Ein Pfund Gehacktes und drei Liter Besinnlichkeit

In spätestens zwei Wochen ist es wieder so weit: die Zeit der Besinnlichkeit bricht an. Kerzenlicht erhellt die Fenster, würziger Duft nach Zimt und Anis strömt aus den Küchen und Chris Rea macht sich wieder auf den Heimweg. Wildtiere kommen ganz nah ans Haus heran und laben sich am dargereichten Futter. Man sieht, wie der eine oder andere Hirsch, Igel oder Hase klammheimlich ein Tränchen der Rührung verdrückt. Liebe liegt in der Luft. Für vier Wochen hält die christliche Welt den Atem an und feiert den Frieden auf Erden. 

Theoretisch. 

In Wirklichkeit leistest sich kaum jemand den Luxus der Ruhe und des sich herausnehmen aus dem alltäglichen Trott. Im Gegenteil: die Schlagzahl der Aktivitäten wird deutlich erhöht.

Auf der To Do Liste bis Weihnachten stehen unzählige Dinge: Weihnachtsplätzchen müssen gebacken werden. Mindestens zehn verschiedene Sorten, mindestens 3 Backbleche voll. Das Haus wird von oben bis unten geputzt und gewienert. Hirsch und Hase werden geschlachtet. Gänse, Enten und Karpfen zuerst gemeuchelt und dann gestopft. 

Denn nur mit voller Plautze läßt sich die Besinnlichkeit und der Friede auf Erden so richtig fühlen. In diesem Jahr gilt das ganz besonders, es ist uns ja sonst alles verboten worden. Wenn wir uns schon nicht auf diversen Weihnachtsmärkten oder -feiern die Birne zuballern dürfen, dann wenigstens daheim. Bevor uns Jens Spahn oder Angela Merkel das auch noch verbieten!

Wir? Wer ist denn wir? ICH bin doch damit gar nicht gemeint, nein, ICH mach das ganz bestimmt nicht so. ICH bin ja schließlich reflektiert. Gemeint sind sicher die Kalupkes, die Maier-Müller-Schulzes, die ANDEREN auf jeden Fall. 

Egal, wer nun „Wir“ sind und wer sich nicht dazu zählen mag, es geht weiter im Text:

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten. Bevor wir es uns zuhause aber so richtig gemütlich machen können, müssen wir erst noch die Supermärkte und das Internet leerkaufen. Kiloweise Mehl und Zucker für die Plätzchen, zehn Packungen Nudeln als Beilage für den Festbraten, die doppelte Ration Milch, Eier und Butter, damit wir zwischen den Feiertagen nicht verhungern und weil das Zeug ja am Ende wieder am verlängerten Rücken rauskommt, brauchen wir natürlich jede Menge Klopapier. Der Renner in diesem Jahr ist das mit Hirschen und Rentieren bedruckte. So können uns die Viecher gleich doppelt am Arsch lecken.

Für den Snack zwischendurch dann noch ein Kilo Gehacktes. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Wir kaufen Geschenke für Leute, die wir eigentlich gar nicht beschenken wollen, kaufen Dinge, für die wir das Jahr über niemals Geld ausgeben würden. Golden glänzende Weihnachtsmänner mit glitzernden Bärten finden eine neue Heimat auf Fenstersimsen und Sideboards. Dazu gesellt sich ein Tannenbäumchen aus Holz, ebenfalls mit Goldlack überzogen. Noch zwei, drei Duftkerzen „Winterwonderland“ im Raum verteilt und schon sind wir in einer total besinnlichen Stimmung. 

Klar, nun stinkt es gewaltig in der Bude. Aber es stinkt wenigstens besinnlich. Hach, wie schön ham’mers uns wieder gemacht. Ganz automatisch öffnet sich der Mund und saugt ein, zwei, fünf doppelstöckige Marzipan-Marmelade-Plätzchen ein. Kaum verschlungen, spülen wir mit dem guten 1,99 Euro Glühwein nach. Bauch voll, Birne voll. alles gut. Und so besinnlich!

