzend und dem Schneetreiben zuschauend, kratzen wir mit deutscher Akribie auch noch die letzte Flocke vom Gehweg. 

Ordnung! Sauberkeit! Disziplin!

Überdies kündigt der Wetterbericht für Mitte der Woche Tauwetter an. Spätestens dann wird sich die weiße Pracht (oder das was davon übrig gelassen wurde) in braunen Matsch verwandeln. Tagsüber schlittern wir dann in nassen Pfützen unseren Zielen entgegen, bei jedem noch so kleinen Gefälle bricht uns der Angstschweiß aus. 

Ich merke den aufsteigenden Zynismus, spüle ihn mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter. Blättere in alten Fotoalben und schaue mir die Winterbilder meiner Kindheit an.

Zu dieser Zeit ist der winterliche Schneefall die Verheißung von Glück gewesen.

Irgendwann zwischen 1972 und 1980. 

Ich bin wieder Kind. 

Durch die Ritzen der Fensterjalousie spähe ich jeden Abend vor dem Schlafengehen und gleich morgens nach dem Aufstehen hinaus, ob Schnee gefallen ist. Kann es kaum erwarten, hinaus zu gehen. Dick von der Mutter mit Mütze, Schal und Stiefel eingepackt, endlich draußen sein und Schneeflocken mit der Zunge fangen. 

Mit dem Schlitten geht es zum Rodeln. Die Mutigsten trauen sich von ganz oben den „Todesbuckel“ hinunter. Wir knüpfen die Schlitten aneinander und fahren in halsbrecherischem Tempo den Hang hinab. Stürzt einer in der Kette, landen alle anderen auch im Schnee. Wir sind unter uns, die Eltern gehen nur am Wochenende mit uns zum rodeln. An den Wochentagen gehört die Piste uns alleine. Die verschneiten Hänge bedeuten Freiheit. 

Gegen den Durst essen wir Schnee. Es interessiert uns nicht, ob er uns vielleicht nicht gut tut. Das merken wir dann erst später. Was zählt, ist das Glück des Momentes. 

Mit roten Backen schnaufen wir immer wieder die Hänge hinauf und jauchzend vor Glück bei der Abfahrt. Erst wenn es langsam dunkel wird, gehen wir nach Hause. Sind müde, hungrig und glücklich.

Dann steigen wir aus unseren nassen Kleidern, ziehen frische warme Socken an, um die rot gefrorenen Zehen wieder zu wärmen und dürfen bis zum Abendessen die Kinderstunde im Fernsehen anschauen. 

Die Nachrichten am Abend interessieren uns nicht. Mao stirbt, die RAF mordet, die Ölkrisen werfen immer neue Fragen aus; all das nehmen wir nicht wirklich wahr. Wir sind Kinder, es ist uns egal! 

Nicht einmal im Traum kommt mir die Idee, all diese Ereignisse könnten mein kleines Leben beeinflussen. Ich bin fest im Vertrauen auf meine Eltern, die lassen es niemals zu, dass mir irgendetwas schlimmes geschieht. 

Ich bin Kind und ahne nicht, wie wertvoll der unverschleierte Blick in die Zukunft ist. Ich bin Kind und werde von Hoffnung getragen. Der Zynismus wird erst später kommen. Leise, schleichend und bitterböse.

Immer noch schaue ich aus dem Fenster. Die Schneedecke hat zwischenzeitlich eine beträchtliche Höhe erreicht. Es ist auch viel Zeit vergangen zwischen damals und heute. Millionen von Schneeflocken, für das innere Kind ist jede einzelne ein Grund zum Jauchzen. 

Ich nehme mir vor, dieses wohlig behagliche Gefühl aus Kindertagen nicht zu vergessen. Ja, mehr sogar: ich werde es mir immer wieder ins Bewusstsein rufen, wenn der Zynismus versucht mich aufzufressen und das Weltgeschehen mich in Angst und Schrecken versetzt.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller, privat

Ein kurzer Text über die Bürde der Meinungsfreiheit

Während mir gefühlt die Welt um die Ohren fliegt und jeden Tag mit neuen und ungeheuerlichen Meldungen aufwartet, sitze ich auf meiner Couch und mache mir Gedanken. Nein, im Grunde mache ich mir keine konkreten Gedanken, denn die Vielfalt der Ereignisse und deren Auswirkungen kullern wie die Murmeln einer Kugelbahn durch meinen Kopf. Die Geschwindigkeit mit der sie das tun ist atemberaubend und jedes Mal, wenn ich mir ein Ereignis genauer anschauen will, kommt schon das Nächste die Kugelbahn heruntergeschossen. Verdammte Hacke, so schnell kann ich nicht denken! So schnell will ich auch nicht denken! Es passiert einfach viel zu viel auf dieser Welt! Wieso passiert denn gerade so viel? 

Gleichwohl habe ich das Gefühl, ich müsste zu all den Ereignissen Stellung beziehen, sie damit irgendwie unter Kontrolle bringen. Bilde ich mir eine Meinung, so jedenfalls ist meine Hoffnung, dann bändige ich damit auch die Angst, die mir all diese Ereignisse machen.

Aber hey, reicht eine einzige Meinung überhaupt aus? Bräuchte es in Summe der unzähligen Ereignisse nicht auch vieler Meinungen? Und wenn ich endlich einer Meinung bin, ist es dann die richtige? 

In den letzten Monaten habe ich viel über Meinungen und Meinungsfreiheit gelesen. Jeder dürfe eine haben und jeder dürfe sie äußern. Soweit so gut. Ich frage mich seitdem, wie das genau geht und wie ich zu einer Meinung komme. Ach ja, ich frage mich auch, ob meine Meinung überhaupt jemand interessiert. Je länger ich öffentliche Plattformen durchforste, desto mehr gewinne ich den Eindruck, sie seien nur Sammelbecken von Meinungen, nicht aber Plattformen des wirklichen Austausches oder gar Medien zur Lösung eines bestimmten Konfliktes. Ist dieser Eindruck jetzt schon eine Meinung oder bedarf es mehr Informationen? Also gehe ich es analytisch an.

Bevor ich die Freiheit der Meinungsäußerung genießen kann, muss ich mir zunächst eine Meinung über einen Sachverhalt bilden. Das heißt, ich muss mich mit einem Ereignis eingehend auseinandersetzen. Ich gehe völlig naiv an die Sache heran und so lese ich, höre anderen zu und versuche die Auswirkungen eines Sachverhaltes zu analysieren. Vielleicht heißt es auch gerade deshalb MeinungsBILDUNG, weil ich mich damit ja auch weiterbilde und auf andere, neue Gedanken kommen kann. Gedanken, auf die ich vermutlich von alleine nicht gekommen wäre, die mir jedoch eine andere Sichtweise auf die Dinge erlauben.

Allerdings ist diese Art des Denkens verflixt anstrengend und nicht jeder kann sich damit anfreunden. So manch einer mag sich jetzt ein Schlupfloch suchen und sich einer bereits gedachten Meinung bedienen. Das spart Zeit und Nerven. Nicht umsonst gab es zu allen Zeiten Leute, die die Dienstleistung der Meinungsmacherei feilbieten. Im Moment ist diese Branche ziemlich erfolgreich, denn nicht nur ich bin zuweilen völlig überfordert mit den Weltgeschehnissen. Die Versuchung, eine Meinung und Sichtweise zu übernehmen, die jemand anderes bereits formuliert hat, ist groß, denn je mehr ich versuche einer Sache auf den Grund zu gehen, desto mehr merke ich, wie komplex so etwas sein kann. Oftmals verstehe ich die Zusammenhänge nicht; es fehlt mir einfach an entsprechendem Fachwissen. Je mehr ich nicht verstehe, desto mehr wird mir allerdings auch klar, wie sich aktuelle Momentaufnahmen in jahrelangen Prozessen entwickelt haben. Um mir eine Meinung über den Moment zu bilden, muss ich also die Vergangenheit aufdröseln. Die hat jedoch wiederum eine Vergangenheit. So eine Meinungsfindung ist echt eine anstrengende Sache! Ständig dieses Abwägen, neu Überdenken und gedankliches Formulieren…. Mir kommt der Gedanke, dass es womöglich genau deshalb so schwer ist, aus den gesellschaftlichen Fehlern der Vergangenheit zu lernen. 

In der Zwischenzeit klackern immer neue Murmeln die Kugelbahn in meinem Kopf herunter. 

Soll ich mir nicht doch lieber eine Meinung zueigen machen, die jemand Klügeres als ich es bin veröffentlicht hat? Schließlich ist es doch auch als geistige Freiheit zu werten, sich der Gedanken kluger Menschen zu bedienen. 

Doch wie frei ist dann meine Meinung? Ist es überhaupt meine Meinung oder nur das Gefühl derselben?

Und vor allem: darf ich solch unfertige Gedanken dann öffentlich als meine Meinung vertreten, oder sollte ich nicht lieber noch eine Weile darüber nachdenken? Ein Blick auf öffentliche Plattformen zeigt mir: klar darf ich meine unfertigen Gedanken äußern. Ich darf das sogar sehr lautstark tun. Bleibt nur noch die Frage, ob dies auch sinnvoll ist. Welchen Gewinn bringt es, wenn ich fremden Leuten meine Meinung um die Ohren haue? Sind die dann willens, sich meine Sichtweise genauer anzuschauen? 

Vielleicht gibt es ja gar keine abschließenden Meinungen, weil sich die Dinge stetig verändern. Ich fühle mich wie mitten in einem Kaleidoskop, dessen bunte Vielfalt sich ständig wandelt. Keine Chance, sich für eines dieser Wechselbilder zu entscheiden.

Während die Murmeln der geistigen Kugelbahn im Eiltempo durch meinen Kopf schießen, bleibt mir eigentlich nur, mich auf mein Gefühl zu verlassen und daraus eine innere Haltung zu entwickeln. 

Ich suche den Schutz und die Unterstützung derjenigen, die eine ähnliche Haltung haben, um mich nicht vollkommen verloren zu fühlen, versuche jedoch auch, mir nicht selbst eine andere Sichtweise auf die Ereignisse der Welt zu versperren. 

Möglicherweise ist es das, was unter dem Begriff Meinungsfreiheit zu verstehen ist: sich selbst die Freiheit zu gewähren, den Blick in alle Richtungen offen zu halten und sich mit den vielfältigen Aspekten der Ereignisse zu befassen.

Eine Freiheit der Gedanken und des Denkens, die mich (und euch vielleicht auch?) in die Pflicht nimmt und mich herausfordert. Überhaupt wäre es doch durchaus möglich, dass diese Meinungsfreiheit zuallererst die Pflicht zum Denken beinhaltet, schießt es mir durch den Kopf. Anstelle öffentlich für sich denken zu lassen, sich mit sich selbst in Klausur zu begeben und die eigenen Gedanken zu ordnen.

Und während ich hier sitze und schreibe, meine Gedanken ordne, spüre ich die Bürde der Meinungsfreiheit immer weniger auf mir lasten. Vielmehr spüre ich eine angenehme Ruhe. Ich habe die Freiheit, mich in Ruhe mit jeder einzelnen Murmel in der geistigen Kugelbahn zu befassen, und stehe nicht unter Druck jedes einzelne Ereignis zu bewerten oder gar zu lösen. Ich muss nicht zu jeder Zeit eine Lösung parat haben, sondern kann mir den Luxus leisten, auch einmal ratlos zu sein. 

Das heißt nicht, dass mir ab jetzt alles egal ist, was rund um mich herum geschieht. Es heißt jedoch, dass ich die Freiheit habe, mir alles so genau es geht anzuschauen und Lösungen für meine eigene kleine Welt zu erarbeiten. 

Wenn ich mich anstrenge, in meine Gedanken erlernte und erarbeitete Tugenden einfließen zu lassen und es schaffe, mir selbst treu zu bleiben, dann habe ich große Freiheit erreicht. Nicht nur die Freiheit, mir eine eigene Meinung zu erlauben, sondern auch die Freiheit danach zu handeln, ohne mich zu einem späteren Zeitpunkt dafür schämen zu müssen.

Ich lehne mich auf meiner Couch zurück, schließe die Augen und denke mir, wie gut es doch ist, sich ab und zu mal selbst die Meinung zu geigen.

Text: A. Müller

Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?

„Oma, wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ fragte mich die Erbenerbin No. 2. Sie war das erste Mal ganz allein, ohne die große Schwester, bei mir und offenbar vermisste sie deren konkrete Anweisungen. Nun musste sie selbst sehen, wo ihr Platz ist. Für eine Zweijährige ist das keine leichte Aufgabe.

Die Frage wo man sich aufstellt, an welchem Platz man sich wohl fühlt, ist eine, die nicht nur Kinder beschäftigt. Es ist eine Frage, die uns das ganze Leben lang begleitet. 

Vor allem ist es eine Frage, die nicht absolut und abschließend beantwortet werden kann. Manchmal sucht man sich ein Plätzchen aus, richtet sich gemütlich ein und merkt erst einige Zeit später, wie ungemütlich es dort geworden ist. Dann ist es Zeit für eine Neuausrichtung, Zeit für einen Platzwechsel.

Hinter dem Bonmot einer Zweijährigen steckt also eine der großen Frage des Seins. 

Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?

Vielleicht kann diese Frage nur in der Rückschau beantwortet werden. Erst mit den Erfahrungen eines hoffentlich langen Lebens wissen wir, wo der Untergrund fest genug war, um sich darauf gemütlich einzurichten. Oftmals verbringen wir Jahrzehnte damit, den Boden unter unseren Füßen urbar zu machen, ihn für ein angenehmes Leben zu bereiten, nur um dann später festzustellen, dass wir mitunter auch auf Sand gebaut haben. Nicht alle Stellen unseres Fundaments waren fest genug, um ein Leben lang zu halten.

Wenn das vermeintlich sichere Leben erodiert, bröseln nicht nur schützende Außenwände. Nein, das komplette Fundament beginnt zu wanken. Die Auslöser solcher Erosionen können sehr vielfältig sein: Verlust der Gesundheit, des Jobs oder der Tod eines nahen Menschen. Ebenso kann sich durch im Grunde positive Ereignisse die Lebensbasis verschieben und eine Nachjustierung des Fundaments erforderlich machen. Je waagerechter wie es ausrichten, desto kleiner ist die Gefahr des Abrutschen oder Schlingerns.

Soweit die Theorie. Aber was bedeutet das konkret? Wenn die Frage „wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ erst am Ende eines Lebens beantwortet wird, bedeutet dies dann nicht ein langes Leben auf der Suche nach Stabilität und Sicherheit? Und woher weiß man, ob die Plattentektonik des irdischen Daseins einem nicht doch einen Strich durch die Rechnung macht? Wenn man gerade das neue Gefühl genießt, endlich seinen Platz gefunden zu haben und dann ein verdächtiges Knirschen im Gebälk verspürt?

Vielleicht ist es gar nicht so ratsam, nach einer allumfassenden Antwort zu suchen, sondern sich mit den vielen kleinen Rückmeldungen im Leben zu befassen. Die bekommen wir alle ja regelmäßig und vom Augenblick unserer Geburt an. Wer Glück hat, wird im Kindesalter liebevoll umsorgt, genährt und gefördert. So entsteht, ganz nebenbei, ein ziemlich festes Fundament, auf dessen Werte wir später aufbauen können. 

Wer Pech hat und das Geschenk einer friedvollen Kindheit nicht erhält, der muss härter arbeiten und vielleicht auch länger nach einer Ausrichtung suchen. Die Frage, wo man denn seine Füße hinstellen soll, erhält zwischen Krieg, Elend und Vertreibung eine ganz andere, realistischere Bedeutung. Hier ist die Frage bei jedem einzelnen Schritt eine auf Leben und Tod.

Je älter wir werden, desto mehr Rückmeldungen erhalten wir. Von der Familie, von Freunden, Lehrern, Mentoren, Chefs und Kollegen. Jeder dieser Menschen schüttet ein paar Steinchen auf unser Lebensfundament, macht es breiter und belastbarer. Unsere Aufgabe besteht vielleicht darin, diesen zunächst einmal sehr losen Steinhaufen zu befestigen. So kann, wenn es gut läuft, ein kunterbuntes Mosaik entstehen. Aus lockerem Geröll wird ein Bild, unser Lebensbild. Es ist erst am Tage unseres Todes fertig und nur wir können es zu Zeiten verstehen.

Bevor uns das finale Verständnis zuteil wird, gewinnen wir zum Glück meist eine gewisse Trittsicherheit. Wir lernen unser Fundament im Laufe des Lebens immer besser kennen, wissen, wo es festen Untergrund bietet oder an welchen Stellen es erodiert.

Wir haben gelernt, Steine, die wir nicht gebrauchen können, auszusortieren und auf die Seite zu legen. Gut möglich, dass die jemand anderes brauchen kann.

So helfen wir uns gegenseitig, an unseren Fundamenten zu arbeiten. Rutscht bei mir ein Stein ständig weg, passt er vielleicht bei dir perfekt in eine Lücke. 

Mit den Jahren entwickeln wir ein Gespür, wohin wir unsere Füße stellen können und wo wir den Untergrund besser nicht betreten. 

Wir lernen mit Hilfe der vielen Rückmeldungen und Erfahrungen, wo Untiefen und Treibsand lauern. 

Und manchmal sind es die Fragen von Zweijährigen, die uns erst dazu bringen, uns mit all dem auseinander zu setzen.

Hören wir ihnen genau zu, beschenken sie uns mit vielen kleinen Wahrheiten, die wie kleine Edelsteine unser Lebensbild zum Leuchten bringen. Im Gegenzug dürfen, sollen und können wir den nachfolgenden Generationen den einen oder anderen Trittstein schenken und damit eine kleine Orientierungshilfe bieten, wenn wir wieder einmal gefragt werden: „Wo bitte kann ich meine Füße hinstellen?“ 

Text: A. Müller

Goodbye 2020

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu und nicht wenige sind sehr froh darüber. Was hat es uns alles abverlangt, uns an die Grenzen unserer Geduld und nicht wenige an die Grenzen ihres Verstandes gebracht. Mein lieber Scholli, 2020 hat uns die volle Breitseite verpasst!

Nun könnte man natürlich dem Impuls unterliegen, all den Schrecken, die Angst, all die Ungewissheit, die dieses Jahr mit sich brachte noch einmal haarklein zu analysieren und sich weiterhin im Gefühl der Ohnmacht suhlen. Ach, was war 2020 doch ein Kackjahr!

Eine andere Möglichkeit, die Ereignisse des vergangenen Jahres noch einmal Revue passieren zu lassen, ist, den Blick auf die Dinge zu lenken, die gut waren und gut gelungen sind. Die gab es nämlich auch.

Gleich im Frühjahr, als der Schrecken noch frisch und die Bereitschaft zu Solidarität so hoch wie nie zuvor war, war eine Welle der Achtsamkeit zu verzeichnen. Plötzlich schauten die Menschen mit anderen Augen auf ihre Nachbarn, hängten Zettel aus, um älteren Menschen den Einkauf abzunehmen. Man verbrachte viel Zeit zuhause, wurde sich gewahr, dass drei Häuser weiter Oma Käthe wohnt , die nicht mehr so gut zu Fuß ist. Mit einem ganz neuen Selbstverständnis half man aus wo es notwendig war und freute sich über Oma Käthes Dankbarkeit. Das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man jemandem hilft, war uns über die Jahre nämlich abhanden gekommen und 2020 konnten wir es endlich wieder genießen. Ein wenig fremd war schon, als es uns wohlig warm umfasste; es half uns jedoch dabei, mit den eigenen Ängsten und der Unsicherheit besser zurecht zu kommen. 

