Der Juckreiz

Dieses Jucken bringt Schröder noch um. Seit Monaten lässt es ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Tag und Nacht dieses lästige Jucken. Es ist zum aus der Haut fahren. Er wacht mit dem Jucken auf und schläft mit dem Jucken ein. Sogar in seinen Träume wird Schröder vom Jucken verfolgt.

Schröder hat keine Idee, wie er sich Linderung verschaffen könnte. Ein einfaches Jucken wie etwa von einem Mückenstich kann durch eine kühlende Salbe oder durch das Auflegen von Zwiebelringen gebessert werden. Schröder könnte auch einfach an der juckenden Stelle kratzen, wenn er nur an sie heran käme. Er kommt aber nicht dran, egal wie sehr er sich verrenkt.

Es ist sein Gehirn, das so sehr juckt. Schröder fragt sich, ob es überhaupt Salben für’s Gehirn gibt und sogleich wird das Jucken stärker. Schröder geht in die Küche und schaut nach seinem Zwiebelvorrat. Nur für alle Fälle. Wenn er es gar nicht mehr aushält.

Schröder überlegt, wann er dieses Jucken zum ersten Mal bemerkt hat. Es muss vor ein paar Jahren gewesen sein, so viel steht für ihn fest. Vage kann er sich sogar daran erinnern, in seiner Kindheit ab und zu ein Kribbeln im Kopf gespürt zu haben. Schröder reibt sich die Schläfen und zwingt sich, trotz des lästigen Juckens schärfer nachzudenken. 

Schröder konzentriert sich, schließt die Augen, lässt Bilder aus Kindheit und Jugend vor seinem inneren Auge erscheinen.

Er sieht sich selbst im Klassenzimmer sitzend über Bücher gebeugt, vorn an der Tafel steht Lehrer Schulz. Herr Schulz faltet gerade mal wieder einen Mitschüler von Schröder zusammen. Das macht er gerne, der Lehrer Schulz.Er ist nämlich einer von der Sorte, die sich über Schüler lustig machen. In Schröders Kopf kribbelt die Erinnerung wie ein ganzer Ameisenhaufen. „Schalte doch mal dein Gehirn ein!“ fordert Schulz den Schüler auf. „Das Gehirn wird nicht von ungefähr auch Denkmuskel genannt. Es braucht Training, damit auch so trübe Tassen wie du durchs Leben kommen! Du kannst natürlich auch darauf vertrauen, dass andere Menschen für dich denken. Dann bleibst du halt blöd. Du allein wählst den Weg, den du gehen willst. Gehst du über platt gefahrene Denkstrassen und -wege oder gehst du auch mal über Stock und Stein durch unwegsames Gelände? Gibst du deinem Denkmuskel Nahrung oder lässt du ihn verhungern? Trübe Tasse oder heller Kopf? Es ist deine Entscheidung.“

Der Mitschüler zieht den Kopf ein, er hofft auf ein baldiges Ende von Lehrer Schulzes Tiraden. Die anderen Schüler in der Klasse sind ganz still. Keiner will die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch Schröder tut so, als ob er nichts bemerkte. Im Stillen nimmt er sich vor, seinen Denkmuskel stets zu trainieren, er will auf keinen Fall ein Opfer von Schulzes Aufmerksamkeit werden. Obwohl: müsste er nicht seinem Mitschüler zur Seite stehen und Lehrer Schulz sagen, wie unerträglich sein Handeln ist? Schröder schämt sich in der Erinnerung und er schämt sich im Jetzt. Er hat nichts gegen die Ungerechtigkeit des Lehrers getan. Er hat geschwiegen. Und es juckt wie der Teufel!

Schröder bemerkt, wie durch die Erinnerung an diese Szene aus der Schulzeit das Kribbeln und Jucken im Kopf stärker wird, sich im Hinterkopf festsetzt und ihm schier den Schädel platzen lässt. Trotz der Marter lässt er nicht locker. Er verfolgt die Spur, die ihm seine Erinnerung gelegt hat. 

Was hat er getan, damit sein Denkmuskel in Form kommt? 

Schröder zappt sich durch die Erinnerungen, wie durch das TV Programm. Er sieht sich lesend auf der Couch und in der Bibliothek. Er erinnert sich an die Bilder im Kopf, die beim Lesen entstanden. Schröder sieht sich mit Freunden durch die Natur laufen, sieht, wie er Pilze, Moose, Spinnweben und Steine betrachtet. 

Schröder sieht sich lernend am Schreibtisch, im Hörsaal der Universität und diskutierend mit Kommilitonen. Schröder beobachtet sich selbst bei Demonstrationen und politischen Versammlungen. Schröder sieht sich trinkend in einer Kneipe sitzen und wenig später kotzend im Rinnstein liegen. 

Schröder grinst; diese Aktionen sind vermutlich weniger gut für den Denkapparat gewesen, wenn man Lehrer Schulzes Vorgaben ernst nimmt. Aber mal ganz ehrlich: wer nimmt seine Lehrer denn immer ernst?

Eben.

Genau genommen war das Trinken, Feiern und Kotzen mit dem anschließenden Mordskater auch eine Lernerfahrung. Keine Schöne, aber immerhin.

In all den Jahren seines Lebens hat Schröder Wissen und Erfahrungen gesammelt. Er hat die Vielfalt des Lernens und Denkens aufgesogen wie ein trockener Schwamm das Wasser. In seinem Gehirn wurde das Wissen und die Erinnerungen analysiert, katalogisiert und in bunten Kartons in die jeweiligen Regale geräumt. So kann er ganz nach Belieben und Bedarf jederzeit ein Stückchen davon hervorholen. Total praktisch, dieses Gehirn.