In den Fresspausen schauen wir immer wieder auf einen Sprung in den sozialen Medien vorbei. Wir klicken uns durch diverse Foren und überfliegen die Überschriften mancher Artikel. Wir denken nicht im Traum daran, diese Artikel zu lesen. Nein, wir füllen justament die Kommentarspalten mit unserer Meinung. Da ist dann nichts mehr von der so viel gepriesenen Besinnlichkeit, vom Friede auf Erden zu spüren. 

Je mehr wir uns mit dem Billigglühwein abgefüllt haben, desto unnachgiebiger werden wir in unserer Argumentation. Jawollja! Wir sind ja keine Nazi-Rassisten-Coronaleugner, aber mach doch mal die Augen auf und denk nach! Die Quellen für unsere Behauptungen lassen wir die Gesprächspartner selbst suchen oder verweisen auf Seiten, die den gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm in nichts nachstehen.

„Sie haben uns nun schon die Weihnachtsmärkte genommen, nun wollen sie am Mittwoch die Ermächtigungsgesetze durchsetzen!“ 

Der temporärer Verlust von schlechter Bratwurst im Freien als Argument gegen die behördlichen Anweisungen zur Bekämpfung einer Pandemie; das muss man erst mal hinkriegen. 

In den vier Wochen vor Weihnachten mäandern wir uns durch eine Reihe von Gefühlen. Mit sehnsüchtigem Herzen suchen wir nach dem Gefühl der Spannung und der Verheißung aus Kindheitstagen. Wir tun alles dafür,  es noch einmal zu spüren. Doch egal, wie viele Kerzen wir abbrennen, wie viele Liter Glühwein wir trinken und welch tollen Gerichte wir kochen: dieses Gefühl kommt nicht wieder. Weil wir keine Kinder mehr sind. Weil es Kindern auch furzegal ist, was es zu essen gibt. Das miteinander sein, das füreinander da sein ist es, was die kindliche Weihnacht und deren Faszination ausmacht.

Wir putzen das Haus, weil wir es so von unseren Eltern gelernt haben. Zu Weihnachten soll alles blitzsauber sein. Warum eigentlich? Tante Erna und Onkel Heinz kommen in diesem Jahr nicht zu Besuch. Die Kalupkes und Maier-Müller-Schulzes sowieso nicht. Die hätten wir ohnehin nicht eingeladen.

Wir sind traurig, weil die Advents- und Weihnachtszeit in diesem Jahr völlig anders verläuft und bemerken vielfach gar nicht die Chance, die sich daraus ergibt. Statt sich gegenseitig zu besuchen, kann man auch telefonieren. Je nach Verwandtschaftsgrad und der sich daraus ergebenen Sympathien ist das unter Umständen ein echter Vorteil.

Statt sich mit Kollegen (die man sowieso den ganzen Tag um sich hat) den Abend am Glühweinstand des örtlichen Weihnachtsmarktes zu vertreiben und am nächsten Morgen mit tonnenschwerem Kopf zur Arbeit zu erscheinen, kann man die Kunst des Alleinseins erlernen. Nicht jede Minute des Tages muss mit Aktivität oder mit Gespräch gefüllt werden. Manchmal ist die Stille um ein vielfaches wertvoller.

In diesem Jahr haben wir alle, nicht nur die Kalupkes und Maier-Müller-Schulzes, die große Chance, Weihnachten und den Grundgedanken dahinter verstehen zu lernen.

Vier Wochen, um zu kapieren, das es nicht der Konsum ist, der uns eine schöne Weihnachtszeit bereitet. Vier Wochen, um den Wortsinn von Advent zu begreifen. 

Es wäre doch schön, wenn innerhalb dieser vier Wochen beim einen oder anderen die Erkenntnis ankommt, was uns als Gesellschaft und Gemeinschaft ausmacht.

Das wir ohne gegenseitigen Respekt, ohne gegenseitige Hilfe und Freundlichkeit nicht leben können. Es braucht einfach mehr als drei Liter Besinnlichkeit zur Weihnachtszeit.

Text: A. Müller

Ein Gedanke zu “Ein Pfund Gehacktes und drei Liter Besinnlichkeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s