Während des ersten Lockdowns hatten wir plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung. Kein Stammtisch, kein Sport im Verein, keine anderen gesellschaftlichen Termine. Es fühlte sich ein wenig wie Urlaub vom Alltag an. Zeit, um auszuruhen und einen Gang herunter zu schalten. Endlich fand man die Zeit Ballast abzuwerfen. Keller und Dachböden wurden entrümpelt, Altes und Marodes wurde nach langen Jahren des Festhaltens endgültig verabschiedet. Auf diese Weise entstand nicht nur physisch Platz für Neues.

Nicht jeder hatte die Möglichkeit seinen Sperrmüll selbst zu entsorgen und so wurden ohne viel überflüssiges Gerede Solidargemeinschaften gegründet. Hilf du mir, dann hilf ich dir. 

Wir rückten mental zusammen. 

Später im Jahr, nachdem die erste Welle etwas abebbte, erinnerten wir uns an die gute alte Tradition des Eigenanbaus von Obst und Gemüse. In unzähligen Gärten, auf noch so kleinen Balkonen entstanden kreative Ideen, wenigsten ein bisschen Salat oder Erdbeeren anzupflanzen. Und wie lecker das Selbstangebaute schmeckte! Viele Kinder lernten erst durch die Schulschließungen den Ablauf von Aussaat bis zur Ernte. Womöglich haben sie in dieser Zeit sehr viel mehr nützliches Wissen erworben, als es im Unterricht möglich gewesen wäre. Sie konnten mit eigenen Augen sehen, wie ihre Radieschensaat aufgeht, konnten ihre Hände im Gemüsebeet dreckig machen und so manchem einstigen Gemüsemuffel schmeckte plötzlich der selbst gezogene Brokkoli.

Überhaupt: nachdem sich die Eltern mit Homeoffice und Homeschooling irgendwie arrangiert hatten, erkannten sie, wie viel (Erziehungs)Arbeit Schulen, Kindergärten, Sportvereine und Musikschulen ihnen bis dahin abgenommen hatten. Diese Erkenntnis führte mit ziemlicher Sicherheit bei vielen zu enorm wachsender Wertschätzung. Was noch vor ein paar Monaten selbstverständlich war, konnte nun neu betrachtet und eingeordnet werden. 

Zugewandte Eltern begnügten sich deshalb nicht, sich über ihren neuen Mehraufwand in der Erziehung zu beklagen. Sie machten sich mit ihren Kindern auf lange Spaziergänge im Wald, ließen sie die mitgebrachten Holzstecken mit scharfen Messern bearbeiten und freuten sich über die Ergebnisse. Sie nahmen ihre Verantwortung nun ganz anders wahr, nun war Platz für eine gewisse Dankbarkeit für Lehrer, Erzieher, Trainer usw.

Für die Kinder war die Zeit der Schulschließungen durchaus auch ein Gewinn: sie mussten lernen, sich selbst zu beschäftigen, sie mussten lernen, dass Mama und Papa nicht ständig zur Verfügung stehen, weil sie eigenen Aufgaben erledigen mussten. Zugegeben, eine unter Umständen bittere Lektion für so manch an ständige Unterhaltung gewöhntes Kind. Unterm Strich jedoch eine gute Lektion für das weitere Leben.

Je länger wir uns mit dem Virus und seiner Ausbreitung beschäftigen mussten, desto mehr gewöhnten wir uns daran. Der Schrecken ließ nach, wir trauten uns wieder in Schwimmbäder, Cafés und Restaurants. Vielleicht trauten wir uns etwas zu schnell und zu viel; im Herbst stiegen die Zahlen der Infizierten und Erkrankten wieder deutlich an. Trotzdem gab es noch unzählige Möglichkeiten, sich den Alltag angenehm zu gestalten: Fahrrad- oder Wandertouren durch bunt gefärbte Herbstwälder, Spiel und Spaß auf Barfusspfaden und danach ein kühles Getränk zum mitnehmen an einem Kiosk. 

In diesem Jahr wurden wir sehr oft auf uns selbst zurück geworfen. Wir mussten mit den unterschiedlichsten Gefühlen zurecht kommen. Nicht jeder fand das so prickelnd. Manchen fehlte auch einfach die notwendige Bereitschaft, sich den Herausforderungen dieses Jahres zu stellen. Die meisten Menschen jedoch arrangierten sich mit der ungewohnten Situation und machten einfach das Beste daraus. Sie machten vielleicht nicht alles richtig, aber sie strengten sich an. Viele unterstützten in diesem Jahr ihre Freunde, Kollegen und Nachbarn, hörten einander zu und trösteten sich gegenseitig. Insgesamt können wir ziemlich stolz auf uns sein, denn wir haben uns in diesem Jahr von bisweilen egoistischen Individualisten zu größtenteils solidarischen Menschen gewandelt.

Klar, ein kleiner, dafür umso lauter plärrender Teil der Menschen, sah sich weniger von einem Virus bedroht, als viel mehr seiner Rechte beraubt. Die Anführer dieser Gruppe nutzen die Situation für ihre eigenen Zwecke, sie schürten Zweifel, Angst und Unmut und machten mit Hassreden auf sich aufmerksam. 

Der größte Teil der Menschen jedoch war klug genug, nicht auf die Rattenfänger hereinzufallen, sondern vertraute seriösen Informationen. Ganz vielen war klar: wer sich auf diese abscheulichen Subjekte einlässt, hat verloren. Als Einzelner und in der Gesamtheit der Gesellschaft. 

Dieses Jahr stand unzweifelhaft im Zeichen einer Pandemie. Es gab und gibt noch immer eine große Anzahl ungelöster Probleme und es werden mit Sicherheit noch jede Menge Fehler gemacht werden.

Dieses Jahr 2020 hat uns jedoch auch einiges gelehrt und darf gerne inspirierend für das kommende Jahr sein. 

Sorgen wir weiterhin unaufgeregt füreinander, lenken wir den Blick auch auf die guten Dinge und begreifen wir die Situation als Chance für Veränderungen, dann können wir es schaffen, diesem Virus weltweit den Finger zu zeigen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leser*innen einen guten und gesunden Start ins Neue Jahr!

Text: A. Müller

Das Beste war der Beilagensalat

In den Sommerferien verbrachten wir viele Jahre den Familienurlaub im Südschwarzwald. Wir wohnten in einer spärlich eingerichteten Ferienwohnung neben einem Bauernhof. Es gab zwar alles, was man braucht, wie etwa fliessendes Wasser oder elektrischen Strom, aber die Möbel, das Geschirr und die komplette Atmosphäre der Wohnung liessen mich eher an einen Besuch auf dem Flohmarkt als an Ferien denken.  Es war ein buntes Sammelsurium abgelegter Dinge, die für den Touristen aus der Stadt gerade noch gut genug waren. Für meine Eltern waren diese Tage in ländlicher Abgeschiedenheit Erholung und Tapetenwechsel zugleich. Ihnen machte die kärgliche Einrichtung der Ferienwohnung nichts aus, nein, ganz im Gegenteil: sie waren froh, sich überhaupt einen Familienurlaub leisten zu können. Als Kind war mir das nicht klar, ich war gefangen in meinen fast schon als Ekel zu bezeichnenden Gefühle. Alles schien so abgenutzt, so alt, so abgelegt. In der Wohnung roch es muffig, immer ein wenig säuerlich, so als hätten frühere Bewohner ihre alten Socken unter den Betten vergessen. Der Geruch des benachbarten Bauernhofes zog unablässig durch die Zimmer. Ständig waberten die Düfte des Kuhstalles um unsere Nasen. Ein Geruchsgemenge aus Kuhkacke und säuerlich vergorener Milch. Nein, ich war nicht dankbar, 10 wertvolle Ferientage dort zu verbringen. Ich wäre eigentlich viel lieber zu Hause geblieben. Zuhause mit meinen Freundinnen, im Freibad oder in der nahe gelegenen Stadt beim bummeln. Ich hätte sogar den Unterricht in der Schule vorgezogen. Alles schien verlockender zu sein, als wertvolle Tage in diesem abgelegenen Kaff irgendwo mitten in der Pampa zu verbringen.

Meine Freundinnen verbrachten die Ferien mit ihren Familien in Südtirol, am Meer in Italien oder flogen gar mit dem Flugzeug nach Mallorca. Sie erzählten von Gletscherwanderungen, von langen Stränden mit feinem Sand und von den Hotels in denen sie untergebracht waren. Wie gerne wäre ich auch dort gewesen. 

Der Südschwarzwald schien mir kein richtiger Urlaubsort zu sein, schließlich waren wir nur ein wenig mehr als zwei Stunden unterwegs, um unser Ziel zu erreichen. Es war mir nicht klar, dass die Wegstrecke oder die Anzahl der gefahrenen Kilometern nicht wichtig war. Es war mir auch nicht klar, dass die gemeinsam verbrachte Zeit und ein etwas abgewandelter Alltag die wichtigste Erholung für meine Eltern war. Mit ihrem kleinen bescheidenen Budget versuchten sie, uns Kindern und sich selbst die Ferien angenehm zu gestalten. 

So packten wir unser Auto mit allerlei Kleidung für warme und für kalte Tage voll, nahmen unzählige Dosen mit Wurst für’s Abendbrot der kommenden 10 Tage mit und fuhren, allesamt ohne Sicherheitsgurt, gen Schwarzwald.

Vorsorglich hatte ich mein tragbares Radio mitgenommen, allerdings war der Empfang meines Lieblingssenders in dieser Region des Landes ziemlich schlecht. Ich verbrachte Stunden im Versuch, dieses vermaledeite Hintergrundrauschen zu minimieren um endlich meine Musik hören zu können. Ohne Dr. Music mit Gisela Böhnke, ohne Frank Laufenbergs Hitparade fühlte ich mich amputiert und einsam. Sobald ich den Sender einigermaßen empfangen konnte, schloss ich die Augen und träumte mich mit Hilfe von Pink Floyd, Deep Purple oder King Crimson in andere und schönere Welten. 

Die Tage im Schwarzwald verliefen all die Jahre nach etwa dem gleichen Muster: einer aus der Familie machte sich auf den Weg ins Dorf und holte dort beim Bäcker frische Brötchen. Der Fußmarsch dorthin dauerte gut eine halbe Stunde, da unsere Ferienwohnung außerhalb des eigentlichen Dorfes lag. Frische Brötchen allein waren schon Luxus, die gab es nur im Urlaub. Im Alltag bestand das Frühstück aus meist weniger frischem Brot mit Marmelade. So verbuchte ich das Frühstück im Schwarzwald durchaus als positiven Aspekt und genoss die goldgelb gebackenen Wasserwecken.

Am Frühstückstisch wurde dann meist der Tagesablauf besprochen. Es ging um die Auswahl der Wanderroute für den Tag. Wanderwege gibt es im Schwarzwald ungefähr so viele, wie es auch Bäume gibt. Die meisten Routen führen durch Täler oder an Seen entlang, allen gemeinsam ist: sie liegen im Wald. Unendlich viele Fichten reihen sich aneinander, die Wege ziehen sich kilometerweit durch den Wald. Ab und zu liegt in einer Lichtung eine kleine Kapelle am Wegesrand, oder führt der Weg an einem gluckernden Bach entlang. 

Also wanderten wir das Metma-Tal auf und ab, erkundeten die ungefährlichen Abschnitte der Wutachschlucht, umrundeten den Schluchsee und erklommen einen der zahlreichen Schwarzwälder Hügel. Der Vater erklärte uns dann mit leuchtenden Augen in welcher Richtung die nahe gelegene Schweiz läge, wir Kinder glotzen pflichtbewußt in die angegebene Richtung.

Ich hatte keinen Blick für die Schönheit der Gegend. Schließlich hatten wir daheim auch viel davon. Wenigstens waren bei uns in der schwäbischen Provinz die Wälder nicht so eintönig. Da gab es zwischen den Fichten nämlich auch noch Laubbäume. Der einzige Lichtblick in den Tiefen des Schwarzwaldes waren die Walderdbeeren am Wegesrand, die Himbeeren, die an den Böschungen wuchsen und im Unterholz wuchernde Heidelbeeren. 

Waren keine dieser Früchte zu finden, trottete ich also mißmutig der Familie hinterher und hing meinen Gedanken nach. In verschiedenen Büchern hatte ich von Räuberbanden, die in den Wäldern hausten, gelesen und stellte mir vor, die gäbe es auch hier. Ich fand die Vorstellung, hier im öden Südschwarzwald auf so einen Halunken wie den Schinderhannes zu treffen, höchst aufregend. Vielleicht lauerten ja im Unterholz gefährliche Räuber, die arglose Wanderer überfallen. Noch aufregender fand ich die Idee, diese Räuber würden kleine Mädchen entführen und zu Räuberinnen ausbilden. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt. 

Die Ausbildung zur Räuberin malte ich mir in leuchtenden Farben aus. Zunächst müsste ich niedere Tätigkeiten, wie etwa das Wasser am Fluß holen, ausführen. Später dann, bekäme ich Unterweisungen, wie mit Flinten und Messern umzugehen sei und zum Abschluss der Ausbildung müsste ich dann eine dieser arglosen Touristenfamilien überfallen und die Beute mit den anderen Räubern teilen. Ja, der Räuberberuf schien mir wesentlich aufregender zu sein, als mein bislang behütetes Leben hätte mithalten können. 

Derart in meiner Fantasie gefangen, merkte ich meist gar nicht, wie wir Kilometer um Kilometer zurückgelegt hatten und uns unserem eigentlichen Höhepunkt des Tages näherten: der Einkehr in ein Gasthaus, um Mittag zu essen. 

Für meine Mutter war das tägliche Einkehren in eine, wie wir sagten Wirtschaft, eine willkommene Entlastung. Sie genoss es vollkommen zurecht, 10 Tage lang nicht für die Familie kochen zu müssen und sich an einen gedeckten Tisch setzen zu dürfen. 

So saßen wir alle gemeinsam am Tisch und studierten die Speisenkarte. Wir Kinder durften uns ein Glas Bluna, an manchen Tagen sogar Cola, bestellen und uns eine Mahlzeit aussuchen. 

Die meisten Gerichte waren sehr fleischhaltig und „gut bürgerlich“. Ich achtete stets darauf ein Gericht zu wählen, bei dem ein Beilagensalat inklusive war. Ich liebte die Beilagensalate! Hübsch angerichtet auf einem extra Teller erschien mir der Beilagensalat als exquisite kulinarische Besonderheit. Geraspelte Karotten, Kraut und Radieschen, Blattsalate und Gurkenscheiben! So viel unterschiedliche Rohkost gab es daheim nicht. Daheim gab es entweder Blattsalat oder Gurke und die Vielfalt der Gemüsesorten in der Wirtschaft ließen mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Nur die in Scheiben geschnittenen Tomaten ließ ich auf dem Teller liegen. Die waren mir zu glibberig. 

Einige Male äußerte ich die Bitte, mir nur Salat bestellen zu dürfen. Kopfschüttelnd über ihr seltsames Kind verwehrten mir die Eltern diesen Wunsch. Ich solle gefälligst „was Richtiges“ essen. Also bestellte ich brav Paprikaschnitzel, Jägerschnitzel oder Wiener Schnitzel. Mit Pommes und Salat. Aß brav die frittierten Kartoffeln und den Salat und ließ den größten Teil des Fleisches liegen. Zugegeben, das Fleisch schmeckte nicht schlecht, aber der Salat war um Längen besser! Der Beilagensalat war das Beste am Urlaub überhaupt. Mit Spannung wartete ich auf mein Tellerchen mit dem Salat, überlegte derweil, welches Dressing in diesem Gasthaus wohl verwendet würde und schaute unter das obligatorische Kopfsalatblatt nach der Glück verheißenden Rohkost. 

Heute, viele Jahre später, kann ich das salzige Kraut, die geraspelten Karotten und das andersartige Dressing der Blattsalate noch auf meiner Zunge schmecken. 

Die Angewohnheit, bei einem Besuch im Restaurant mir ein Gericht mit Beilagensalat auszusuchen, habe ich übrigens noch heute. 

Bei einer der morgendlichen Frühstücksbesprechungen wurde ein Ausflug zum Freilichtmuseum Vogtbauernof in Gutach festgelegt. Ich war überglücklich! Mit einem Besuch im Museum konnte man mich immer locken. Ich hatte schon immer große Freude daran, zu sehen, wie die Menschen in vergangenen Zeiten gelebt hatten und freute mich unbändig auf diesen Ausflug. Über winkelige Landstrassen ging die Fahrt, durch die bereits bekannten Wälder und über den einen oder anderen Hügel. Als wir in Gutach ankamen und uns dem Parkplatz zum Freilichtmuseum näherten, war eine Schlange Wartender an der Museumskasse zu sehen. Spontan wendete mein Vater das Auto, er hatte plötzlich überhaupt keine Lust mehr, das Museumsdorf zu besuchen. Es seien ihm zu viele Menschen dort, wie er uns erklärte. Stattdessen suchte er einen Wanderparkplatz und führte seine Familie in den Wald. Mal wieder…

Ich weiß nicht mehr, ob ich meine Wut lautstark äußerte oder den dicken Klops im Hals einfach herunterschluckte. Das Gefühl der Enttäuschung und die Wut auf die Eltern, weil sie ein Versprechen nicht eingelöst haben, ist mir jedoch lange im Gedächtnis geblieben. In meiner Enttäuschung dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich nicht einfach weg gehen sollte. Ich hatte die Nase so voll von diesen blöden Schwarzwaldfichtenwäldern! Ich hatte die Nase voll von diesem überaus langweiligen Schwarzwald! 

Erst viele Jahre später konnte ich meinen Vater verstehen: er war beruflich sehr eingespannt, hatte mit vielen Menschen zu tun und suchte Erholung in der Stille der Wälder. In seiner Sehnsucht nach Ruhe, konnte er die Wünsche seiner Kinder nicht wahrnehmen. 

Damals jedoch habe ich mir gewünscht, meine unsichtbare Räuberbande hätte sich brüllend durchs Unterholz geschlagen und mich von diesem langweiligen Wanderunternehmen erlöst. Weil die sich nicht blicken ließen, stromerte ich selbst durchs Unterholz, kletterte über umgefallene Bäume und hoffte sehr, dabei wenigstens einen Landstreicher aufzuspüren. Ein Leben als Landstreicher war nämlich meine zweite Option auf ein abenteuerliches Dasein.

Stattdessen kehrten wir nach einer Weile um und machten uns auf die Suche nach einem Gasthaus zur Einkehr.

Einigermaßen versöhnt schlürfte ich meine Bluna und freute mich an meinem Beilagensalat. Denn eines war mir schon damals klar: als Räuberlehrling oder Landstreicherin hätte ich auf das Beste im Urlaub dann wohl doch verzichten müssen.