Aber warum juckt es so sehr? 

„Denk’ nach!“ fordert sich Schröder selbst, „denk’ nach!“  Je mehr er denkt, desto stärker wird das Jucken. Es kribbelt und bitzelt  gefährlich. Schröder befürchtet einen baldigen Kabelbrand in seinem Gehirn wenn das so weitergeht 

Das Jucken in seinem Gehirn hat mittlerweile ein enormes Ausmaß erreicht, an Linderung durch Zwiebelringe ist nun mehr zu denken. Nicht einmal im Ansatz ist dieser Gedanke Teil einer möglichen Lösung. 

Überhaupt: vielleicht ist es das Denken an sich, dass den Juckreiz verursacht. Oder vielmehr das Unvermögen, nicht nichts denken zu können?

Was ist, wenn Schröders Gehirn durch das stetige Denken und Sammeln von Wissen einfach eine Art Unverträglichkeit entwickelt hat?

„Man müsste halt herausfinden, welche Gedanken genau den Juckreiz verursachen“, überlegt Schröder. 

Schröder wagt den Selbstversuch: in den kommenden Wochen will er ein Denkmuskeljuckreiztagebuch führen. Er wird genauestens notieren, zu welcher Tageszeit das Jucken stärker wird und was er gerade dabei gedacht hat.

Nach einigen Wochen, die salopp gesagt etwas kitzelig waren, analysiert Schröder seine Aufzeichnungen.

Morgens, kurz nach dem Aufstehen, wenn sein Gehirn noch einigermaßen ausgeruht von der Nacht ist, ist das Kribbeln im Kopf erträglich. In dem Moment zwischen Erwachen und Einsetzen des Bewusstseins spürt Schröder so gut wie nichts vom Jucken.

Unter der Dusche hält sich der Kopf auch noch ziemlich zurück, aber spätestens wenn Schröder auf sein Handy blickt geht das Jucken los:

Während er die Nachrichten überfliegt verstärkt sich der Juckreiz zunehmend. Schröder bemerkt, wie das Jucken nahezu unerträglich wird, sobald er in den sozialen Medien die verschiedenen Meldungen und Beiträge liest.

Am Schlimmsten wird das Jucken, wenn jemand ungerecht behandelt wird und Schröder nichts dagegen unternimmt. Wenn er schweigt, wie damals in der Schule.

Schaut er sich dann Katzenbilder an, wird es leicht besser. 

Katzenbilder statt Zwiebelringe als Therapie gegen das lästige Jucken? Schröder ist doch eigentlich mehr ein Hundetyp. 

Und schon denkt er wieder. Dass das Jucken sogleich unerträglich zu werden scheint, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden.

Schröder packt die Angst. Dreht er nun durch, ist er ein Fall für den Psychiater? Wenn er dem von seinem Juckreiz und den Katzenblidern erzählt, der steckt ihn doch sofort in die Geschlossene!

„Ich muss aufhören zu denken! Nur das kann mich retten.“ Schröder fleht sein Gehirn an, endlich einmal Pause zu machen. 

Kurz denkt er darüber nach, wie es wäre den lästigen Denkmuskel mit Alkohol zu betäuben, läßt den Gedanken aber schnell wieder fallen. Es wären beträchtliche Mengen Alkohol nötig, um Schröders Gehirn zum Schweigen zu bringen.

Außerdem kotzt Schröder nicht so gern.

Es muss doch eine andere Option geben, eine Therapie, die das Gehirn vom Juckreiz befreit. 

Als erste Maßnahme verordnet sich Schröder in einem weiteren Selbstversuch die Abstinenz von den sozialen Medien. Stattdessen geht er in die Bibliothek und leiht sich ein paar Bücher aus. Beim Lesen kann Schröder in andere und neue Welten eintauchen und sein gemartertes Hirn mit sanften Gedanken beruhigen.

Der zweite Teil der Therapie besteht darin, jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang in der Natur zu machen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Einfach so in den Wald zu gehen, den Geräuschen dort zu lauschen und dabei vergessen zu denken.

Der dritte Teil der Schröderschen Verordnung lautet so: pass genau auf, wann das Jucken einsetzt und habe immer ein paar Katzenbilder zur Hand. 

Besser noch: geh’ ins Tierheim und freunde dich mit einem realen Tier an. Lass seine unvoreingenommene Liebe auf dein Gehirn wirken, wie eine beruhigende Salbe.

Schröder hat eine gewisse Hoffnung, dieser Teil der Therapie könnte sogar prophylaktische Wirkung haben.

Der vierte und wichtigste Teil der Therapie ist zugleich der schwierigste:

Schröder nimmt sich vor, Ungerechtigkeiten zu bemerken und beim Namen zu nennen. Niemand soll über andere dumme Witze machen dürfen, niemand soll andere verunglimpfen. Leute wie Lehrer Schulz müssen in ihre Schranken gewiesen werden. 

Schröder hat dem lästigen Jucken in seinem Kopf den Kampf angesagt. Schließlich sagte schon  vor vielen Jahren der berühmte Philosoph René Descartes „Ich denke, also bin ich.“

Und Schröder möchte auf gar keinen Fall mit dem Satz „Ich denke, also juckt es“ die Schlauheit des Philosophen herabsetzen.

Text: A. Müller

2 Gedanken zu “Der Juckreiz

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