Text: A. Müller

Dummbatz Dummdaudel

Dummbatz Dummdaudel ist der blödeste Blödkopf den es gibt auf der Welt. Sein Gehirn ist zwar mit allen notwendigen Windungen und Arealen ausgestattet, allerdings ist er nicht in der Lage es zu nutzen. Dummbatz sagt zwar, er würde querdenken, und hält sich damit für einen besonders klugen Menschen, aber in Wahrheit nehmen seine Gedanken immer den kürzesten und leichtesten Weg in seinem Gehirn. Sobald er sich in einer Situation wiederfindet, die er nicht mag, sucht sich sein Gedankenstrom sofort einen Schuldigen. Das hat er beim jahrelangen Studium einschlägiger Fernsehsender, Zeitungen und in der Universität für leichte Lösungen gelernt. Wenn Dummbatz zum Beispiel einkaufen geht, sind ihm die Ladenöffnungszeiten ziemlich egal. Er hat nie gelernt, sich damit auseinanderzusetzen. So tigert er kurz vor 22:00 Uhr am Abend los, weil in seinem Kühlschrank nichts anderes als das brennende Licht zu finden ist. Im Supermarkt angekommen nimmt er sich alle Zeit der Welt, um die Waren zu begutachten und legt sie in den Einkaufswagen. Die freundlichen Hinweise des Verkaufspersonals, man würde in ein paar Minuten schliessen, ignoriert er geflissentlich. Schließlich läßt Dummbatz sein sauer verdientes Geld im Einkaufsladen liegen, er ist Kunde, er ist König. So dauert es noch eine geraume Zeit, bis Dummbatz endlich mit vollem Wagen an der Kasse steht. Die Kassiererin zieht eilig seine Waren über den Scanner und nennt ihm die zu zahlende Summe. Sie hat zwei Kinder zu Hause und möchte so schnell wie möglich zu ihnen, daher fällt ihr Ton etwas schroffer aus, als noch vor drei vier Stunden. Außerdem ist sie hundemüde. Umständlich zählt Dummbatz sein Kleingeld, zählt es abermals und entscheidet sich am Ende doch für die Zahlung per Karte. Leider fällt ihm seine Geheimnummer nicht ein. Nach drei misslungenen Eingabeversuchen muss ein Teil seiner Beute im Supermarkt verbleiben. Mit verkniffenem Gesichtsausdruck storniert die Kassiererin Artikel für Artikel bis das Kleingeld in Dummbatz’ Geldbörse ausreicht. Der ist sich jedoch keiner Schuld bewußt; die Frau ist ja selber schuld, sich so einen Beruf ausgesucht zu haben. Er jedenfalls würde für so wenig Lohn nicht einmal eine halbe Backe seines Hinterteils bewegen.

Später wird er allerdings seinen Freunden berichten, wie unfreundlich das Personal des Supermarktes ist. Er ist der Meinung, die Leute müssten unbedingt an ihrer Außenwirkung arbeiten. So ginge es ja nicht…

Dummbatz Dummdaudel hat nie gelernt, sein eigenes Verhalten zu betrachten. Schon sein Vater erklärte ihm in früher Jugend, wie böse z. B. sein Vorgesetzter sei. Der würde ständig Fehler finden, würde auf deren Behebung bestehen und nein, in diesem Jahr bekäme er keine Gehaltserhöhung. So lernte Dummbatz den Begriff Kapitalistenschwein kennen. Er hat jedoch nie den Unterschied zwischen körperlicher Anwesenheit und vertraglich geregelter Leistung gelernt. In seinem Gehirn flutschen die Gedanken einfach von „ich bin anwesend“ zu „ich möchte mehr Geld“. Nie käme es ihm in den Sinn, einen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsleistung des Betriebes und seinem eigenen Engagement herzustellen. 

Zu Dummbatzens Entschuldigung muss jedoch gesagt werden, seine Blödheit ist absolut nicht einseitig. Nein, sein Stumpfsinn ist mehrschichtig, komplex und irgendwie auch faszinierend. Dummbatzens Blödheit gleicht einem Verkehrsunfall: man weiß, man sollte nicht gaffen, aber man kann den Blick auch nicht abwenden.

Dummbatz begreift sich gern als Mann des Volkes. Er sieht sich von der Politik verraten, von der Wirtschaft betrogen und von der Presse belogen. Dummbatz ist ein überaus kritischer Geist. Er will die Dinge nicht einfach hinnehmen, sondern auf deren Grund gehen. Diese Charaktereigenschaft macht Dummbatz auf den ersten Blick sogar ein klein wenig sympathisch, denn niemand lässt sich gerne hintergehen. Von niemanden. Weil Dummbatz für sein Volk alles tun würde, so schreibt er es jedenfalls in den sozialen Medien, macht er bei jeder Ungereimtheit eine Mordswelle. Zuerst geht er den Dingen auf den Grund und informiert sich über den Sachverhalt. Bei der Auswahl seiner Quellen achtet er strengstens darauf, dass sie sein Gefühl und seine Meinung bestätigen. Artikel, die nur den leisesten Zweifel an seinen eigenen Ansichten haben, liest er daher erst gar nicht. Menschen, die ihm sachlich seine kruden Theorien widerlegen blockiert er ganz schnell. Mehr vermag sein Gehirn eben einfach nicht leisten.

Unser Dummbatz liest im Fachjournal für Hetze und Polemik nur die fett gedruckten Überschriften. Ins Detail kann er gar nicht gehen, weil die Fehlschaltung in seinem Gehirn sofort wieder den kürzesten Weg einschlägt. Wenn er die Überschrift „Arbeitslosenzahl gestiegen“ liest, weiß er sofort die Schuldigen auszumachen: es sind die geflüchteten Menschen aus fernen Ländern, die seinesgleichen die Jobs wegnehmen! Also wenn er an der Macht wäre… er würde da mal Tabularasa machen. Darauf könnt ihr euch verlassen! Ebenso verhält sich seine Denke, wenn es um die Wohnungsknappheit oder die gestiegenen Mieten geht. Dummbatz kennt die Schuldigen: es sind die Vermieter. Allesamt Kapitalistenschweine! 

Dummbatz blättert weiter in seinem Fachjournal. Am liebsten schaut er sich die Bilder an. Die, die Menschen in unangenehmen Situationen zeigen, gefallen ihm besonders gut. Da kann er sich vor Lachen ausschütten. Dummbatz weiß nicht, dass sein Gehirnareal für Häme und Spott das Lieblingsziel seiner Gedanken ist. Wenn er es wüßte, wäre es ihm vermutlich aber auch egal. 

Am Abend, wenn er es sich gemütlich machen will, setzt sich Dummbatz auf seine Couch und schaltet den Fernseher ein. Die Nachrichten schaut er eher selten an. Er hält das Geschwätz der Regierenden kaum aus. Er will am Abend einfach seine Ruhe und sich nicht mehr mit den Problemen der Welt beschäftigen. Dummbatz verlangt Lösungen. Das ist der Staat ihm schuldig.

Ab und zu kommt es jedoch vor, dass die Probleme der Welt nicht vor Dummbatzens Wohnzimmer halt machen. Manche Probleme betreffen auch ihn. Manche Probleme sind nicht kurzfristig zu lösen und schränken Dummbatz in seiner Beweglichkeit ein. Also in seiner körperlichen Beweglichkeit. Seine geistige Flexibilität haben wir ja nun zwischenzeitlich kennengelernt. 

Dummbatz erfährt, während er sich durch dutzende Programme zappt, er solle in Zukunft auf andere Menschen achtgeben, er solle einen Mundschutz tragen und er solle in diesem Jahr nicht so viele Menschen treffen. Eine unter Umständen tödlich verlaufende Krankheit habe die Welt heimgesucht. 

Dummbatz kann es nicht fassen! Er hört sich die Ansichten der Ärzte, der Politiker und anderer Sachkundiger an, aber er will nicht glauben, was er da hört. Das muss ein Missverständnis sein, ein Fehler… nein, das kann einfach nicht stimmen.

Dummbatz geht sofort der Sache auf den Grund und sucht einen Schuldigen. Wer war das? Und warum? Wer hat von dieser Krankheit einen Nutzen? Das Gehirn von Dummbatz Dummdaudel ist kurz vor dem Infarkt. So viel musste es noch nie in seinem Leben denken. Bislang flossen seine Gedanken ruhig und träge durch seinen Kopf. Jetzt aber kreuzen sich Gedankenbahnen, verknoten sich Ideen und Dummbatz fragt sich verzweifelt, welcher Meinung er denn nun sein soll. Er schaltet seinen PC ein und durchsucht das komplette Internet nach einem Schuldigen für dieses Desaster. Er will sich von niemandem in seiner Bewegungsfreiheit einschränken lassen und bringt enorme Energie dafür auf, die neuartige Krankheit als weniger schlimm als behauptet zu entlarven. Da! endlich findet er Gleichgesinnte! Dummbatzens Herz jubelt. Da draußen in der virtuellen Welt gibt es Menschen, die genau wie er, nicht an diese Krankheit glauben. Leute, die genauso wie er, denken, man wolle „das Volk“ nur ruhig stellen und klein halten. Dummbatz riecht Verrat an den eigenen Leuten. So nicht meine Damen und Herren, so nicht! 

Gemeinsam mit anderen Dummbatzen gründet er einen Verein. Der Verein versteht sich als Kontrollorgan der herrschenden Klasse und will ihren Sturz. Dazu ist ihnen, also den Mitgliedern des Vereins, jedes Mittel recht. Dummbatz und seine Spießgesellen wittern Morgenluft: endlich haben sie eine Chance es den Regierenden mal so richtig zu zeigen. Ihr jahrelanges Studium im Fachjournal für Polemik und Hetze zahlt sich endlich aus. Sie ziehen gemeinsam auf den Straßen umher, halten krude Reden und selbstgemalte Plakate in die Luft. Immer noch nehmen ihre Gedanken den kürzesten aller denkbaren Wege im Gehirn, aber das ist ihnen vollkommen egal. Sie haben keine Argumente, die einer tiefergehenden Prüfung standhalten könnten. Stattdessen schreien Dummbatz und sein Verein umso lauter. Dummbatz Dummdaudel und seine Mitstreiter berufen sich auf ihre demokratischen Grundrechte, sie selbst gehen mit ihren demokratischen Pflichten allerdings recht lax um. Wer nicht ihrer Meinung ist, wird verhöhnt, lächerlich gemacht oder sogar bedroht. Sie stellen sich keiner Diskussion, sie sind nicht an einer Lösung der Probleme interessiert. Sie nutzen sie vielmehr, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aufmerksamkeit, die ihnen all die Jahre vermeintlich nicht geschenkt worden ist.

In ihren Köpfen schwellen die Areale für Selbstbetrug und unsozialem Verhalten immer größer an, die Bereiche für Empathie und Fürsorglichkeit schrumpfen auf Erbsengröße. Dummbatz Dummdaudel geht in seiner Angst vor der Veränderung seiner Lebensgewohnheiten ziemlich weit: er wirbt um Verständnis für seine Situation, „glaubt“ nicht an wissenschaftlich bewiesene Umstände und pocht auf die Wahrung seiner Rechte. Die Rechte der Menschen, die ihm sachliche Fragen stellen, die seine Quellenangaben entlarven oder die ihn schlicht für durchgeknallt halten, sind ihm vollkommen egal. ICH! ICH! ICH! So scheint es aus den Häusern sämtlicher Dummbatze zu schallen. Für diese Blödköpfe gibt es schon lange kein WIR mehr. Vermutlich würden sie sich auch gegenseitig zerfleischen, sobald sich die Gelegenheit bietet.

Die vorangegangene Sympathie für Dummbatzens querdenken verfliegt, macht vielmehr großer Besorgnis platz. Sind wir ein Volk von Dummbatzen geworden? Wo sind die wirklichen Denker, diejenigen, die lösungsorientiert und nicht machtbesessen handeln? Wo sind die Menschen, denen es um ein gutes und gemeinschaftliches Miteinander geht? 

Weltweite Krankheiten wie die Aktuelle zeigen die gesellschaftlichen Schwachpunkte auf: Leute wie unser Dummbatz waren schon immer da, lebten jedoch in den Schatten der gesellschaft. Jetzt werden sie plötzlich an die Oberfläche gespült und verschaffen sich Gehör. Menschen, wie unser Dummbatz, die jahrelang irgendwie im Strom des Lebens mitflossen, melden sich mit ungeahntem Hass zu Wort. 

Selbst wenn dereinst die grassierende Krankheit überstanden oder in den Griff bekommen ist, werden wir noch genug mit den Dummbatzens der Welt zu tun haben. Gegen Blödheit, gegen asoziales Verhalten, gegen die Verdrängung der Realität, und gegen den immer stärker um sich greifenden Individualismus gibt es nach neuestem Stand der Wissenschaft eben noch lange keinen Impfstoff.

In jedem Zeitalter und in jeder sozialen Schicht gibt es so blöde Blödköpfe wie Dummbatz Dummdaudel. Diese Leute sind sind oftmals gar nicht unintelligent, ganz im Gegenteil: manche verfügen über eine Art besonders grauenhafter Schlauheit, nämlich der Verführung der noch blöderen Blödköpfe. Die ganz ganz Doofen werden dann so lange vor den eigenen Karren gespannt, bis die eigentlichen Ziele erreicht sind. Glaubt ihr nicht? Könnt ihr in allen Geschichtsbüchern nachlesen. In der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit finden sich genügend Beispiele. 

Vielleicht müssen wir Menschen noch viele hundert Male die schmerzhaften Lektionen wiederholen, bevor wir den nächsten evolutionären Schritt tun können und uns, egal was auch passiert, als Gemeinschaft verstehen, die zusammen hält. 

Vielleicht können wir aber auch schon jetzt beginnen, uns ein klein weniger dummbatzig zu verhalten. Das wäre wenigstens ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Text: A. Müller

Das kleine Stück Kohle

Es war einmal ein kleiner Junge, Rodrigo war sein Name. Rodrigo lebte mit seiner Familie im Armenviertel der Stadt. Die Familie wohnte in einem baufälligen Haus. Die Fenster waren undicht, es war unmöglich das Haus im Winter auch nur halbwegs warm zu bekommen. Ständig pfiff der kalte Wind durch alle Ritzen, obwohl der kleine Kohleofen in der Küche sich die größte Mühe gab das Haus zu beheizen. Um sich wenigstens ein bisschen warmzuhaltend verkroch sich Rodrigo daher bei jeder Gelegenheit in sein Bett und türmte sämtliche Decken über sich. Sobald in seine klammen Finger wieder das Gefühl zurück kam, griff er unter sein Bett und holte sich ein Buch. Rodrigo hütete seinen Stapel Bücher unter dem Bett wie einen Schatz. Die Bücher waren das Wertvollste was er besaß. Dick in seine Decken eingemummelt, tauchte er in die Welt der Geschichten ein und entfloh so der kalten tristen Wirklichkeit. Niemals würde er seine Bücher weggeben, das hatte der Junge sich geschworen. Die Armut konnte niemals so groß sein, um gegen den Reichtum der Worte eingetauscht zu werden.

Eines Tages, es war am Spätnachmittag des 6. Dezember, schickte Rodrigos Mutter den Jungen in die Stadt. Er sollte in den Mülltonnen nach verwertbaren Dingen suchen. Die reichen Menschen in der Stadt warfen so viele Sachen weg, die noch gut waren. Rodrigo kroch also unter seinen Decken hervor und machte sich auf den Weg. Der Junge hoffte inständig, etwas Brauchbares zu finden um die Not zuhause ein klein wenig lindern zu können.

Er schlenderte die Straßen entlang, bis er eine Gruppe Kinder vor der Kirche entdeckte. Die Kinder standen um einen alten, bärtigen Mann, angetan mit einer roten Jacke, herum. Der alte Mann verteilte Äpfel, Nüsse und kleine Brote an die Kinder. Für jedes Kind holte er einen Leckerbissen aus dem mitgebrachten Sack. Schnell lief Rodrigo zu der Kinderschar und stellte sich brav in die Schlange der Wartenden. Vielleicht bekäme er ja auch ein Stück Brot oder einen roten Apfel. Wie lange war es schon her, dass er einen roten Apfel gegessen hatte.

Doch als der Junge endlich an der Reihe war, schüttelte der bärtige Mann bedauernd den Kopf. Der Sack mit den Äpfeln und Broten war leer. Der alte Mann hatte alle Gaben verteilt. Nichts war mehr übrig.

Traurig und mit hängenden Schultern machte sich Rodrigo auf, um woanders sein Glück zu versuchen, da rief ihn der alte Mann zurück. Er streckte ihm die Handfläche entgegen, darauf lag ein kleines Stück Kohle. Zaghaft griff Rodrigo nach der Kohle und steckte sie in seine Tasche. Der alte Mann lächelte den Jungen an. „Nimm nur. Möge dir die Kohle Wärme und Wohltat spenden.“

Die gütigen Worte des alten Mannes berührten den Jungen sehr. Ihm wurde warm und wohlig. Er ging noch eine Weile durch die immer dunkler werdenden Strassen, fand ein paar nützliche Dinge in den öffentlichen Mülltonnen und brachte seine Schätze zur Mutter nach Hause.

Das kleine Stück Kohle jedoch, behielt er für sich. Es schien ihm falsch, es einfach so in den Ofen zu stecken. Rodrigo verpackte das Kohlestück in ein Stück Tuch und versteckte es unter seinem Bücherstapel. Dort würde es niemand finden, denn Rodrigo war der Einzige in der Familie, der den Reichtum der Worte zu schätzen wußte.

Jahre vergingen, aus dem Jungen wurde ein erwachsener Mann. Rodrigo lebte immer noch mit seiner Familie in dem baufälligen alten Haus mit den undichten Fenstern. Immer noch war die Familie bitterarm und musste von den Resten der Reichen leben. Rodrigo war ein fleißiger Mann, er nahm jede Arbeit an, um der Familie das tägliche Brot zu sichern. Manchmal bekam Rodrigo jedoch als Lohn für seine Arbeit kein Geld, sondern ein Buch. Dann mummelte er sich, wie einst als Junge, unter einen Stapel aus wärmenden Decken und tauchte in andere, ferne Welten ein. Wenn er das Buch fertig gelesen hatte, legte er es sorgsam auf seinen Bücherstapel unter dem Bett. Über die Jahre kamen sehr viele Bücher auf den Stapel. Er wurde immer schwerer und schwerer. Rodrigo befürchtete schon, das Gewicht der Bücher könnte den Boden durchbrechen lassen. Aber er brachte es nicht übers Herz, nur ein einziges seiner kostbaren Bücher wegzugeben.

Das kleine Stück Kohle unter dem Stapel hatte er über die Jahre vollkommen vergessen. 

Die Erinnerung an den alten Mann, seine warmen Worte und das Stück Kohle kam Rodrigo erst wieder ins Gedächtnis, als er gemeinsam mit seinem kleinen Sohn viele Jahre später durch die winterliche Stadt ging. Wieder kamen sie an der Kirche vorbei, wieder stand dort ein alter bärtiger Mann mit einer roten Jacke. Rodrigo stellte sich gemeinsam mit seinem Sohn in die Reihe der Wartenden und diesmal hatten sie Glück: der Junge erhielt einen glänzenden roten Apfel aus den Händen des alten Mannes. Noch nie hatte Rodrigo die Augen seines Sohnes so leuchten sehen!

Dankbar schüttelte er dem bärtigen Mann die Hand.

Der Alte zwinkerte Rodrigo zu. „Möge der Apfel dem Kind den Magen füllen.“

Rodrigo traute seinen Augen und seinen Ohren nicht. War das etwa derselbe alte Mann, wie damals, als Rodrigo noch ein Junge war? War das wirklich möglich?

Rodrigo eilte nach Hause. Er erinnerte sich plötzlich wieder an das Stück Kohle, an die freundlichen Augen des bärtigen Mannes, an seine gütigen Worte. Rodrigo erinnerte sich mit einem Schlag an die Wärme, die ihn damals vor vielen Jahren durchströmt hatte. 

Kaum zuhause angekommen legte er sich auf den Boden, um den Bücherstapel unter seinem Bett hervorzuziehen. Schwer war er geworden, der Stapel. Sehr, sehr schwer.

Der Stapel war so schwer, dass Rodrigo jedes Buch einzeln unter dem Bett hervor holen musste. Endlich war es geschafft! Rodrigo griff unters das Bett und wollte die Kohle hervor holen. Doch die Kohle war weg! Spurlos verschwunden, einfach weg! Das Tuch, in das Rodrigo die Kohle einst gewickelt hatte, lag noch da. Aber die Kohle war wie durch Zauberhand daraus verschwunden.

Rodrigo kroch unter das Bett, suchte den ganzen Boden ab. Die Kohle blieb verschwunden. 

Rodrigo schloss traurig die Augen. „Wenigstens bleibt mir die Erinnerung an den alten Mann. Er hat mich mit seiner Güte mehr gewärmt, als es die Kohle jemals hätte tun können.“ Er öffnete die Augen wieder und wollte schon unter dem Bett hervorkriechen, als er ein Glitzern in einer Ritze der Bodendielen sah. Rodrigo schaute genauer hin. Das Glitzern war eigentlich mehr ein feuriges Funkeln und Rodrigo griff vorsichtig zu, schloss das Funkeln in seiner Hand ein und kroch unter dem Bett hervor. Er öffnete die Hand, um sich das glitzernde Funkeln genauer anzusehen und begriff: das Stück Kohle hatte sich über die Jahre unter dem Druck des Bücherstapels zu einem funkelnden Diamanten verwandelt!

Rodrigos größter Schatz, seine Bücher, hatten seinem Geist und seiner Fantasie über viele Jahre inneren Reichtum beschert. Durch ihr schieres Gewicht hatten sie ihm nun auch äußeren Reichtum geschenkt. Rodrigo brachte den Edelstein gleich am nächsten Tag zu einer Bank und bekam einen ganzen Sack Geld dafür.

In den folgenden Wochen und Monaten ließ Rodrigo die zugigen Fenster in seinem Haus reparieren und sorgte dafür, dass niemand in seiner Familie jemals wieder frieren oder hungern musste. Und doch war immer noch so viel Geld übrig. 

Rodrigo nahm sich einen kleinen Teil des Geldes für sich, mit dem anderen größeren Teil kaufte er Essen, Getränke und andere nützliche Dinge. Ach ja, er kaufte auch einen Sack Kohle von dem Geld. Das Essen, die Getränke, die anderen nützlichen Dinge teilte er mit Menschen, die nicht genug zum Leben hatten. Jedem Menschen, dem er etwas gab, sah er in die Augen und sagte: „Nimm nur. Möge dir die Gabe Wärme und Wohltat spenden.“

Dem Sack Kohlen jedoch entnahm er jedes Jahr am 6. Dezember nur ein einziges kleines Stück, schenkte es einem ganz besonderen Kind und vertraute darauf, dass die Zeit und das Gewicht vieler Bücher, dem Kind inneren und äußeren Reichtum brächten.

Text: A. Müller

Gedanken zum 1. Advent

Wie 2020 wohl weitergeht?

Heute ist der 1. Advent.

Noch vier Wochen bis Weihnachten. Noch nie ist das große kirchliche Jahresendfest derart im allgemeinen Gespräch gewesen wie in diesem Jahr. Aber in diesem Jahr ist sowieso alles komplett anders. 

Dieses Jahr 2020 hat jedem einzelnen und uns allen gemeinsam in der Gesellschaft einiges abverlangt. Dieses Jahr war eine einzige große Herausforderung. 

Corona, das Krönchenvirus, hat uns nicht nur eine pandemische Krankheit beschert, nein Corona hat uns einen Spiegel vorgehalten.

So klein es ist, hat dieses Virus doch die Kraft entwickelt, menschliche Schwächen, aber auch großartige Stärken freizulegen. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in ihrer Verunsicherung großmäuligen Halunken und Lügnern nachlaufen und ihnen jede noch so verquirlte Aussage glauben. In einer fast schon kindlich anmutenden Attitüde suchen sie einen Schuldigen für die großen Umwälzungen, die dieses Virus in die Welt gebracht hat. Sie sehen sich als Opfer bösartiger Menschen. Sie glauben, würden diese Bösen endgültig entlarvt, wäre alles wieder gut.

Wie Kinder entwickeln sie eine faszinierende Fantasie. Die bösen und mächtigen Drahtzieher der Pandemie sitzen wahlweise in geheimen Bunkern unter der Erde und trinken Kinderblut, manchen wird auch nachgesagt, sie flögen mit Chemikalien gefüllte Flugzeuge und würden uns durch Versprühen diverser Gifte gefügig machen wollen. Nichts ist den vermeintlichen Opfern zu schade, um als Schuldzuweisung für die derzeitigen Umstände in Frage zu kommen. Je irrer, desto besser.

Was als gute Idee angefangen hatte, zeigt nun seine absoluten Schwachstellen: um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, begaben wir uns ins Homeoffice, trafen weniger Freunde, reduzierten unsere Kontakte in der Freizeit. Anfang des Jahres half uns die Angst vor Krankheit und qualvollem Tod, diese Einschränkungen auszuhalten. Viele Menschen genossen es sogar, einmal einen Gang runterzuschalten, sich auszuruhen, mal wieder zu lesen usw. Aber spätestens im April war Unruhe zu spüren. Wie lange dauert das denn noch? Ist Corona endlich vorbei?

Allein und ständig in der ausgeleierten Jogginghose auf der heimischen Couch zu sitzen war dann doch ziemlich fad. Und beim runterschalten ist dem einen oder anderen der innere Motor abgesoffen. Die Leute drängten wieder nach draußen. Sie drängten auf gemeinsame Unternehmungen, auf gemeinsame Besuche im Biergarten. Mit Beginn der warmen Jahreszeit war das Risiko der Ansteckung auch kalkulierbar.

Soweit so gut. Der Sommer kam, die Reisezeit begann. 

In einer Welt, vor deren Ländergrenzen das Virus nicht halt machte, packten die Leute ihre Koffer und reisten. Weil sie es zuhause auf der Couch nicht mehr aushielten. Wenn bei der Innenschau nicht viel zu sehen ist, muss man wenigstens die Welt anschauen. Immer dabei im Reisegepäck: das kleine Krönchenvirus. 

Im Herbst ließ sich das Virus nicht lumpen und übertraf die an ihn gestellten Erwartungen. Es befiel nicht nur alte und kranke Menschen, nein, nun machte es sich über die Jüngeren her. die Leute senkten missmutig die Köpfe und begaben sich zum Teil wieder nach Hause. Der andere Teil kam auf eine geniale Idee: wir rotten uns zusammen, nennen das ganze „Demonstration“ und nutzen die Gunst der Stunde um Unfrieden zu stiften. Die, die schon im Frühjahr an Kinderblut trinkende Bösewichte glaubten, trotteten in der Herde mit. Um sich wenigstens an irgend etwas festzuhalten, hielten sie selbstgebastelte Schilder in ihren Händen. Sie forderten die Entlassung der Regierenden, die seien „schuld“. Da kratzte sich sogar das Virus verdutzt an seinem Krönchen.

Durch den physischen Abstand, durch monatelanges Daheim sitzen und sich nicht wie gewohnt austauschen zu können, wurde die Endlichkeit manch menschlichen Geistes sichtbar. In ihrer Einsamkeit und ihrer inneren Unruhe sind einige Zeitgenossen anfällig für Schwachsinn und Schwurbelei geworden. Weil sie sich betrogen fühlen, weil sie sich ihrer Jugend beraubt fühlen, weil sie vielleicht aber auch schon vorher sackdumm waren.

Und dann gibt es noch die, die ohne Schuld ihre Arbeit, ihr Einkommen, ihr gewohntes Leben verloren haben. Die, denen unsere Solidarität gelten sollte. Gerade diese Menschen haben ungeheuere Kräfte freigesetzt, sie haben wunderbare Ideen entwickelt, wie sie trotz aller Widrigkeiten ihr Leben nicht in die Hände von Verschwörungstheoretikern geben. Sie suchen keinen Schuldigen, sondern analysieren ihre Möglichkeiten. 

Diese Menschen zeigen Stärke in einer verflixt schwierigen Zeit. 

Damit noch nicht genug. Unsere Gesellschaft hat in diesem Jahr durchaus gezeigt, wie gut sie grundsätzlich aufgestellt ist. Nachbarn helfen wieder einander, kommen über den Gartenzaun hinweg nach langen schweigsamen Jahren erneut ins Gespräch. In Internetforen werden gemeinsam Ideen für die Kinderunterhaltung an Halloween entwickelt, es wird zum Adventswandern mit diversen Plätzchenstationen eingeladen. Wache Köpfe und große Herzen zeigen den Verzweifelten einen Ausweg aus der Krise. 

Wir sind für Euch da, so lautet die Botschaft. 

Wer war noch für uns da in diesem sonderbaren Jahr 2020? Unzählige Angestellte in der Lebensmittelbranche waren für uns da. Ohne ihre Anstrengungen, ohne ihr unermüdliches Auffüllen leerer Klopapier- und Nudelregale wären wir doch schon im Frühjahr in die Knie gegangen! Was mussten sich die Angestellten der Supermärkte nicht alles anhören, was wurde ihnen nicht alles zur Last gelegt: die Unfähigkeit Waren zu besorgen, Langsamkeit beim abkassieren an der Kasse, Unfreundlichkeit, weil sie sich nicht länger von genervten Kunden anschnauzen lassen wollten.

Wer im Frühjahr im geöffneten Einzelhandel gearbeitet hat, kann ein Lied davon singen. Aber viele Beschäftigte waren froh, ihre Arbeit zu haben und auch ein wenig dankbar, mit ihrer Kraft ein wenig zur Linderung der inneren und äußeren Not der Menschen beizutragen. 

Diese Leute waren und sind eine Art Alltagshelden. In der Regel klein und unsichtbar, in der Not jedoch zuverlässig an ihrem Platz.

Und dann waren da noch die Pfleger, die Krankenschwestern, die Ärzte. Leute, die ohnehin am Limit arbeiten. Leute, die mal kurz eine Doppelschicht schieben, weil sie niemanden ohne Hilfe lassen können und dürfen. 

Wie haben die sich über unseren Applaus gefreut! Er kam ja auch ganz ehrlich aus der Tiefe unserer Herzen. 

Nur mal ganz langsam zum mitschreiben: wir haben unsere Solidarität mit einer Berufsgruppe die ALLES für uns tut, mit Applaus bekundet. Abends fünf Minuten klatschen. Das schaffen sogar die Dümmsten unter uns. Dann sind wir wieder mit unseren ausgeleierten Jogginghose auf die Couch gekrochen, haben das fünfte Bier des Abends aufgemacht und haben den Punkt Solidarität für diesen Tag abgehakt. Das ändert zwar nichts an den Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen, aber was will man da machen… 

Und jetzt steht Weihnachten vor der Türe. Eines der emotionalsten Feste im Jahr. Hat man die letzten zwanzig Jahre noch über die Familienzusammenkünfte unterm Tannenbaum gelästert, werden sie heuer zum Politikum. Manche sind nicht von der Idee eines großen Familienevents abzubringen und sehen sich in ihren Freiheiten beschränkt. Andere fragen sich, wenn sie nun mit Geschwistern, Eltern, Großeltern die Weihnachtstage verbringen, wer von den Anwesenden das nächste Osterfest wohl noch erlebt. 

Währenddessen krempeln in den Kliniken die Pfleger, Krankenschwester und Ärzte die Ärmel hoch. Sie werden wieder Sonderschichten schieben müssen.

Dieses Jahr hat alles von uns abverlangt. Vielleicht sogar mehr, als wir den Anschein haben zu ertragen. Aber wir können uns die Welt und die Situation weder schön reden, noch müssen wir uns in Verzweiflung ertränken.

Es ist wie es ist. Kacke, aber nicht verdammte Kacke.

Wenn wir uns also fragen, was wir unseren Lieben zu Weihnachten schenken sollen, könnte eine mögliche Antwort sein: wir schenken uns gegenseitig das Leben.

Wir telefonieren, wir skypen, wir schreiben uns. Wer ohnehin sehr wenig physische Kontakte hat, kann sich gegenseitig beim spazieren gehen treffen. Frische Luft ist gut für den Körper und den Geist. 

Aber hockt bitte nicht über Stunden in engen Wohnzimmern mit der maximal erlaubten Personenzahl herum! 

Nicht alles was derzeit erlaubt ist, ist auch sinnvoll.

In diesem Sinn wünsche ich euch einen schönen 1. Advent.

Bleibt gesund!

Text: A. Müller

Der gute Wolf

„Es war einmal…“

So beginnen die meisten Märchen. Am Ende steht dann der Schuldige fest: es ist der Wolf, vor dem man sich in Acht nehmen muss. Denn der Wolf ist böse. Er frisst Großmütter, hat Appetit auf kleine Mädchen mit roter Kappe und würde auch Geißenkinder verspeisen, wenn man ihn ließe. Böser böser Wolf!

Der alte graue Wolf sitzt auf einem Stein und denkt über sein Imageproblem nach. Es ist ja nichts Neues, dass er und seine Kollegen von den Menschen gefürchtet und gejagt werden. Er will sich trotzdem nicht daran gewöhnen. Im Gegenteil: Wolf findet es ziemlich ungerecht, ständig als Bösewicht herhalten zu müssen. Er hat noch nie eine Großmutter gefressen, geschweige denn ihr rotbemütztes Enkelkind. Wolf kennt sein Revier im Wald in- und auswendig. Da wohnt keine Großmutter. Echt jetzt.

Sowieso: Wolf würde nie zum Spass jemanden töten. Das wäre ja die reinste Verschwendung natürliche Ressourcen. Wenn er auf die Jagd geht, dann hat er meist schon tagelang nichts mehr gegessen. Wolf jagt nur wenn er hungrig ist. Leise streift er durch den Wald und hält Ausschau nach etwas Fressbarem. Manchmal findet er nur Beeren und Früchte, manchmal kann er mit seiner feinen Nase aber auch den Geruch eines kranken Tieres ausmachen. Er verfolgt die Spur und wenn er das kranke Tier gefunden hat, tötet er es schnell.

Wolf kann daran nichts Falsches erkennen. Er macht einfach seinen Job und wird obendrein noch satt dabei.

Der alte graue Wolf arbeitet nämlich im Auftrag der Natur. In der uralten Ordnung ist er einer derjenigen, die im Wald für das Gleichgewicht des Lebens sorgen. Unterstützt wird er dabei von den Kollegen Fuchs und Marder, aber die spielen in dieser Geschichte keine weitere Rolle. Sie haben auch kein so schlechtes Image wie der Wolf. Also weiter im Text:

Wenn Wolf ein größeres Tier, einen Hirsch etwa, reißt, frisst er es selten ganz allein auf. Er läßt noch jede Menge Fleisch für die anderen Tiere übrig. Sobald er satt ist, zieht er weiter. Der tote Körper des Hirsches bleibt jedoch nicht einfach so im Wald liegen und verdirbt. Nein, jedes fleischfressende Tier kann sich nun seinen Anteil holen und den eigenen Hunger stillen. Die Knochenreste und das Fell des Hirsches zersetzen sich über die Zeit und die darin gelagerten Mineralien und Nährstoffe gehen in den Waldboden über. So hat der Hirsch am Ende seines Daseins viele Leben erhalten. Das hat die Natur ziemlich schlau eingerichtet, findet Wolf.

Alles ist im Gleichgewicht, alles ist ganz fein aufeinander abgestimmt. Trotzdem ist er immer der Depp. Nur weil er derjenige ist, der den tödlichen Biss setzt.

Wolf fragt sich, warum die anderen Fleischfresser in den Geschichten so viel besser wegkommen als er. Hat man jemals eine Geschichte vom bösen Bär gelesen? Oder vom bösen Adler?

Genau! Immerzu ist die Rede vom bösen Wolf.

Wolf findet es echt gemein von den Menschen, immer nur ihm die Schuld für Tod und Elend zuzuschieben. Sollen sie sich doch selber mal an der Nase fassen! Anders als im restlichen Tierreich finden manche Menschen Gefallen am töten. Sie töten nicht aus Hunger oder um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten, sondern aus Macht- und Prestigegründen. 

Menschen sehen sich nicht mehr als Teil des natürlichen Kreislaufes. Sie machen was ihnen gefällt, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen. Sie nennen es Fortschritt und bringen damit alles komplett durcheinander. Menschen vermehren sich sehr stark und nehmen anderen Tieren den Lebensraum weg. Manchmal wagen sich besonders mutige Tiere wie Wildschwein und Waschbär in der Nacht in die Siedlungen der Menschen und suchen dort nach Nahrung. Am nächsten Morgen ist dann das Geschrei der Leute weithin zu hören. Der alte graue Wolf schüttelt den Kopf. Ja, die Menschen können nicht mehr teilen. Sie haben es verlernt, etwas abzugeben. Nicht einmal untereinander schaffen sie es. Sie nennen sich selbst „die Krone der Schöpfung“. Wolf schüttelt abermals den Kopf. Nur Dumme glauben, sie seien das wichtigste Glied in der Schöpfung. 

Nur weil die Menschen lesen und schreiben können, nur weil sie ein Bewusstsein haben, sind sie nicht klüger als der Rest der Tiere.

Wolf überlegt, ob die Menschen vielleicht deshalb so blöd geworden sind, weil sie im Laufe der Zeit zu viel nachgedacht haben? Weil sie zwar jedes Atom auf dieser Welt mit Vornamen ansprechen können, die große und allumfassende Ordnung dabei jedoch vollkommen aus dem Blick verloren haben? Die Menschen sind hoffärtig geworden, weil sie glauben, sie seien die klügsten Tiere.

Nein, Menschen sind nicht die klügsten Tiere. Wolf ist sich da sehr sicher. Menschen haben sich nur viel mehr Mühe gegeben, für die Dinge die nicht gut laufen, einen Schuldigen zu finden. Wolf lacht leise in sich hinein. Einerseits ist es ziemlich schlau von den Menschen jemand wie ihm, dem Wolf, menschliche Fehler unterzujubeln. Andererseits ist es aber auch vergebliche Denkarbeit. Denn egal, wem man seine Missetaten, sein fieses Denken in die Schuhe schiebt: am Ende bleibt man doch immer selbst verantwortlich.

Wolf streckt sein Gesicht der Sonne entgegen und ist von Herzen froh, kein Mensch zu sein. Er kann sich einfach in die Ordnung der Schöpfung einreihen, sich im Strom der Zeit treiben lassen. Er weiß, er ist ein guter Wolf. 

Er kennt seine Aufgaben, braucht nichts einzufordern. Er muss nicht denken. Er ist ja zum Glück kein Mensch.

Und wenn er beim nächsten Streifzug durch seinen Wald eine Großmutter trifft, wird er versuchen ihr seine Erkenntnisse zu erklären.

Text: A. Müller

Zeichnung: http://www.anja-klukas.de

Ein Pfund Gehacktes und drei Liter Besinnlichkeit

In spätestens zwei Wochen ist es wieder so weit: die Zeit der Besinnlichkeit bricht an. Kerzenlicht erhellt die Fenster, würziger Duft nach Zimt und Anis strömt aus den Küchen und Chris Rea macht sich wieder auf den Heimweg. Wildtiere kommen ganz nah ans Haus heran und laben sich am dargereichten Futter. Man sieht, wie der eine oder andere Hirsch, Igel oder Hase klammheimlich ein Tränchen der Rührung verdrückt. Liebe liegt in der Luft. Für vier Wochen hält die christliche Welt den Atem an und feiert den Frieden auf Erden. 

Theoretisch. 

In Wirklichkeit leistest sich kaum jemand den Luxus der Ruhe und des sich herausnehmen aus dem alltäglichen Trott. Im Gegenteil: die Schlagzahl der Aktivitäten wird deutlich erhöht.

Auf der To Do Liste bis Weihnachten stehen unzählige Dinge: Weihnachtsplätzchen müssen gebacken werden. Mindestens zehn verschiedene Sorten, mindestens 3 Backbleche voll. Das Haus wird von oben bis unten geputzt und gewienert. Hirsch und Hase werden geschlachtet. Gänse, Enten und Karpfen zuerst gemeuchelt und dann gestopft. 

Denn nur mit voller Plautze läßt sich die Besinnlichkeit und der Friede auf Erden so richtig fühlen. In diesem Jahr gilt das ganz besonders, es ist uns ja sonst alles verboten worden. Wenn wir uns schon nicht auf diversen Weihnachtsmärkten oder -feiern die Birne zuballern dürfen, dann wenigstens daheim. Bevor uns Jens Spahn oder Angela Merkel das auch noch verbieten!

Wir? Wer ist denn wir? ICH bin doch damit gar nicht gemeint, nein, ICH mach das ganz bestimmt nicht so. ICH bin ja schließlich reflektiert. Gemeint sind sicher die Kalupkes, die Maier-Müller-Schulzes, die ANDEREN auf jeden Fall. 

Egal, wer nun „Wir“ sind und wer sich nicht dazu zählen mag, es geht weiter im Text:

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten. Bevor wir es uns zuhause aber so richtig gemütlich machen können, müssen wir erst noch die Supermärkte und das Internet leerkaufen. Kiloweise Mehl und Zucker für die Plätzchen, zehn Packungen Nudeln als Beilage für den Festbraten, die doppelte Ration Milch, Eier und Butter, damit wir zwischen den Feiertagen nicht verhungern und weil das Zeug ja am Ende wieder am verlängerten Rücken rauskommt, brauchen wir natürlich jede Menge Klopapier. Der Renner in diesem Jahr ist das mit Hirschen und Rentieren bedruckte. So können uns die Viecher gleich doppelt am Arsch lecken.

Für den Snack zwischendurch dann noch ein Kilo Gehacktes. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Wir kaufen Geschenke für Leute, die wir eigentlich gar nicht beschenken wollen, kaufen Dinge, für die wir das Jahr über niemals Geld ausgeben würden. Golden glänzende Weihnachtsmänner mit glitzernden Bärten finden eine neue Heimat auf Fenstersimsen und Sideboards. Dazu gesellt sich ein Tannenbäumchen aus Holz, ebenfalls mit Goldlack überzogen. Noch zwei, drei Duftkerzen „Winterwonderland“ im Raum verteilt und schon sind wir in einer total besinnlichen Stimmung. 

Klar, nun stinkt es gewaltig in der Bude. Aber es stinkt wenigstens besinnlich. Hach, wie schön ham’mers uns wieder gemacht. Ganz automatisch öffnet sich der Mund und saugt ein, zwei, fünf doppelstöckige Marzipan-Marmelade-Plätzchen ein. Kaum verschlungen, spülen wir mit dem guten 1,99 Euro Glühwein nach. Bauch voll, Birne voll. alles gut. Und so besinnlich!

In den Fresspausen schauen wir immer wieder auf einen Sprung in den sozialen Medien vorbei. Wir klicken uns durch diverse Foren und überfliegen die Überschriften mancher Artikel. Wir denken nicht im Traum daran, diese Artikel zu lesen. Nein, wir füllen justament die Kommentarspalten mit unserer Meinung. Da ist dann nichts mehr von der so viel gepriesenen Besinnlichkeit, vom Friede auf Erden zu spüren. 

Je mehr wir uns mit dem Billigglühwein abgefüllt haben, desto unnachgiebiger werden wir in unserer Argumentation. Jawollja! Wir sind ja keine Nazi-Rassisten-Coronaleugner, aber mach doch mal die Augen auf und denk nach! Die Quellen für unsere Behauptungen lassen wir die Gesprächspartner selbst suchen oder verweisen auf Seiten, die den gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm in nichts nachstehen.

„Sie haben uns nun schon die Weihnachtsmärkte genommen, nun wollen sie am Mittwoch die Ermächtigungsgesetze durchsetzen!“ 

Der temporärer Verlust von schlechter Bratwurst im Freien als Argument gegen die behördlichen Anweisungen zur Bekämpfung einer Pandemie; das muss man erst mal hinkriegen. 

In den vier Wochen vor Weihnachten mäandern wir uns durch eine Reihe von Gefühlen. Mit sehnsüchtigem Herzen suchen wir nach dem Gefühl der Spannung und der Verheißung aus Kindheitstagen. Wir tun alles dafür,  es noch einmal zu spüren. Doch egal, wie viele Kerzen wir abbrennen, wie viele Liter Glühwein wir trinken und welch tollen Gerichte wir kochen: dieses Gefühl kommt nicht wieder. Weil wir keine Kinder mehr sind. Weil es Kindern auch furzegal ist, was es zu essen gibt. Das miteinander sein, das füreinander da sein ist es, was die kindliche Weihnacht und deren Faszination ausmacht.

Wir putzen das Haus, weil wir es so von unseren Eltern gelernt haben. Zu Weihnachten soll alles blitzsauber sein. Warum eigentlich? Tante Erna und Onkel Heinz kommen in diesem Jahr nicht zu Besuch. Die Kalupkes und Maier-Müller-Schulzes sowieso nicht. Die hätten wir ohnehin nicht eingeladen.

Wir sind traurig, weil die Advents- und Weihnachtszeit in diesem Jahr völlig anders verläuft und bemerken vielfach gar nicht die Chance, die sich daraus ergibt. Statt sich gegenseitig zu besuchen, kann man auch telefonieren. Je nach Verwandtschaftsgrad und der sich daraus ergebenen Sympathien ist das unter Umständen ein echter Vorteil.

Statt sich mit Kollegen (die man sowieso den ganzen Tag um sich hat) den Abend am Glühweinstand des örtlichen Weihnachtsmarktes zu vertreiben und am nächsten Morgen mit tonnenschwerem Kopf zur Arbeit zu erscheinen, kann man die Kunst des Alleinseins erlernen. Nicht jede Minute des Tages muss mit Aktivität oder mit Gespräch gefüllt werden. Manchmal ist die Stille um ein vielfaches wertvoller.

In diesem Jahr haben wir alle, nicht nur die Kalupkes und Maier-Müller-Schulzes, die große Chance, Weihnachten und den Grundgedanken dahinter verstehen zu lernen.

Vier Wochen, um zu kapieren, das es nicht der Konsum ist, der uns eine schöne Weihnachtszeit bereitet. Vier Wochen, um den Wortsinn von Advent zu begreifen. 

Es wäre doch schön, wenn innerhalb dieser vier Wochen beim einen oder anderen die Erkenntnis ankommt, was uns als Gesellschaft und Gemeinschaft ausmacht.

Das wir ohne gegenseitigen Respekt, ohne gegenseitige Hilfe und Freundlichkeit nicht leben können. Es braucht einfach mehr als drei Liter Besinnlichkeit zur Weihnachtszeit.

Text: A. Müller

Die Erschaffung der eigenen Hölle

„Ganz schön warm hier!“ Reporter Buchstab vom Hellwangener Tagblatt wischt sich kurz nach betreten des Kellerraums mit dem Taschentuch über die Stirn. Dann knöpft er seine Jacke auf und schlüpft eilig aus den Ärmeln. Sein Gegenüber zeigt einladend mit der Hand auf einen Sessel und Buchstab nimmt Platz. „Danke. Mal im Ernst: die Heizkostenrechnung für dieses Etablissement möchte ich nicht bezahlen müssen.“ Er wischt sich abermals den Schweiß von der Stirn. Der Gastgeber winkt ab, „Ich nutze Erdwärme.“ antwortet er schlicht, dann nimmt auch er Platz.

Buchstab zückt sein Notizbuch und einen Stift. „Kommen wir gleich zur Sache“ sagt er und richtet den Blick auf seinen Gastgeber. „Teufel, Satan, Luzifer… du hast viele Namen. Wie möchtest du denn angesprochen werden?“ „Och, eigentlich ist es mir wurscht. Namen sind Schall und Rauch, nicht wahr?“ Der Gastgeber zuckt mit den Schultern. Dann lächelt er freundlich und sagt: „Nenn mich einfach Klaus.“ „Klaus?“ „Ja, Klaus. Warum auch nicht?“

„Also gut, äh, Klaus. Zunächst möchte ich mich bedanken, dass du dir Zeit für ein Gespräch mit mir nimmst. In diesen höllischen Zeiten hast du sicher sehr viel zu tun. Überall auf der Welt scheinst du deine Finger im Spiel zu haben. Religionskriege, despotische Staatsführer, Unterdrückung der Armen, Misshandlung der Schwachen… ein volles Arbeitsprogramm. Wie kommst du damit klar? Ich meine, es ist ja nicht leicht, überall gleichzeitig sein zu müssen und den Mächtigen der Welt böse Dinge ins Ohr zu flüstern.“

Klaus schmunzelt und lehnt sich gemütlich in seinem Sessel zurück. Er schlägt die Beine übereinander bevor er antwortet. „Du glaubst also, ich wäre für den ganzen Schlamassel verantwortlich? Ich, als das personifizierte Böse. Einer, dem man alles ganz einfach in die Schuhe schieben kann?“ Buchstabs Blick wirkt irritiert, er versteht die Antwort von Klaus (oder dem Teufel?) nicht. Nervös malt er kleine Kreise in sein Notizbuch. Spielt der Teufel (oder Klaus) ein gemeintes Spiel mit ihm? Wie allgemein berichtet wird, soll er ja sehr gemein sein, der Teufel. Buchstab hat gründlich recherchiert, mit Kollegen gesprochen und sich für dieses Gespräch sehr gut vorbereitet.  Und dann stellt Klaus (oder der Teufel) eine Gegenfrage, mit der er, Buchstab, nicht gerechnet hatte. Er räuspert sich, rutscht mit dem Hintern auf seinem Sessel hin und her, wischt sich schon wieder mit den Taschentuch die schweißnasse Stirn. „Seit Menschengedenken stehst Du für das Böse und Schlechte in dieser Welt, werter Klaus. Du bist der Teufel, der Satan. Du bist derjenige, der Caligula, Hitler, Stalin und Mussolini und unzählig viele andere Bösewichter geleitet hat. Du sitzt auf den Schultern von machtgeilen Männern und Frauen und flüsterst ihnen schlimme Dinge ins Ohr. Wie machst du das alles? Meine Leser wollen Einblicke in die Machenschaften der Hölle.“

Klaus nickt. In seinem Gesicht spiegelt sich der Ausdruck von Langeweile und Resignation. Klaus hat dieses Gerede so satt! Er beschließt, jetzt und sofort, ein für alle mal, diese Falschmeldungen zu widerlegen. Er atmet ein, zwei Mal tief ein und aus und sagt dann so ruhig wie möglich: „Ich war das nicht.“

„Wie?“ Buchstab versteht nun überhaupt nichts mehr. 

„Hitler, Stalin und all die anderen Arschlöcher… ich war das nicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon knapp zweitausend Jahre im Ruhestand.“

„Aber…“ Buchstab malt immer schneller seine Kreise ins Notizbuch, wischt sich in immer kürzeren Abständen über die Stirn. „Aber wer ist dann für all das Elend verantwortlich?“

„Du willst wissen, wer für alles Elend dieser Welt verantwortlich ist? Dann höre zu und notiere alles gewissenhaft in dein Notizbuch. Und wehe, ich lese im Hellwangener Tagblatt nur die Hälfte dessen, was ich dir nun erzähle.“ Klaus’ Stimme klingt lauter als er es beabsichtigt hat. Aber was will er machen; bei diesem Thema regt er sich immer so schnell auf. „Also höre. Ich sage das nun ein für alle mal: ich bin nicht euer Manager des Bösen! Ihr benutzt mich seit über zweitausend Jahren als Entschuldigung für den Bockmist, den ihr veranstaltet!  Ihr redet euch heraus „der Teufel hätte es euch eingeflüstert“, wenn ihr unhöflich, gemein oder beleidigend seid. Ihr droht anderen Leuten, in die Hölle zu kommen, wenn sie nicht nach euren Vorstellungen leben. Ihr seid so jämmerlich feige!“ Klaus hat sich mittlerweile richtig in Rage geredet . Buchstab hört mit offenem Mund und ungläubigen Blick seinem Gastgeber zu. So schnell er kann schreibt er das Gehörte auf. „Wenn das stimmt… wenn das wirklich stimmt… Es könnte die Welt verändern.“ Buchstab kann die Tragweite der Informationen noch gar nicht richtig abschätzen. Also hört er Klaus einfach weiter zu. „Ihr habt mich erfunden. So wie ihr Gott erfunden habt. Weil ihr feige seid! Ihr Menschen drückt euch seit Menschengedenken vor der Verantwortung. Kaum von den Bäumen herabgestiegen, habt ihr euch Religionen geschaffen. Ihr brauchtet das Gute und damit es wirkt, brauchtet ihr auch das Böse. Wenn ihr etwas nicht geschafft habt, wenn das Wetter schlecht war, wenn euch jemand das Mammut geklaut hat: immer dann habt ihr mir die Schuld in die Schuhe geschoben. Seid ihr Menschen wirklich so einfach gestrickt? Könnt ihr die Zusammenhänge nach zig Tausenden Jahren der Evolution denn immer noch nicht begreifen? Und dann, am Ende, hofft ihr darauf, dass all die bösen Menschen bei mir in der Hölle zur Rechenschaft gezogen werden?“ Klaus schüttelt den Kopf. „Naiv seid ihr auch noch!“ Er wirft ganz aufgebracht die Hände über den Kopf. „Jedes Böse braucht den richtigen Zeitpunkt. Jedes Böse braucht Mitläufer. Nicht ich bin euer Teufel. Ihr seid eure eigenen Teufel. Ihr lasst die Gemeinen, die Machtgeilen, die Gierigen gewähren. Ihr jubelt ihnen sogar noch zu! Und am Ende soll ich es wieder richten und die Verdammten im Höllenfeuer schmoren lassen. Als ob ich mir die Konkurrenz in die Bude holen würde! Lächerlich! Ihr haltet euch für so kultiviert. Ich finde, ihr solltet beizeiten über eine Überarbeitung eurer Kultur nachdenken.“

Buchstab schreibt alles Gesagte auf. Er weiß noch nicht, wie er das in eine druckreife Form bringen soll. Es ist so unglaublich. „Was sollen wir denn überarbeiten?“ fragt er den Teufel (oder Klaus). 

Klaus zuckt mit den Schultern. „Ihr könntet für den Anfang einfach mal aufhören an mich zu glauben. Dann klappt es vielleicht besser mit der Eigenverantwortung. Wenn ihr die Bezwingung der Bösen, der Gewaltsamen und der Widerlichen auf eure eigene Agenda schreibt, wäre das der erste evolutionäre Schritt. Ja, schau mich nicht so ungläubig an. Schenkt den lauten Schwätzern keinen Glauben, vertraut ihnen nicht. Redet den Populisten nicht nach dem Mund, sondern vertraut auf eure innere Stimme. Lasst mich mit eurem Scheiß einfach in Ruhe! Nicht ich bin schlecht, sondern ihr. Jeder Einzelne trägt Schlechtes in sich. Ihr könnt es rauslassen, dieses Böse und Schlechte. Haut euch gegenseitig auf den Nase, bestehlt euch, betrügt euch. Dann bleibt eben alles wie gehabt. Ihr könnt euch aber auch mal damit auseinandersetzen. Das Schlechte kontrollieren. Endlich mal nicht wie die Affen zu handeln, sondern nach eurer viel gepriesenen Menschlichkeit. Ihr könnt eure eigene Hölle akzeptieren. Ihr könnt es aber auch lassen. Nur: lasst mich in Zukunft aus dem Spiel.“

Buchstab schreibt mit fahrigen Bewegungen. Hoffentlich kann es später im Redaktionsbüro noch alles entziffern. „Du meinst also, all die furchtbaren Dinge die auf der Erde geschehen, haben nichts mit dir zu tun?“ Klaus nickt. „So ist es. Sie haben weder mit mir, noch mit Gott etwas zu tun. Diese Dinge haben ausschließlich etwas mit euch Menschen zu tun. Gott und mich gibt es nur in euren Köpfen. Ihr gebt uns viel zu viel Macht über euch.“ Klaus zwinkert und Buchstab läuft es dabei eiskalt über den Rücken. Sollte es so einfach sein? Würden seine Leser ihm diese Geschichte abnehmen?

Langsam packt er sein Notizbuch und den Stift ein. Er muss nachdenken. Eine Nacht über das Gehörte schlafen. Vielleicht kann er dann einen Artikel schreiben. Die Überschrift könnte vielleicht so lauten: „Die Erschaffung der eigenen Hölle“. 

Buchstab streckt Klaus (oder dem Teufel) die Hand zum Abschied entgegen. „Danke für das Gespräch. Danke für deine Zeit.“

Er hängt sich die Jacke über die Schulter und steigt hinauf ans Tageslicht. Ein kühler Wind lässt ihn frösteln. 

Noch weiß er nicht, wie sehr er später bei der Durchsicht seiner Notizen frieren wird.

Text: A. Müller

Herbstlaub

„Mama, tut es den Bäumen eigentlich weh, wenn sie im Herbst ihre Blätter verlieren?“ Amelie zieht die Stirn in Falten und macht ein nachdenkliches Gesicht. Seit Tagen beobachtet sie die Bäume im Garten, sieht zu, wie sich das Laub verfärbt und schließlich zu Boden fällt. „Sind die Bäume denn nicht traurig wenn sie im Winter so nackig im Garten stehen? Also, mir wäre das zu ungemütlich.“ 

Die Mutter schaut verwundert von ihrer Zeitung auf. „Kind, wie kommst Du denn nur immer auf solche Gedanken?“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe darüber noch nie nachgedacht. Bäume verlieren eben im Herbst ihr Laub. Das ist der Lauf der Dinge, weißt Du.“ Sie nimmt einen Schluck Tee aus der Tasse neben der Zeitung und will weiterlesen, aber Amelie gibt sich mit der Antwort der Mutter nicht zufrieden. Der Lauf der Dinge… pah! Das ist doch keine Antwort!

Das Mädchen zupft der Mutter am Pullover. „Mama! Überleg’ doch mal, warum es so ist wie es ist. Ich will das wissen!“

Die Mutter seufzt und faltet ihre Zeitung zusammen. Eigentlich hatte sie es sich an diesem regnerischen Herbsttag gemütlich machen wollen. Mit knackendem Kaminfeuer, einer guten Tasse Tee und mit der Lektüre ihrer Zeitung. Der Regen hätte an die Fenster geprasselt und sie wäre froh gewesen, im Trockenen zu sitzen. Sie hat die Rechnung jedoch ohne ihre wissensdurstige Tochter gemacht. Sie seufzt abermals. Also gut. Dann eben Gespräche über das Herbstlaub.

„Weißt Du, die Bäume brauchen ihr Laub im Winter nicht mehr. Deshalb lassen sie es im Herbst einfach fallen.“ sagt die Mutter und hofft, Amelie würde sich mit dieser knappen Erklärung zufrieden geben. 

Doch reicht Amelie diese Antwort wirklich aus? Ist sie mit dieser Erklärung zufrieden? Natürlich nicht! Amelie will es genauer wissen. Amelie will immer alles ganz genau wissen.

„Warum brauchen die Bäume das Laub nicht mehr? Schau Dir doch mal die Blätter an. Die sehen alle noch sehr gut aus. Die wenigsten Blätter sind kaputt. Die kann man doch noch gut gebrauchen. Also, ich finde das ist eine große Verschwendung.“ Wieder zieht das Mädchen die Stirn in Falten und macht ein nachdenkliches Gesicht. „Du sagst doch selber, man wirft nichts weg, was noch gut ist.“

Die Mutter steht auf und geht zum Bücherschrank. Irgendwo war da doch dieses Buch über Bäume. Wo hatte sie es denn zuletzt gesehen? Ach hier, zwischen dem Bildband über Tiere und dem Lexikon steckt das gesuchte Buch. Sie streckt das Buch ihrer Tochter entgegen. „Schau mal, hier müßte eigentlich beschrieben sein, warum die Bäume im Herbst das Laub verlieren.“ sagt sie und reicht der Tochter das Buch. Jetzt seufzt Amelie. „Mama, ich kann doch noch nicht so gut lesen. Bitte lies mir vor.“

Die beiden setzen sich auf die Couch und kuscheln sich gemeinsam unter eine warme Decke. Dann blättern sie im Buch, bis sie an die Stelle mit dem Herbst kommen. Amelie ist schon ganz aufgeregt. Wird das Buch ihr helfen, das Geheimnis der fallenden Blätter zu lüften? Wird sie herausfinden, ob Bäume im Herbst traurig werden? 

Die Mutter beginnt zu lesen: „ Der Baum versorgt das ganze Jahr seine Blätter über die Wurzeln mit Wasser und Nährstoffen. Er trinkt dabei am Tag manchmal bis zu 100 Liter Wasser. Über die Blätter wird das überschüßige Wasser wieder verdunstet. Mit zunehmender Kälte im Herbst nimmt die Wasseraufnahme über die Wurzeln des Baumes ab. Beim ersten Frost kommt sie sogar ganz zum Stillstand. Müsste der Baum im Winter auch die Blätter mit Wasser versorgen, würde er verdursten. Denn wie soll ein Baum Wasser aus dem Boden aufnehmen, wenn der Boden bei eisigen Temperaturen gefroren ist? Außerdem würde das Wasser in den Leitungsbahnen des Baumes bei Frost gefrieren, die Leitungsbahnen würden dadurch zerstört werden. Deshalb wirft der Bäum seine Blätter im Herbst ab. Es ist so eine Art Überlebensstrategie. Der Baum hält Winterschlaf und sammelt all seine Kraft, um im Frühjahr neue Blätter zu bilden.“

Aufmerksam hört Amelie der Mutter zu. „Ach so ist das“ sagt sie und nickt bedächtig. „Pass auf, es geht noch weiter“, die Mutter tippt auf das Buch und liest den nächsten Abschnitt im Text: „Wären die Äste der Bäume im Winter voller Laub, würden sie bei Schneefall sehr schnell abbrechen. Feuchter Schnee kann unglaublich schwer werden, weißt Du. Auf den kahlen Ästen bleibt jedoch nicht so viel Schnee liegen und der Baum kann diese Last dann locker tragen. Außerdem, und das finde ich besonders clever von den Bäumen, sorgt das herabgefallene Laub wie eine warme Decke für den Schutz der oberen Wurzeln im Boden.“

„Oooh“ macht Amelie, „ das ist ja spannend. Der Baum sorgt selber dafür, dass er keinen Rohrbruch erleidet und deckt seine Wurzeln mit einer warmen Blätterschicht ab.“ Dann fällt ihr jedoch etwas ein und sie zieht abermals die Stirn in Falten und macht ein nachdenkliches Gesicht. „Warum nimmt dann der Nachbar immer mit seinem Laubrechen den Bäumen die herabgefallenen Blätter weg? Dann frieren die doch  an ihren Wurzeln! Kann der Nachbar seine Bäume denn nicht leiden?“ Amelie ist in Anbetracht ihres neuen Wissens nun ziemlich sauer auf den Nachbarn. Hat der im Ernst so wenig Ahnung von Bäumen?

„Viele Leute meinen, sie müssen im Herbst ihren Garten aufräumen. Sie rechen das Laub zusammen, weil es so viel ordentlicher aussieht. Dabei vergessen sie manchmal, dass die Natur sich schon was dabei gedacht hat. Das Laub dient als warme Decke nicht nur für die Wurzeln. Es ist auch ein prima Unterschlupf für kleine Tiere im Garten. Im Frühjahr, wenn es dann wieder wärmer wird, verrotten die alten Blätter zu Humus und bilden neue Erde.“ Mit dem Finger zeigt die Mutter auf ein Bild im Buch. „Siehst Du, der Baum wirft sein Laub ab, um sich selbst im kommenden Frühjahr mit Nährstoffen zu versorgen.“

„Ich hätte nie gedacht, dass Bäume so klug sind.“ flüstert Amelie. Nun ist ihr auch klar, dass Bäume im Herbst und Winter überhaupt nicht traurig sind. Im Gegenteil: sie bereiten sich im Herbst schon für die Wachstumszeit im kommenden Frühjahr vor. 

Für heute ist ihr Wissensdurst gestillt. Amelie weiß jetzt alles über Bäume im Herbst.

Sie steht auf und zieht sich ihre Gummistiefel an. „Wo gehst Du hin?“ fragt die Mutter. Amelie schlüpft in ihre Jacke und zieht sich die Kapuze über den Kopf „Ich gehe in den Garten. Ich mache den Bäumen eine schöne wärmende Decke aus Laub für den Winter. Und wenn ich fertig bin, helfe ich auch noch den Bäumen im Nachbargarten. Da liegt das Laub ja leider schon auf dem Komposthaufen. Das hole ich wieder und verteile es wieder dorthin wo es hingehört.“

Schwungvoll öffnet Amelie die Tür zum Garten und bevor die Mutter noch etwas sagen kann, ist das Mädchen schon hinausgeschlüpft.

Text: A. Müller

Foto: A. Müller

Zeitumstellung, Corona und der andere tägliche Wahnsinn

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, als flöge mir alles um die Ohren. Zu viel Information, zu viel Emotion, zu viel sinnloses Gerede. Und ich mittendrin. Wie eine Flipperkugel, die von einem Thema zum nächsten katapultiert wird. Ohne Möglichkeit den eigenen Weg zu finden, weil irgend ein unsichtbarer Flipperspieler der Kugel neuen Schwung verleiht, kurz bevor sie zur Ruhe kommt. Bing! Bing! Bing! Der Zähler des Flippers dröhnt in meinen Ohren. „Halt die Schnauze!“ rufe ich ihm zu. Meine Stimme geht im Bing! Bing! Bing! völlig unter. Verhalt ungehört.

Am Tag vor der Umstellung auf Normalzeit fragen mich mindestens fünf Kunden, wie ich denn die gewonnene Stunde nützen würde. Die Frage ist im Rahmen des Smalltalks an der Kasse sicherlich freundlich und zugewandt gemeint. Ich höre trotzdem den Zwang der Optimierung sämtlicher Zeit heraus. So als ob wir alle untereinander im Wettstreit stünden, wer seine zur Verfügung stehende Zeit am sinnvollsten ausfüllt. Sei aktiv! Mach was! Wer rastet, der rostet!

Blablabla…. 

Die Frage der Kunden beantworte ich jedes Mal mit einem freundlichen „Gar nicht.“ und blicke in unverständlich schauende Gesichter. „Wie, gar nicht?“ fragt einer zurück. „So ganz gar nicht? Aber das ist doch verschenkte Zeit.“ Er schüttelt den Kopf. Dann hebt er den  Zeigefinger. „Es ist eine Sünde die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen.“ 

Ja, ich lebe im Schwabenland. Da, wo man ab der eigenen Geburt fleißig zu sein hat. Da, wo Müßiggang und Faulheit Todsünden sind. Da, wo alle irgendwie eine Flipperkugel zu sein scheinen.

Aber mal ganz ehrlich, was soll ich denn Sinnvolles tun in der Zeit zwischen zwei und drei Uhr morgens? Die Besteckschublade in der Küche ausräumen und putzen? Den dort über die Zeit eingezogenen Krümeln ihrer Heimat berauben und sie hartherzig in den Müll kippen? Nein, nein. Die lass ich lieber wo sie sind. Wer weiß, vielleicht kann ich sie noch mal für was gebrauchen. 

Ich würde das gerne auch dem Kunden zur Antwort geben, lasse es dann doch bleiben. Hinter ihm stehen weitere und bisweilen sehr ungeduldige Menschen. Die wollen ihre verfügbare Zeit an diesem sonnigen Tag auch noch sinnvoll nutzen.

Sie flippern sich vom Supermarkt zu uns auf den Hof und wieder zurück in den heimischen Garten. Sie rechen Laub und schneiden ihre Pflanzen zurück und nehmen dabei dem Lebewesen im Garten ihr Winterquartier. Hauptsache, alles ist schön sauber und ordentlich. Hauptsache, sie nutzen ihre Zeit! An dieser Stelle ein weitere Verweis auf unser schönes Schwabenland. Würden wir naturnah gärtnern, wäre es lange nicht so aufgeräumt und proper bei uns! Oder, um es mit den Worten eines Kunden auszudrücken: „In meinem Garten hat die Natur nichts verloren!“

Dabei merkt kaum einer von den Hobbygärtnern, wie schön der Tag ist. Die Herbstsonne wärmt angenehm, das Laub der Bäume zeigt die schönsten Farben, der Geruch der feuchten Erde steigt einem in die Nase. 

A propos Nase: die hängt bei einigen Wartenden über dem Rand ihrer Maske. Weil sie sonst augenblicklich tot umfallen würden. Weil atmen unter einer Stoffschicht völlig unmöglich ist.

Die haben wohl noch nie mit der Taschenlampe unter der Bettdecke stundenlang gelesen… 

Ich stehe immer noch hinter der Kasse, bemühe mich konzentriert zu bleiben und ein freundliches Gesicht zu machen. Höre mir die Klagen der Leute an, unterdrücke den Impuls mit Äxten um mich zu werfen. Nichts darf man mehr! Sogar Familienfeiern sind jetzt verboten! Wohin soll das alles noch führen?

Ja, das frage ich mich auch. 

Wohin soll es führen, wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr als Gemeinschaft versteht? Wenn jeder sich selbst am nächsten ist und sich einen Teufel um die Befindlichkeiten der schwächeren schert. Wenn sich an einem Stück Stoff die Geister scheiden.

Während mir ein Kunde wortreich erklärt, wie falsch die offiziellen Verlautbarungen seien, wie sehr wir alle unter der Fuchtel der Kanzlerinnenverschwörung stünden und dass in ein paar Jahren, wenn ein Impfstoff verfügbar wäre, die Klassifizierung der Gesellschaft in Geimpfte und Nichtgeimpfte  stattfinden würde, kommt mir ein Gedanke: vielleicht bin ich ja schon tot und in der Hölle. 

Dabei wurmt es mich schon ein wenig, den eigenen Tod verbaselt zu haben. Mal wieder im entscheidenden Moment nicht aufgepasst. Himmelherrschaftszeiten! Und ich wundere mich, warum ich in dieser Hölle immer so kalte Füße habe. Darüber muss ich mal in Ruhe nachdenken. Vielleicht heute Nacht zwischen zwei und drei Uhr.

Bing! Bing! Bing!

Die Flipperkugel trifft auf das nächste Thema. 

Im Supermarkt wird schon wieder das Klopapier knapp! Zugegeben, ich habe auch die Hosen voll, wenn ich mir die täglichen Infektionszahlen weltweit so anschaue.

Eines ist mir jedoch vollkommen klar: das horten von Klopapier löst das Problem der Pandemie vermutlich nicht. Wenn doch, sagt mir Bescheid. Ich lerne gern dazu.

Für’s erste wäre ich jedoch schon damit zufrieden, diese verflixte Flipperkugel stoppen zu können.  Einfach ein wenig Ruhe im Hirn zu haben. Rote Fäden verläßlich verfolgen zu können und dieses vermaledeite Bing! Bing! Bing! zum schweigen zu bringen.

Versuche, die Aktivitäten der Flipperkugel mit Alkohol und anderen „Entspannungsarten“ zu verringern, sind in der Vergangenheit grandios fehlgeschlagen.

Vielleicht hat ja jemand unter euch einen guten Tipp?

Text: A. Müller

Die Transformation

Es ging alles viel zu schnell. Olga wußte unterbewußt, die Zeit der Umwandlung würde kommen, sie hatte jedoch nicht gedacht, mit welcher Schnelligkeit und Wucht sie davon getroffen würde. Olga hätte sich wirklich etwas mehr Zeit gewünscht. Zeit, sich einzugewöhnen und mit den Veränderungen zurechtzukommen. Nun merkte sie, wie wenig sie selbst steuern oder gar kontrollieren konnte.

Das sie sich verändern würde, war Olga schon seit einiger Zeit klar. Objektiv gesehen wußte sie, dass der Zahn der Zeit auch an ihr nagen würde. Niemand war davon ausgenommen, auch Olga nicht.

Bemerkt hatte sie den Beginn der Umwandlung an kleinen Veränderungen: mit ihren Augen fing es an. Die Pupillen wirkten nicht mehr kugelrund, sondern saßen seltsam senkrecht im Glaskörper des Auges. Die Sehkraft ließ zunächst unmerklich, später dann spürbar nach. Für die nähere Betrachtung von Dingen musste sie immer öfter ihre Brille absetzen, beim Blick in die Ferne war sie jedoch ohne ihren Sehkraftverstärker hilflos.

Die schwindende Sehkraft wurde seltsamerweise durch einen wesentlich sensibleren Geruchsinn aufgehoben. Olga konnte plötzlich Menschen riechen, bevor sie sie sah. Diese Veränderung empfand Olga als ziemlich positiv, allerdings bereitete ihr der Umstand, dass sie neuerdings mit der Zunge zu riechen schien, deutliches Unbehagen. Zuerst vermutete sie eine Art nervösen Tick, wenn ihr die Zunge aus dem Mund schnellte und sie Augenblicke später genau wußte, wer den Raum betreten würde. Dann mutmaßte sie, die viele Arbeit oder der tägliche Stress würde ihrem Körper und ihrer Psyche einen Streich spielen.

Sie wußte, sie würde sich verändern. Trotzdem fühlte sie sich nicht wohl dabei. Ihr Körper schien eine Art Eigenleben zu entwickeln und Olga war in diesem Prozess auf die Zuschauerränge verbannt.

Immer wieder fuhr sie, wie um sich selbst zu beruhigen, mit der Hand über Gesicht und Stirn. 

Wochen später, Olga hatte sich mittlerweile mit ihren schwächer werdenden Augen abgefunden, spürte sie eine neue Veränderung.

Je kürzer und kälter die Tage wurden, desto schlechter fühlte sie sich. Die Muskeln an ihrem Körper begannen zu schmerzen, jede Bewegung wurde zur Qual. Es war, als würden unsichtbare Fesseln jede Bewegung verhindern wollen. Die Arme versagten immer öfter ihren Dienst, die Beine ermüdeten viel zu schnell und ihre Muskeln begannen zu brennen. Olga hatte sich bislang für fit und nicht gänzlich unsportlich gehalten und beobachtete ihren verweigernden Körper mit Sorge. 

Linderung brachte nur ein Sonnenbad in einer windgeschützen Ecke des Gartens oder die zu einem wärmenden Stapel aufgeschichteten Decken in ihrem Bett. In der Wärme konnte sich Olga entspannen und fühlte die verloren gegangene Beweglichkeit zurückkommen. In diesen Momenten kam auch die alte Lebenslust zurück und Olga schmiedete in die Sonne blinzelnd neue Pläne. Sobald jedoch die Sonne weiter wanderte und Olgas Platz in Schatten und Kühle tauchte, verlor sie jegliche Beweglichkeit und Lebensmut. Dann schleppte sie sich mit letzter Kraft in ihr Bett, türmte Decken über sich und hoffte, nicht den letzten Rest ihrer Körperwärme zu verlieren. Sie fühlte sich müde, traurig und schutzlos. 

Diese Kälte! Diese gottverdammte Kälte! 

Nie hätte Olga gedacht jemals so eine gefräßige Eisigkeit aushalten zu müssen. Die Kälte nagte an ihrem Körper und lähmte ihren Geist. Ihre Gedanken, ihre Fantasie waren wie eingefroren und stillgelegt. Konnte sie früher noch ohne Mühe einem roten Gedankenfaden folgen, spürte sie nun nur noch Starre. Sie sah ihre Gedanken unter der dicken Eisschicht um ihren Geist liegen und war dennoch unfähig sie freizulegen. 

Reglos verharrte sie unter ihrem Stapel Decken und hoffte auf Wärme. Hoffte auf Schlaf.

Olga fühlte sich der Kälte hilflos ausgeliefert, sie spürte die quälenden Nadelstiche auf ihrer Haut. Die Haut juckte, kribbelte, pikste. Olga hatte ständig den Impuls sich blutig zu kratzen. 

Und damit begann ein weiterer Abschnitt der Umwandlung.

Wieder fing es mit den Augen an. Diesmal war es jedoch nicht die Sehfähigkeit, sondern die Haut um ihre Augen, die sich spürbar veränderte. Die Haut wurde trocken, sie juckte, sie sprang in nässenden Furchen auf. Olga griff zur Cremedose und salbte sich jede Stunde ein, um das Spannungsgefühl und den Juckreiz zu mildern. Sie mühte sich, sich selbst Gutes zu tun,doch ihre Qual wurde immer stärker. Der Juckreiz blieb, rund um ihre Augen begann die Haut rot zu werden, aufzuquellen und immer heißer zu werden. Olga cremte und salbte, legte sich kühlende Tücher aufs Gesicht. Nichts half. Dann kapitulierte sie und kratzte. Sie kratzte und wußte dabei ganz genau, wie sie sich immer tiefer in den Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen begab. 

Die Haut in ihrem Gesicht begann sich schließlich zu verdicken. Es war, als würde ihr eine Art Panzerung im Gesicht wachsen. Der Panzer war jedoch alles andere als stabil. Bei jedem Augenzwinkern, bei jeder Mundbewegung taten sich tiefe Risse in Olgas Haut auf und eine wässrige Flüssigkeit trat hervor. Olgas Gesicht tropfte, sie cremte verzweifelt weiter und tupfte sich sanft die Flüssigkeit von der geborstenen Haut. Sie fror weiterhin. Olga konnte sich in ihrer Pein nicht mehr entscheiden, ob nun die in jede Körperfaser kriechende Kälte oder der ständig anwesende Juckreiz schlimmer sei. Ihr Körper machte mit ihr was er wollte und ihr Geist war nicht  in der Lage der Qual etwas entgegenzusetzen.

Olga litt und fror. Unter ihren Decken fiel sie in einen gnädigen Halbschlaf. Zwar kratzen ihre Hände weiter in einem nicht zu gewinnenden Kampf gegen den Juckreiz, aber wenigstens kam ihr Geist ein wenig zur Ruhe. In diesem Zustand des Schwebens zwischen den verschiedenen Ebenen des Bewusstseins wurde Olga klar, wie unumstößlich all diese Veränderungen sind. Sie transformierte, sie war den Gesetzen der Wandlung unterworfen. Es gab keine Umkehr. Der Prozeß der Wandlung hatte längst begonnen und war nicht mehr zu stoppen.

Olga wehrte sich, wollte unter keinen Umständen diese Veränderung! Es war doch alles gut so gewesen wie es war. Olga wollte Olga bleiben! Verzweifelt kratzte sie sich die Haut blutig und schrie ihren Zorn heraus. Nein! Es ist zu früh!

Tage später klang der Juckreiz ab. Olga betrachtete ihr geschundenes Gesicht im Spiegel und aus der anfänglichen Erleichterung wurde tiefes Entsetzen.

Olga schuppte sich.

Die nunmehr senkrecht stehenden Pupillen erkannten große Hautfetzen, die sich von Olgas Gesicht, ihrem Hals und vom Oberkörper lösten. Darunter wurden Schuppen sichtbar. Blass grünlich schillernde Schuppen. Olgas Zunge schnellte hervor, verharrte Sekunden in der Luft und beförderte die so aufgenommene Information mit einer fließenden Bewegung an ihren Gaumen.

Olga konnte sich selbst riechen. Sie roch wie eine Echse.

Vorsichtig fuhr sie sich mit der Hand über ihr Gesicht und die Stirn. Die Schuppen waren deutlich spürbar. Olga fühlte jede einzelne der Erhebungen, noch waren sie weich und elastisch, aber sie wußte: die Schuppen würden mit der Zeit verhärten und ihre Mimik versteinern lassen. Alles Sanfte und Weiche aus ihrem Gesicht würde verschwinden. Die senkrechten Pupillen blickten böse aus dem Spiegel. Olgas Mund entwich ein gequältes Stöhnen. Ihr einstiges Ich verabschiedete sich auf grausige Weise. Sie hatte sich im Laufe der Jahre endlich an dieses Ich gewöhnt und musste nun hilflos mitansehen, wie alles Sanfte und Zarte zerfiel. Das Ich bröselte in schuppigen Fetzen von ihr ab. Zurück blieb Härte, Kälte und Verunsicherung.

Olga stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Nein, so wollte sie nicht werden, so wollte sie nicht sein. Mit fahrigen, panischen Bewegungen tauchte sie ihre Finger in die Cremetöpfchen, salbte erneut die schuppige Haut. Sie war gewillt, alles zu tun um die Transformation zu stoppen oder wenigstens hinauszögern.

Aber es gab kein Halten, es gab keine Gnade. Olga musste sich der Transformation fügen. Der Zahn der Zeit machte keine Ausnahme. Langsam, meist im Zustand des Halbschlafes, dann wenn man sich selbst am nächsten ist, kam ihr die Erkenntnis, wie wenig gering die Chance auf ewige Jugend war. Olga spürte deutlich, mit jedem Tag ihrer Umwandlung, wie gnadenlos die Zeit mit ihr umging. 

Olga alterte. 

Ihr Äußeres veränderte sich für jeden sichtbar. In die einst weichen und jugendlichen Züge war ihr Leben eingemeißelt worden. Es stand ihr, mit all dem Guten und all dem Schlechten, ins Gesicht geschrieben. Ihre zukünftige Aufgabe würde es sein, sich nicht wegen ihrer schwindenden Schönheit zu sorgen oder sich wegen ihrer faltigen Haut zu grämen. Wenn sie es schaffte, ihren gefrorenen Geist zu enteisen, hätte sie eine neue Perspektive.

Hoffnung keimte in Olga auf. Während sich ihr Äußeres verwandelte, könnte ihr Inneres doch bleiben. Vielleicht würde ihr die flacher stehende Sonne des letzten Lebensabschnitts ein wenig zur Seite stehen. In ihrem milden Schein könnten sowohl die senkrecht stehenden Pupillen, als auch die schuppige Haut sanft und freundlich wirken.

Tief in ihrem Inneren wurde sich Olga immer sicherer. Sobald sie ihr echsengleiches Äußeres würde annehmen können, würde die Transformation abgeschlossen sein und ihre aufgewühlte Seele würde Frieden finden.

Text: A. Müller

Illustration: http://www.anja-klukas.de

Entbrillt euch!

Leute, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Ich bin da einer unglaublichen Sache auf der Spur. Einer Sache, die schon seit Jahrhunderten läuft, einer Sache, die uns bunte Bilder vorgaukelt um uns gefügig zu machen. 

Angefangen hat es schon im Altertum, als jemand einen Edelstein namens Beryll derart geschliffen hat, dass man ihn als Vergrößerungsinstrument nutzen konnte. Der Erfinder dieser Technik hat jedoch nicht bedacht wie schnell sich die Mächtigen der Welt der Neuheit annehmen und sie für ihre Zwecke nutzen würden.

Kaiser, Könige, Päpste und deren Vertraute haben über die Zeit ein dichtes Netzwerk gebildet, das bis heute die Welt umspannt. Sie gingen radikal und dennoch subtil vor, sie erzählten ihren Untertanen, die neuen Lesegläser seien nur zu ihrem Besten und verfolgten dabei doch ihre ganz eigenen niederträchtigen Ziele. Mit Hilfe der Lesesteinen und modernen Brillen ist es ihnen gelungen, sich die Welt Untertan zu machen. 

Bevor es die neuen Lesesteine und heutigen Brillen für die breite Bevölkerung gab, konnte jeder Mensch die Welt mit seinen eigenen Augen betrachten. Nichts störte seinen Blick. Die Sicht auf die Welt wurde durch nichts verschleiert oder verdunkelt. Die Leute konnten alles klar erkennen, sie sahen die Verbrechen der Obrigkeit und benannten sie lautstark. Die Bevölkerung verbündete sich gegen ihre Herrscher und machte eine Revolution nach der anderen. Bauernaufstand, französische Revolution und so weiter…. Könnt ihr in jedem Geschichtsbuch nachlesen!

Den Mächtigen der Welt ging der Hintern auf Grundeis und sie überlegten in geheimen Sitzungen, wie sie ihr unruhiges Volk leichter regierbar machen können. In langen endlosen nächtlichen Beratungen kamen sie dann zu folgendem Beschluss: die Augen des Volkes müssen verschlossen werden. Es dürfe einfach nicht mehr sehen, was die Mächtigen so trieben.

Sie erfanden die „Fehlsichtigkeit“ und holten sich Bader, Augenärzte und andere Quacksalber ins Boot. Die sollten dem Volk vermitteln, dass nur diese neuartigen Lesesteine ein besseres Sehen garantieren.

Erkennt ihr das Teuflische? Seit Jahrhunderten behaupten die Mächtigen WIR würden nicht richtig sehen und setzen uns dann ihre verfluchten Brillen auf.

Wir sollen nicht sehen was die da so treiben!

Wir sollen mit schönen Bildern gefügig gemacht werden! Blaues Meer und schneebedeckte Berge, blühende Landschaften und bunte Klamotten sollen uns ruhigstellen. Und über viele Jahre ist das den Regierenden ja auch gut gelungen.

Ja, das hört sich abenteuerlich an. Ist aber wahr. So wahr ich hier stehe!

Die Brille ist die Geißel der Menschheit! Erfunden von Leuten, die uns ihre Sicht der Dinge aufdrängen wollen. Durch den speziellen Schliff der Brillengläser wird unser Blickfeld eingeschränkt. 

Sie nennen die Brille auch „Sehhilfe“. Sie wollen uns „helfen“ alles so zu sehen, wie sie es wollen. Damit wir ruhig bleiben, uns nicht wehren! Damit sie in Ruhe schalten und walten können. Skrupellos beginnen sie mit ihrer Indoktrination schon bei den Kleinsten. Manchen Kindern wird sogar manchmal ein Auge zugeklebt. Sie sollen sich von klein auf daran gewöhnen, nur einen Bruchteil der Wahrheit zu erkennen. „Mit dem Zweiten sieht man besser“ ist in diesem Zusammenhang einfach nur ein offen zur Schau getragener Zynismus. Und wir merken es nicht einmal!

Leute, macht die Augen auf! Das kann so nicht weiter gehen. 

Jeder der eine Brille trägt lässt sich verarschen. Oder noch schlimmer: er ist ein regierungstreuer Spitzel. Mit seiner Brille auf der Nase erschleicht er sich das Vertrauen seiner Nachbarn und Kollegen. Er tut so, als ob er „fehlsichtig“ sei, ist aber in Wirklichkeit ein Angehöriger derjenigen, die uns kontrollieren wollen. Oder er ist Optiker! Das sind die schlimmsten Speichellecker der Brillenkonspiration. Im Regierungsauftrag verdienen sie sich eine goldene Nase. Klar, dass die dieses dreckige Spiel nicht beenden wollen. 

Vertraut niemandem mehr, ich bitte euch. Nicht einmal denjenigen, die keine Brille tragen. Manche von ihnen tragen nämlich Kontaktlinsen. Kontaktlinsenträger sind die schlimmsten! Sie lassen euch glauben, sie seien ebenso klarsichtig wir ihr. Kontaktlinsenträger sind ganz miese Betrüger.

Wenn wir Brillenlosen wieder in der Überzahl sind, dann werden die Kontaktlinsenträger die ersten sein, die zur Verantwortung gezogen werden.

Deshalb mein Aufruf an alle:

Entbrillt Euch! 

Freier Blick für freie Bürger!

Reißt euch die rosarote Brille von der Nase und seht der Wahrheit ins Gesicht: nur Loser tragen Brille. Die Mutigen kommen ohne die sogenannte Sehhilfe aus. Den Kampf gegen die Brillenverordnung werden nicht alle überleben, so viel muss euch klar sein. 

Das fahren nach Gehör, das ausschließliche Lesen von groß gedruckten Schlagzeilen der Zeitung mit dem roten Logo birgt Gefahren.  Einige werden stolpern, fallen, auf der Strecke bleiben. Aber wir Unbebrillten haben nun mal den einzig wahren Blickwinkel! Wir hören die Stimmen im Nebel und folgen den Schemen im Dunst. 

Wir sehen nur noch, was wir sehen wollen, wir vertrauen nur noch auf die eigene Sehkraft.

Lasst euch nicht mehr vorschreiben, wohin ihr schauen wollt!

Entwaffnet die Optiker, zerschmettert ihre teuflischen Maschinen.

Zertretet die Linsen der Mikroskope und zerstört die Okulare der Teleskope.

Es gibt keine Falsch- oder Fehlsichtigkeit! Schließt euch der guten Sache der Klarsichtigkeit an.

Entbrillt euch!

Text: A. Müller

Von lauten und leisen Tönen

„Nur das Sie’s wissen: ich bin eine Corona-Rebellin!“ ruft mir die Frau schon an der Ladentüre zu, und stürmt an die Kasse. Ich stehe hinter meiner Trennwand aus Plexiglas und gehe instinktiv einen Schritt zurück. Bei Leuten dieser Couleur kann der Abstand gar nicht groß genug sein. Die sind mir auch ohne Corona höchst zuwider. 

Ich kann mir nicht helfen, ich mag keine Leute, die sofort mit der Türe ins Haus fallen, die lautstark und ungefragt ihre Ansichten kundtun. 

Die Leisen sind mir lieber, die mit den Zwischentönen und dem Ungesagten. Leute, mit denen ich schweigen kann und die Stille dennoch nicht  unangenehm wird.

In meinem Job im Institut für Tulpenknickerei kann ich mir meine Gesprächspartner nur selten aussuchen. Die Kunden kommen so, wie sie eben sind: laut, leise, gut gelaunt und manchmal auch grantelnd und polternd. Gegen Feierabend nimmt die Anzahl derer, die ebenfalls einen harten Tag hatten, deutlich zu. 

Millionen von Menschen, die im Kundenkontakt stehen, kennen das: man muss sich im Job mit Leuten beschäftigen, denen man privat am liebsten einen Tritt verpassen würde. Im Laufe des Berufslebens lernt man damit umzugehen, sachlich zu sein und zu bleiben. Schließlich wollte man ja mal „was mit Menschen“ machen.  Und manchmal sind Menschen halt allzu menschlich. 

Ein Beispiel gefällig? 

So stolzierte unlängst ein junger Mann um die Dreißig kurz vor Ladenschluss herein und forderte mit großer Handbewegung nach umfassender Beratung und sofortiger Dienstleistung. Er sei bei den Schwiegereltern in spe eingeladen. Nun hinge es von meiner Leistung ab, ob er Eindruck mache oder nicht. Und das mir ja nicht einfiele, ihm altes Zeug anzudrehen. Er kenne sich aus. Er sei schließlich wer. Eine erneute wedelnde Handbewegung, eine Art nonverbales „Hopp-hopp, zack-zack!“. 

„Aha“, dachte ich mir, „der spielt das berühmte Slave-Master-Spiel.“ Solche Leute verstehe ich zwischenzeitlich als Herausforderung. Bei manchen schwanke ich zwischen Mitgefühl und angewandter Boshaftigkeit. „Gib ihm ein’s mit!“ fordert mich dann der Teufel auf meiner Schulter auf, während der Engel auf der anderen Seite beschwichtigend eingreift: „Sei nett zu ihm. Der steht schon so enorm unter Druck. Außerdem ist es dein Job, ihn ordentlich zu bedienen.“

Also zeige ich dem jungen Mann ein paar Werkstücke. Gleichzeitig nehme ich ihn in die Pflicht: nur er könne die Schwiegereltern in spe und deren Geschmack einschätzen. Er müsse schon selber entscheiden. Jetzt wird er panisch: er kenne die Leute nicht, es ist sein Antrittsbesuch dort, er brauche meinen fachlichen Rat. Aha, nun wird er authentisch und in seiner Verletzlichkeit gleich viel sympathischer. 

Nach kurzem Hin und Her entscheidet sich der Kunde und ich verpacke ihm das Werkstück. Er bezahlt mit einer goldenen Master-Visa-Express-Karte und will gehen. „Moment, bitte“ sage ich leise und schaue ihm in die Augen. „Wenn Sie jemand wirklich beeindrucken wollen, seien Sie einfach Sie selber. Dann können Sie sogar mit einem halbverwelkten Wiesenblumenstrauß an der Türe stehen, ihre Freundin wird sie vielleicht gerade deshalb lieben.“

Aufflackerndes Verstehen in den jungen Augen, mehr kann ich heute nicht für ihn tun. Ich wünsche ihm zum Abschied noch alles Gute.

Aus lauten leise Töne machen, kann manchmal ganz einfach sein. Je nach Tagesform gelingt es mal besser, mal schlechter. 

Im Verlauf dieses Jahres, in dem so Vieles anders und ungewohnt ist, gab es sehr viel mehr laute Töne. So wurde das Institut für Tulpenknickerei auch zum Ort der verbalen Frustrationsentladung. 

Menschen, die ohnehin schon immer an der Schwelle der Pöbelei agierten, ließen nun sämtliche innerliche Masken fallen und erklärten lautstark ihre Meinung. 

Mal war die Kassenschlange zu lang, mal die persönliche Beratungszeit zu kurz, mal zu wenig Auswahl im Sortiment. Der größte Anteil des Frustes war jedoch unspezifisch und lief unter „Sonstiges“. 

Polternd und pöbelnd quollen die lauten Töne aus den Mündern mancher Menschen. In ihrer Angst und Unsicherheit suchten sie sich den passenden Kotzkübel für ihren Output. 

So wie jene „Corona-Rebellin“, die ihre Meinung jedem ungefragt ins Gesicht prustete. Laute Töne, um die leisen aber sehr viel mächtigeren inneren Töne zu verdecken. 

Laute Töne nach außen, die Stärke zeigen sollen, während sich die Welt auf unverständliche Weise verändert.

Ich kann mir nicht helfen, ich mag sie einfach nicht: die Marktschreier und Krakeler, die sich wie Gorillamännchen im Angriffsmodus inszenieren. 

Mit ihrem Geschrei überdecken sie die tiefen Schichten der Dinge, sie überdecken alles, was interessant ist. Weil es ihnen Angst macht oder nicht in den Plan passt.

Nein, ich mag sie nicht. Aber ich kann sie zwischenzeitlich gut aushalten. 

Ich mag die leisen Töne, die fast unhörbaren. Deren Bedeutung jedoch nachhaltig und tief ist. 

Oder wie es meine Erbenerbin neulich ausdrückte: „Oma, ich habe gehört dass du nichts gesagt hast. Aber du hast geguckt und „Ja“ gesagt!“ 

Text: A. Müller

Moria oder das Ende des Mitgefühls

„Wenn wir jetzt Flüchtlinge aufnehmen, machen wir den gleichen Fehler wie 2015.“ sagt der österreichische Bundeskanzler Kurz und findet mit dieser Aussage zahllose Befürworter. Auch hierzulande hat er seine Fanboys. Bundeshorst, der innerlich Erloschene, Seehofer bläst ins selbe Horn.

Humanitäre Hilfe ist also ein Fehler. Lasst euch das mal eine Weile im Kopf herum gehen.

Das Verweigern von Hilfe hat international eine lange Tradition. Als in den 1930er Jahren viele Menschen erkannt haben, wohin die geistige Reise in Deutschland geht und sie sich mit Sack und Pack aufmachten, per Schiff übers Meer zu flüchten, wurde ihnen ebenso die Aufnahme verweigert. Die Schiffe durften nicht anlegen, sie mussten umdrehen, die Menschen wurden zurück geschickt. Was aus ihnen wurde, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen. 

Statt wirklich aus den entsetzlichen Fehlern der jüngeren Vergangenheit zu lernen, wird immer und immer wieder noch eine Schippe draufgelegt. Sowohl die Politik als auch die gesamte Gesellschaft haben sich ihres nur noch in Fragmenten vorkommenden Mitgefühls entledigt. 

„Wir können doch nicht alle retten!“ wird gesagt. Was jedoch gemeint ist: „Wir wollen doch nicht jeden retten!“

Wäre die Menge der Flüchtenden eine finanzstarke Gruppe, dann… ja dann könnte man ja noch mal drüber nachdenken. Aber so? Arme Leute retten? Komm schon, das bringt doch nur Arbeit und Ärger. Drum lassen wir es lieber ganz. Augen zu und durch.

Das es überhaupt so einen großen Strom an flüchtenden Menschen gibt, liegt an den hinlänglich bekannten Kriegen und den damit verbundenen schlechten Lebensbedingungen in vielen Ländern. Kriege, die unter anderem durch reiche Länder wie Deutschland finanziert werden. Mit Waffenhandel ist eben verdammt viel Kohle verdient. Wer mit Waffen dealt, darf kein Mitgefühl haben. Mitgefühl taucht in keiner Kosten-Nutzen-Rechnung auf. 

So werden Menschen von despotischen Regierungen unterdrückt, verfolgt und sogar getötet. Manche halten diesen Druck nicht aus und fliehen. Sie erwarten mehr vom Leben als Angst, Terror, Folter. Sie wünschen sich Bildung für ihre Kinder, für sich selbst eine anständige Arbeit und einen sicheren Ort zum Leben. Kann man ihnen nicht verdenken. Oder doch?

„Ja… wer weiß, wen man sich da ins Land holt. Nachher sind das noch Verbrecher. Das ist ja ne ganz andere Kultur… Ne, ne… lieber nicht.“ Die Verantwortlichen der reichen Länder bohren mit den Schuhen im Dreck und weil sie wiedergewählt werden wollen, tun sie alles um keine Haltung zeigen zu müssen.

Im Grunde zeigen sie aber schon Haltung: eine hundsmiserable nämlich! Sie halten sich und ihre Wähler für lebenswerter als die, die sie anonym in den Meeren ersaufen und in überfüllten Lagern verrecken lassen. So lange der Tod kein Gesicht hat, kann er uns ja scheißegal sein. 

Selbst wenn in der Gesellschaft noch letzte Reste von Gemeinsinn vorhanden sind, werden sie mit den dicken Stiefeln des Individualismus niedergetrampelt.

Am besten klappt das mit relativierenden Vergleichen. 

Weil bei uns viele Rentner an der Armutsgrenze leben, können wir Flüchtenden nicht helfen. 

Weil bei uns der Wohnraum langsam unbezahlbar wird, können wir Flüchtenden nicht helfen.

Weil unter der Gesamtmenge der Flüchtenden einige Kriminelle sind, können wir den anderen nicht helfen.

Drehen wir uns doch mal einen eigenen Vergleich, damit die Absurdität klarer wird:

Du hast einen Autounfall, liegst verletzt und eingeklemmt in deinem verbeulten Autowrack und hoffst auf Hilfe. Du kannst dir nicht aus eigener Kraft helfen, dir bleibt nichts anders übrig, als auf das Mitgefühl und die tatkräftige Hilfe von Passanten zu warten.

Es bleiben zwar ein paar Leute stehen, manche umkreisen das Auto, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann zucken sie die Schultern und gehen weiter. „Tja, kann man nix machen.“ hörst du sie murmeln. Shit Happens. 

Du merkst, wie das Blut langsam deine Lungen füllt und du nicht mehr atmen kannst und fragst dich verzweifelt, warum denn niemand hilft. Du hörst die Gaffer, die dir beim sterben zuschauen, reden: „Wer weiß. Der ist bestimmt selber schuld. Vielleicht hat er ja auch getrunken. Oder ist gerast. Vielleicht hat er auch mal irgendwo was geklaut… so jemanden wollen wir eh nicht in der Gesellschaft haben. Dann ist der Unfall halt sein Karma. Außerdem kostet so ein Rettungseinsatz richtig viel Geld. Was ist, wenn der Verletzte es gar nicht wert ist? Komm, wir gehen lieber weiter.“

Am Ende stirbst du, weil sich niemand verantwortlich gefühlt hat. 

Am Ende stirbst du, weil dein Leben einfach nicht wichtig genug war.

Aus diesem Grund hocken, nicht nur in Moria, Tausende von Menschen unter zerschlissenen Plastikplanen, ohne sanitäre oder medizinische Versorgung im Matsch. 

Sie sind einfach nicht wichtig genug.

Sie konnten nicht viel mehr als ihr Leben retten und erfahren nun vom reichen Teil der Welt, dass sie unerwünscht, ja unwert, sind.

Der reichte Teil der Welt hat sich nämlich schon lange sein Mitgefühl in den Arsch geschoben. 

Der reiche Teil der Welt unterstellt den Geflüchteten sogar, ihr Elendslager selbst in Brand gesteckt zu haben.

Jetzt hockst du da in so einem Lager, mit nichts mehr als deinen geplatzten Träumen und wirst dir klar darüber, wie egal du den Reichen bist. Du hast in den letzten Monaten und Jahren so viele grauenhafte Dinge erlebt, hast Kälte, Hunger, Durst und Krankheiten erduldet und bist immer noch am Leben. Du hast deine Frau und deine Kinder sterben sehen. Und langsam wirst du wütend, denn zum trauern fehlt dir die Kraft.

Du wirst so wütend, weil du dieses Elend nicht mehr ertragen kannst und du den ganzen Dreckhaufen einfach nur abfackeln möchtest.

In den Nachrichten sprechen europäische Politiker dann davon, sich von den Brandstiftern nicht erpressen zu lassen.

Mitgefühl wird durch Zynismus ersetzt.

Zynismus und geistige Niedertracht sind wieder salonfähig geworden.

Ganz im Sinne der 1930er Jahre.

Text: A. Müller

Die Kinder der drei Affen, eine Anleitung zum selber denken

In der Affenschule ist heute mal wieder richtig viel los. Die Affenkinder freuen sich über die ersten warmen Sonnenstrahlen und toben über den Schulhof. Nur Miza, Kika und Iwa sitzen still unter einem Baum und unterhalten sich leise. Die drei Freunde haben eine Gemeinsamkeit über die sie immer wieder sprechen: ihre Affeneltern sind jeweils blind, taub und stumm. Die einen können nichts sehen, die anderen nichts hören und die Dritten nicht sprechen. Es scheint sich um eine Art Erbkrankheit zu handeln, denn die Kinder kommen alle zunächst mit sämtlichen Sinnen ausgestattet zur Welt, erst später beginnen sich die Augen, die Ohren und die Münder zu verschliessen. Miza, Kika und Iwa wissen deshalb genau, was die Zukunft für sie bereit hält. 

„Warum ist das nur so?“ fragt Miza und reibt sich die Augen. Kika legt eine Hand um sein Ohr, um besser hören zu können und sagt: „Ich weiß nicht genau. Was meinst Du Iwa?“ Iwa räuspert sich, damit er besser sprechen kann und erwidert: „Irgendwo in alter Vorzeit muss die Ursache liegen. Ich habe das mal zufällig gehört, als die Alten sich unterhielten. Wir sollten herausfinden, was genau damals geschehen ist!“ 

Miza nickt zur Bestätigung und legt ihre Arme um die Freunde, „ja, lasst es uns herausfinden so lange wir es noch können.“ Die drei Affenkinder spüren, dass die Zeit knapp wird, um die Wahrheit herauszufinden. Mizas Augen beginnen schon langsam trübe zu werden, Kikas Ohren nehmen neuerdings die Feinheiten der Töne nicht mehr richtig wahr und Iwas Zunge und die Lippen wollen manche Buchstaben nicht mehr aussprechen. 

Schon früher, beim ersten Anzeichen ihrer jeweiligen Beeinträchtigung, fragten die drei Affenkinder ihre Eltern nach den Gründen für diesen seltsamen Umstand, doch die Affeneltern konnten keine befriedigende Antwort geben. Mizas Eltern sagten, sie hätten keinen Durchblick, Kikas Eltern verstanden die Frage nicht und zuckten bloss mit den Schultern und Iwas Eltern gaben ihrem Kind mit Gesten zu verstehen, nicht so viel zu fragen.

Die drei Affenkinder haben nun aber endgültig die Nase voll von Ausflüchten und Ausreden! Sie machen sich gemeinsam auf, um in alten Büchern und Schriften zu stöbern. Die drei Freunde wollen sich nicht mit dem bisschen Wissen abspeisen lassen, dass ihre Eltern haben; sie wollen die Ursache ihrer Beeinträchtigung herausfinden! 

Sie steigen die knarzende Treppe zum Dachboden der Affenschule empor, dort sollen, der Legende nach, unter einer dicken Staubschicht verborgen, viele Bücher und Schriftrollen aus alten, fernen Zeiten liegen. Die Treppe wurde schon lange nicht mehr benutzt und fleißige Spinnen haben in dieser Abgeschiedenheit ihre Netze gewebt. Tief hängen die Spinnweben von der Decke und die drei Affenkinder ziehen ihre Köpfe ein; schließlich wollen sie dieses Kunstwerke nicht mutwillig zerstören. Ganz oben, am Ende der Treppe, stehen Miza, Kika und Iwa nun vor einer verschlossenen Tür. Mutig legt Miza ihre Hand auf die Türklinke und drückt sie herunter. Widerwillig, unter Quietschen und Knarren öffnet sich die Tür zum düsteren Dachboden. Nur wenig Licht kommt durch die geschlossene Dachluke herein und die drei Affenkinder können zunächst nur die Umrisse der Gegenstände hier oben erkennen. Dann aber, als sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnt haben, erkennen Miza, Kika und Iwa die Dinge genauer: hier oben stehen Truhen und Schränke, Regale und Kisten. Alle sind zum bersten gefüllt mit Büchern, losen Blättern und gerollten Schriftstücken. 

Miza kneift die Augen zusammen und blinzelt durch den aufgewirbelten Staub.  „Also, hier müssten wir doch was finden…. oder?“ fragt sie ihre Freunde. Die beiden nicken und machen sich sogleich auf die Suche nach…. ja wonach eigentlich?

Der praktisch veranlagte Kika öffnet zuerst einmal eine Dachluke, damit Licht und Luft in den stickigen Raum strömen kann. Dann schaut er sich um und sagt: „Wir sollten uns aufteilen: Miza, Du arbeitest dich durch die Kisten in Fensternähe. Am Licht kannst du die Schriften sicherlich gut entziffern. Iwa und ich schauen in die Schränke und Truhen.“ 

Die drei Affenkinder suchen schweigend und konzentriert in den alten Schriften nach dem Ursprung ihrer Familienbehinderung. Woher kommt dieses „nicht sehen, nichts hören, nichts sprechen“? Welchen Nutzen soll es denn haben, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu sagen?

Die Affenkinder haben das schon sehr oft ihre Eltern gefragt. Mizas Vater sagte seiner Tochter einmal ganz im Vertrauen, er sei froh, nicht mehr das Unheil der Welt sehen zu müssen. Es sei ihm da schon lieber, überhaupt nichts mehr zu sehen. Kikas Mutter, erklärte ihrem Sohn, er würde noch einmal dankbar sein, den Lärm und den Streit der Welt nicht mehr hören zu müssen, da sei es wirklich besser, gar nichts mehr zu hören. Und Iwas Opa meinte, es gäbe ohnehin schon zu viel Schwätzer auf der Welt. Da sei es gut, wenn einige Affen gar nicht mehr sprächen.

Wenn sich die Affenkinder mit ihren Eltern und Großeltern über die bevorstehende Beeinträchtigung unterhalten, gewinnen sie immer mehr den Eindruck, als wäre eine Last von den Schultern der Alten genommen. So, als wären sie froh, nichts mehr sehen zu müssen, nichts mehr hören zu müssen und nichts mehr sagen zu müssen. Fast scheint es so, als hätten die Ahnen zu einem bestimmten Zeitpunkt BESCHLOSSEN, fortan nichts mehr zu sehen, zu hören und zu sagen. Das wäre ja wirklich unglaublich, oder?

„Ich will nicht so ignorant werden!“ ruft Iwa zwischen zwei Schriftrollen und Kika nickt bestätigend. „Die Alten sind nur bequem. Wir aber nicht! Wir gehen den Dingen auf den Grund und beugen uns nicht einfach so einer seltsamen Tradition! Jawoll!“ 

„Leute, kommt mal her!“ ruft Miza nach einer guten Weile plötzlich aufgeregt, „ich glaube, ich habe da was gefunden!“ Sie hält eine Schriftrolle in der Hand, die sie jetzt vor den Freunden ausrollt. Iwa stellt eine Kiste auf die oberen Ecken der Rolle, damit die sich nicht wieder zusammen zieht und die Freunde besser lesen können.

Die Affenkinder lesen mit wachsendem Erstaunen in der alten Schrift. „Der Autor des Textes ist ein gewisser Konfuzius,“ sagt Kika, „er war wohl ein ziemlich schlauer Denker und hat viel geschrieben. Ich habe vorhin beim stöbern in der Kiste schon ein paar seiner Schriften gefunden.“ 

„Les doch mal vor, was da steht. Meine Augen tränen vom Staub hier oben so sehr. Ich kann kaum noch was sehen.“ bittet Miza den Freund und der beginnt vorzulesen:

„Was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf schaue nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht.“

Die drei Affenkinder starren auf das eben gelesene und schweigen. Was will dieser Konfuzius damit sagen? Ratlos schauen sie sich eine Weile an.

„Soll das heißen, die Alten schauen weg, hören nicht hin und sagen nichts, weil manche Dinge nicht schön sind?“ fragt schliesslich Miza verwundert. „Aber das kann doch nicht der richtige Weg sein, um die unschönen Dinge zu verändern und zu verbessern.“ Kika versucht eine Antwort zu formulieren: „Ich glaube, im Laufe der Zeit wurde Herr Konfuzius missverstanden, anders kann ich mir das nicht erklären. Ich glaube, er wollte mit seinen Worten nicht sagen, dass sich die Affen vor allen unschönen Dingen verschliessen sollen. Er wollte vermutlich sagen, dass es nicht jedes Mal sinnvoll ist, diesen Dinge zu große Beachtung zu schenken.“ „Ja, vielleicht muss man im Laufe der Zeit erst herausfinden, wann man schauen soll, wann man zuhören muss und was man sagen soll und weil das ziemlich anstrengend ist, lassen es eben manche Affen gänzlich bleiben.“ pflichtet Iwa ihm bei. 

„Aber das heißt dann auch, unsere Blindheit, unsere Taubheit und unsere Stummheit ist gar keine Behinderung, sondern ursprünglich eine Entscheidung. Nur, dass irgendwann einmal keiner mehr darüber nachgedacht hat und die Umstände als gegeben hingenommen wurden.“ bringt Miza den Gedanken zu Ende.

Die drei Affenkinder sitzen inmitten des staubigen Dachbodens und langsam wird ihnen die Tragweite dieser Gedanken bewusst. Wenn sie wollen, können sie sehend, hörend und sprechend bleiben; sie müssen nur die Kunst erlernen im richtigen Moment die Augen, Ohren und den Mund zu öffnen.

Nun haben die drei Freunde zwar den Ursprung ihrer „Familienerbkrankheit“ herausgefunden, aber so ganz ist ihnen noch nicht klar, was sie jetzt damit anfangen sollen. 

Miza fragt sich im Stillen, ob es nicht doch besser ist, nichts zu sehen. Es gibt schliesslich an jeder Ecke unschönes zu betrachten. 

Kika denkt über die Vorteile nach, wenn sie nichts mehr hören kann. Es gibt schliesslich so viele Misstöne zu hören.

Iwa überlegt, ob es nicht besser ist, schweigend durchs Leben zu gehen. Es wird schliesslich schon genug Unsinn geredet.

Die drei Affenkinder wägen alle Möglichkeiten ab: 

Miza liebt das Lichterspiel im sonnendurchfluteten Wald und möchte dies auch gerne weiterhin geniessen können.

Kika will auch in Zukunft die Rufe und Neckereien seiner Freunde hören.

Iwa möchte auch als erwachsener Affe am Abend seiner Familie seine Gedanken mitteilen und seine erfundenen Geschichten erzählen können.

Die jungen Affen beschliessen daher hier oben auf dem Dachboden einen Pakt: sie wollen den Leitsatz des Konfuzius beim Wort nehmen. Sie wollen die Kunst erlernen, wie man es schafft, die Augen, Ohren und Münder nicht ganz zu verschließen, das Schlechte nicht vollkommen auszublenden, sondern das Gute schneller zu erkennen und höher zu bewerten. Denn, das ahnen unsere drei Affenkinder: das Schlechte benötigen wir, um das Gute überhaupt sehen zu können. Im Guten dagegen ist die Kraft verborgen, die uns allen den Antrieb gibt. 

Miza rollt bedächtig die Schriftrolle zusammen und die drei Freunde machen sich zurück auf den Weg in den Schulhof. Dort setzen sie sich wieder unter ihren Baum und planen die nächsten Schritte. „wir müssen unbedingt unseren Eltern davon erzählen!“ sagt Kika. „Sie müssen Kenntnis davon bekommen, dass sie auch an allem teilhaben dürfen und können. Niemand braucht stumm zu bleiben, es sei denn er hat gerade nichts zu sagen. Niemand muss blind für die Schönheit der Welt sein und keiner muss den Schwätzern zuhören, aber er darf dennoch die Vögel zwitschern hören.“

Iwa spürt schon, wie sich seine Zunge löst. Es ist befreiend und beklemmend zugleich. Er wird in Zukunft sehr darauf achten, was er sagt und wann er lieber schweigen soll.

Jetzt hat er den Drang etwas zu sagen: „Ich finde ja, dieser Konfuzius hat uns Affen ja eine ziemlich schwere Aufgabe gestellt. Wir sollen selbst heraus finden, was gut und was schlecht ist. Wir sollen unsere Regeln stets aufs Neue überdenken und weiter entwickeln. Und, wenn man den letzten Teil seines Satzes genau überdenkt, sollen wir auch entsprechend dieser inneren Regeln leben. Puuh, Leute, ich sag euch, das wird anstrengend.“

Miza lacht und sagt: „Das haben unsere Ahnen wahrscheinlich auch so gesehen und haben sich deshalb für den bequemen Weg entschieden. Aber wir sind jung und voller Energie!“

Kika klopft sich die verbliebenen Staubreste von den Beinen und meint: „Es ist zwar anstrengend, aber ich glaube es ist auch viel bereichernder, als nur in der Ausschliesslichkeit zu leben. Wir haben den Luxus der Wahl, ist das euch eigentlich klar? Wir können entscheiden, worüber wir sprechen wollen, was wir sehen wollen und was wir hören wollen. Unsere Ahnen hatten keine Ahnung, dass sie das können.“

Und so machen sich unsere drei Affenkinder auf zu ihren Familien, damit auch dort bald wieder gesehen, gehört und gesprochen werden kann. Ein wenig Angst haben die Drei ja schon, aber die gehört eben auch zum Leben. So wie allen guten und schlechten Sachen.

Text: A. Müller

Zeichnung: A. Klukas http://www.anja-klukas.de